Umgang der Justiz mit professioneller Prostitution in Zürcher Zigarrenläden 1880 - 1900

Das Beispiel der Zigarreuse Josefine Meier


Hausarbeit, 2007
11 Seiten, Note: "keine"

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Zürichs Zigarrenläden - Einleitung, Fragestellung und Hypothese

2 Josefine Meiers Hafturlaub
2.1 Brief des Polizeidirektors - Quellenkritik
2.2 Die Anliegen der Polizei - Quellenanalyse
2.2.1 Text- und Schriftmerkmale
2.2.2 Interpretation des Quellentextes
2.3 Die Ereignisse an der Weiten Gasse - Kontextualisierung

3 Die Zürcher Polizei und ihre Kompetenzen

4 Schlussteil

5 Bibliographie
5.1 Ungedruckte Quellen
5.2 Gedruckte Quellen
5.3 Sekundärliteratur

1 Zürichs Zigarrenläden - Einleitung, Fragestellung und Hypothese

In den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts formierte sich gegen die Prostitution zunehmender Widerstand in der Bevölkerung. Eine Reihe von Sittlichkeitsvereinen, welche diese Anliegen aus der Bevölkerung den Behörden in Petitionen vortrugen, wurde gegründet. Diese forderten die Schliessung der Bordelle, was ihnen in Zürich mit der Lancierung einer Initiative schliesslich gelang.1 1898 wurden infolgedessen alle städtischen Bordelle geschlossen. Die Prostitution selbst wurde damit aber nicht verdrängt und die bereits zuvor einsetzende Suche nach Alternativen wurde fortgesetzt.2

Prostitution stellte für die Betroffenen vorerst meistens nur einen Lebensabschnitt dar. Durch die Abdrängung an den Rand der Gesellschaft gestaltete sich der Ausstieg aus diesem Geschäft aber immer schwieriger.3 Wenn einer Frau nach der Aufgabe der Prostitution immer noch der Ruf als „öffentliche Dirne“4 anhaftete, war ihr eine schwierige gesellschaftliche Zu- kunft gewiss. So fand im Zuge dieser Entwicklung eine eigentliche (dauerhafte) Professiona- lisierung der Prostituierten statt. Diese Frauen richteten sich nicht mehr auf eine temporäre Tätigkeit ein, sondern betrachteten die Prostitution nun als ihren eigentlichen Beruf auf unbe- stimmte Zeit.5

Einige dieser Prostituierten richteten sich ihr Gewerbe in als Zigarrenläden getarnten Privatbordellen ein. Dies geschah allerdings nicht erst mit der Schliessung aller Zürcher Bor- delle 1898, sondern bereits einige Zeit davor. Die vom Stadtrat verfasste „Verordnung betref- fend die Verfolgung der Prostitution im Innern von Häusern“ aus dem Jahr 1882 verweist in §1 darauf, dass verschiedene Formen von Prostitution zu verfolgen und zu ahnden seien, „na- mentlich dann, wenn der Betrieb eines ehrbaren Gewerbes (Cigarrenladen, Weinhandlung, Badeanstalt, Placirungsbureau, Mägdeherberge etc.) verbunden ist.“6 Die Erwähnung des Zi- garrenladens an erster Stelle in der Klammerbemerkung, lässt für mich den Schluss zu, dass es wohl nicht ganz abwegig ist anzunehmen, dass diese Läden für die mit der Prostitutionsfra- ge betrauten Behördenmitglieder ein wichtiges Problem darstellte. Die Zigarrenläden boten ihren Inhaberinnen, alsbald Zigarreusen genannt, eine günstige Plattform, sich weiterhin der Prostitution zuzuwenden ohne von öffentlichen Bordellen und deren Zuhältern abhängig zu sein.7 Weder das Führen eines Zigarrenladens noch die Prostitution als solche waren Straftatbestände; lediglich das Vermitteln („Kuppeln“) von Prostituierten oder Prostitution in der Öffentlichkeit waren strafbar.8

Obwohl Zigarrenläden als solches nicht illegal waren, lässt der oben erwähnte Gesetzes- artikel darauf schliessen, dass sie von behördlicher Seite nicht gerne gesehen wurden. So stand vor allem die Angst, dass ein „ehrbares Gewerbe“9 Ansehen verlieren und die benach- barte Bevölkerung verärgert werden könnte, im Zentrum der Bemühungen um Ordnung. In §4 des oben erwähnten Gesetzes wird das Verärgern der Bevölkerung sogar ausdrücklich als „strafschärfend angesehen […] wenn im Innern des Hauses oder von Besuchern desselben auf der Strasse, in dessen Nähe beim Eintritt oder Austritt Ruhestörungen oder ärgerliche Auftrit- te vorkommen.“10 Allerdings ist fraglich, ob die blosse Formulierung einer solchen Verord- nung den Behörden in ihrem Vorgehen gegen die Prostitution weiterhalf. Anders als beim Betreiben eines Gasthauses, für das ein Wirtepatent nötig war, konnte ein Zigarrenladen nach eigenem Gutdünken und ohne amtliche Bewilligung eingerichtet und geführt werden. Die Gewerbepolizei konnte einer Zigarreuse ihren Laden nicht ohne weiteres verbieten, während sie einem Wirt das Patent entziehen konnte.11 Diese Umstände führen mich zu folgender Fra- gestellung: Inwiefern waren die zürcherischen Behörden Ende des 19. Jahrhunderts befugt, gegen die Prostitution, die in Zigarrenläden angeboten wurde, in ihrem Sinne vorzugehen und welche Mittel wurden ihnen dabei von der Legislative zur Verfügung gestellt?

Anhand einer ausgewählten Quelle12, die als Beispiel für den Ablauf von Prozessen in- nerhalb des Behördenapparates steht, versuche ich obenstehende Frage zu beantworten. Un- tersuchen möchte ich dabei folgende Hypothese: Die Tarnung der Prostitution durch das Betreiben eines Zigarrenladens nutzte eine Gesetzeslücke aus, welche deshalb längere Zeit nicht geschlossen werden konnte, weil bei den Behörden ein Kompetenzenstreit stattfand und niemand bereit war die Verantwortung zu tragen. Das entsprechende Recht hätte wohl in eine Richtung geändert werden müssen, die das nicht betroffene Kleingewerbe ebenfalls tangiert hätte.

Zum Forschungsstand lässt sich sagen, dass das vorliegende Thema bereits sehr gut auf- gearbeitet ist, da die Zahl der vorhandenen relevanten Quellen im Falle Zürichs sehr be- schränkt ist. Vor allem Anita Ulrich hat die Zürcher Prostitutionsgeschichte des ausgehenden 19. Jahrhunderts in ihrer Dissertation umfassend aufgearbeitet.13 In dieser Arbeit werde ich im folgenden Kapitel die ausgewählte Quelle nach äusseren und inhaltlichen Kriterien beurteilen, um diese anschliessend in den Kontext der historischen Ereignisse zu stellen. Danach behandle ich in einem kurzen Kapitel einen Teil der polizeilichen Kompetenzen und deren Arbeitsweise. Zuletzt beantworte ich im Schlussteil meine eingangs gestellte Frage und beurteile, inwiefern meine dazu aufgestellte Hypothese gültig ist.

2 Josefine Meiers Hafturlaub

2.1 Brief des Polizeidirektors - Quellenkritik

Die im Zentrum dieser Arbeit stehende Quelle14, befasst sich mit einem Fall des Straf- tatbestandes der sogenannten Kuppelei. Es handelt sich bei dieser Quelle um zwei Seiten weisses Schreibpapier mit einem Logo der kantonalen Amtsstelle, der „Direction der Justiz & Polizei“.15 Entstanden ist diese Quelle am 18. September 1888 in Zürich und wurde mit Tinte von Hand geschrieben. Der Brief ist „An den Tit[ularen]. Stadtrath Zürich“ adressiert und ist, wie ich weiter unten noch genauer ausführen werde, ein Antwortschreiben auf einen vorange- gangenen Brief, den die Polizeidirektion vom Zürcher Stadtrat erhalten hatte. Obwohl kein Vertraulichkeitshinweis vermerkt wurde, ist kaum anzunehmen, dass dieser Quellentext je- mals der (betroffenen) Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde. Er war wohl ausschliesslich für den behördeninternen Gebrauch gedacht.

2.2 Die Anliegen der Polizei - Quellenanalyse

2.2.1 Text- und Schriftmerkmale

Bei der Betrachtung von Text- und Schriftmerkmalen ist die Regelmässigkeit der deko- rativen Handschrift auffällig. Verwendete Schriftart ist die Deutsche Kurrente (Schreib- schrift), die auch als „Sütterlinschrift“ bekannt ist. Auffällig ist, dass zur Hervorhebung von Namen und Titel jeweils eine andere Schriftart verwendet worden ist, welche der heute übli- chen Schreibschrift ähnlich sieht. Das Textbild wird einzig am Ende des ersten Abschnitts durch das durchgestrichene Adjektiv „mitfolgenden“ gestört. Der entsprechende Satz endet mit dem Verweis, dass die „unserer Direktion zur Erledigung überwiesenen Beschwerde […] sich […] unter Hinweisung auf die mitfolgenden16 Akten dahin vernehmen“17 lasse. Aufgrund der Tatsache, dass sich das Adjektiv reibungslos in den Satz integrieren lässt, gehe ich davon aus, dass es erst nachträglich durchgestrichen worden ist und nehme nicht an, dass sich der Autor verschrieben hat. Warum die Akten nicht mitfolgen, also beigelegt werden konnten, ist unklar.

[...]


1 Vgl. Ulrich, Anita: Bordelle, Strassendirnen und bürgerliche Sittlichkeit in der Belle Epoque. Eine sozialgeschichtliche Studie der Prostitution am Beispiel der Stadt Zürich, Zürich 1985 (Mitteilungen der Antiquarischen Gesellschaft in Zürich 52/3, 149. Neujahrsblatt), S. 124.

2 Vgl. Lüssi, Sarah: Die Zigarreusen. Ein Stück Zürcher Prostitutionsgeschichte, in: Philip Sarasin/Regula Bochsler/Patrick Kury (Hg.): Wertes Fräulein, was kosten Sie? Prostitution in Zürich 1875 - 1925, Baden 2004, S. 70.

3 Vgl. Ebd., S. 70.

4 Ulrich, Bordelle, S. 44.

5 Vgl. Lüssi, Zigarreusen, S. 70.

6 Stadtarchiv Zürich, Abt. V., Ec No. 34.1: Verordnung betreffend die Verfolgung der Prostitution im Innern von Häusern vom 5. Dezember 1882.

7 Vgl. Lüssi, Zigarreusen, S. 69-70.

8 Vgl. Ebd., S. 65.

9 Verordnung betreffend die Verfolgung der Prostitution im Innern von Häusern vom 5. Dezember 1882.

10 Ebd.

11 Vgl. Lüssi, Zigarreusen, S. 65.

12 Vgl. Stadtarchiv Zürich, Abt. V., Ec No. 34.1: Antwortbrief des Polizeidirektors an den Stadtrat vom 18. September 1888.

13 Vgl. Ulrich, Bordelle.

14 Vgl. Antwortbrief des Polizeidirektors an den Stadtrat vom 18. September 1888.

15 Ebd.

16 Meine Hervorhebung; im Originaltext durchgestrichen.

17 Antwortbrief des Polizeidirektors an den Stadtrat vom 18. September 1888.

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Umgang der Justiz mit professioneller Prostitution in Zürcher Zigarrenläden 1880 - 1900
Untertitel
Das Beispiel der Zigarreuse Josefine Meier
Hochschule
Universität Zürich  (Historisches Seminar)
Veranstaltung
Proseminar II
Note
"keine"
Autor
Jahr
2007
Seiten
11
Katalognummer
V174593
ISBN (eBook)
9783640950942
ISBN (Buch)
9783640950010
Dateigröße
482 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Zürich, 1880 - 1900, Zigarreusen, Prostitution, Sexualgeschichte
Arbeit zitieren
M.A. Manuel Irman (Autor), 2007, Umgang der Justiz mit professioneller Prostitution in Zürcher Zigarrenläden 1880 - 1900, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/174593

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Umgang der Justiz mit professioneller Prostitution in Zürcher Zigarrenläden 1880 - 1900


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden