Japans Bevölkerungsproblem

Japans Bevölkerung schrumpft immer schneller. Welche Ursachen und Auswirkungen hat dies und was wird dagegen unternommen?


Seminararbeit, 2011

21 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

ABSTRACT

1. EINLEITUNG

2. ANZEICHEN DES BEVÖLKERUNGSPROBLEMS

3. URSACHE DES DEMOGRAPHISCHEN WANDELS
3.1 ANSTIEG DER UNVERHEIRATETEN ALS HAUPTURSACHE
3.2 HISTORISCHE DARSTELLUNG
3.3 KEIN PASSENDER PARTNER
3.3.1 Einkommens- und Arbeitsmarktentwicklung
3.3.2 Soziale Entwicklung
3.4 KINDER ALS KONSUMGUT
3.5 WERT DER FREIHEIT
3.6 „PARASITEN-SINGLES“
3.7 HOHE HEIRATSKOSTEN
3.8 VERRINGERUNG DER GESCHWISTERANZAHL
3.9 ABWESENHEIT VON PRO-NATALISTISCHER POLITIK

4. AUSWIRKUNGEN
4.1 LOHN-PREIS-SPIRALE
4.2 RENTENKASSEN
4.3 STAATSVERSCHULDUNG

5. MASSNAHMEN
5.1 FAMILIENPOLITIK
5.2 RENTENREFORM
5.3 AUSLÄNDERPOLITIK

6. SCHLUSSWORT

LITERATURVERZEICHNIS

Abstract

Japan ist die am schnellsten alternde Gesellschaft. Der demografische Wandel beruht v.a. auf dem stetigen Anstieg der Unverheirateten und des Erstheiratsalters. Die Ursachen für das veränderte Heiratsverhalten sind, dass viele Japanerinnen aufgrund der Einkommens- und sozialen Entwicklung keinen passenden Partner finden, sich der Wert eines Kindes und der von Freiheit geändert haben, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf gering ist, die Heiratskosten verhältnismässig hoch sind, sich die Geschwisteranzahl in den Familien verringert hat und es nahezu keine pro-natalistische Politik gibt. Die Auswirkungen der Bevölkerungsproblematik sind weitreichend und nicht exakt vorhersagbar. Wahrscheinlich sind aber eine Lohn-Preis- Spirale, eine Unterfinanzierung der Rentenkassen sowie steigende Zinsen für die Haushaltsfinanzierung. Um der demografischen Entwicklung entgegenzuwirken, wurden verschiedene Gesetze, eine Rentenreform und ein eigenes Ministeramt eingeführt. Darüberhinaus wird eine Änderung der Ausländerpolitik als eine effektive Massnahme diskutiert.

1. Einleitung

Nichts in der Geschichte des Lebens ist best ä ndiger als der Wandel.

- Charles Darwin -

In vielen Industrienationen vollzieht sich derzeit ein gesellschaftlicher Wandel. Die Lebenserwartung steigt, aber die Geburtenraten sinken. Die Frage nach den Ursachen dieser Entwicklung am Fall Japan ist relevant, da es als die am schnellsten alternde Gesellschaft allen anderen schrumpfenden Nationen zeitlich voraus ist und diese somit von Japan lernen können. Die vorliegende Arbeit richtet ihren Fokus auf die gegenwärtige Situation und die Gründe dafür. Wie die Katastrophe in Fukushima gezeigt hat, ist die Zukunft nicht immer determinierbar. Deshalb sollen Kapitel vier und fünf eher der Anregung einer fruchtbaren Diskussion denn für konkrete Aussichten und Lösungsstrategien dienen.

2. Anzeichen des Bevölkerungsproblems

Japan ist die am schnellsten alternde Gesellschaft.1 Das Durchschnittsalter liegt bei 44.7 Jahren2 und die Lebenserwartung bei 83.2 Jahren3. Diese beiden Werte sind die höchsten der Welt, wohingegen die Geburtenrate mit 1.3 (siehe Abb. 8) zu den niedrigsten aller hochentwickelten Nationen gehört.4 In den kommenden Jahren wird sich Japans Gesellschaftsstruktur massiv ändern. Wie in Abbildung 1 zu erkennen ist, wird die Bevölkerung in den nächsten 40 Jahren von 127 auf 95 Millionen, also um 25%, abnehmen.5 Dadurch wird sich die Zahl der arbeitsfähigen Bevölkerung (15-64 Jahre) bis 2050 von ca. 90 auf 50 Millionen verringern (siehe Abb. 2). Zu diesem Zeitpunkt werden dann vier von zehn Japanern über 65 Jahre alt sein.6

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Bevölkerung und Bevölkerungswachstum7

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Arbeitsfähige Bevölkerung8

Zunächst soll geklärt werden, welche Ursachen diese Entwicklung hat, um anschliessend auf die Auswirkungen dieser alarmierenden Zahlen für die Wirtschaft und Gesellschaft Japans sowie auf Massnahmen einzugehen.

3. Ursache des demographischen Wandels

3.1 Anstieg der Unverheirateten als Hauptursache

In Japan scheint Ehe eine Voraussetzung zu sein, um Kinder zu bekommen. Gerade einmal 2% aller Geburten sind ausserehelich.9 Verbunden mit der Tatsache, dass die Geburtenrate der Verheirateten in den vergangenen Jahrzehnten relativ konstant bei 2.2 liegt,10 liegt der logische Schluss nahe, dass der Geburtenrückgang und damit die Ursache des demographischen Wandels Japans grösstenteils durch einen Anstieg der Unverheirateten zu erklären ist. In der Tat nimmt deren Anzahl stetig zu. Die Zahl der Unverheirateten 20 bis 30 Jährigen hat sich in den letzten 30 Jahren verdreifacht.11 Was aber sind die Gründe für das veränderte Heiratsverhalten?

3.2 Historische Darstellung

Die geburtenstarken Jahrgänge nach dem 2. Weltkrieg zogen damals vom Land in die Stadt, um eine Ausbildung, ein Studium oder eine Anstellung zu finden. Dazu mussten sie ihr Elternhaus verlassen, um am Wirtschaftsaufschwung in den Grossstädten teilzunehmen. 1972 ist das Jahr mit der höchsten Zahl an Eheschliessungen nach dem Krieg, da die Kinder der „Baby-Boomer“ gerade das Heiratsalter erreichten. In dieser Zeit entwickelte sich auch das verbreitete Modell der Kernfamilie (Vollzeithausfrau, vollarbeitender Ehemann und zwei Kinder).

Zur Zeit des hohen Wirtschaftswachstums nach dem Krieg erhöhten sich die Einkommen kontinuierlich, was zu mehr materiellem Wohlstand führte. Ferner hatten die Familienväter ein hohes soziales Prestige innerhalb der Firma.12 Seit der ersten Ölkrise 1973 mit folgender Periode geringen wirtschaftlichen Wachstums nimmt das durchschnittliche Erstheiratsalter bis heute kontinuierlich zu (siehe Abb. 3). Es scheint einen Zusammenhang zwischen wirtschaftlicher Entwicklung und dem Heiratsverhalten zu geben.

Aber nicht nur Männer, sondern auch Frauen hatten neben der ökonomischen Besserstellung (durch einen immer besser verdienenden Ehemann) einen sozialen Anreiz zur Heirat bzw. zur Familiengründung: Hypergamie bezeichnet in der Soziologie den sozialen Aufstieg durch Heirat und bezieht sich vor allem darauf, dass man nach einem Heiratspartner sucht, der die Einkommens- und Bildungsverhältnisse der eigenen Familie übertrifft. Dieses Muster war in der Aufschwungs- und Urbanisierungszeit nach Kriegsende verbreitet. Junge Frauen, die erst Universität St. Gallen Kulturelle Kompetenz Japan im 21. Jahrhundert kürzlich vom Land in die Stadt gezogen waren, heirateten Männer mit Bildung und guten beruflichen Aussichten, die sich bereits in den Grossstädten niedergelassen hatten.13

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Durchschnittliches Erstheiratsalter in Japan14

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Gründe für Heiratsaufschub in Japan (Frauen 25-34 Jahre)15

3.3 Kein passender Partner

Der häufigste Grund, den Frauen heute angeben, weshalb sie nicht heiraten, ist, dass sie keinen passenden Partner finden (siehe Abb. 4). Dies hängt zum einen mit der sozialen Entwicklung und zum anderen mit der Entwicklung des Einkommens zusammen - in Verbindung mit einer anhaltenden weiblichen Hypergamie, die Marktforscher Atsushi Miura auch heute als statistisch nachgewiesen sieht: Während Männer mit Jahreseinkommen von 7-9 Millionen Yen zu fast 100% verheiratet sind, sind es bei 5 Millionen Yen Gehalt nur noch 78,3% und bei 3 Millionen gar nur 33.3%116

3.3.1 Einkommens- und Arbeitsmarktentwicklung

Negativ für die Entwicklung des Heiratsalters ist, dass besonders unter den jungen Männern die Arbeitslosenrate steigt und die Löhne sinken. Die Kinder der Baby-Boom-Generation werden gerade 40 Jahre alt, was zu einem grossen Anstieg der Positionen im mittleren Management führt. In Japan existiert eine vom Dienstalter abhängige Gehaltsauszahlung, was nun erhöhte Kosten für die Unternehmen zur Folge hat. Am Ende bleibt deshalb weniger Geld für die Jüngeren übrig, die sich am Anfang der Karriereleiter befinden.17 Entweder werden deren Gehälter gekürzt oder Stellen gestrichen, denn die meisten Betriebe wollen ihren Personalabbau intern verträglich gestalten und entlassen daher nicht ihre Belegschaft, sondern stellen keine oder nur sehr wenige neue Angestellte ein.18 In den letzten 20 Jahren stieg der Anteil der nicht fest angestellten 25-34 Jährigen von ca. 10% auf 25%.19 Die Beschäftigungsrate der 20-24 jährigen Männer ist von 1960 bis 2005 von 87.9% auf 67.5% gefallen.20 Bei abnehmenden Gehältern und zunehmender Arbeitslosigkeit (bzw. irregulärer Anstellung) mag die obige Aussage, dass es für Frauen immer schwieriger wird, einen „Familienernährer“ zu finden, nicht verwundern. Die Soziologin Michiko Miyamoto spricht in ihrer Studie sogar davon, dass die jungen Erwachsen Japans von einem sozialen Abstieg bedroht seien.21

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 5: Anteil der Kinder, die eine Betreuungseinrichtung besuchen22

3.3.2 Soziale Entwicklung

Doch auch die soziale Entwicklung trägt zum Trend des Heiratsaufschubs bei. Der japanische Soziologe und Demograph Makoto Atoh führt den Anstieg des Erstheiratsalters u.a. auf eine erhöhte Anzahl berufstätiger Frauen zurück.23 Ein höherer Bildungsabschluss erlaubt es Frauen, in qualifizierte Berufe einzusteigen, weshalb sie sich heutzutage nicht ausschliesslich über eine Heirat absichern können. Sakai sieht das Modell der Kernfamilie (siehe oben) deshalb als ein Auslaufmodell an.24

[...]


1 The Economist, 2010, S. 1

2 United Nations Developement Programme, 2010, S. 184

3 ebd., S. 143

4 ebd., S. 184

5 Statistics Bureau Japan, 2010, S. 10

6 The Economist, 2010, S. 1

7 National Institute of Population and Social Security Research, 2008, S. 6

8 The Economist, 2010, S. 4

9 The Economist, 2010, S. 12

10 Mason & Ogawa, 2001, S. 53

11 ebd., S. 53

12 Sodekawa, Hanashima & Morisumi, 2005, S. 29f.

13 Schad-Seifert, 2006, S. 17

14 ebd., S. 13

15 ebd., S. 16

16 Miura, 2005, S. 124f.

17 The Economist, 2010, S. 2, 13

18 Genda, 2005, S. 91

19 Statistics Bureau Japan, 2010, S. 136

20 National Institute of Population and Social Security Research, 2008, S. 99

21 Miyamoto, 2002, S.

22 Empter & Vehrkamp, 2006, S. 399

23 Atoh, 2000, S. 78

24 Sakai, 2003

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Japans Bevölkerungsproblem
Untertitel
Japans Bevölkerung schrumpft immer schneller. Welche Ursachen und Auswirkungen hat dies und was wird dagegen unternommen?
Hochschule
Universität St. Gallen
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
21
Katalognummer
V174647
ISBN (eBook)
9783640951765
ISBN (Buch)
9783640951574
Dateigröße
1226 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
japans, bevölkerungsproblem, japans, bevölkerung, welche, ursachen, auswirkungen
Arbeit zitieren
Caesar Dreyer (Autor), 2011, Japans Bevölkerungsproblem, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/174647

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