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QWERTZ

Geschichte in mehreren Teilen, unabgeschlossen

Title: QWERTZ

Novel , 2026 , 497 Pages

Autor:in: Hartmut Dedert (Author)

StorySphere: Novels & Short Stories
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Summary Excerpt Details

Eine literarische Reise durch Erinnerung, Sprache und Identität

Was macht einen Menschen aus? Sein Handeln im Hier und Jetzt, seine Erinnerungen, seine Geschichten – vielleicht auch die Art, wie er sie erzählt?

In seinem Roman QWERTZ erschafft Hartmut Dedert ein vielschichtiges Erinnerungsuniversum. Ausgehend von einer Kindheit in der westfälischen Provinz entfaltet er ein weit verzweigtes Netz aus Familiengeschichten, Freundschaften, Liebeserfahrungen, Verlusten und prägenden Lebensstationen. Stimmen aus Vergangenheit und Gegenwart treten in einen lebendigen Dialog und verbinden sich zu einem beeindruckenden literarischen Mosaik.

Zwischen autobiografischem Roman, Erinnerungsliteratur und sprachphilosophischer Reflexion erkundet QWERTZ die großen Fragen des Menschseins: Wie entstehen Erinnerungen? Was ist Wahrheit? Wie formen Sprache und Erzählen unsere Identität? Und welche Geschichten bleiben, wenn die Zeit vergeht?

Mit großer sprachlicher Sensibilität, poetischer Bildkraft und erzählerischer Experimentierfreude fordert das Werk Leserinnen und Leser sowohl emotional wie intellektuell heraus. QWERTZ ist ein Roman über Kindheit, Familie, Erinnerung, Vergänglichkeit und die Macht der Sprache – ein literarisches Abenteuer für alle, die anspruchsvolle deutsche Gegenwartsliteratur schätzen.

Der Auftakt eines Erzählprojektes, das den Weg eines Lebens zwischen Erinnerung, Sprache und Identität über mehrere Bände hinweg nachzeichnet – offen, vielschichtig und unabgeschlossen wie das Leben selbst.

Excerpt


Auszüge aus dem Buch

Cover: QWERTZ

I

Am Anfang, schreiben wir, und wir denken uns nichts dabei, wenn wir unsere Geschichte mit einem Satz wie diesem beginnen. Wir wählen die Vergangenheitsform, weil alles schon vergangen ist, was wir zu sagen haben, und damit jeder weiß, dass nicht jedes Wort stimmen muss bei dem, was wir erzählen. Manches könnte auch anders gewesen sein, wir wollen unser Wort nicht auf die Goldwaage legen. Dann machen wir eine Pause und denken noch einmal darüber nach, was wir sagen wollen. Und weil wir das an dieser Stelle so genau noch nicht wissen, weil wir das immer noch nicht so ganz genau wissen, obwohl wir doch lange genug darüber nachgedacht haben, weil wir aber wissen, dass jedes Ding seine Zeit braucht und wir schon viel Zeit damit verbraucht haben, darüber nachzudenken, was uns passiert ist und wie wir das in Worte fassen können, ohne dass wir uns später schämen müssen, schreiben wir erst mal kein Wort davon, wie es wirklich war.

Dann kann es einfach weitergehen.

Was wir erzählen wollen, schreiben wir, das ist schon lange vergangen, die ganze Geschichte ist schon gar nicht mehr wahr. Nur mit dem Erzählen stehen wir noch so ziemlich am Anfang. Und dann haben wir den Satz weiter geschrieben, so wie wir ihn kennen und alle Welt, und am Schluss steht er dann da, unser Satz, hat einen Anfang und ein Ende, hat eine Satzaussage und einen Satzgegenstand, wie es sich gehört für einen richtigen Satz, steht da, und kein Mensch wundert sich darüber, wie er da steht, so aufrecht und gerade, dass niemand ihm ansieht, wie viel Zeit schon vergangen ist, seitdem wir ihn zum ersten Mal geschrieben haben, dass niemand ahnt, wie alt er in Wirklichkeit ist.

Am Anfang war (und so weiter)

Dann legen wir Bleistift und Papier zurück und schalten das Licht wieder aus. Wir drehen uns zur Wand und atmen tief durch.

Wir drücken unsere Augen fest zu und gucken, was passiert.

Wir atmen tief durch.

Wir atmen tief durch.

Ein Vogel fängt an zu zwitschern. Uns kommt ein Kinderlied in den Sinn, danach vielleicht ein Abzählvers, den haben wir vor Jahrzehnten gehört. Wir machen das Licht wieder an. Wir greifen zu Bleistift und Papier.

Dann schreiben wir weiter.

Steht da, am Anfang unserer Geschichte, schreiben wir, steht noch so ziemlich am Anfang da, unsere Geschichte hat vielleicht gerade mal eben begonnen, ist vielleicht gerade mal acht Jahre alt, oder neun, so genau weiß das niemand, wann so eine Geschichte wirklich losgeht, ein paar Augenblicke ist es jedenfalls schon her, dass wir die Augen aufgeschlagen haben und haben uns zum ersten Mal umgeguckt im Leben, ein paar Kleinigkeiten sind also schon geschehen mit uns, nachdem wir uns zum ersten Mal gewundert haben, was wir alles sehen können in der Welt, was es alles so gibt da draußen, und dann haben wir vielleicht einen Augenblick lang nicht aufgepasst, und schon sind dreißig Jahre vergangen, oder vierzig, und wir gucken zurück und wundern uns, und wir machen große Augen und sagen: Uns ist, als wäre es gestern gewesen, dass wir da und da gestanden haben, auf dem Platz vor Köhlers Haus, beispielsweise. Mir kommt es vor, schreiben wir, als wäre es gerade erst gewesen, dass eine Kinderstimme wie von ferne ruft, ich kann kommen, mir ist so, als hätte ich eben noch meine Augen aufgeschlagen und hätte nichts gesehen, als hätte ich mir gerade eben noch die Augen gerieben ganz verwundert, und jetzt gucke ich, wo Evelyn sich wohl versteckt hat.

Und dann, ein paar Augenblicke später, steht da also wirklich einer auf Johannes Köhlers Lagerplatz, schräg gegenüber von Köhlers Haus, direkt neben dem schäbigen Bretterverschlag mit dem alten Schild, auf dem Dipl.- Ing. Johannes Bernhard Köhler steht. Straßenbau, Hoch- und Tiefbau steht vielleicht auch noch darauf, direkt unter dem Namen, aber kleiner. Und daneben lehnt dann also einer, wie bestellt und nicht abgeholt, ist vielleicht acht Jahre alt oder neun, macht gerade die Augen auf, reibt sich die Augen und sieht erst mal gar nichts.

Weil die Sonne ihn blendet, würde man im ersten Augenblick denken, aber in Wirklichkeit reibt er sich die Augen, weil er sie vorher so lange zugedrückt hat, in Wirklichkeit hat er gar nicht in die Sonne geguckt (jedenfalls nicht in die richtige), in Wirklichkeit hat er sich die ganze Zeit die Augen zugehalten, damit er nicht sehen kann, wo Evelyn sich versteckt, er hat Zeigefinger und Mittelfinger so lange auf seine Augen gedrückt, bis er Sterne sieht, lauter Sonnen und Monde und Sterne sieht er, die tauchen auf in seinem dunkelblauen Augenhimmel, sind plötzlich da und verschwinden wieder, explodieren in einem riesigen Feuerwerk, silberne Blitze schießen durch das Blau, verwandeln sich zu Rauten und Karos und Kreisen, zu einem Schnittmuster aus Linien und Flächen, das geht über in grasgrüne Wiesen, darin fließt ein Bach, der ist erst hellgrün und blau, wird dann lila und später türkis, türkisgrüne Bäche schlängeln sich durch eine dunkelgrüne Augenlandschaft, die fließen zusammen zu silbernen Flüssen, in die taucht einer ein, geht unter in grüngoldenen Strömen, verschwindet in Fluten aus goldenem Grün.

Und noch einmal: Silberne Blitze schießen durch das Blau, verwandeln sich zu einem Schnittmuster aus Linien und Flächen, das geht über in grasgrüne Wiesen, darin fließt ein Bach, der ist erst hellgrün und blau, wird dann lila und später türkis, türkisgrüne Bäche schlängeln sich durch eine dunkelgrüne Augenlandschaft, die fließen zusammen zu silbernen Flüssen, in die taucht einer ein, geht unter in grüngoldenen Strömen, verschwindet in Fluten aus goldenem Grün.

Augenkino.

Dunkelblauer Augenhimmel.

Dunkelgrüne Augenlandschaft.

Wir suchen nach schönen Wörtern und behaupten, dass es schöne Wörter noch gibt. Wir tun so, als ob die schönen Wörter auch die richtigen sind, und stellen sie zu einem schönen Satz zusammen. Auf meinem Bildschirm schlängeln sich türkisgrüne Bäche durch eine dunkelgrüne Augenlandschaft, zum Beispiel. Oder: Tausend silbrige Äderchen führen durch die hohe Hecke vor Köhlers Haus. Wir hoffen, dass ein schöner Satz auch ein richtiger Satz ist. Wir behaupten, dass es uns nicht stört, wenn ein richtiger Satz nicht schön ist. Ja, wirklich, ein richtiger Satz muss nicht schön sein. Dann gehen wir einen Schritt weiter und stellen die Behauptung auf, ein richtiger Satz muss nur wahr sein (und die Wahrheit ist kein Stilproblem). Anschließend versuchen wir es mit dem Gegenteil. Das Gegenteil ist auch falsch, schreiben wir in Erinnerung an eine Freundin, die hat den Satz einmal gesagt, vor langer Zeit. Die Wahrheit ist eine Frage des Standpunktes. Die Wahrheit soll eine Frage des Standpunktes sein. Das kann man so sehen oder auch anders. Wir nehmen uns vor, wir sehen uns den Satz später noch einmal genauer an.

Dann schreiben wir weiter.

Er hat gerade noch Evelyn rufen hören, dass er nicht so schnell zählen soll, weil die Zeit dann nicht reicht zum Verstecken.

Ich habe gerade noch Jan rufen hören, dass ich nicht so schnell zählen soll, weil die Zeit dann nicht reicht zum Verstecken.

Wir haben gerade noch und so

weiter.

Schreiben, Satz für Satz.

Und dann haben wir zurückgerufen, dass Evelyn nicht so weit laufen soll, Jan muss in der Nähe bleiben, damit er hört, wenn seine Mama ihn ruft. In Gedanken kommen wir auch noch auf Jans Mutter zu sprechen. Ihre Stimme haben wir genau im Kopf: Seine Mama kann ihren Herrn Sohn weiß Gott nicht auch noch suchen, dafür hat seine Mama weiß Gott nicht auch noch Zeit. Dann sagen wir uns, dass wir unsere Geschichte ruhig angehen können, das geht nicht so schnell, wenn einer was sucht, das braucht seine Zeit. Und während wir noch überlegen, wie wir das am besten sagen können, während wir noch nach Worten suchen, wie wir das erzählen können, wie Evelyn sich ein Versteck sucht, damit kein Mensch sie findet, ist von Evelyn schon so gut wie nichts mehr zu sehen. Eben hat Evelyn vielleicht noch gerufen, dass wir uns Zeit lassen sollen, wir sollen langsam machen mit dem Zählen, weil Evelyn Zeit braucht, um sich zu verstecken, und wir haben zurück gerufen, Evelyn soll nicht so weit laufen, damit wir hören können, wenn unsere Mama uns ruft, und schon ist Evelyn nicht mehr da. Evelyn kennt den Schlatt wie ihre eigene Hosentasche, Evelyn weiß, wohin sie laufen muss, damit wir sie nicht finden, und Evelyn kann rennen so schnell wie ein Blitz. Die ist verschwunden, bevor wir auch nur bis drei zählen können. So schnell können wir gar nicht gucken, wie Evelyn in Richtung Sportplatz rennt, erst bei Wiederichs vorbei, dann bei Sydows über den Rasen und weiter zu Schröders, so schnell kommen wir mit dem Schreiben gar nicht hinterher, wie Evelyn im Garten von Schröders verschwindet, wie sie einen Augenblick lang überlegt, ob sie sich in unserer Höhle versteckt, wie sie dann aber weiter rennt über den Hof von Petrings rüber zur Gärtnerei Moning, wie ein geölter Blitz rennt Evelyn weiter, am Zaun von Gärtnerei Moning entlang, bis sie das Loch im Drahtzaun von Gärtnerei Moning findet, bis sie im Garten der Gärtnerei Moning verschwindet.

*

Ein Vogel fliegt auf, eine Amsel vielleicht. Kreischt und fliegt hoch auf den nächsten Baum, gibt kleine Vogelschreie von sich, hat keinen Sinn für Stilprobleme, will uns ablenken von ihren Jungen. Die haben sich in ihrem Nest versteckt, sind Nesthocker, die Kleinen, vier oder fünf, angeblich, und das im August.

Wo könnte das Nest sein?

Wo könnten die Vögel versteckt sein?

Wir tippen die Fragen in die Maschine.

Wir setzen die Fragen in Klammern.

Eine Antwort auf die Fragen suchen wir nicht. Stattdessen überfliegen wir noch einmal was wir geschrieben haben in den letzten Minuten. Wenn wir zu den Amseln kommen, atmen wir tief durch. Dann schlucken wir vor Zufriedenheit. Wir korrigieren: Als ich zu der Stelle mit den Amseln komme, muss ich schlucken vor Zufriedenheit. Dann atme ich tief durch. Ich habe ein gutes Stück geschafft, schreiben wir.

(Wo könnte das Nest sein? Wo könnten die Vögel versteckt sein?)

Anschließend stellen wir uns einen Vogel vor, eine Amsel, eine Drossel, wie er auffliegt aus seinem Nest und später auf dem Dachfirst von Köhlers Haus sitzt, wir malen uns aus, in Gedanken, wie er dann weiter fliegt, zurück in Köhlers Garten, wie er ein Geschrei dabei macht, ein Gekreisch, dass Frau Vahle nebenan den Kopf hebt beim Unkraut Jäten, im Bücken, und sagt, das verdammte Gezeter, das kommt nur vom Füttern, das kommt alles nur, weil die Köhler’sche, die Verrückte, die Vögel füttert, und das im August, das zieht die Vögel ja regelrecht an. Und während wir danach vielleicht schon überlegen, was der Unterschied ist zwischen einer Amsel und einer Drossel, ob Amsel und Drossel vielleicht nur zwei Namen sind für einen und denselben Vogel,

läutet irgendwo fern ein Telefon.

Fern,

in der Ferne.

[...]

[...]

XIX

Was Denkste-Puppe alles wissen will, das geht auf keine Kuhhaut. Das stellt man sich nicht vor, was dieses Kind für Fragen stellt. Sie will wissen, was Mama meint, wenn sie sagt: trau schau wem, sie will wissen, warum die Tiroler lustig sind und ihre Betten verkaufen, die müssen ganz schön blöd sein, wenn sie so was tun, sie will wissen, warum alles durcheinander liegt bei Schneidermeister Wellmann, ob Schneidermeister Wellmann ein Zigeuner ist, dass er das darf, oder was. Wie das mit dem Lügen ist, will sie wissen, wie das ist, wenn einer lügt, dass sich die Balken biegen, wenn einer seinen Hof verlässt, wenn er Frau und Kinder vergisst, ob der Bürgermeister von Lippenhausen ein Esel ist, will sie wissen, und was Rottmann, der Gauner, unserem Vater gegeben hat für die Wiesen und Weiden, das will sie auch noch wissen. Will alles wissen, diese Puppe, schreiben wir, kriegt nicht genug vom Wissen Wollen, fragt sich und andere dumm und dämlich, eine kleine Puppe in Schwarzwälder Tracht, stellt immer wieder neue Fragen, als gäbe es nichts wichtigeres auf der Welt, als Fragen zu stellen, auf die es keine Antwort gibt, als hätte man nichts anderes zu tun in seinem Leben, schreiben wir, als Sachen wissen zu wollen, die keiner wissen will außer einer Schwarzwälder Puppe, die nicht mal aus dem Schwarzwald kommt, wahrscheinlich, die aus Tirol kommt, kein Mensch weiß, wo das ist, Tirol, die aus dem Tabakladen in Herford kommt, die aus dem Mustopf kommt, so dumme Fragen, wie sie stellt, kann gar nicht aufhören, diese Puppe, mit ihrer ewigen Fragerei, wir kommen mit unseren Antworten nicht hinterher, da können wir machen, was wir wollen, wenn wir eine Frage beantwortet haben, hat Denkste-Puppe zehn neue Fragen auf Lager.

*

Einer sitzt vor einem Rechner des Nachts und gähnt, es ist acht Minuten vor drei, schreiben wir nach einem Blick auf die obere Leiste des Bildschirms, uns bleiben noch drei Stunden Zeit, da will gut überlegt sein, was einer schreibt und was nicht. Dann kommt uns eine neue Idee, und wir versuchen uns vorzustellen, was es heißt und was es bedeuten würde, wenn wir einen vor Jahren geschriebenen Satz nicht nur bildlich verstünden, sondern ernst nehmen würden, so wie er da steht. Welche Konsequenzen es haben könnte, nicht nur als reines Gedankenspiel, sondern auch für den Fortgang einer Erzählung, dass einer zehn neue Fragen auf Lager hat, sobald eine Frage beantwortet ist. Wir haben die Idee, die plötzliche Ahnung, das könnte die Geschichte weiterführen, über die einzelne Passage hinaus (wenn auch vielleicht nicht in den nächsten Tag, so doch wenigstens ein Kapitel lang.) Eine Antwort hat zehn neue Fragen zur Folge, schreiben wir, gesetzt den Fall, auf jede von ihnen erhielten wir eine Antwort, die ihrerseits dann wiederum zehn weitere Fragen nach sich zöge, so hätten wir es bereits mit einhundert neuen Fragen zu tun, deren Beantwortung hätte im nächsten Schritt wiederum zehn Fragen pro Antwort zur Folge, macht eintausend neue Fragen, die ihrerseits und so weiter.

Dann versuchen wir uns daran zu erinnern, wie das gewesen ist damals, in Mathematik, mit Studienrat Gellermann und den Potenzen, dann fragen wir uns, ob die Geschichte mit den zehn neuen Fragen, die Denkste-Puppe auf Lager hat, wenn eine Frage beantwortet ist, irgendetwas mit Potenzen zu tun hat, vielleicht.

Irgendeine Zahl hoch zehn, schreiben wir.

So und so hoch zehn, X hoch zehn.

Oder warte mal, nein, schreiben wir und überlegen weiter.

Dann fällt uns exponential ein.

Genau, ja genau, irgendetwas war da, irgendetwas ist da gewesen mit exponential.

Aber was das nun war.

Wir nehmen uns vor, dass wir Giovanni fragen oder auch Gerhard, bei unserem Treffen im Cafe Mondial (vielleicht auch bei einer Fahrt zum Starnberger See), ob es eine Formel gibt für das, was uns vorschwebt.

*

Einer sitzt vor einem Rechner des Nachts und erinnert sich an ein Telefongespräch, versucht sich an ein Gespräch zu erinnern, an die vielen Fragen, die einer einmal seiner Mutter gestellt hat an einem Feiertagsmorgen, Christi Himmelfahrt, morgens um zehn, erinnert sich daran, meint sich daran erinnern zu können, wie seine Mutter an einem Himmelfahrtstag morgens um Viertel nach zehn von Joschi erzählt hat, dass Martina erzählt hat, dass Joschi, das stell dir mal vor, mit Freunden von Tina und Georg ans Meer fährt, mit dem Kleinen von denen, mit seinem Freund aus dem Hort, aus dem Kindergarten, wie heißt er noch mal, die spielen doch immer zusammen.

Erinnert sich daran, wie er seiner Mutter eine Falle gestellt hat,

Frage

eine Frage

Erinnert sich daran, wie er seiner Mutter eine Frage gestellt hat, die seine Mutter beantwortet hat. Bin ich nicht auch in dem Alter, mit Onkel Rudi, damals, als wir bei Tante Gertrud waren, Onkel Rudi und ich.

Ich meine, ich war doch sogar noch kleiner, oder nicht, meinst du nicht.

Fragt sich und die Mutter: Wie alt bin ich gewesen damals.

Meint sich daran erinnern zu können, wie die Antwort der Mutter zu einer neuen Frage geführt hat, meint sich an einen Rattenschwanz von immer neuen Fragen erinnern zu können. Erinnert sich an ein Frage- und Antwortspiel, in dem hat einer eine Mutter in eine Falle gelockt, da hat eine Mutter von früher erzählt, ganz gegen ihren Willen hat eine Mutter da zu erzählen begonnen, Geschichten von früher, vom Hof, von Hölzchen auf Stöckchen ist die Mutter gekommen, am Telefon, Vatertagsmorgen um zehn, das hat bis kurz nach halb eins gedauert. Erinnert sich daran, wie die Antworten immer länger wurden, bis die Mutter keine Antwort mehr gab, jedenfalls nicht auf Fragen, die der Sohn der Mutter hätte stellen müssen, erinnert sich daran, wie keine Fragen mehr nötig waren, damit die Mutter weitererzählt, wie das war auf dem Hof mit dem Vater, damals, wie der Vater sie, da waren sie schon geschieden, mit einer Hundeleine erwürgen wollte, wie sie sagt, ihr zwei wart dabei, Manfred und du, Manfred ist auf ihn losgegangen und du hast geweint, ganz bitterlich, ganz jämmerlich habe Jan geweint, du warst doch noch klein, wie sie sagt, man hat schon ganz schön was durchgemacht, wie sie sagt, nachmittags war das, am späten Nachmittag, nicht in der Nacht, wie sie sagt, wie kommst du darauf, dass er betrunken war, er war nicht betrunken, widerlich war er, euer Vater, böse ist er gewesen, ganz außer sich vor Wut, so ist er auf mich losgegangen, erdrosseln hat er mich wollen mit einer Hundeleine, wie sie sagt, wie alt wirst du gewesen sein, damals, wie sie sagt, Manfred war ja auch noch nicht groß, wie sie sagt zwischendurch, das stellt sich doch heute kein Mensch mehr vor, wie das gewesen ist damals, wie die Mutter ihr Erzählen zwischendurch unterbricht, wie sie sagt, auf einmal, ganz plötzlich, ich will nicht mehr reden darüber, sonst bin ich den ganzen Tag wieder traurig.

Wie sie sagt, manchmal, wenn mir das einfällt, im Bett, dann kann ich die ganze Nacht nicht mehr schlafen.

Wie sie dann weiter erzählt.

Wie die Mutter dann weiter erzählt.

Wie das immer wieder passiert, wie sie sagt, sie will nicht mehr reden davon, wie sie sagt, immer wieder, komm, lass gut sein, es muss auch mal Schluss sein, ändern kannst du sowieso nichts mehr. Wie die Mutter dann sagt, ganz am Schluss, wie sind wir denn bloß auf das Thema gekommen. Wie die Mutter dann wirklich auch Schluss macht.

*

Einer sitzt vor einem Rechner frühmorgens um drei, kurz nach drei, und schreibt eine Art Gesprächsprotokoll, zeichnet ein Telefongespräch auf, im Nachhinein, und wird etwas müde dabei, gähnt und fragt sich, was von dem, was ich schreibe, hat Mama wirklich gesagt und was buchstabiere ich mir zusammen. Späht seine Mutter aus (die Freunde und Freundinnen auch), notiert im Nachhinein, nach fast jedem Gespräch, was wichtig ist (oder vielleicht einmal werden könnte), für seine Geschichte, schreibt auf, was Maria sagt, Tag für Tag, im Laufe zahlloser Telefonate, hält auf Schmierzetteln fest, was sein Neffe gesagt hat und was die Schwester, führt Protokoll darüber, in Schnellschrift, gekritzelt, zuweilen fast zeitgleich, was Menschen am Nachbartisch sagen, im Größenwahn. Erinnert sich daran, versucht sich daran zu erinnern, wie das gewesen ist damals, als er drei oder vier war, mit dem Vater, der Mutter, dem älteren Bruder.

Dann auch mit Edeltraud und Onkel Rudi.

[...]

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Details

Title
QWERTZ
Subtitle
Geschichte in mehreren Teilen, unabgeschlossen
Author
Hartmut Dedert (Author)
Publication Year
2026
Pages
497
Catalog Number
V1745684
ISBN (eBook)
9783389200148
ISBN (Book)
9783389200155
Language
German
Tags
Roman Erinnerungsroman Literatur Prosa Fragment Deutsche Gegenwartsliteratur Familiengeschichte Autobiografischer Roman Vergangenheit Erinnerung Erinnern Vergessen Sprache Identität Herkunft Philosophischer Roman Experimentelle Literatur Suche nach dem eigenen Ich Autofiktion
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GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Hartmut Dedert (Author), 2026, QWERTZ, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1745684
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