Der Kibbuz und seine Ideologie

Wohin geht die Kibbuz-Bewegung?


Bachelorarbeit, 2011
31 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Was ist ein Kibbuz?
2.1. Wesentliche Merkmale des Kibbuz
2.2. Abgrenzung des Kibbuz

3. Historische Entwicklung der Kibbuzim
3.1. Frühe Formen der Kibbuzim
3.2. Entstehung der spezifischen Ausprägung der Kibbuzim

4. Kibbuzim und Sozialismus
4.1. Zum theoretischen Konstrukt des Sozialismus
4.2. Zum real existierenden Sozialismus

5. Kibbuzim und Kommunismus
5.1. Zum theoretischen Konstrukt des Kommunismus
5.2. Zum Kommunismus in der Praxis

6. Kibbuzim und Marxismus

7. Kibbuzim und Zionismus

8. Kibbuzim und andere Ideologien
8.1. Soziale Demokratie
8.2. Kapitalismus
8.3. Liberalismus
8.4. Anarchismus

9. Zielsetzungen
9.1. Bestimmung der Ideologie
9.2. Systematisierung der Ziele
9.3. Erfolge und Misserfolge

10. Conclusio

11. Quellen
11.1. Monographien und Sammelwerke
11.2. Onlinequellen

1. Einleitung

Seit der Entstehung des ersten Kibbuz im Jahre 1909 machten jene Kollektive immer wieder von sich reden, sei es nun im Sinne einer historischen Analyse der Bedeutung der Kibbuzim für die Entwicklung der israelischen Kultur und Wirtschaft (Vgl. z.B. Darin-Drabkin, 1967: 267-288), eines Hinterfragens des entwicklungspsychologischen Sinns der kollektiven Erziehung (Vgl. z.B. Bettelheim, 1969: 271-297) oder einer Beurteilung des Erfolgs oder Misserfolgs beim Erreichen der ökonomischen Ziele (Vgl. z.B. Kanovsky, 1966: 137-139 oder Buber, 1983: S.25-37). Dabei wird von einem bestimmten Bild eines Kibbuzim ausgegangen, welches Kenntnisse und Annahmen über gesellschaftliche, ökonomische und politische Strukturen jener Komplexe enthält.

So hört man zur Beschreibung der politischen Ideologie der israelischen Kibbuzim von unterschiedlich qualifizierter Seite Termini wie sozialistisch, kommunistisch oder marxistisch. Gleichzeitig aber scheinen einige Aspekte so gar nicht in diese Schemata zu passen oder aber jene zu revolutionieren. Dies schien mir Grund genug, eine auf inhaltsanalytischer Lektüre wissenschaftlicher Literatur basierende Arbeit der Frage zu widmen, wie die ideologische Ausrichtung der Kibbuzim nun einzuordnen ist, wie die exakte Ausprägungsform zu beschreiben ist und welche spezifischen Ziele mit der Errichtung der Kibbuzim verfolgt wurden und werden. Der Begriff der Ideologie soll dabei entsprechend der nüchternen und sehr allgemein gehaltenen Definition von „Vorstellungen und Meinungen über die soziale und politische Wirklichkeit der Gesellschaft“ (Drechsler et al, 2003: S.472) verwendet werden.

Selbstredend ist hierzu zunächst eine Beschreibung der wichtigsten Merkmale eines Kibbuz vorzunehmen, was auch eine Abgrenzung von anderen, ähnlich erscheinenden Begriffen beinhalten soll, um Verständnisschwierigkeiten und Verwechslungen vorzubeugen. Im Folgenden ist die historische Entwicklung der Kibbuzim kurz zu beleuchten. Dies ist insbesondere darin begründet, dass sich mit dem im Laufe des letzten Jahrhunderts aufgetretenen Wandel der Kibbuzim selbstredend auch ihre ideologische Ausprägung veränderte. Die darauffolgenden Kapitel bilden den Mittelpunkt der Arbeit: Anhand der oben festgestellten Merkmale soll hier ein Abgleich der Kibbuz-Bewegung mit verschiedenen Ideologien stattfinden. Aufgrund der besonderen Häufigkeit solcher Attribute steht der Vergleich mit dem Sozialismus, dem Kommunismus, dem Marxismus und dem Zionismus im Zentrum, während ferner liegende Ideologien gemeinsam im achten Kapitel auf ihre Ähnlichkeiten und Unterschiede mit der Kibbuz-Bewegung überprüft werden. Hierunter zählt das Konzept der Sozialen Demokratie, jenes des Anarchismus, des Kapitalismus und des Liberalismus. Notwendigenfalls werden hier die erworbenen Kenntnisse des historischen Hintergrunds dazu verwendet, ideologische Veränderungen zu beschreiben. Eine schlussfolgernde Antwort auf die Frage nach der ideologischen Ausrichtung der Kibbuzim soll in der Folge auch die dementsprechenden Zielsetzungen zusammenfassen und einen kurzen Einblick in Erfolg und Misserfolg bei dem Versuch, diese zu erreichen, geben. Abschließend sollen Relevanz und offene Fragen der Arbeit beleuchtet werden.

2. Was ist ein Kibbuz?

2.1. Wesentliche Merkmale des Kibbuz

Zu Beginn des dritten Jahrtausends gab es in Israel 270 Kibbuzim, welche immerhin 4 % der jüdischen Bevölkerung beherbergten. (Vgl. Drechsler et al, 2003.: S.541) Um eine erste Klassifikation eines Kibbuz vorzunehmen, sind wir versucht, einen solchen als eine bestimmte Form einer Siedlung, die zunächst in Palästina, dann in Israel errichtet wurde, zu beschreiben, was, zumindest im deutschen Sprachgebrauch, nicht als vollkommen falsch eingestuft werden kann. Um aber Verwechslungen mit den israelischen, aufgrund des politischen Konfliktpotenzials bedeutsamen, Siedlungen in Gebieten wie dem Westjordanland und dem Gaza-Streifen vorzubeugen – eine Problematik, auf welche im Folgenden noch genauer eingegangen wird - sollte dieser Begriff vermieden werden. Aus dem Hebräischen übersetzt bedeutet das Wort Kibbuz Versammlung (Vgl. Darin-Drabkin, 1967: S.15). In Anlehnung hierauf sowie in Bezug auf sozialistisches Gedankengut ist die passendste Beschreibung eines Kibbuz daher die eines Kollektivs. Hierauf aufbauend wird auch das wesentlichste Merkmal jener Komplexe deutlich: sie basieren auf der idealistischen Idee von Gleichheit und Gerechtigkeit sowie von einer gewissen Auflösung des Individuums (Vgl. ed.). In Protest gegen die pluralistische Differenzierung der damaligen Gesellschaft – Buber spricht von einer „atomizing society“ (1983: S.25) – und gegen die kapitalistische Revolution sollte ein kommunales Zusammenleben geschaffen werden, in der sich das Individuum eingebettet in eine Gemeinschaft wiederfinden würde. (ed.: S.26)

Damit verbunden ist eine ganz spezifische sozioökonomische Struktur. Kapitalistische Formen von Produktion und Konsum wären völlig inadäquat, da sie stets auf Entscheidungen, Zielen und Tätigkeiten des Einzelnen basieren. Stattdessen wollte man ein kooperatives System, welches auf einer Kollektivierung sämtlicher Formen der Produktion – also neben der Landwirtschaft auch der Industrie und des Handwerks – und der Konsumption basierte. Dies allerdings sollte auf rein freiwilliger Basis, dem Gemein- und dem Eigenwohl dienend, geschehen. (Vgl.: Kanovsky, 1966: S. 3) Sowohl Produktion als auch Konsum sind in zahlreiche weitere Sektoren gegliedert, die jeweils von einem einzelnen Manager oder einer einzelnen Managerin organisiert werden. Wie genau jene Sektoren unterteilt sind, unterliegt den spezifischen Bedingungen im Kibbuz. (Vgl. ed.: S.24) Die einzelnen Personen führen darüber hinaus nicht nur Tätigkeiten in einem einzigen Sektor aus: Die Arbeit, darunter auch die Kindererziehung, werden traditioneller Weise anhand eines Rotationsprinzips auf die Kibbuznikim aufgeteilt. (Vgl. Nguyen, 2008)

Prinzipiell war die Idee der Kibbuz-Bewegung die, dass das gemeinsame Arbeiten auch ein gemeinschaftliches Leben zur Folge haben sollte. Der tiefgreifende Grundsatz der Gemeinschaftlichkeit scheint aber heute an vielen Stellen zumindest geringfügig aufgebrochen zu sein. So wird heute die Familie, deren Gründung noch vor einigen Jahrzehnten als Bedrohung für das Kollektiv angesehen und misstrauisch beäugt wurde, als Keimzelle der Gesellschaft anerkannt und sogar gefördert. Auch wird – ebenfalls im Gegensatz zu den Anfängen der Kibbuzim – die Privatsphäre der Familie weitgehend geachtet. (Vgl. Darin-Drabkin, 1967: S.159-160) Die Kinder der Kibbuznikim aber wachsen gemeinsam in Kinderhäusern auf, wo sie kollektiv erzogen werden. Die Kinderhäuser sind das Resultat des Glaubens daran, dass Selbstsucht und der Wunsch nach Privateigentum und Erfolg sozialisiert sind. Die Kibbuz-Kinder aber sollten ohne jene Gedanken, ohne jene, der Gemeinschaft schadenden, Empfindungen aufwachsen. In der Folge würden sie quasi unfähig sein, ein ungerechtes System wie jenes des Kapitalismus zu entwickeln oder zu genießen. Dass dies modernen psychologischen und biologischen Erkenntnissen in nicht nur einer Hinsicht widerspricht, soll hier nicht weiter diskutiert werden. (Vgl. Mertins, 2009) Entgegen zahlreicher Behauptungen wird in den kollektiven Kindererziehungsheimen aber prinzipiell sehr wohl darauf geachtet, dass enge Bande zwischen Eltern und Kindern aufrecht erhalten werden. Es kann jedoch auch hier die gerechtfertigte Frage gestellt werden, inwiefern dies überhaupt von Erfolg gekrönt sein kann. Die weiterführende Ausbildung der Kinder, die durch ausgebildete Fachkräfte vollzogen wird, wird gleichfalls als ein Produktions- und Konsumgut gesehen, welches daher kollektiv produziert wird. (Vgl. ed.: S.134)

Die politische Organisation im Sinne einer starken Basisdemokratie erscheint sehr modern, gar innovativ: Eine Generalversammlung, welche gesetzmäßig die höchste Position im politischen System inne hat, kann bezüglich der Aufgaben und Rechte als das Pendant zu unserem Parlament gesehen werden, ist im Gegensatz zu jenem aber kein gewählter Ausschuss, sondern – ganz im Sinne einer überdurchschnittlich stark ausgeprägten Direktdemokratie - ein wöchentlich stattfindendes Ereignis, während welchem jeder Bürger und jede Bürgerin in egalitärem Ausmaß Entscheidungen über aktuelle Fragen treffen kann (Vgl. Saltman, 1983: 127-128). Hier werden auch in jährlich stattfindenden Wahlen VertreterInnen des Sekretariats, welches wiederum im Wesentlichen als das Äquivalent einer Bundesregierung gesehen werden kann, und Funktionäre gewählt. Das Sekretariat wiederum besitzt faktisch die größte Entscheidungsmacht und ist, unserem System entsprechend, in unterschiedliche Ministerien gegliedert. Einer jener beiden Akteure von herausragender Bedeutung – entweder die Generalversammlung oder, üblicher, das Sekretariat – wählt im Übrigen auch die ManagerInnen und hat damit indirekten Einfluss auf die Gestaltung der Wirtschaft. Des Weiteren werden von der General Assembly unterschiedliche Komitees gewählt, die mit unseren (Experten-)Ausschüssen vergleichbar sind. Starke Bekanntheit hat beispielsweise jenes für wirtschaftliche Fragen erlangt. Insgesamt kann trotz dieser periodischen Wahlen von großer Stabilität ausgegangen werden, da die Personen, die genügend Erfahrung und Kompetenz besitzen, um solch bedeutsame Aufgaben zu übernehmen, in den meist eher kleinen Kibbuzim rar gesät sind, was Wiederwahlen häufig macht. (Vgl. Kanovsky, 1966: S.24-25)

Die Kollektive besitzen nicht nur eine raffinierte interne Organisation, sondern sind auch zu unterschiedlichen Föderationen zusammengeschlossen, die geringfügig voneinander abweichende ideelle und politische Ansichten vertreten. Jene besitzen, aufgrund der Beziehungen zu gewissen Parteien, durchaus auch israelweit einen gewissen politischen Einfluss. Kanovsky (1966, S.28) beschreibt die Aufgaben jener Föderationen wie folgt: „The authority [...] includes the distribution of manpower to their constituent settlements, the development of new settlements, the right to impose a `tax´ on manpower, the granting of credit and many other activities.” Sowohl innerhalb als auch zwischen den einzelnen Kibbuzim gibt es also eine deutliche Hierarchie und eine reglementierende Macht. Jedoch kann die verfrühte und unvollständige Annahme einer überdurchschnittlich starken Machtkonzentration insofern ad acta gelegt werden, als jene Macht – wenn auch Missbrauch natürlich nie ausgeschlossen werden kann – in der Norm nicht mit persönlicher Bereicherung in Verbindung steht. Die oben genannte „tax“ beispielsweise bezieht sich nicht auf monetäre Abgaben, sondern auf das Leisten bestimmter Arbeiten außerhalb des eigenen Kibbuz zum Wohle der Gemeinschaft. Die Köpfe der Föderationen also geben dem System Struktur und Ziele, profitieren aber, per definitionem, nicht finanziell hiervon. (Vgl. ed.)

Jene hierarchische Struktur sollte auch keineswegs mit dem Aufkommen eines Klassensystems verwechselt werden, denn staatsbürgerliche, politische und soziale Rechte sind in den Kibbuzim völlig gleich verteilt. Sehr wohl gibt es zwar gewisse Unterschiede in Bezug auf das Prestige einzelner BürgerInnen. Das Ansehen jener kann nämlich durch Aktivitäten, die dem Gemeinschaftswohl dienen, deutlich erhöht werden. Dies hat aber keinen Einfluss auf die Rechte der jeweiligen Person. (Vgl. Saltman, 1983: S.127-128)

Es ist, angesichts der deutlichen Unterschiede zum Rest Israels, klar, dass auch Rechtsprechung und Rechtsetzung – abgesehen von bestimmten Grundrechten - mehr oder minder unabhängig vom Gesamtstaat erfolgen. Jeder Kibbuz besitzt ein eigenes Dokument zum „common law“, in welchem aber keine formellen Gesetze im herkömmlichen Sinn, sondern viel mehr internalisierte Normen festgehalten werden. Im Allgemeinen ist im General Assembly sowohl Juridikative als auch Legislative vereint. Genaue Aussagen über Funktion und Kompetenz jener Nationalversammlung werden aber selten getätigt: So ist beispielsweise ein mit Sanktionen verbundenes Urteil nicht vorgesehen. Jenes ungewohnte und seltsam anmutende Rechtssystem ist erneut nur mit dem Gedanken zu verstehen, dass die Organisation der Kibbuzim auf Freiwilligkeit und bewussten, individuellen Entscheidungen für das gemeinschaftliche Zusammenleben basiert. (Vgl. ed.: 128-129) Es kann außerdem davon ausgegangen werden, dass Verstöße gegen gemeinsame Normen innerhalb solch kleiner Gruppen effektiv durch Ausschluss und Missachtung geahndet werden.

2.2. Abgrenzung des Kibbuz

Der Begriff des Kibbuz wird häufig – nicht selten aufgrund der undifferenzierten Berichterstattung in den Medien - mit anderen, spezifische Gemeinschaften beschreibenden Termini verwechselt.

Zum einen ist eine ganz klare Unterscheidung zu den israelischen Siedlungen zu treffen, welche sich seit dem Sechs-Tage-Krieg 1967 in Gebieten, die nicht als israelisches Staatsgebiet anerkannt waren wie sind, kontinuierlich gebildet haben. Sie befinden sich unter anderem im Westjordanland und in den Golanhöhen. Die Legitimität der Siedlungen, deren Baustopp oder aber Abriss immer wieder als Bedingung für weiterführende Verhandlungen zwischen Israel und den palästinensischen Vertretern gehandelt wurde, ist umstritten bis nicht gegeben, worin ihr starkes Konfliktpotenzial begründet liegt.

Im Gegensatz hierzu sind die Baugründe, auf denen die Kibbuzim errichtet wurden, rechtmäßig erworben worden und befinden sich heute auf israelischem Staatsgebiet. Weder kann ihre Existenz als Provokation palästinensischer AraberInnen angesehen werden, noch kann ihre grundsätzliche Vereinbarkeit mit den völkerrechtlichen Normen angezweifelt werden. Die Kibbuzim beschreiben lediglich eine bestimmte Ausformung einer kollektiven Gemeinschaft. (Vgl. Sahm, 2009)

Darüber hinaus ist eine Unterscheidung zwischen den Kibbuzim und den Kolchosen der realkommunistischen Sowjetunion zu treffen, wenn es auch naheliegend scheint, eine Verbindung zu ziehen. Die Kolchosen sind landwirtschaftliche Großbetriebe, welche zunächst auf Freiwilligkeit basierten und mit Selbstverwaltungsbefugnissen ausgestattet waren, später aber, da nicht ausreichend Zustrom zu den Betrieben ersichtlich war, aus zwangsweise zusammengeschlossenen bäuerlichen Betrieben bestanden. (Vgl. Holtmann, 2000: S.305)

Im Vergleich hierzu ist das oberste Prinzip der Kibbuzim die Freiwilligkeit geblieben. Ansonsten würde die Organisation, die, wie erwähnt, zum Beispiel das strafrechtliche Ahnden einer Missetat kaum vorsieht, niemals funktionstüchtig sein. Zudem entstanden die Kibbuzim aus einer impliziten Ideologie und Gesellschaftstheorie heraus- während die Kolchosen letztlich primär der Partei Profit einbringen sollten, was ab 1929 offensichtlich wurde. Eine weitere Differenz könnte man darin sehen, dass die Kolchosen rein landwirtschaftlich waren, während die getätigte Arbeit in den Kibbuzim sich über alle Sektoren erstreckt. Allerdings kann dies auch mit dem Zeitgeist erklärt werden: denn die deutliche Industrialisierung, deren Produkte in den Kibbuzim heute offensichtlich sind, setzte erst lange nach der Gründung der ersten gemeinschaftlich organisierten Kollektive ein.

Nur kurz hinzugefügt soll werden, dass auch die Sowchosen weit entfernt von der Struktur der Kibbuzim sind. Jene entstanden ebenfalls in der Sowjetunion, können mit heutigen Begriffen aber beinahe unter staatskapitalistischen Phänomenen eingeordnet werden. Besitz und Boden befinden sich vollständig in Staatseigentum, während die BewohnerInnen den „Status von Lohnarbeitern [sic!]“ (ed.: S.627) besitzen. (ed.) Weder Staatseigentum noch Lohnarbeit sind in dieser Form mit dem Bild eines Kibbuz zu vereinbaren.

Zuletzt sei noch ein Vergleich zu einem anderen, in Israel existierenden Phänomen zu ziehen: den Moshavim. Vom herkömmlichen System unterscheiden sie sich durch sehr starke Kooperationen bei Vermarktung und Verkauf. Privatbesitz existiert also. Die Moshavim sind insofern kooperative Siedlungen, welche jedoch – und hier liegt der große Unterschied zu den Kibbuzim - nicht kollektiv organisiert sind. In der Folge sind auch die anderen Merkmale der Kibbuzim, welche auf der starken Gemeinschaftlichkeit basieren, nicht oder in abgeschwächtem Ausmaß enthalten. (Vgl. Kanovsky, 1966: S.7-8)

3. Historische Entwicklung der Kibbuzim

3.1. Frühe Formen der Kibbuzim

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts herrschten im damaligen Palästina de facto noch feudale Zustände. In Reaktion hierauf entstanden die ersten kollektiven Siedlungen. In den Gruppen, in denen psychologische Effekte dahingehend wirkten, dass Gefühle von Stärke und Sicherheit verstärkt wurden, versuchte man, die harten Bedingungen durch Zusammenarbeit und gegenseitige Hilfe zu durchstehen. Ein Umfeld von Non-Dominanz und Gleichheit entstand zwangsläufig. (Vgl. Darin-Drabkin, 1967: S.57-58)

Der erste Kibbuz entstand im Jahr 1909 als Experiment, welches angesichts heftiger Streitigkeiten zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern auf einer staatseigenen Farm initiiert wurde. Ein Teil des Gebiets wurde den ArbeiterInnen quasi zur Pacht übergeben. Die Bebauung erfolgte anfangs nur durch sieben Personen, welche alle den gleichen Lohn von einer Siedlungsgesellschaft bekamen. Was sie erwirtschafteten, blieb aber nur zum Teil in ihren eigenen Händen. In den darauffolgenden Jahren entwickelte sich das Projekt weiter: andere Siedler kamen hinzu, die landwirtschaftliche Produktion wurde auf weitere Gebiete ausgeweitet, Häuser wurden erbaut. (Vgl. ed.: S.64-65)

In der Folge entstand die ökonomische und soziale Struktur, die wir heute von den Kibbuzim kennen. Der Genossenschaftsgedanke entstand und dehnte sich alsbald auf die Wirtschaft aus. Das neue System einer gemeinschaftlichen Organisation von Produktion und Konsum hatte zum damaligen Zeitpunkt insbesondere auf die Landwirtschaft Einfluss. Schon bald war innerhalb dieses Sektors der Ertrag höher als in herkömmlichen, privaten Betrieben. (Vgl. ed.: 61-62)

Das Experiment war erfolgreich, andere Kibbuzim folgten. Sie waren damals in unterschiedlicher Hinsicht kaum vergleichbar mit den heutigen Kollektiven. Zum einen waren sie deutlich kleiner und umfassten in der Regel nur 10 bis 15 Leute, zum anderen waren sie in der Regel nicht von Dauer. Weiterhin wurden die Kibbuzim nämlich nicht als Wohnorte, sondern als landwirtschaftliche Betriebe gesehen, in welchen egalitär behandelte LohnarbeiterInnen für eine befristete Zeit arbeiteten und welche sie anschließend, nach Ablauf ihres Vertrages, wieder verließen. (Vgl. ed.: S.64-65)

Während zu Beginn des Ersten Weltkrieges 14 jener Gruppen bestanden, bekam die Bewegung durch die schlechten Bedingungen während des Krieges, denen man entfliehen wollte, Aufschwung. Das Misstrauen gegen die BewohnerInnen war jedoch groß: Regelmäßig fanden Durchsuchungen statt, um Waffen und illegales Gut aufzuspüren. Es gab darüber hinaus keine Sicherheit über Erteilung und Dauer von Baubewilligungen. (Vgl. ed.: S.65)

Es ist offensichtlich, dass die damalige Struktur eines Kibbuz noch in mancher Hinsicht von dem abwich, was wir heute als einen solchen definieren. Alleine die Tatsache, dass die Kollektive zweckorientiert und vorübergehend waren, dass die Kibbuzim also immer noch ein Teil des gesamtisraelischen Systems waren, verhinderte die Entstehung der oben beschriebenen politischen und sozioökonomischen Merkmale. Selbstredend muss hier auch von Differenzen in Ideologien und Zielsetzungen ausgegangen werden.

3.2. Entstehung der spezifischen Ausprägung der Kibbuzim

Ab den 1920ern begann sich die spezifische Organisationsform der Kibbuzim langsam herauszubilden. Weder an der Anzahl der Gruppen noch an ihrer Stabilität hatte sich zu diesem Zeitpunkt besonders viel geändert, doch aufgrund der Balfour-Erklärung, die ein jüdisches Territorium als Intention angab, konnten erste autonome jüdisch-israelische Institutionen gebildet werden, welche durchaus daran interessiert waren, die jüdischen Kollektive zu fördern. Auch die steigende Einwanderung und der anhaltende Landkauf wirkten positiv auf die rasante Weiterentwicklung der Kibbuzim ein. (Vgl. Darin-Drabkin, 1967: S.66)

Trotz gleichzeitiger Probleme, wie zum Beispiel einer zeitweiligen Deflation, fasste die Kibbuz-Bewegung also Fuß. Von dieser organisiert fanden ab 1920 regelmäßig Landeskonferenzen statt, auf denen unter anderem angestrebt wurde, einen Dachverband für mehrere dieser Kollektivsiedlungen zu bilden. Letztlich entstanden drei solcher Verbände, die unterschiedliche Weltanschauungen vertraten, sich mit der Zeit aber immer weiter anglichen. Jene Landesverbände hatten großen Einfluss auf die Gestaltung des gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Lebens in den Kibbuzim. Sie brachten viel Energie auf, um die Zuwanderung zu den Kollektiven zu propagieren, die Jugend zu mobilisieren und das Wachstum aufrecht zu erhalten. (Vgl. ed.: S.69-70)

Nach 1936 vermehrten sich die Kibbuzim exponentiell. Unter anderem geschah dies, um Arabern und Araberinnen dabei zuvorzukommen, unbebautes Gebiet zu besetzen. Die Kollektive etablierten sich über die darauffolgenden Jahre hinweg. Die Priorität der Gemeinschaft vor dem Individuum, die Werte von Gleichheit und Gemeinsamkeit, die spezifische Stellung von ArbeiterInnen und Arbeit – dies alles wurde als Teil der Kibbuzim angenommen und verteidigt. Aus den Zweckbündnissen wurde ein alternatives Gesellschaftsmodell mit oben beschriebenen Merkmalen. (Vgl. ed.: S.74)

[...]

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Der Kibbuz und seine Ideologie
Untertitel
Wohin geht die Kibbuz-Bewegung?
Hochschule
Universität Wien  (Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Israel - Politisches System und politische Entwicklungen
Note
1
Autor
Jahr
2011
Seiten
31
Katalognummer
V174640
ISBN (eBook)
9783640951147
ISBN (Buch)
9783640950300
Dateigröße
555 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kibbuz, Sozialismus, Ideologie
Arbeit zitieren
Claudia Liebeswar (Autor), 2011, Der Kibbuz und seine Ideologie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/174640

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