Dementis und das Phänomen der rosaroten Elefanten

Einordnung in die rhetorische Systematik und Strategien zur elocutionellen Ausgestaltung von Dementis


Bachelorarbeit, 2011
40 Seiten

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Inhaltsverzeichnis

1 Abstract

2 Einleitung

3 Negation und nicht-voluntative Imagination
3.1 Mentale Simulation und Imagination
3.2 Spiegelneurone
3.3 Empathie und (fiktionale) Emotionen
3.4 Negation und Kognition im Überblick

4 Dementis
4.1 Begriffsklärung
4.2 Dementis als Teil der Krisenkommunikation
4.3 Kastner und die Acrylamid-Vorwürfe
4.4 Dementis im rhetorischen Kontext
4.4.1 Einordnung in die antike Rhetorik
4.4.2 Statuslehre und Dementis
4.4.3 Dementis in der Moderne und Tübinger Rhetorik

5 Elocutionelle Gestaltung von Dementis
5.1 Die elocutio
5.2 Konkrete Lösungsansätze
5.2.1 Schlichter Stil (verba)
5.2.2 Sachlichkeit (res)
5.2.3 Periphrase
5.2.4 Obscuritas
5.2.5 Ablenkung
5.2.6 Imaginative Resistance durch Amplifikation
5.2.7 Positives Formulieren

6 Fazit

A Pressemitteilung von Kastner

1 Abstract

Fragestellung der vorliegenden Arbeit ist, wie sich Dementis im rhetorischen System verorten lassen und wie durch elocutionelle Strategien das Problem der sogenannten rosaroten Elefanten vermieden werden kann. Diese Arbeit beschäftigt sich also einerseits mit Dementis im rhetorischen Kontext und andererseits mit dem aus neurologischen Ursachen auftretenden Problem der rosaroten Elefanten und ihre Vermeidung.

Rosarote Elefanten bezeichnen das Phänomen, dass Negiertes durch mentale Simulation und Spiegelneurone gleichermaßen zu Imaginationen und Emotionen führen kann, wie Affirmiertes. Nach dem Nachweis dieses Phänomens verortet die Arbeit Dementis im rhetorischen System und konstatiert, dass bei Dementis der rhetorische Fall eintritt, es sich also um einen rhetorischen Akt handelt. Außerdem zeigt die Arbeit, dass Dementis insbesondere mit Hilfe der Statuslehre systematisiert werden können.

Anschließend folgt der Kern der Arbeit, in dem vorwiegend elocutionelle Strategien zur rhetorischen Ausgestaltung von Dementis erarbeitet werden, die Imaginationen des Negierten nicht amplifizieren oder vermeiden sollen. Insbesondere ein pathosfreier und schlichter Stil sowie die Vermeidung der Negation selbst sind hierbei erfolgversprechende Strategien.

2 Einleitung

Denke nicht an einen rosaroten Elefanten! Hinter diesem Scherz aus Kindertagen steckt ein vielbeachtetes Paradoxon der Kognitionswissenschaft: Verneinungen evozieren das Bild, das sie zu vermeiden suchen. Die Aufforderung, keinen rosaroten Elefanten zu imaginieren, ruft durch die menschliche Vorstellungskraft im Geiste also unwillkürlich das negierte Bild hervor. In der Rhetorik wird die Vorstellungskraft des Publikums genutzt, um persuasive Kraft voll entfalten zu können. Der Orator bedient sich der Imaginationskraft seines Publikums um Affekte zu erregen und Evidenz zu erzeugen. In manchen Situationen gehört die plastische Imagination jedoch nicht zu den vom Orator intendierten Effekten, so beispielsweise bei der Negation. Dennoch entfaltet das Negierte auch hier virtuelle Präsenz. Auch Dementis, die per se mit Negationen arbeiten, evozieren das Bild dessen, was sie eigentlich zu negieren suchen. Das erfordert eine sensible sprachliche Ausgestaltung von Dementis, damit das Negierte nicht im Zentrum der Aufmerksamkeit steht.

Wie durch rhetorische Mittel - schwerpunktmäßig der elocutio - erreicht werden kann, dass Dementis nicht das zu Negierende als Imagination evozieren, ist ebenso Fragestellung dieser Arbeit, wie die Frage nach einer Einordnung von Dementis in den rhetorischen Kontext. Hierzu untersucht diese Arbeit das Spannungsfeld der Dementis vom Phänomen der rosaroten Elefanten über eine Einordnung in den rhetorischen Kontext bis hin zu Strategien der rhetorischen Ausarbeitung von Dementis. Als Referenzquelle für Beispiele und Ausgangspunkte dient die Krisenkommunikation des Lebkuchenherstellers Karstner nach den Acrylamid-Vorwürfen gegenüber dem Unternehmen.

Relevanz erfährt diese Arbeit damit durch den direkten Bezug zur praktischen Rhetorik, die sich hier im Bereich Public Relations und Krisenkommunikation manifestiert. Da konkrete und verallgemeinerbare Lösungsansätze entwickelt werden, gibt diese Arbeit Hilfestellung bei der rhetorischen Ausgestaltung von Dementis. Im Fall einer notwendi- gen Krisenkommunikation, bei dem die Glaubwürdigkeit eines Unternehmens in Gefahr ist und Unternehmensschädigung auch finanzieller Art droht, kann diese Arbeit eine Hilfestellung sein, um erfolgreich falsche Vorwürfe und Gerüchte zu dementieren. Da- mit schließt diese Arbeit gleichzeitig eine Lücke im aktuellen Theoriegebilde. Weder auf wissenschaftlicher noch auf populärwissenschaftlicher Seite wurde das Phänomen ausreichend untersucht. Zwar sind sich Ratgeber für Krisenkommunikation einig, dass Dementis essentieller Bestandteil von Krisenkommunikation sind, sie bleiben jedoch unkonkret was die konkrete Ausgestaltung betrifft.

Außerdem besitzt die Fragestellung zusätzlich insofern Relevanz, als dass aus der an- gewendeten Verquickung von Rhetorik und Kognitionstheorie positive Synergieeffekte auch für die praktische Rhetorik erwachsen können. Diese Interdisziplinarität kann einer der Wege zu einer Modernisierung der Rhetoriktheorie sein.

Zunächst werden die kognitionstheoretischen Grundlagen der mentalen Simulation sowohl allgemein als auch in Hinblick auf die Negation dargestellt (Vgl. 2, Negation und nicht-voluntative Imagination). Ziel dieses Kapitels ist es, zu zeigen, dass das Phänomen der rosaroten Elefanten existiert und belegt werden kann. Anschließend werden Dementis im Kontext der unternehmerischen Krisenkommunikation und im Kontext der Rhetorik betrachtet (Vgl. 3, Dementis). Daraufhin arbeitet das letzte Kapitel verschiedene Strategien für die rhetorische Gestaltung von Dementis mit vorwiegend elocutionellen Mitteln aus (Vgl. 4, Elocutionelle Gestaltung von Dementis). Das Fazit (Vgl. 5, Fazit) fasst die Ergebnisse zusammen und zeigt mögliche Anschlusspunkte auf.

3 Negation und nicht-voluntative Imagination

„If imagination is an airplane, then we humans are frequent flyers“.1 Bleibt man bei diesem Bild, dann gibt es auch Flüge, die man nicht gebucht hat und Flugzeuge, in die man nicht absichtlich einsteigt - und eines dieser Flugzeuge bringt einen auf direktem Weg zu den in der Kognitionstheorie vieldiskutierten rosaroten Elefanten, zu den nicht-voluntativen Imaginationen. Im folgenden Abschnitt wird dieses Phänomen kognitionstheoretisch fassbar gemacht, indem die kognitionstheoretischen Grundlagen von mentaler Simulation, Imagination, Spiegelneurone und Empathie dargestellt werden.

Dabei werden die Erkenntnisse der Psychologie und Neurowissenschaften zugleich auf ihre Anwendung im Bereich der Negation geprüft. Mit Negation ist hierbei eine Aussage der Form „X ist nicht Y“ gemeint.2

Ziel des folgenden Kapitels ist es, das Phänomen der rosaroten Elefanten bei Negationen anhand einer Betrachtung von mentaler Simulation, Spiegelneurone und Emotion zu belegen, damit dieses Phänomen als Ausgangspunkt dieser Arbeit genutzt werden kann.

3.1 Mentale Simulation und Imagination

In der jüngeren Neurologie gewinnt das Forschungsgebiet der mentalen Simulation weiter an Bedeutung.3 Auch in der Rhetorik ist inzwischen die Frage danach, wie die Erkennt- nisse zur mentalen Simulation für Persuasion nutzbar gemacht werden können, von Relevanz - beispielsweise im Kontext des mentalen Antizipierens der Haltung eines zu persuierenden Publikums im Rahmen des antizipatorischen Adressatenkalküls. Hinter dem Begriff der mentalen Simulation steht eine Fähigkeit des Menschen, die in der aktuellen Forschung, beispielsweise von Hartley, als „central in planning, decision-making, hypothesis generation and testing and in belief revision“4 begriffen wird. Carroll bezeichnet die mentale Simulation sogar als „Engine of Imagination“.5

Oft werden mit Hilfe der mentalen Simulation alternative Welten zur Realität imaginiert, die in der Regel einen ganz direkten Bezug zur Realität haben und Handlungsmuster deutlich machen. So benötigt man die Fähigkeit zur mentalen Simulation beispielsweise sowohl beim Ausstrecken der Hand um jemanden zu begrüßen als auch beim Erkennen ob das Gegenüber einem die Hand zur Begrüßung reicht oder nach etwas greifen will.

Auch die Spiegelneurone, die im nächsten Abschnitt erläutert werden, helfen bei dieser Unterscheidung.

Mentale Simulation und Imagination sind also eng miteinander verbunden, besonders dann, wenn man Imaginationen als Ergebnis des visuellen Mentalisierens versteht. Koss- lyn beschäftigte sich intensiv mit Imaginationen in diesem Kontext. Er geht davon aus, dass der Imagination ein Stimulus vorausgeht, der Aufmerksamkeit bekommt. Anschlie- ßend beginnt die kognitive Verarbeitung des Reizes, während dessen die Imagination generiert und gespeichert wird.6 Kosslyn geht dabei auch der generellen Frage nach, ob Imaginationen propositional beschreibend oder bildhaft und analog zur Wahrnehmung memoriert werden. Hier schlägt Kosslyn einen Kompromiss vor, indem er zwischen einer Oberflächen- und Tiefenstruktur unterscheidet: Oberflächlich memoriere das Gehirn analog, in der Tiefe würden Propositionen gebildet werden, wenn das Bild beginnt zu verblassen.7

Informationen werden also in einem kognitiven System gespeichert und können bei Bedarf abgerufen oder aufgefrischt werden. Bei der mentalen Simulation werden diese Informationen abgerufen und zur Imagination von Eventualitäten, möglichen Welten, Plänen und vielem mehr genutzt. Die Stimuli, die mentale Simulationen anstoßen, sind dabei vielfältiger Natur: Eine Bewegung, Sprache, Schrift, ein Bild und viele mehr kommen dafür in Frage. Auch Negationen in Aussagenformen sind mögliche Stimuli.

3.2 Spiegelneurone

Neben den Forschungen zur mentalen Simulation sind Spiegelneurone ein anderer wichti- ger Ansatz. Die Spiegelneurone-Forschung beschäftigt sich auf neuronaler Ebene mit der mentalen Simulation. Erste Erkenntnisse und den Namen für die Spiegelneurone stam- men von Rizzolatti, der insbesondere in Studien mit Affen zeigte, dass Spiegelneurone sowohl während zielbestimmten Handlungen als auch beim Beobachten zielbestimmter Handlungen von anderen gleichermaßen feuern.8 Das geschieht durch die automatische, vom Beobachter vorgenommene Abgleichung der wahrgenommenen Handlung mit dem eigenen Bewegungs-Repertoire, ohne dass die Bewegung selbst ausgeführt wird.9 Die Funktion der Spiegelneurone wird oft im stetigen Lernprozess von Lebewesen verortet.

Damit gemeint ist das Lernen durch Beobachtung, indem eine virtuelle, innere motorische Repräsentation beispielsweise einer Bewegung entsteht. Die visuomotorischen Eigen- schaften der Spiegelneurone helfen dabei sowohl bei der Verknüpfung und Koordination der eingehenden visuellen Information, als auch beim Aufbau motorischen Wissens des Wahrnehmenden.10 Diese Funktionsweise von Spiegelneurone trifft dabei nicht nur für Beobachter visuell vermittelter zielgerichteter Handlungen zu. Auch beim reinen Imaginieren von eigenen Handlungen und Handlungen anderer oder beim Hören feuern die Neuronen gleichermaßen.

Rizzolatti selbst schreibt den Spiegelneurone neben ihrer lernunterstützenden und in- tentionserkennenden Funktion eine weitere wichtige Eigenschaft zu, indem er sie als die „biologische Basis des Mitgefühls“ bezeichnet.11 Die Spiegelneurone können tatsächlich die gesamte Palette menschlicher Gefühle abbilden, da sie sowohl im Prämotorischen Kortex, der zuständig für Bewegungen ist, als auch im Insularen Kortex, der für die Verarbeitung von Gefühlen wie Ekel sorgt und im Sekundären Somatosensorischen12 Kortex, der Berührungen registriert, sitzen.13 Insbesondere die Grundemotionen wie Angst oder Ekel können bereits durch minimale Stimuli erzeugt werden. Der Spiegelneu- ronenmechanismus ermöglicht diese Gefühle aufgrund der Wahrnehmung anderer und damit das „unmittelbare Verstehen in erster Person der Emotionen der anderen“.14 Spiegelneurone und Empathievermögen hängen also eng miteinander zusammen. Die Theory of Mind ergänzt dann um Erfahrungen, so dass eventuell Motivationen, Intentionen und Verhaltensmuster erkannt werden können.

Die Aktivierung der Spiegelneurone und das damit einhergehende Verhalten - sei es ein Lernprozess und/oder ein Mitfühlen - sind, wie auch bereits die mentale Simulation, nicht-voluntativ. Nur wer Augen und Ohren verschließt, kann sich dem Reaktionsmecha- nismus der Spiegelneurone entziehen. Diese werden insbesondere beim Beobachten von Handlungen aktiv. Da es keine negierten Handlungen an sich gibt, die visuell übermittelt werden, scheinen die Spiegelneurone bei Negationen keine oder nur eine untergeordnete Rolle zu spielen. Es gibt zwar Nicht-Handlungen, aber dann handelt es sich nicht um negierte Handlungen, sondern um nicht vorhandene Handlungen. Doch hier lohnt ein genauerer Blick: Negationen manifestieren sich vielfältig im alltäglichen Leben. Beispiels- weise das Einführen einer zusätzlichen Wahrnehmungsebene, wie ein Kommentator in den Nachrichten, kann eine Art negierter Handlung ermöglichen: Wenn zu der Nachricht, dass ein bestimmtes Produkt keinen Hautkrebs verursacht, Videomaterial eingeblendet wird, das an Hautkrebs erkrankte Menschen agieren zeigt, verarbeiten die Spiegelneurone die visuellen Signale und es kommt zu einem Mitfühlen - obwohl es sich um eine Negation der Krebserkrankungen handelt. Da Spiegelneurone außerdem zwar häufig, aber nicht nur beim Beobachten von Handlungen aktiv werden, sind doch einige Fälle denkbar, in denen die Spiegelneurone trotz vorliegender Negation aktiv werden.

3.3 Empathie und (fiktionale) Emotionen

Mentale Simulation und Spiegelneurone sind, zusammen mit dem Gedächtnis, quasi die Hardware für die Möglichkeit zum empathischen Empfinden. Es ist eine genuin menschliche Fähigkeit, Emotionen und Gefühle von anderen Menschen wahrzunehmen und zu verstehen. Solange keine Dysfunktion vorliegt, ist jeder Mensch zur Empathie be- fähigt. Decety und Jackson beschreiben Empathie als eine „natural ability to understand the emotions and feelings of others“15, betrachten Empathie also als eine natürliche Fähigkeit. Ickes definiert Empathie aus einer eher analytischen Perspektive als eine “complex form of psychological inference in which observation, memory, knowledge and reasoning are combined to yield insights into the thoughts and feelings of others.“16 Dass Empathie das Verständnis und das Nachempfinden von Gefühlen anderer ermöglicht, ist ein Konsens, den die meisten Wissenschaftler dieses Forschungsbereiches teilen. Dieses Verstehen basiert dabei nicht auf rational logischer Analyse, sondern auf dem Prinzip des “mentalizing“.17 Das Mentalisieren ist dabei ein nicht-voluntativer Akt, wie beispielsweise Hoffman schreibt. Er ist der Ansicht, dass Empathie ein „largely involuntary vicarious response to affective cues from another person or her situation“18 ist. Dabei wird das empathische Mitfühlen nicht nur durch andere Menschen initiiert, son- dern beispielsweise auch durch bestimmte Situationen, eigene Gedanken, Reportagen im Fernsehen, fiktionale Geschichten und vieles mehr.19 Unter dem Schlagwort „fiktionale Emotionen“20 erlangte das Phänomen des Mitfühlens mit Fiktionalem nicht nur in der Kognitionswissenschaft und Psychologie, sondern auch in der Philosophie große Auf- merksamkeit. Der Frage, wie es möglich ist, dass Menschen sich bei fiktionalen Figuren ebenso emotional engagieren und zur Empathie fähig sind, wie bei realen Figuren, geht auch Moran nach. Dabei kommt er in Anlehnung an Hume zu dem Schluss, dass propo- sitionaler Inhalt - auch wenn er wissentlich Nicht-Realem zugeordnet ist - empathische Reaktionen hervorruft.21 Diese Form der Empathie kann extreme Gefühlsausbrüche mit sich bringen, beispielsweise Weinen beim Tod eines Charakters wie Little Nell in Charles Dickens Roman The Old Curiosity Shop, oder so starke Wut, dass das Buch aus dem Fenster geworfen wird.22 Doch wie kommen diese Gefühle zustande? In den vorangegangen Abschnitten wurde bereits deutlich, dass über mentale Simulation und Spiegelneurone empathisches Fühlen stimuliert wird. Manche Forscher sehen in den Spiegelneurone und der mentalen Simulation allerdings nicht die (vollständige) Antwort auf diese Frage. Lamarque stellte beispielsweise fest, dass es bei fiktionalen Figuren allein der Gedanke an sie ist, der den Menschen bereits emotionalisiert.23

Schroeder und Matheson führen in ihrem populären Ansatz einen Zwischenschritt neben der mentalen Simulation und den Spiegelneurone ein: Die DCA. DCA ist ein Akronym für „distinct cognitive attitude“ und bezeichnet eine bestimmte innere Einstellung, die beispielsweise beim Rezipieren eines Buches aktiviert wird. Dabei ist die DCA „a kind of content-bearing state, tokens of which play a functional role distinct from that of the most familiar propositional attitudes (beliefs, desires, intentions, etc.) and distinct also from perception and hallucination.“24 Damit ist die DCA das Verbindungsstück zwischen Imagination und den daraus resultierenden Emotionen. Wie auch Worth25 bemerkt, ist das Konzept der DCA damit bereits bei Aristoteles verankert und erklärt, warum Tragödien Katharsis auslösen können. Diese aristotelische Katharsis vollzieht sich nach seiner Tragödientheorie beim reinen Ansehen einer tragischen Handlung. Eleos und phobos, also Mitleid und Furcht, sind die tragenden Pfeiler dieser Katharsis.26 Aristoteles beschreibt hier also bereits eine Art empathisches Vermögen des Publikums einer Tragödie, wenn er auch nicht beim Publikum, sondern bei der Tragödie selbst die Aufgabe Katharsis zu bewirken verortet.

Der Begriff der DCA bleibt insgesamt allerdings ein vergleichsweise leerer Begriff. Schro- eder und andere haben aber damit die Notwendigkeit erkannt, einen Zwischenschritt als Brücke zwischen Imagination und Emotion einzuführen. Vergleichbar ist die DCA bisher noch mit einer black box, in der aus den Bildern Gefühle werden. Was genau in dieser black box passiert, müssen zukünftige Forschungen erst noch zeigen.

Zusammenfassend ist für diese Arbeit in besonderem Maße relevant, dass der Schritt von der Imagination zur Emotion über die DCA nicht aktiv herbeigeführt wird, son- dern automatisiert abläuft. Vorangehend wird nur das Denken an etwas oder jemanden benötigt. Da Negationen den Gedanken an ihr Positiv evozieren ist es bis zum empa- thischen Mitfühlen nur noch ein kleiner Schritt über die DCA. Wie der Abschnitt zum fiktionalen Mitfühlen gezeigt hat, kann Empathie sogar durch per se nicht-Reales (weil Fiktionales) ausgelöst werden. Zu den zur Empathie befähigenden Situationen gehören also auch deshalb Negationen, die in den meisten Fällen die Existenz oder Realität eines Attributs oder einer Entität bestreiten. Trotz des Wissens um die Verneinung kann der propositionale Inhalt des Verneinten zu empathischen Empfindungen führen.

3.4 Negation und Kognition im Überblick

Welche für das Thema relevanten kognitiven und neurobiologischen Prozesse nach einer Negation als Stimulus in Gang gesetzt werden fasst der folgende Abschnitt zusammen.

Der Mensch ist den Stimuli dabei keineswegs dergestalt ausgeliefert, als dass jeder Reiz zu der entsprechenden Reaktion führt; von solch einem einfachen Stimulus-Response-Modell geht in der aktuellen Forschung angesichts der Komplexität und Vielfältigkeit kognitiver und neurobiologischer Prozesse kaum jemand mehr aus. Dass aber auch Negationen in verschiedenen Situationen zu mentaler Simulation beziehungsweise einer Aktivierung der Spiegelneurone, zu Imagination und zu Empathie führen können, ist ein für diese Arbeit wichtiger Aspekt.

Negationen haben ganz allgemein durch ihre spezielle Struktur das Potential mentale Simulation, die Spiegelneurone, Imaginationen und Empathie anzuregen.

Da Negationen die eigentlich verneinte Aussage, also das „Y“ bei „X ist nicht Y“ dennoch enthalten, hat auch „Y“ Auswirkungen auf die kognitiven neurobiologischen Prozesse. Die resultierende Imagination des Positivs der Negation unter fast völliger Nichtbeachtung der Negierung ist der stärkste Faktor für die Entstehung von rosaroten Elefanten bei Negationen.

Folgende „Schritte“ sind denkbar: Schritt 1: Negation

Die Negation steht am Anfang dieser Schritte. Eine Aussage der Form „X ist nicht

Y“ ist eine typische Negation. Diese haben in der Rhetorik eine lange Geschichte und spielten bereits in der Antike im Rahmen des genus iudicale eine wichtige Rolle bei der Schuldabweisung vor Gericht. Dort galt es die Behauptungen der Gegenpartei zu bestreiten und damit zurückzuweisen.27

Auch Aristoteles beschäftigte sich mit der Negation und definiert in De interpretatione die Verneinung:

Bei der Bejahung wird etwas einem Gegenstande beigelegt; bei der Verneinung wird etwas einem Gegenstande abgesprochen. Da man nun ein Seiendes auch als ein Nicht-Seiendes aussagen kann und ein Nicht-Seiendes als ein Seiendes und ferner ein Seiendes als ein Seiendes und ein Nicht-Seiendes als ein Nicht-Seiendes und dies auch für Gegenstände ausserhalb der gegenwärtigen Zeit gilt, so ist es auch möglich, alles, was Jemand bejaht, zu verneinen, und alles, was er verneint, zu bejahen. Hieraus erhellt, dass jeder Bejahung eine Verneinung gegenüber steht und jeder Verneinung eine Bejahung.28

Nach Aristoteles sind Negationen also Aussagen, die einem Gegenstand etwas absprechen und einer bejahenden Aussage gegenüberstehen. Weiter schlüsselt er auf, wie eine Nega- tion zustande kommen kann - nämlich beispielsweise durch das Verneinen von etwas, was jemand bejaht hat.29

[...]


1 Dunn, Elizabeth/Forrin, Noah/Ashton-James, Claire: On the Excessive Rationality of the Emotional Imagination: A Two-Systems Account of Affective Forecasts and Experiences. In Markman, Keith/Suhr, Julia/Klein, William (Hrsg.): Handbook of Imagination and Mental Simulation. 2009, S. 331.

2 Die infinite und die privative Negation werden in dieser Arbeit aus Gründen der Übersichtlichkeit ausgeklammert.

3 Vgl. bspw. die Forschungen von Kosslyn, Hartley, Currie & Ravenscroft oder Caroll

4 Hartley, Matthew/Taylor, John: Towards a Neural Model of Mental Simulation. Lecture Notes in Computer Science, 2008, S. 969.

5 Carroll, Patrick/Shepperd, James: Preparedness, Mental Simulations, and Future Outlooks. In Markman, Keith/Suhr, Julia/Klein, William (Hrsg.): Handbook of Imagination and Mental Simulation. 2009, S. 427.

6 Vgl. Kosslyn, Stephen: Image and brain. MIT Press, 1999, S. 383f.

7 Vgl. ebd., S. 7.

8 Vgl. Rizzolatti, Giacomo/Sinigaglia, Corrado: Empathie und Spiegelneurone: die biologische Basis des Mitgefühls. Orig.-Ausg., 1. Aufl. Auflage. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2008, Edition Unseld; 11.

9 Vgl. Decety, Jean/Stevens, Jennifer: Action Representation and Its Role in Social Interaction. In Markman, Keith/Suhr, Julia/Klein, William (Hrsg.): Handbook of Imagination and Mental Simulation. 2009, S. 8.

10 Vgl. Rizzolatti/Sinigaglia 2008, S. 109.

11 Vgl. ebd.

12 Somatosensorisch bedeutet soviel wie die „Wahrnehmungen aus dem eigenen Körper betreffend“.

13 Vgl. Gartner, Bettina: Das mitfühlende Gehirn. April 2004.

14 Rizzolatti/Sinigaglia 2008, S. 189.

15 Decety, Jean/Jackson, Philip: The functional architecture of human emapthy. NeuroImage, 2004 Nr. 3, S. 71.

16 Jackson, Philip/Meltzoff, Andrew/Decety, Jean: How do we perceive the pain of others: A window into the neural processes involved in empathy. NeuroImage, 2005 Nr. 24, S. 771.

17 Decety/Jackson 2004, S. 74.

18 Ebd.

19 Vgl. ebd., S. 84.

20 Vgl. Moran, Richard: The expression of feeling in imagination. The philosophical review, 1994 Nr. 103, S. 75.

21 Vgl. ebd., S. 75f.

22 Vgl. Schroeder, Timothy/Matheson, Carl: Imagination and Emotion. In Nichols, Shaun (Hrsg.): The Architecture of the Imagination. New Essays on Pretence, Possibility, and Fiction. 2005, S. 19.

23 Vgl. Schroeder/Matheson 2005, S. 20.

24 Ebd., S. 23.

25 Vgl. ebd., S. 22.

26 Aristoteles: Poetik 6, 1449b24-28

27 Vgl. Hartmann, V.: Negatio. In Ueding, Gert (Hrsg.): Historisches Wörterbuch der Rhetorik. Band 6: Must - Pop, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchges., 2003, S. 206.

28 Aristoteles: De interpretatione 6, 17a25f

29 Diese Art des Verneinens beschreibt die Struktur eines Dementis, das als negierende Reaktion auf eine Bejahung, das heißt einen Vorwurf, getätigt wird.

40 von 40 Seiten

Details

Titel
Dementis und das Phänomen der rosaroten Elefanten
Untertitel
Einordnung in die rhetorische Systematik und Strategien zur elocutionellen Ausgestaltung von Dementis
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  (Philosophische Fakultät - Institut für Allgemeine Rhetorik)
Autor
Jahr
2011
Seiten
40
Katalognummer
V174681
ISBN (Buch)
9783640952786
Dateigröße
595 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rhetorik, Dementis, Krisenkommunikation, Unternehmenskommunikation, Statuslehre, Dementieren, Public Relations
Arbeit zitieren
Annegret Linder (Autor), 2011, Dementis und das Phänomen der rosaroten Elefanten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/174681

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