Interpretation zu "Der Prozess" von Franz Kafka

Analyse und Deutung der ersten Gerichtsverhandlung


Referat / Aufsatz (Schule), 2010

4 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Julia Harzheim

Interpretationsaufsatz zu dem Roman „Der Prozess“ von Franz Kafka

Kapitel 2, Seite 42, Z.7 – S.52, Z.11

Der unvollendete, posthum am 1925 erschienene Roman fragmentarischen Charakters „Der Prozess“ von Franz Kafka (1883 bis 1924) entstand als Ergebnis der konfliktreichen Auseinandersetzung des Individuums mit seiner Umwelt, wobei der Autor vor allem den zentralen Begriff der Schuld thematisiert. Durch die Wörtlichnahme der Metaphorik „Mit sich selbst ins Gericht gehen“ trägt er unter anderem zur Veranschaulichung zwischenmenschlicher und psychischer Konflikte auf einer transzendent – allgemeingültigen Ebene bei.

Der Textabschnitt, der im Folgenden einer genaueren Betrachtung unterzogen werden wird, ist Bestandteil des zweiten Kapitels und erstreckt sich von Seite 42, Zeile 7, bis hin zu Seite 52, Zeile 11. Die wichtigsten bis dato abgelaufenen Geschehnisse und Ereignisse, die es zum besseren Verständnis der Textstelle zu schildern gibt, lassen sich wie nachstehend zusammenfassen: Josef K., Prokurist einer Bank und wohnhaft in einer Pension in einer nicht näher bezeichneten Stadt, sieht sich am Morgen seines dreißigsten Geburtstages anstatt seines gewohnten Frühstücks zwei, später drei ihm unbekannten Männern gegenüber, die behaupten, als Wächter einer Institution zu fungieren . Ohne jegliche Begründung anzugeben, teilen sie ihm mit, dass er verhaftet sei. K. geht anfangs von einem Scherz aus, doch obwohl er bald einsieht, dass dem nicht so ist, ist er zunächst noch nicht sonderlich beunruhigt durch die Tatsache seiner Verhaftung; immerhin haben doch die beiden Wächter verlauten lassen, sie würde keine nennenswerte Beeinträchtigung seiner gewohnten Lebensweise nach sich ziehen. K. beschließt, an diesem Tage gleich nach der Arbeit nach Hause zu gehen, um sich bei seiner Vermieterin Frau Grubach und Zimmernachbarin Fräulein Bürstner für kleinere Unannehmlichkeiten zu entschuldigen, welche für beide durch seine Verhaftung entstanden waren. Obwohl Fräulein Bürstner erst zu sehr später Zeit wieder in der Pension eintrifft, kann K. sie noch von einer Unterredung in seinem Zimmer überzeugen, wo er sie von den Vorkommnissen unterrichtet und sie zum Abschied beinahe animalisch küsst. Bald darauf erhält er telefonisch die Vorladung für die erste Untersuchung in seiner Angelegenheit, die für den darauf folgenden Sonntag angesetzt ist, und obwohl im keine Zeitangabe mitgeteilt wird, errät er ihren Beginn intuitiv. Das heißt jedoch nicht, dass er auch pünktlich bei der angegebenen Adresse, einem alten und schäbigen Mietshaus in einer heruntergekommenen Vorstadt, ankommt. K. hat verschlafen und findet das Untersuchungszimmer erst nach einer langwierigen Suche, bei der er angibt, einen nicht – existenten oder ihm jedenfalls nicht bekannten „Tischler Lanz“ sprechen zu wollen. Umso verblüffter ist er, als diese Suche tatsächlich Erfolg hat und eine junge Frau ihm auf seine Frage hin den Weg zu einem Nebenzimmer mit geöffneter Türe weist und ihn sogar noch mit den Worten: „Nach Ihnen muss ich schließen, es darf niemand mehr hinein“ (S.42, Z.9f) dazu anhält, einzutreten. Obwohl K. es in dem Zimmer schon ohne seine Anwesenheit „zu voll“ (S.42,Z.11) findet, geht er doch hinein und verlässt damit auch symbolisch die ihm bekannte, alltägliche Arbeitswelt, um in die unbekannte des Gerichts einzutauchen. Zu Beginn der angegebenen Textstelle befindet sich der Protagonist des Romans nun also in einem mittelgroßen Raum mit einer Galerie, der voll von verschiedenen Menschen ist und an einen Ort der Versammlung erinnert. Dass all die Anwesenden schon auf K.s Ankunft gewartet haben, wird durch die Tatsache suggeriert, dass die Frau K. darüber informiert, dass nach ihm keiner mehr hinein dürfe. Er lässt sich von einem „kleinen, rotbackigen Jungen“ (S.42, Z.17) durch den ganzen Saal zu dem Podium des Untersuchungsrichters führen. Dabei erkennt K., dass der schmale Weg, den sie beschreiten, „möglicherweise zwei Parteien [trennt]“ (S.42, Z.21) und verlässt sich bei seiner Annahme auf die Tatsache, dass er „nur die Rücken von Leuten, welche ihre Reden und Bewegungen nur an Leute ihrer Parteien richteten“ (S.42, Z.21) sieht. Mit diesem Satz und dem Einblick in K.s Gedanken weist sich der Erzähler eindeutig als ein personaler aus, der einen Standpunkt innerhalb des Geschehens einnimmt und nur schildert, was andere Anwesende auch wahrnehmen können, ohne darüber hinaus zu kommentieren oder Wertungen vorzunehmen. Dieses „Entlassen“ des auktorialen Erzählers ist typisch für die Entstehungszeit des Werkes, die als „Moderne“ bezeichnet wird und sich unter anderem dadurch charakterisieren lässt, dass ihre Autoren sich in ihrer Kompetenz, die immer undurchschaubarere und von stetig neuen Entdeckungen geprägten Welt zuverlässig zu deuten und zu interpretieren, beeinträchtigt sehen. Da es sich bei der Schilderung der Vorkommnisse ausschließlich um eine Darstellung aus K.s Perspektive handelt, haben wir es genauer gesagt mit einem sogenannten „einsinnigen Erzähler“ zu tun. Die Leute, die K. sieht, sind „schwarz angezogen“, in „Festumhänge“ gehüllt (S.42, Z.26f.). was K. leicht verwirrt, ihn jedoch nicht weiter tangiert. Der Untersuchungsrichter, bei dem er schließlich ankommt, wird als „kleiner, dicker, schnaufender Mann“ (S.42, Z.34f.) beschrieben, der manchmal die Arme in die Luft wirft, „als karikiere er jemanden“ (S.42, Z.37f.). Der besonders bildhafte Satz hypotaktischer Art mit seinem Reichtum an Adjektiven ist typisch für die Texte Kafkas und lässt detailreiche Einzelszenen entstehen, bei deren Durchlesen die Wahrnehmung einer ganz bestimmten, vom Autor intendierten Atmosphäre erreicht wird. Zunächst rügt der Untersuchungsrichter K. für dessen Zuspätkommen, was paradox zu sein scheint, da K. die Uhrzeit ja theoretisch überhaupt nicht kennen konnte. Nach einem „allgemeinen Murren“ (S.43, Z.10) der Menge wird es im Saal auf einmal stiller; man scheint auf die kommenden Ereignisse gespannt zu sein. Die Leute auf der Galerie haben „Polster mitgebracht, die sie sich zwischen den Kopf und die Zimmerdecke gelegt hatten […]“ (S.43, Z.20f.), was mit dem bisher vermittelten, durch Übersteigerung grotesk gewordenen Bild des Gerichtes korrespondiert. In Zeile 23f. wird erstmals die ursprüngliche Intention K.s im Zusammenhang mit der Untersuchung deutlich, denn dort heißt es: „K. hatte sich entschlossen, mehr zu beobachten als zu reden […]“. Diese Entscheidung wird jedoch kurz darauf schon hinfällig, da K. durch „ein Beifallklatschen“ (S.43, Z.27) als Reaktion auf seine Erwiderung in Z.26f.: „Mag ich zu spät gekommen sein, jetzt bin ich hier“ eine erste Aufmunterung durch sein Publikum erfährt. Er kommt zu dem Schluss, dass die Leute aus der rechten Saalhälfte „leicht zu gewinnende Leute“ (Z.28) seien und beginnt mit Überlegungen, „was er sagen könnte, um […] zeitweitig auch die anderen zu gewinnen“ (Z.32ff.), was den Wandel seiner anfänglichen Intention anzeigt. Nachdem der Untersuchungsrichter K. gerügt hat und sich scheinbar gnädig noch dazu bereit erklärt, ihn trotz seines Verfehlens noch anzuhören, stellt er ihm die Frage, ob er „Zimmermaler“ sei (S.44, Z.16). K. verneint die völlig deplatziert wirkende Frage, die er später „bezeichnend für die ganze Art des Verfahrens“ (S.45, Z.3f.) nennen wird, und klärt den Mann über seinen wahren, völlig davon abweichenden Beruf auf. Dafür wird er mit „herzlichem Gelächter“ (Z.18f.) der Zuhörer belohnt, welches ihn zum „Mitlachen“ (Z.19) animiert und seine Zuversicht steigert. Nur der Untersuchungsrichter und die Leute der „linken Partei“ (Z.35) sind gar nicht begeistert von K.s Verhalten, wodurch dieser sich jedoch nicht entmutigen lässt. Im Gegenteil, es lässt ihn in seinen Bemühungen noch eifriger werden, die linke Saalhälfte, welche ihm „bedeutungsvoller erscheint“ (Z.38f.), auch noch zu überzeugen. Er ist sich sicher, „in deren Sinne“ (Z.39f.) zu sprechen, als er nun mit seiner anklagenden Rede beginnt. K. kritisiert den Untersuchungsrichter und dessen vorschnelle Behauptung, indem er sich eines Correctio bedient („vielmehr, Sie haben gar nicht gefragt, sondern […]“ S.45, Z.2f.) und damit noch deren Unverschämtheit betont. K. behauptet weiterhin in Zeile sechs bis zehn, das Verfahren sei nur ein Verfahren, „wenn er es als solches anerkenne“, und dies tue er gerade aus Mitleid, was das einzig Richtige sei, wolle man es „überhaupt betrachten“. Hier distanziert er sich klar von dem Gericht und seinem Verfahren, indem er vorgibt, über den Dingen zu stehen. Dies steht jedoch in offensichtlichem Widerspruch zu seinem Verhalten, zu seinen wachsenden Bemühungen, Anklang zu finden. K. geht selbstgerecht davon aus, er habe für seine Worte „Beifall verdient“ (Z.16f.) und wird irritiert durch den Eintritt einer jungen Wäscherin. Dafür freut es ihn, dass der Untersuchungsrichter seiner Meinung nach „getroffen“ (Z.25) zu sein scheint und sich das Untersuchungsheftchen zur Hand nimmt, welches in seiner Schmutzigkeit dem entspricht, was K. bis dahin von der Welt des Gerichts kennengelernt hat. Als er in seiner Rede mit einer Wiederholung fortfährt („Was mir geschehen ist“, Z.21, Z.24), um die Wichtigkeit seiner Aussage zu betonen und die Aufmerksamkeit der Zuschauer zu bündeln, behauptet er, er stehe nicht für sich ein, sondern für Andere (vgl. Z.27f.), was sich durch sein widersprüchliches Verhalten aber ebenso schnell als Vorwand enthüllen lässt: K. möchte selbst nicht wahrhaben, wie sehr seine Fixierung auf den Prozess schon fortgeschritten ist. Auch seine Aussage in Z.39: „Ich will nicht Rednererfolg […]“ wirkt vor diesem Hintergrund paradox. In seinen nun folgenden Ausführungen bedient er sich einer polemischen Sprache und fährt fort, angebliche Missstände anzuprangern. Dabei setzt er immer seine Unschuld als selbstverständlich voraus (z.B. S.47, Z.10), obwohl gerade diese Selbstsicherheit angesichts der Unkenntnis der Anklage Zweifel an seiner moralischen Unschuld aufkommen lässt. Als K. am Ende zufällig entdecken muss, dass er die ganze Zeit zu Beamten gesprochen hat, ohne sich dessen bewusst zu sein, bricht sein ganzer Optimismus mit einem Mal zusammen, er fühlt sich plötzlich bedroht, nimmt das Äußere der Anwesenden ganz anders wahr als zu Anfang. Er wird panisch und aggressiv, droht sogar mit Gewalt und will dem beengenden Raum einfach nur noch entfliehen. Er muss einsehen, dass er sich die ganze Zeit über getäuscht hat, und dieses Eingeständnis macht ihm Angst, da es die Frage aufkommen lässt, ob die Täuschung nicht vielleicht auch noch in anderen Bereichen besteht (v.a. da ihr auch eine tragende Rolle im Roman zukommt). An der panischen und übersteigerten Reaktion K.s kann man hervorragend erkennen, wie sehr ihn die Frage der Schuld innerlich schon beschäftigt und gefangen nimmt.

[...]

Ende der Leseprobe aus 4 Seiten

Details

Titel
Interpretation zu "Der Prozess" von Franz Kafka
Untertitel
Analyse und Deutung der ersten Gerichtsverhandlung
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
4
Katalognummer
V174538
ISBN (eBook)
9783640948895
Dateigröße
508 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
interpretation, prozess, franz, kafka, analyse, deutung, gerichtsverhandlung
Arbeit zitieren
Julia Harzheim (Autor), 2010, Interpretation zu "Der Prozess" von Franz Kafka, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/174538

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