In der Schweiz gab es in den vergangenen 20 Jahren einige Fälle von Whistleblowing. Dabei wurde deutlich, dass Whistleblower in der Schweiz gesetzlich wenig vor negativen Konsequenzen geschützt sind. Deshalb verlangte bereits 2003 eine Motion die Ausarbeitung eines Gesetzes. Nach einem langwierigen und komplexen Prozess lehnte der Nationalrat jedoch 2020 die daraus entstandene Vorlage zum zweiten Mal ab, mit der Begründung das Gesetz sei unverständlich formuliert.
Diese Arbeit beschäftigt sich mit dem Vorwurf der Unverständlichkeit des Whistleblowing-Gesetzes. Sie untersucht den Ausarbeitungsprozess des Gesetzes und die Verständlichkeit der verschiedenen deutschsprachigen Entwürfe. Es wird aufgezeigt, welche Ideen und Debatten zu diesen Versionen geführt haben, welche Verständlichkeitshindernisse auftraten, wie versucht wurde, die Verständlichkeit zu verbessern, und wie die Verständlichkeit der Entwürfe zu beurteilen ist. Die zentrale Frage lautet: Wie verständlich ist das Whistleblowing-Gesetz aus linguistischer Perspektive? Zur Bestimmung der Verständlichkeit wird auf die Erkenntnisse der linguistischen Verstehens- und Verständlichkeitsforschung zurückgegriffen. Die Verstehensforschung versuchte den Prozess des Verstehens theoretisch zu modellieren und die Verständlichkeitsforschung beschäftigt sich schon seit dem frühen 20. Jahrhundert mit der Verständlichkeit von Texten. Sie erarbeitete verschiedene Verständlichkeitsdimensionen und leitete daraus konkrete Verständlichkeitsmerkmale ab, die es ermöglichen sollen, die Verständlichkeit eines Textes zu bewerten und zu optimieren. Die meisten dieser Verständlichkeitsmerkmale wurde auch empirisch überprüft und bestätigt. In dieser Arbeit soll in einem ersten Schritt definiert werden, was mit den Begriffen Verstehen, Verständlichkeit und Verständnis sowie unverständlich, missverständlich und schwerverständlich gemeint ist. Es wird ein Überblick über die Verstehens- und Verständlichkeitsforschung gegeben, danach sollen die Verständlichkeitsmerkmale auf Gesetzestexte bezogen werden.
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
1.1 Thema
1.2 Fragestellung
1.3 Forschungsstand
1.4 Methodisches Vorgehen
1.5 Aufbau
2. VERSTEHEN UND VERSTÄNDLICHKEIT
2.1 Begriffsdefinition
2.2 Verstehen
2.2.1 Grundlagen aus Linguistik und Psychologie
2.2.2 Textverarbeitungsmodelle
2.2.2.1 Propositionale Textverarbeitungsmodelle
2.2.2.2 Prozessmodelle der Textverarbeitung
2.2.2.3 Schematheoretische Ansätze der Textverarbeitung
2.2.3 Mentale Modelle
2.2.4 Heutige Forschungsmeinung
2.2.5 Empirische Befunde
2.2.6 Zusammenfassende Wertung der Modelle
2.3 Verständlichkeit
2.3.1 Lesbarkeitsforschung
2.3.2 Verständlichkeitsmodelle
2.3.2.1 Das Hamburger Verständlichkeitsmodell
2.3.2.2 Das Textverständlichkeitsmodell von Groeben
2.3.2.3 Karlsruher Verständlichkeitsmodell
2.3.3 Empirische Befunde
2.3.4 Zusammenfassende Wertung der Modelle
2.4 Zwischenfazit
3. DIE VERSTÄNDLICHKEIT IM RECHT
3.1 Textsorte Gesetz
3.2 Verständlichkeit von Gesetzen
3.2.1 Schwerverständlichkeit
3.2.2 Anspruch der Verständlichkeit
3.2.2.1 Pro-Argumente
3.2.2.2 Kontra-Argumente
3.2.3 Verständlichkeit im Gesetzgebungsverfahren der Schweiz
3.3 Verständlichkeitsmerkmale in Bezug auf Gesetzestexte
3.3.1 Linguistische Perspektive
3.3.2 Praktische Perspektive
3.4 Zwischenfazit
4. DAS SCHWEIZER WHISTLEBLOWING-GESETZ
4.1 Begriffsdefinition „Whistleblower“
4.2 Aktuelle gesetzliche Lage
4.3 Ziel des Whistleblowing-Gesetzes
4.4 Zeitstrahl zum Whistleblowing-Gesetz
4.5 Zwischenfazit
5. DIE VERSTÄNDLICHKEIT DES WHISTLEBLOWING-GESETZES
5.1 Der Vorentwurf
5.1.1 Inhalt
5.1.2 Debatte über den Inhalt
5.1.3 Debatte über die Verständlichkeit
5.1.4 Analyse der Verständlichkeit
5.1.5 Zwischenfazit
5.2 Der Entwurf 2013
5.2.1 Änderungen am Inhalt
5.2.2 Änderungen in Bezug auf die Verständlichkeit
5.2.3 Grundlegende Schwierigkeiten beim Formulieren des Gesetzes
5.2.3.1 Struktur
5.2.3.2 Präzision
5.2.3.3 Perspektive
5.2.4 Analyse der Verständlichkeit
5.2.4.1 Prägnanz
5.2.4.2 Struktur
5.2.4.3 Simplizität
5.2.4.4 Normaussagen
5.2.4.5 Zwischenfazit
5.2.5 Debatte über den Inhalt
5.2.6 Debatte über die Verständlichkeit
5.2.7 Zwischenfazit
5.3 Der Entwurf 2018
5.3.1 Änderungen am Inhalt
5.3.2 Änderungen in Bezug auf die Verständlichkeit
5.3.3 Grundlegende Schwierigkeiten beim Formulieren des Gesetzes
5.3.4 Analyse der Verständlichkeit
5.3.4.1 Prägnanz
5.3.4.2 Struktur
5.3.4.3 Simplizität
5.3.4.4. Normaussagen
5.3.4.5 Zwischenfazit
5.3.5 Debatte über den Inhalt
5.3.6 Debatte über die Verständlichkeit
5.3.7 Zwischenfazit
6. DISKUSSION DER ERGEBNISSE
7. SCHLUSSFOLGERUNGEN
7.1 Fazit
7.2 Ausblick
Zielsetzung & Themen
Diese Masterarbeit untersucht die sprachliche Verständlichkeit der Entwürfe zum Schweizer Whistleblowing-Gesetz. Das Ziel ist es, aus linguistischer Perspektive zu analysieren, warum die Gesetzesvorlagen im parlamentarischen Prozess aufgrund von Vorwürfen der Unverständlichkeit mehrfach abgelehnt wurden und wie sich der Ausarbeitungsprozess auf die Verständlichkeit auswirkte.
- Linguistische Grundlagen des Verstehens und der Textverständlichkeit
- Verständlichkeitsanforderungen an Rechtstexte im schweizerischen Gesetzgebungsverfahren
- Analyse und Vergleich der verschiedenen Entwurfsfassungen des Whistleblowing-Gesetzes
- Evaluation des Einflusses von inhaltlichen Präzisierungen auf die sprachliche Qualität
- Diskussion über das Spannungsfeld zwischen gesetzlicher Präzision und Allgemeinverständlichkeit
Auszug aus dem Buch
2.1 Begriffsdefinition
Verstehen ist eine Relation. Ein Rezipient versteht eine Mitteilung, das heisst von Verstehen kann nur in Bezug auf eine bestimmte Person in Bezug auf eine bestimmte Mitteilung gesprochen werden (vgl. Nussbaumer 1995a: 91). Eine Mitteilung zu verstehen bedeutet, eine mentale Repräsentation, die die Sachverhalte der betreffenden Mitteilung darstellt, aufbauen zu können (vgl. Hörmann 1979: 20). Der Rezipient sollte dann auch in der Lage sein, diese Repräsentation auf eine reale Situation in der Welt zu beziehen und sein eigenes bestehendes Wissen mit den aufgenommenen Informationen zu verknüpfen. Zudem sollen die Relevanz und der Zweck der Mitteilung erkannt werden können (vgl. Lötscher 2016: 3). Dabei gibt es nicht nur Verstehen oder Nichtverstehen, sondern es gibt verschiedene Tiefen des Verstehens. Es kann auch nur eine vage Vorstellung des Inhalts entstehen oder man kann nur eine ungenaue Vorstellung der Implikationen haben (vgl. Lötscher 2016: 8).
Verständnis ist das rezipientenseitige Produkt des Verstehens (vgl. Ballstaedt 2019: 98). Die Verständlichkeit ihrerseits sagt aus, ob und mit wie viel kognitivem Verarbeitungsaufwand der Rezipient zum Verständnis gelangen kann. Etwas gilt als verständlich, wenn es dem Rezipienten möglich ist, es kognitiv zu verarbeiten und den Sinn zu entnehmen (vgl. Sauer 1995: 164). Wenn etwas unverständlich ist, führt der Verstehensprozess zu gar keinem Ergebnis. Ist etwas missverständlich, ist das Resultat des Verstehensprozesses eine andere Information, als die, die der Verfasser übermitteln wollte (vgl. Kercher 2011: 56). Schwerverständlich bedeutet hingegen, dass das Verstehen durch den Rezipienten möglich ist, aber erhöhte kognitive Ressourcen verbraucht. Das kann wiederum dazu führen, dass der Rezipient den Verstehensprozess frühzeitig abbricht, was Nichtverstehen oder Missverstehen bedingen kann. Die Schwerverständlichkeit kann aus der Komplexität des Sachverhalts oder aus der Formulierung entstehen (vgl. Ballstaedt 2019: 82).
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Einführung in die Problematik des fehlenden Whistleblowing-Gesetzes in der Schweiz und Erläuterung der linguistischen Fragestellung.
2. VERSTEHEN UND VERSTÄNDLICHKEIT: Darstellung theoretischer Modelle zum Textverstehen sowie verschiedener Verständlichkeitsmodelle zur Optimierung von Mitteilungen.
3. DIE VERSTÄNDLICHKEIT IM RECHT: Analyse der Besonderheiten von Gesetzestexten und der praktischen Herausforderungen bei der Formulierung verständlicher Normen.
4. DAS SCHWEIZER WHISTLEBLOWING-GESETZ: Überblick über die Definition, die aktuelle Rechtslage und den historischen Verlauf des Gesetzgebungsprozesses.
5. DIE VERSTÄNDLICHKEIT DES WHISTLEBLOWING-GESETZES: Detaillierte linguistische Analyse der drei Entwurfsfassungen und der begleitenden politischen Debatten.
6. DISKUSSION DER ERGEBNISSE: Zusammenfassende Betrachtung der sprachlichen und politischen Faktoren für das Scheitern des Gesetzes.
7. SCHLUSSFOLGERUNGEN: Fazit zur Anwendbarkeit linguistischer Erkenntnisse auf die Gesetzgebung und Ausblick auf künftige Herausforderungen.
Schlüsselwörter
Whistleblowing-Gesetz, Sprachliche Verständlichkeit, Linguistik, Gesetzgebungsprozess, Rechtstexte, Textverarbeitung, Mental Repräsentation, Karlsruher Verständlichkeitsmodell, Gesetzessprache, Legislative, Präzision, Komplexität, Unregelmässigkeiten, Rechtsstaatlichkeit, Textoptimierung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, inwieweit die sprachliche Gestaltung des Schweizer Whistleblowing-Gesetzes zu dessen Ablehnung durch das Parlament beigetragen hat.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder umfassen die linguistische Verstehensforschung, die juristische Fachsprache sowie die praktische Arbeit der Gesetzgebungsredaktion.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage lautet: „Wie verständlich ist das Whistleblowing-Gesetz aus linguistischer Perspektive?“
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin kombiniert linguistische Theorie (Verständlichkeitsmodelle) mit einer inventarbasierten Analyse der Gesetzesentwürfe und vergleicht diese mit den Faustregeln der juristischen Erlassredaktion.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst die theoretischen Grundlagen des Verstehens dargelegt, gefolgt von einer Analyse der drei verschiedenen Entwurfsfassungen und der Rolle sprachlicher Kritik in den politischen Ratsdebatten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Whistleblowing-Gesetz, Textverständlichkeit, Rechtssprache, Gesetzgebungsprozess und linguistische Analyse.
Warum war der Vorentwurf für viele Akteure unbefriedigend?
Der Vorentwurf wurde zwar als grundsätzlich verständlich eingestuft, jedoch als inhaltlich zu vage und unpräzise kritisiert, was die Rechtssicherheit gefährdete.
Wie unterscheidet sich der Entwurf 2018 von seinem Vorgänger (2013)?
Der Entwurf 2018 versuchte, die syntaktische Komplexität zu reduzieren und die Struktur durch eine stärkere Orientierung am chronologischen Ablauf sowie eine Reduzierung von Unterbedingungen zu verbessern, um eine höhere Verständlichkeit zu erreichen.
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- Natascha Frey (Author), 2020, Die Verständlichkeit der Vorlage zum Whistleblowing-Gesetz und die Gründe seiner Ablehnung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1744851