Ursprung und Anwendung des Hegemoniebegriffs bei Gramsci, Laclau und Mouffe

Kontroverse bezüglich des Hegemonie-Begriffs


Studienarbeit, 2010
23 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einführung

I. Der Hegemoniebegriff im Allgemeinen
1. Die Dimensionen des Begriffs
2. Die Entdeckung des Hegemoniebegriffs
3. Der russische Ursprung des Hegemoniebegriffs

II. Der Hegemoniebegriff in den Gefängnisheften
1. Hegemonie als Instrument des Partikularismus
2. Hegemonie als Instrument der Politik
3. Hegemonie als eine Kombination von Zwang und Konsens

III. Der Hegemoniebegriff bei Laclau/Mouffe
1. Kritik der Philosophie
2. Radikalisierung des Hegemoniebegriffs
3. Der Begriff des Leeren
4. Artikulation als Operationsmethode
5. Kritik an Gramsci
6. Schluss

Literatur-Verzeichnis

Einführung

Kein marxistischer Theoretiker der Nachkriegszeit hat im Westen so ein universelles Ansehen genossen wie Antonio Gramsci. Seine theoretischen Schriften wurden nicht nur in Europa, sondern auch in den USA, Lateinamerika und Asien entdeckt, übersetzt und analysiert. Selten haben Begriffe wie Hegemonie, Zivile Gesellschaft, Historischer Block, Ideologie etc. in den politischen Diskursen so eine Verbreitung gefunden. Er wird nach Marx und Lenin als wichtigster Theoretiker des Marxismus gefeiert.[1]

In den 60ern des 20. Jahrhunderts haben sehr wenige den Wert seiner Schriften bzw. der Gefängnishefte schätzen können. Heute ist es anders: Gramscis Schriften und besonders die Gefängnishefte sind in fast alle Weltsprachen übersetzt. Heute kann jeder Gramscis Schriften ohne Vermittlung lesen und sich ein Bild davon machen. Die Diskussionen über den Inhalt und die Bedeutung seiner Schriften ist immer noch nicht beendet. Ganz im Gegenteil, seine Begriffe wie Hegemonie und Zivile Gesellschaft werden immer wieder neu interpretiert.[2]

Gramscis Theorien sind nicht nur ein Gegenstand der Politik und der Philosophie, sondern auch der Pädagogik, Literaturwissenschaften, Sozialpsychologie und sogar der Sprachwissenschaften.[3]

Im Hinblick auf den Zusammenbruch der Sowjet-Union und die neu-hegemonialen Bestrebung der USA seit dem 11. September rufen die unaufhaltsame Dynamik der Globalisierung und die politische Abstinenz in den westlichen Ländern Gramscis Begriffe wie Hegemonie, Zivilgesellschaft, Demokratie etc. verstärkt in Erinnerung.[4]

Und diese Arbeit beabsichtigt, die Dimensionen des Hegemoniebegriffs Gramscis herauszuarbeiten und sie danach mit der Laclau/Mouffeschen Interpretation zu vergleichen. Dabei werden nicht nur Schriften Gramscis und Lauclau/Mouffes herangezogen, sondern auch das Buch Perry Andersons „Antonio Gramsci, eine kritische Würdigung“ zu Hilfe genommen.

Gramsci entwickelte die Hegemonietheorie nicht nur, um die politischen Zustände in Italien zu analysieren, sondern er versuchte auch, einen Ausweg in den Jahren des aufkommenden Faschismus zu finden. Er machte sich Gedanken, wie man die neuen Zustände in den kapitalistischen Ländern begreifen und der kommunistischen Bewegung ein theoretisches Rüstzeug geben könnte. Durch seine Arbeit erweiterte er die theoretische Basis der marxistischen Theorie. Allerdings sollte diese Theorie nicht nur in der kommunistischen Bewegung, sondern auch, sogar vielmehr in den nicht-marxistischen Kreisen Widerhall finden.[5]

I. Der Hegemoniebegriff im Allgemeinen

1. Die Dimensionen des Begriffs

Neben den Begriffen wie “Zivile Gesellschaft” und “Historischer Block” ist Gramscis Hegemoniebegriff mit Abstand der am meisten diskutierte und interpretierte Begriff der Politikwissenschaften. Der Hegemoniebegriff inspirierte vor allem die Aktivisten der neuen sozialen Bewegungen, die man seit den 80ern des letzten Jahrhunderts in Europa und in Lateinamerika beobachtete.

Fast in allen Bereichen der Sozialwissenschaften ist Gramsci mit seinen Begriffen präsent. Seine Thesen zu Kunst, Kultur und zu Intellektuellen und vor allem die Hegemonietheorie hat die Sprachwissenschaften und Pädagogik, Philosophie und Politikwissenschaft, Kunst und Kulturwissenschaften, Literaturwissenschaften und schließlich die Musikwissenschaft beschäftigt. Es ist auch nicht verwunderlich, da diese Bereiche selbst Gegenstand von Gramscis Analyse sind.

Ohne etwas Negatives anzudeuten, könnte man behaupten, dass der Hegemonie-begriff - wie ein Universalschlüssel - alle Türen der Sozialwissenschaften zu öffnen vermag. Das liegt daran, weil Gramsci selbst den Begriff in allen Bereichen des Lebens als eine allgemeine Methode der Analyse und der politischen Praxis begreift und auch anwendet. Man kann sogar den Eindruck bekommen, dass dieser Begriff wie ein Lösungsmittel gehandhabt wird, das alles in seine Bestandteile auflöst. Dabei kommt ihm aber der Ideologiebegriff zu Hilfe.

In den knappen Passagen wird immer wieder deutlich, dass Gramsci den Hegemoniebegriff bei der Entstehung und der Gestaltung der Sprachen,[6] in der Pädagogik (bei der dialektischen Lehrer-Schüler-Beziehung),[7] in der Erkenntnistheorie (vom Fühlen zum Verstehen),[8] in der Politik (bei der Umwandlung vom Partikularen zum Universellen),[9] in der Philosophie (bei der aktiven Mitwirkung des Philosophen im gesellschaftlichen Leben),[10] bei dem Aufbau der revolutionären Partei (in der dialektischen Masse-Avantgarde-Beziehung),[11] in der Bildung des “geschichtlichen” Blocks (zwischen sozialen Kräften),[12] in der erzieherischen Beziehung (unter verschiedenen Generationen), in kriegerischen Auseinander-setzungen, in den nationalen und internationalen Beziehungen etc. anwendet.[13]

2. Die Entdeckung des Hegemoniebegriffs

Marx hatte die These aufgestellt, dass “eine Philosophie zu einer Kraft wird, sobald sie die Masse ergreift.” Von dieser These inspiriert, untersuchte Gramsci die Sozialgeschichte des 19. Jahrhunderts, indem er sich vor allem den Gedanken machte, wie eine Ideologie die Massen ergreifen und schließlich zu einem allgemeinen “Glauben” werden kann. Er nahm bei dieser Untersuchung den Begriff “Freiheit” als Gegenstand. Er kam zu dem Schluss, dass die Partei der Freiheit, d.h. die Liberalen, aus der „spekulativen und kontemplativen Position der Hegelschen Philosophie eine unmittelbare politische Ideologie gemacht”[14] haben. Sie haben nicht nur die Philosophie Hegels zu einer Ideologie umgewandelt, sondern sie auch zu einem “praktischen Instrument gesellschaftlicher Herrschaft und Hegemonie”[15] gemacht. Sie war schließlich ein “Mittel einer partikularen politischen und ökonomischen Position”, die dann zum Universellen erhoben wurde.

Also man kann sagen, dass eine politische Kraft ihre partikulare Position im Verlauf der Geschichte zu einer universellen Position erhebt und dabei die Ideologie als Instrument benützt. Um diese Ideologie zu einer universellen Herrschaft zu erheben, geht sie dann hegemonial vor. Hegemonie als Instrument der Herrschaft, und die Ideologie als Instrument der Hegemonie.

Seitdem die Gefängnishefte bekannt wurden, war der Hegemoniebegriff ein Gegenstand der politischen Theorie. Obwohl der Begriff mit dem Namen von Gramsci verbunden ist, hat er eine lange Tradition in der marxistischen Theorie.

Perry Anderson ging in seinem Buch “Antonio Gramsci, eine kritische Würdigung” diesem Begriff nach und hat dann die lange Tradition des Begriffs nachgezeichnet.

Anderson geht als erstes auf die Behauptung Gramscis ein, wo er behauptet, dass die Staaten des Westens und des Ostens unterschiedliche gesellschaftliche und institutionelle Charaktere haben. Das nennt Anderson ein “Ost-West-Problem”. Gramsci hatte nämlich die These aufgestellt, dass die westlichen Zivilgesellschaften im Gegensatz zu den östlichen weit entwickelter sind. Deshalb war es im Osten bzw. in Russland notwendig, dass die revolutionäre Bewegungen einen “Bewegungskrieg” führten. Die Beziehungen der “politischen” und der “zivilen” Gesellschaft im Osten sind nicht so eng verflochten wie im Westen. Dadurch kann die revolutionäre Partei des Ostens in der Zivilen Gesellschaft keine starke Basis aufbauen, weil (den Krieg als Metapher benützend) die Nachschubwege und die Nachversorgung, die man bei einem “Stellungskrieg” benötigt, nicht so gut ausgebaut sind. Außerdem hat der Staat im Osten keinen großen Rückhalt in der Zivilgesellschaft, da sie nicht stark ausgebaut ist. Die Dialektik der Zustände spielt hier ihr historisches Spiel. Im Grunde genommen war es ein Vorteil, wenn man eine “demokratische”, „zivile“, d.h. eine bürgerliche Gesellschaft hatte, da man leichter politische Praxis entfalten konnte. Aber im Fall Russlands wird dieser Nachteil, d.h. das Fehlen einer “demokratischen” und zivilen Gesellschaft, zu einem Vorteil, weil man den Staat viel leichter umkippen konnte als im Westen. Also, was für die Revolutionäre ein Vorteil ist, ist für den Staat ein Nachteil und umgekehrt. Deshalb werden die Parteien des Ostens zwangsläufig einen “Bewegungskrieg” führen. Was im Westen nicht möglich ist und katastrophal enden könnte.

Gramsci behauptet, dass im Westen seit dem 19. Jh. und vor allem durch die bürgerlichen Revolutionen eine starke zivile Basis aufgebaut wurde. Im Westen hat der Staat eine vermittelnde Rolle zwischen den sozialen Klassen übernommen. Dadurch wurde er zum Kern einer starken zivilen Gesellschaft. Es ist zwar vorteilhaft für die Revolutionäre, eine ausgebaute zivile Gesellschaft zu haben, da man politische Praxis entfalten kann, aber umso schwerer ist es, den Staat zu stürzen, da er einen zähen Kern besitzt; weil er von einer starken zivilen Gesellschaft umgeben ist.

Aber dieser Zustand im Westen ermöglicht es den Revolutionären, dadurch eine starke Basis innerhalb der zivilen Gesellschaft aufzubauen. Allerdings kann das nur durch die hegemoniale Methode geschehen. Das kann dann nur durch einen “Stellungskrieg” geschehen.

Obwohl Anderson Gramscis Argumente bezüglich des “Stellungs- und Bewegungskriegs” im historischen Kontext nicht teilt, bezeichnet er ihn trotzdem als einen hervorragenden Theoretiker des 20. Jahrhunderts. Seiner Meinung nach ist Gramsci der einziger von allen marxistischen Theoretikern, der den Hegemoniebegriff konsequent als eine Methode der politischen Praxis geprägt hat.[16]

3. Der russische Ursprung des Hegemoniebegriffs

Obwohl man in den Gefängnisheften hier und da auf den Begriff des “Klassenbündnis” stößt, geht Gramsci in seinen Schriften nicht näher auf die Theorie dieses entliehenen Begriffs ein. Es ist aber wichtig zu wissen, woher dieser Begriff stammt, damit man nachvollziehen kann, aus welcher Theorietradition Gramsci seine Begriffe schöpfte.

Perry Anderson legt in seinem Buch auf hervorragende Weise die geschichtliche Entwicklung dieses Begriffes offen.

Nach Anderson hatte alles seinen Anfang in der russischen revolutionären Bewegung genommen:

“Der Begriff der Hegemonie hatte - bevor Gramsci ihn schließlich übernahm - schon eine lange Vorgeschichte, die für das Verständnis seiner späteren Funktion in Gramscis Werk von großer Bedeutung ist. Der Begriff gegemonija (russ. für Hegemonie) war vom Ausgang der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts bis 1917 eine der wichtigsten Parolen der russischen Sozialdemokratie.”[17]

Plehanov, der Vater des Kommunismus in Russland, prägte im 19. Jahrhundert den Marxismus maßgeblich. Er gebrauchte den Hegemoniebegriff in den Jahren 1883 und 1884, um darzulegen, dass das russische Proletariat nicht notwendigerweise einen isolierten Klassenkampf gegen die Kapitalisten führen, sondern auch den politischen Kampf gegen den Zarismus aufnehmen müsse. In den späteren Programmen behauptete Plehanov, “dass die organisierte Arbeiterklasse die Forderungen der bürgerlich-demokratischen Revolution übernehmen müsse” und gebrauchte dabei den unbestimmten Ausdruck “Herrschaft” (russ. gospodstwo).[18] Nach Plehanov würde die Arbeiterklasse aus einer bürgerlichen Revolution zwangsläufig als führende Klasse hervorgehen, da sie die entschiedenste Kraft in der Revolution darstelle.[19]

[...]


[1] Ernesto Laclau/Chantal Mouffe, Hegemonie und die Radikale Demokratie. Zur Dekonstruktion des Marxismus, Wien 1991; Jean-Baptiste Fages, Einführung in: Franco Lombardi, Antonio Gramsci’nin Marksist Pedagojisi (türkische Ausgabe), Ütopya Yay., Ankara 2000, S. 7.

[2] Die Linie Luxemburg – Gramsci Zur Aktualität und Historizität marxistischen Denkens, Argument Verl., Hamburg 1989.

[3] A. Brodocz/G.S. Schaal (Hrsg), Politische Theorien der Gegenwart, Leske+Budrig, Opladen 1999.

[4] Ernesto Laclau/Chantal Mouffe, Hegemonie, Macht und Rechtspopulismus, ein Fernsehinterview in der Reihe „Conflicting Publics“ am 6.11.1998.

[5] U. Hirschfeld/W. Rügemer (Hrsg.), Utopie und Zivilgesellschaft / Rekonstruktionen, Thesen und Informationen zu Antonio Gramsci, Edition Sonntag, Berlin 1990.

[6] Gefängnishefte, Heft 10, § 44.

[7] Ebd. § 43-44.

[8] Gefängnishefte, Heft 10, § 67.

[9] Gefängnishefte, Heft 10, § 9-10.

[10] Gefängnishefte, Heft 10, § 43-44.

[11] Ebd. Heft 10, § 43-44.

[12] Gefängnishefte, Heft 10, § 67.

[13] Gefängnishefte, Heft 10, § 43-44.

[14] Antonio Gramsci, Gefängnishefte, Heft 10, § 10.

[15] Ebd. Heft 10, § 10.

[16] Perry Anderson, Antonio Gramsci, eine kritische Würdigung, Olle+Wolter Verl., Berlin 1979, S. 35.

[17] Ebd. S. 20.

[18] Ebd. S. 21

[19] Ebd. S. 21.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Ursprung und Anwendung des Hegemoniebegriffs bei Gramsci, Laclau und Mouffe
Untertitel
Kontroverse bezüglich des Hegemonie-Begriffs
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main  (Politik)
Veranstaltung
Seminar: Antonio Gramscis “Gefängnishefte”
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
23
Katalognummer
V174519
ISBN (eBook)
9783640953165
ISBN (Buch)
9783640952953
Dateigröße
507 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gramsci, Gefängnishefte, Hegemonie, Zivile Gesellschaft, Zivilgesellschaft, Laclau, Mouffe, Anderson, Zwang und Konsens, Historischer Block
Arbeit zitieren
Sadik Usta (Autor), 2010, Ursprung und Anwendung des Hegemoniebegriffs bei Gramsci, Laclau und Mouffe, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/174519

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