Essay: Genozid: Ein Problem der Knappheit?
In den letzten Jahrzehnten rückte die Diskussion über Ressourcen und ihre Endlichkeit immer mehr in das Interesse der Öffentlichkeit. Während der Fortschrittsglaube der Moderne technologische In- novationen als Allheilmittel für eventuelle Engpässe verbuchte 1 , ist inzwischen das Bewusstsein entstanden, dass Knappheit in der heutigen Weltwirtschaft zum elementaren Problem werden wird. Nachhaltigkeit ist in den westlichen Ländern zum zentralen Thema der Politik geworden, ein Ge- danke, der nur mit der Annahme funktioniert, dass in absehbarer Zeit Knappheit auch unseren Le- bensstandard beeinträchtigen wird. In Entwicklungs- und Schwellenländern bedroht Knappheit je- doch nicht den Wohlstand, sondern greift an die existenziellen Grundlagen des Lebens. Es geht um die 1. Stufe der Bedürfnisse, ganz nach Maslowscher Definition: Essen, Trinken, Gesundheit. Doch selbst wenn für diese Grundbedürfnisse gesorgt ist stellt Knappheit eine Gefahr für, um bei der Maslowschen Pyramide zu bleiben, die 2. Stufe dar: Sicherheit. Ressourcen wie fruchtbares Land oder Trinkwasser werden im Zustand der Knappheit Kristallisationspunkt für Konflikte.
Aber sind Knappheit und die eventuell daraus resultierenden Konflikte Ausdruck eines falsch kal- kulierten Wirtschaftssystems? Oder sind es die realen Folgen der Malthusschen Theorie? Wächst die Weltbevölkerung einfach zu schnell, so dass das Nahrungsmittelangebot nicht mithalten kann? Und muss es deshalb zwangsläufig zu Malthusschen „positive checks“ kommen, um das Verhältnis wieder in Einklang zu bringen?
Vielleicht kann man es als Auffälligkeit ansehen, dass in der Zeit nach dem Demographischen Wan- del, der die Bevölkerung Europas in die Höhe schnellen ließ aber auch durchaus Effekte in der rest- lichen Welt zeigte (wo er sich bis heute fortsetzt), es auch konzentriert zu Massen- und Völkermor- den in horrendem Ausmaß kam. In welchen Fällen spielte die Knappheit der Ressourcen eine Rolle? Lässt sich Knappheit als Einflussfaktor nachweisen oder spielen bei jedem Gewaltausbruch dieser Art zu viele Faktoren eine Rolle als dass man ein Schema ausmachen könnte?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Malthus und die Theorie des Bevölkerungswachstums
3. Das Zeitalter der Knappheit: Roger W. Smith
4. Globalisierung und Genozid: David Norman Smith
5. Empirische Überprüfung: Henrik Urdal
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die theoretische und empirische Kausalität zwischen Ressourcenknappheit und dem Auftreten von Genoziden. Dabei wird analysiert, ob Knappheit als Ursache, Mittel oder Folge von Völkermorden fungieren kann und inwieweit malthusianische Bevölkerungstheorien auf moderne Konfliktszenarien übertragbar sind.
- Theoretische Grundlagen des Malthusianismus
- Definition von objektiver, subjektiver und politischer Knappheit
- Die Rolle von Ressourcenknappheit im Genozid von Rwanda
- Empirische Regressionsanalysen zu Bevölkerungsdruck und Konflikten
- Kritische Reflexion über psychologische und künstliche Knappheit
Auszug aus dem Buch
Das Zeitalter der Knappheit
In dem ersten Essay, „Knappheit und Genozid“ von Roger W. Smith, das hier betrachtet werden soll, zerlegt der Verfasser die Beziehung und Wechselwirkung zwischen Knappheit und Genozid in ihre Bestandteile.
Zu erst geht es um die Definition von Knappheit. Tatsächliche materielle Not sieht Smith nicht als Grund für Genozide. Aber er unterteilt Knappheit in einen objektiven und einen subjektiven Aspekt. Der subjektive Aspekt bestehe aus der Divergenz zwischen Verlangen und Bedarf, wodurch eine künstliche Knappheit geschaffen würde. Diese sieht Smith als die Triebfeder wenn es um Genozide geht. Auf der objektiven Ebene unterteilt er das Problem abermals. Zum einen spricht er von Ressourcenverknappung, die durch Übernutzung der Ressourcen entsteht. Zum anderen von Knappheit auf Grund einer zu großen Bevölkerung. Das heißt selbst wenn man von einer Gleichverteilung der Güter ausgeht, kann Knappheit nicht verhindert werden, da effektiv zu viele Menschen existieren, als dass alle ihre Bedürfnisse befriedigen könnten. Also Knappheit im Malthusschen Sinne. Als dritte Form von Knappheit nennt Smith die politische Knappheit. Als solche kann man eine Situation beschreiben, in der reell Ressourcen in ausreichendem Maße vorhanden sind, es aber durch Ungleichverteilung zur Benachteiligung bestimmter Gesellschaftsgruppen kommt. Diese Art von Knappheit schreibt Smith im Besonderen pluralen Gesellschaften zu.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Problematik von Ressourcenknappheit im Kontext moderner Weltwirtschaft und deren potenzielle Gefährdung existentieller Lebensgrundlagen.
2. Malthus und die Theorie des Bevölkerungswachstums: Erörterung der Malthusschen Bevölkerungstheorie und der Definition von "positive checks" als Mechanismen zur Bevölkerungsregulierung, die Genozide als Extremform einschließen.
3. Das Zeitalter der Knappheit: Roger W. Smith: Analyse der differenzierten Definitionen von Knappheit (objektiv, subjektiv, politisch) und deren Rolle als Ursache, Mittel oder Folge von Genoziden.
4. Globalisierung und Genozid: David Norman Smith: Untersuchung der ökonomischen und politischen Hintergründe des Genozids in Rwanda unter Berücksichtigung von Ungleichheit und Ethnozentrismus.
5. Empirische Überprüfung: Henrik Urdal: Diskussion einer groß angelegten Regressionsstudie, die den Zusammenhang zwischen Bevölkerungsdruck, Umweltdegradierung und bewaffneten Konflikten empirisch hinterfragt.
6. Fazit: Zusammenfassende Bewertung der theoretischen Logik von Knappheit als Konfliktursache gegenüber der mangelnden empirischen Bestätigung durch Bevölkerungsdruck.
Schlüsselwörter
Genozid, Ressourcenknappheit, Malthusianismus, Bevölkerungswachstum, Rwanda, Konfliktforschung, Ethnozentrismus, politische Knappheit, Regressionsanalyse, Weltwirtschaft, soziale Ungleichheit, Gewaltprävention, politische Teilhabe.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die These, ob Ressourcenknappheit eine hinreichende oder begünstigende Ursache für die Entstehung von Genoziden darstellt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Schwerpunkte liegen auf der malthusianischen Bevölkerungstheorie, der soziologischen Kategorisierung von Knappheit und der empirischen Evidenz in modernen Konflikten.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es zu klären, ob ein kausaler Zusammenhang zwischen Ressourcenknappheit und Völkermord wissenschaftlich belegt werden kann oder ob es sich um ein theoretisches Konstrukt handelt.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Die Arbeit nutzt eine komparative Literaturanalyse theoretischer Ansätze und kontrastiert diese mit empirischen Ergebnissen aus quantitativen Regressionsstudien.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Herleitung bei Malthus, die differenzierte Betrachtung durch Roger W. Smith, die Fallstudie Rwanda und die empirische Kritik von Henrik Urdal.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Zentrale Begriffe sind Genozid, Knappheit, Bevölkerungswachstum, Malthusianismus, politische Instabilität und empirische Konfliktforschung.
Wie unterscheidet Roger W. Smith verschiedene Arten von Knappheit?
Er differenziert zwischen objektiver (ressourcenbedingt), subjektiver (künstlich erzeugter) und politischer Knappheit, wobei er vor allem die subjektive als Triebfeder für Gewalt identifiziert.
Welche Schlussfolgerung zieht die Autorin bezüglich der Theorie von Urdal?
Die Autorin kommt zu dem Schluss, dass ein direkter kausaler Zusammenhang zwischen Bevölkerungsdruck und Genozid empirisch kaum nachweisbar ist, während Knappheit im weiteren politischen Sinne durchaus eine Rolle spielen kann.
- Arbeit zitieren
- Konstanze Schiemann (Autor:in), 2011, Genozid - Ein Problem der Knappheit?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/174672