Intuition. Eine ungenutzte Ressource in der Sozialen Arbeit

Ein Diskurs über die Fähigkeit, das Wesentliche einer Situation wahrzunehmen und adäquates Handeln daraus abzuleiten


Diplomarbeit, 2009

103 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0.Einleitung

1. Erklärung des Phänomens Intuition
1.1 Definition von Intuition
1.2 Geschichtliches zur Intuition
1.3 Verschiedene Arten der Intuition und ihre Funktionen
1.3.1.Intuition als Gefahrensignal
1.3.2 Intuition als „Werkzeug“ für wissenschaftliche Entdeckungen
1.3.3 Intuition als Eingebung oder Geistesblitz
1.3.4 Intuition als Hilfe bei einer Entscheidungsfindung

2. Grenzen der Intuition
2.1 Abgrenzung von Intuition zu anderen Begriffen
2.2 Faktoren, die das Wirken der Intuition beeinträchtigen können
2.2.1 Bernes Theorie der Ich-Zustände
2.2.2 Gewohnheiten und Tabus
2.2.3 Angst vor Intuition
2.2.4 Verstand und Sprache
2.3 Intuitive Typen
2.3.1 Weibliche Intuition
2.3.2 Kindliche Intuition
2.3.3 Menschen aus fernöstlichen Kulturen
2.3.4 Intuitive Persönlichkeiten
2.4 Intuition - angeboren oder anerzogen?

3. Ergebnisse aus der Gehirnforschung und der Neurobiologie
3.1 Linke und rechte Gehirnhälfte
3.2 Explizites und implizites Wissen
3.3 Somatische Marker von Antonio Damasio
3.4 Spiegelneuronen
3.5 Das “Bauchhirn”

4. Intuition in der Sozialen Arbeit
4.1 Die Relevanz von Intuition innerhalb der Sozialen Arbeit
4.2 Aspekte von Intuition in der Sozialen Arbeit
4.2.1 Mangelnde Literatur und Lehre
4.2.2 Professionalisierungsdebatte
4.3 Ansätze intuitiven Arbeitens in der Sozialen Arbeit
4.3.1 Intuitive Bilder als Ausdrucksform
4.3.2. Aspekt der Intuition in der Waldorfpädagogik

5. Fazit und Ausblick

Literatur- und Quellenverzeichnis

0.Einleitung

Immer wieder wird man mit Situationen konfrontiert, in denen Entscheidungen zu einer komplexen oder unklaren Sachlage unter Zeitdruck getroffen werden müssen. Dabei ist es teilweise unmöglich die Umstände unter Berücksichtigung aller relevanten Faktoren zu überdenken und rationale Analysen anzustellen. Oft liegen nicht alle beeinflussenden Faktoren offen, die für den weiteren Verlauf wichtig sind. Für spontane Entscheidungen, insbesondere im Umgang mit Menschen, ist man oft mehr auf intuitives Gespür angewiesen, als sich die Meisten bewusst sind. Intuition befähigt Menschen das Wesentliche einer Situation unmittelbar zu erfassen und angemessene Handlungsansätze daraus abzuleiten.

„Du weißt mehr als du weißt“.

Dieser Aussage liegt die Tatsache zu Grunde, dass der Mensch sich subliminal Wissen aneignet, das zu einem späteren Zeitpunkt die Basis von Entscheidungen darstellt. Dieses Wissen kann nicht gezielt eingesetzt werden, da es im Unterbewusstsein abgespeichert wurde. Die Intuition macht sich dieses implizite Wissen bei der Bewertung einer Situation zu Nutze und hebt wichtige Informationen auf die Bewusstseinsebene. Beurteilt der Betroffene eine Situation auf der Vernunftebene, stehen ihm dabei „nur“ seine im Bewusstsein vorhandenen Kenntnisse zur Verfügung. Aus diesem Grund werden bewusste Urteile häufig einseitig getroffen und können durch Vorurteile oder vorgegebene und eingefahrene Betrachtungsweisen beeinträchtigt werden. Intuitive Urteile entziehen sich dieser Einflüsse und können dadurch ungehemmt komplexe Gegebenheiten ganzheitlich bewerten.

Intuition wurde in der westlichen Welt lange Zeit kaum thematisiert, da intuitive Entscheidungen oft als unprofessionell, irrational und vage bezeichnet werden. In den letzten Jahren wurde die positiven Eigenschaften der Intuition jedoch sowohl in sozialen Berufen als auch im Managementbereich immer mehr wahrgenommen und ihre Vorteile wurden verstärkt genutzt. Durch verschiedene Forschungsansätze wird versucht dem Geheimnis der Intuition auf die Spur zu kommen. Die Intuition war, ist und wird aber wahrscheinlich immer ein Phänomen bleiben, das sich einer lückenlosen Klärung entzieht. Wie die Vorteile dieses Phänomens trotzdem genutzt werden können, wird in dieser Arbeit im Hinblick auf Berufe, bei denen der Mensch im Mittelpunkt steht, insbesondere der Sozialen Arbeit, behandelt.

Im Verlauf dieser Arbeit werden folgende Fragestellungen bearbeitet: Was ist Intuition?

Wozu ist Intuition gut?

Wie funktioniert Intuition?

Welche Faktoren beeinflussen das Wirken der Intuition?

Inwieweit kann Intuition hilfreich für die Soziale Arbeit sein?

Wie kann Intuition in Bereichen der Sozialen Arbeit gezielt eingesetzt werden?

Um diese Fragen beantworten zu können, werden zum einen Aspekte der Intuition vorgestellt, die bereits bekannt sind, zum anderen werden gegensätzliche Erklärungsansätze aufgezeigt, über die keine Einigkeit besteht und die daher von Fachleuten kontrovers diskutiert werden. Die Angaben stützen sich dabei sowohl auf wissenschaftliche Primär- und Sekundärliteratur, als auch auf die Ergebnisse unterschiedlicher Forschungen und Internetquellen.

Um in das Thema einzuführen werden zu Beginn dieser Arbeit mehrere Definitionen von Intuition behandelt. Anschließend wird anhand einzelner Vertreter, das Verständnis von Intuition im Verlauf der Geschichte grob skizziert. Da sich die Intuition auf unterschiedlichste Art und Weise Zugang zum Bewusstsein des Menschen verschafft, werden ihre Erscheinungsformen vorgestellt und erläutert, welche Funktionen sie dabei jeweils erfüllt. Aufgrund der mangelnden Auseinandersetzung mit dem Wesen der Intuition, herrscht häufig Unklarheit bei ihrer Abgrenzung zu ähnlichen Phänomenen. Im zweiten Kapitel werden daher die Unterschiede der Intuition zu anderen Erscheinungen aufgezeigt. Ergänzend wird behandelt, wodurch das Wirken der Intuition beeinflusst und gehemmt werden kann. Des Weiteren werden Antworten auf die Fragen, ob es intuitiven Typen gibt, die empfänglicher für Intuition sind als andere und ob Intuition angeboren oder anerzogen ist, gesucht. Dabei werden einige kursierende Vorurteile und Klischees zur Intuition ausgeräumt, um zukünftige Missverständnisse und falsche Annahmen zu vermeiden. Das dritte Kapitel widmet sich Ansätzen und Theorien, mit denen versucht wird die Intuition zu erklären. Dabei werden Forschungsergebnisse sowohl aus der Gehirnforschung als auch aus der Neurobiologie dargestellt, die sich zum Teil ergänzen. Durch die Darlegung dieser Ansätze soll ein Verständnis über grundlegende Vorgänge im menschlichen Körper, bei Entscheidungsprozessen oder während Interaktionen, vermittelt werden. Im letzten Kapitel wird Intuition in Bezug auf die Soziale Arbeit behandelt. Es wird untersucht, inwieweit sie bereits in der Sozialen Arbeit auftaucht und worin ihr Nutzen liegt. Der Fokus liegt im vierten Kapitel auf der Frage, wie Intuition innerhalb sozialarbeiterischer Tätigkeit gewinnbringend und unterstützend eingesetzt werden kann. Es wird eine Brücke geschlagen zwischen den zuvor theoretisch beleuchteten Aspekten zur Intuition und den Möglichkeiten, wie sie praktische Anwendung finden können. Abschließend soll in einem Ausblick aufgezeigt werden, wie Intuition effektiver genutzt werden kann.

1. Erklärung des Phänomens Intuition

Zu Beginn dieser Arbeit wird der Begriff der Intuition genauer definiert. Mit Hilfe verschiedener Definitionen, die unter dem Punkt 1.1 zusammengetragen werden, wird eine allgemeingültige Auslegung des Intuitionsbegriffs festgelegt. Um eine Idee davon zu bekommen, wie mit dem Phänomen der Intuition in den unterschiedlichen Epochen umgegangen wurde, wird anschließend ein kurzer historischer Überblick über die Bedeutung und das Verständnis der Intuition, von der Antike bis zur Neuzeit, skizziert. Zum Abschluss des ersten Kapitels werden unterschiedliche Arten und Erscheinungsformen der Intuition, sowie ihre Funktionen beschrieben. Dadurch wird verdeutlicht, was die Intuition bewirken kann.

1.1 Definition von Intuition

Im Folgenden wird geklärt, wo der Begriff der Intuition herkommt und wie er zu verstehen ist. Was hinter dem Phänomen der Intuition steckt, wird anhand unterschiedlicher Definitionen veranschaulicht. Des Weiteren soll durch die Klärung der Fragen „wie Intuition erlebt wird“ und „wann sie in Erscheinung tritt“ ein detaillierteres Bild von Intuition entstehen.

Zur sprachlichen Herkunft des Begriffs kann man den Texten des Erziehungswissenschaftlers Daniel Eggenberger (Bern, 1998) folgendes entnehmen. Der Begriff der Intuition wurde im 18. Jahrhundert von dem mittellateinischen „intuitio(-onis)“ abgeleitet und als „unmittelbare Anschauung“ übersetzt. Zuvor benutzte man die Übersetzung des aus dem lateinischen stammenden „intueri“, was soviel bedeutet wie „genau hinsehen, anschauen“ (vgl. Eggenberger, 1998, S. 68, Goldberg, 1995, S. 29).

Durch die folgenden Definitionen von Intuition soll ein Eindruck von unterschiedlichen Verständnissen davon vermittelt werden.

Im deutschen Fremdwörterlexikon Duden wird Intuition als das „unmittelbare, nicht diskursive, nicht auf Reflexion beruhende Erkennen und Erfassen eines Sachverhaltes oder eines komplizierten Vorgangs“ verstanden (Duden, 2001, S. 457). Im Gegensatz zu der Begriffsbestimmung des Dudens, bei der Intuition als Fähigkeit des unmittelbaren Erfassens beschrieben wird, beruht die Definition von Eric Berne, dem Begründer der Transaktionsanalyse, vielmehr auf dem Erwerb dieser Fähigkeit. „Intuition ist Wissen, das auf Erfahrung beruht und durch direkten Kontakt mit dem Wahrgenommenen erworben wird, ohne dass der intuitiv Wahrnehmende sich oder anderen genau erklären kann, wie er zu der Schlussfolgerung gekommen ist“ (Berne, 1994, S. 36). Intuition ist laut Berne durch Erfahrung gesammeltes und abgespeichertes Wissen, das zu einem späteren Zeitpunkt abgerufen werden kann. Durch die Intuition tritt das Erfahrungswissen ins Bewusstsein und kann in einer Situation lösungsdienliche Hinweise geben. Der Betroffene kann sich jedoch oft nicht erklären, wie er zu einer Einsicht gekommen ist.

Wie Berne, erklärt auch der schweizer Mediziner und Psychologe C.G. Jung die Intuition als eine Wahrnehmung auf unbewusstem Wege. „Bei der Intuition präsentiert sich irgendein Inhalt als fertiges Ganzes, ohne dass wir zunächst fähig wären anzugeben oder herauszufinden, auf welche Weise dieser Inhalt zustande kommt“ (Jung zit. in Bolte, 2003, S. 9). Manchmal weiß die betroffene Person, laut Jung, nicht einmal, dass sie etwas weiß und handelt trotzdem danach. C.G. Jung leitet also offensichtlich aus dem Erfahrungswissen ein Handlungswissen ab, durch die der Intuierende befähigt ist, Entscheidungen zu treffen und auszuführen. Des Weiteren bezeichnet er die Intuition bzw. das Intuieren als vierte kognitive Funktion neben Denken, Fühlen und Empfinden (vgl. Bolte, 2003, S. 8; Vaughan, 1988, S. 51). Sein Modell wird unter Punkt 2.3.4 (S. 47 f) vorgestellt.

Eine weitere Definition von Intuition kann der „Zeitschrift für systemische Therapie“ entnommen werden. Sie wurde 1999 von Dr. phil. Bernd Schmid, Diplompsychologe Joachim Hipp und der Autorin Sabine Caspari verfasst und unter dem Titel „Intuition in der professionellen Begegnung“ veröffentlicht. Alle drei Autoren beschäftigen sich ausführlich mit dem Phänomen der Intuition und setzen sich in diesem Artikel „auf einem transaktionsanalytischen Hintergrund“ mit Intuition auseinander (vgl. Levold, 2008). Über das Wirken der Intuition sind sie sich darin einig: „Intuition meint ein Urteilen über die Wirklichkeit, ohne dass der Beurteilende weiß, wie er sein Urteil bildet und oft ohne, dass er in Worte fassen kann, worin sein Urteil besteht. Die Urteile zeigen sich jedoch in seinen Handlungen. Intuition kann daher als Handlungswissen bezeichnet werden“ (Schmid et al., 1999, S. 102). Diese Definition schließt sich dem Verständnis der zuvor aufgeführten Autoren an. Sowohl bei Berne und C.G. Jung als auch bei den Autoren Schmid et al. entzieht sich der Vorgang der intuitiven Urteilsbildung einer Erklärung. Der Urteilende weiß demnach nicht, woher sein Bild über die Wirklichkeit stammt, kann jedoch danach handeln. Laut Schmid et al. kann man Intuition daher als „Urteilsvermögen“ bezeichnen. Dieses ist untrennbar mit den Erfahrungen und der Kultur des Individuums verknüpft und somit subjektiver Art. Sie beschreiben Intuition zudem als „komplexe Datenverarbeitung“ (Schmid et al., 1999, S. 102) von Informationen, die bewusst und erklärbar so nicht geleistet werden kann. Durch Intuition gelingt es Menschen zahlreiche bewusst und unbewusst wahrgenommene Informationen zu verarbeiten und nur die wichtigen Hinweise an die Oberfläche des Bewussteins zu befördern.

Die Liste der Definitionen zum Begriff der Intuition könnte an dieser Stelle ins Unendliche fortgesetzt werden. Aufgrund der enormen Spannweite des Verständnisses von Intuition und ihren unterschiedlichen Formen des Auftretens und Wirkens, ist ihre Begriffsklärung keine einfache Aufgabe. Die Psychologin Angelika Faas beschreibt die Schwierigkeiten einer Definitionsfindung für Intuition folgendermaßen:

„Je mehr man sich mit dem Phänomen der Intuition beschäftigt und sich ihrer Bedeutung annähert, desto mehr verschwimmt sie in einem Begriffsnebel. Man gerät in einen richtigen Definitionsschlamassel, wenn man es genau auf den Punkt bringen will, was es mit der Wundervokabel auf sich hat.“ (Faas, 2000, S. 36)

Laut Angelika Faas scheint es fast unmöglich zu sein, eine Beschreibung von Intuition zu finden, die all ihre Aspekte beinhaltet. Trotzdem hat der Erziehungswissenschaftler und Sozialpädagoge Daniel Eggenberger in seiner Dissertation zum Thema „Grundlagen und Aspekte einer pädagogischen Intuitionstheorie - Die Bedeutung der Intuition für das Ausüben pädagogischer Tätigkeit -“ (Wien, 1998) versucht, sich Schritt für Schritt einer detaillierten Klärung des Begriffs anzunähern. Dazu trug er lexikalische Varianten zu dem Begriff aus den Fachbereichen Philosophie, Psychologie, Pädagogik und Religion zusammen. Um diese Definitionen von Intuition aus unterschiedlichsten Perspektiven auf einen Nenner zu bringen, hat er sie sorgfältig miteinander verglichen und ihre Gemeinsamkeiten herausgearbeitet. Diese gemeinsamen Merkmale hat er zusammengetragen und zu der folgenden Definition verbunden:

„Intuition ist ein ganz bestimmter, nur unter gewissen Voraussetzungen sich einstellender Moment innerhalb von Vorgängen, die Erkenntnis, Verstehen und Wissen betreffen. Sie gibt auf ganz bestimmte Art und Weise, nämlich unmittelbar, syntheseartig-zusammenschauend und umfassendganzheitlich, das erkenntnismäßig Neue und bewirkt verschiedenartige Gefühle und Empfindungen“ (Eggenberger, 1998, S. 524).

Eggenbergers Begriffsdefinition beschreibt die Intuition als einen Moment unmittelbaren Wissens und ganzheitlicher Erkenntnis. Dieser Moment stellt sich, laut Eggenberger, nur unter bestimmten Gegebenheiten ein und wird von unterschiedlichen Gefühlen und Empfindungen begleitet. Diese wissenschaftliche Umschreibung von Intuition wird dieser Arbeit als Grundlage des Begriffsverständnisses dienen. Auf sie soll das weitere Verständnis von Intuition aufgebaut werden.

Nachdem das Wesen der Intuition durch die Erläuterung verschiedener Definitionen verdeutlicht wurde, wird anschließend, anhand der Bearbeitung von zwei Fragen, ein zusätzlicher Einblick in das Verständnis der Intuition gegeben. Es sollen Antworten auf die Fragen gefunden werden, wie Intuition erlebt wird und wann sie in Erscheinung tritt.

Als erstes soll die Frage nach dem „Wie“, also dem Erleben von Intuition geklärt werden. Die Psychologin Frances Vaughan beschreibt in ihrem Buch „Intuitiver Leben“ (München, 1988) vier deutlich voneinander abgehobene Ebenen auf denen die Intuition wahrgenommen werden kann. Die Intuition macht sich entweder auf der körperlichen, emotionalen, mentalen oder auf der spirituellen Ebene bemerkbar. Diese vier Ebenen werden ebenfalls in der Dissertation „Wie Intuition biologisch Wissen schafft“ (Luzern, 2007) von den Autoren Häring, Egli und Sanchez beschrieben (vgl. Häring et al., 2007, S. 81). Auf jeder Ebene macht die Intuition in unterschiedlicher Weise auf sich aufmerksam. In Fällen, in denen sich ein „ungutes Gefühl“ bezüglich einer Situation oder Person in jemandem breit macht, zeigt sich die Intuition auf der emotionalen Ebene. Nicht zu verwechseln sind diese emotionalen Signale mit den Empfindungen, der körperlichen Ebene. Sinneswahrnehmungen, wie zum Beispiel „ein kalter Schauer auf dem Rücken“ oder „Gänsehaut“ sind häufig ein Signal der Intuition. Intuition auf der mentalen Ebene ist hingegen mit Bildern und Ideen verbunden. Hingegen sind mystische Erfahrungen weder von emotionalen oder sensorischen noch von verstandesmäßigen Hinweisen abhängig. Sie sind laut der Autorin intuitive Erfahrungen auf der spirituellen Ebene. Ein intuitives Erlebnis muss jedoch nicht ausschließlich auf einer einzigen Ebene stattfinden. Es kann sein, dass bei einer Wahrnehmung Elemente unterschiedlicher Ebenen beteiligt sind und ineinander über gehen (vgl. Vaughan, 1988, S. 68 ff).

Dieser kurze Abriss, wie Intuition wahrgenommen werden kann, wird unter Punkt 1.3 (S. 15) dieser Arbeit durch die Vorstellung verschiedener Erscheinungsformen der Intuition ergänzt.

An dieser Stelle wird auf die zweite Frage, nämlich dem „Wann“ eingegangen. Sie betrifft den Zeitpunkt, zu dem sich die Intuition bemerkbar macht und in Aktion tritt. Intuition tritt meistens in Situationen, „die sich entweder durch eine hohe Komplexität und/oder eine mehrdeutige Informationslage sowie Zeitdruck auszeichnen“ in Erscheinung (Büssing et al, 2000, S. 293). Entscheidungen können dabei nicht lange überdacht werden, da die Umstände ein sofortiges Handeln erforderlich machen.

Es betrifft also Situationen, in denen keine Zeit für eine Abwägung aller Vor- und Nachteile bleibt. Selbst wenn genug Zeit vorhanden wäre, könnten in einer komplexen Situation nicht alle mitwirkenden und relevanten Faktoren verstandesmäßig gegeneinander aufgerechnet werden. Aus diesem Grund kommt uns in solchen Momenten die Intuition zu Hilfe. „Das intuitive Erkennen wird dem diskursiven, auf expliziten Schlussfolgerungen beruhenden Denken entgegengesetzt“ (Bolte, 2003, S. 8). Durch Intuition können Lösungen und Auswege für eine Situation erkannt werden, ohne dass darüber nachgedacht werden muss. Was dabei genau vor sich geht, wird in Kapitel 3 (S. 51 ff) dieser Arbeit ausführlich behandelt werden. Vorerst soll festgehalten werden, dass die Intuition in komplexen, unüberschaubaren Momenten, in denen rasches, unmittelbares Handeln erforderlich ist, zutage tritt und wirksam wird.

Nachdem der Begriff der Intuition durch verschiedene Definitionen sowie die Darlegung „wann“ und „wie“ sie auftreten kann, verständlicher gemacht wurde, wird unter Punkt 1.2 ein Einblick in die Historie gegeben. Dabei wird der Umgang mit Intuition von der Antike bis in die Neuzeit kurz dargestellt.

1.2 Geschichtliches zur Intuition

Um einen Eindruck davon zu bekommen wie das Phänomen der Intuition im Laufe der Zeit unterschiedlich verstanden und bewertet wurde, werden in diesem Kapitel exemplarisch Vertreter der Antike, dem Mittelalter, als auch aus der Neuzeit kurz vorgestellt und ihr Verständnis von Intuition umrissen.

Wirft man einen Blick in die Geschichte, kann man feststellen, dass bereits in der Antike der Begriff Intuition von verschiedenen Philosophen und Wissenschaftlern benutzt wurde. Im Laufe der Zeit entwickelten sich unterschiedliche Auffassungen von Intuition. Hierzu hat H. Willi Hanraths in seinem Buch „Über Evidenz und Intuition“ (Bonn, 1927) das Verständnis des Intuitionsbegriffs von Platon über Aristoteles und Plotin bis hin zu Kant aufgeführt und miteinander verglichen. Eine kurze Zusammenfassung von Hanraths Ergebnissen zeigt, dass sich die Vorstellungen über Intuition weitgehend unterscheiden.

Für den griechischen Philosoph Platon (428 - 348 v.Chr.) waren „materielle Objekte nur unvollkommene, vergängliche Abbilder transzendenter ewiger Idealbilder - der Ideen“ (Goldberg, 1995, S. 188). Der menschliche Geist besitzt laut Platon angeborene Vorstellungen dieser Ideen, an die er sich bei Erkenntnissen erinnert (Goldberg, 1995, S. 189). Durch die angeborenen Bilder ist eine „unmittelbar anschauliche Erfassung eines Objektes“ (Overbach zit. in Hanraths, 1927, S. 48) möglich, die Platon als Intuition bezeichnet und dem „begrifflich formulierten Denken“ (ebda.) gegenüberstellt. Intuition kann jedoch nicht „nur sinnliche Objekte, sondern auch rein geistige Verhältnisse und Beziehungen erfassen“ (Overbach zit. in Hanraths, 1927, S. 49). Aristoteles (384 - 322 v. Chr.) dagegen versteht die Intuition als geistige Anschauung und als Erkenntnis der letzten Prinzipien (vgl. ebda.). Der griechische Philosoph Plotin aus dem dritten Jahrhundert nach Chr. ordnet die Intuition einer mystischen Erfahrung zu, bei der der Mensch eins wird mit Gott. Ein Zustand der Ekstase und der Verzückung, der nicht zu beschreiben sei sondern nur selbst erfahren werden kann (vgl. ebda.). Ebenso beschreibt der bedeutende Theologe und Philosoph Meister Eckhart (1260 - 1328) die Intuition als „ein übersinnliches, begrifflich und sprachlich nicht formulierbares übernatürliches Schauen“ (Overbach zit. in Hanraths, 1927, S. 50).

Der Intuition wurde während der Antike und des Mittelalters eine große Bedeutung zugesprochen, sie galt sogar als „die sicherste Form der Erkenntnis“ (Gigerenzer, 2007, S. 242). Diese Ansicht hat sich in der Neuzeit schlagartig verändert. Die Lehre des Szientismus vermittelte, dass man Erkenntnisse nur „aufgrund verifizierbarer, logischer Argumente und systematischen Sammelns von Erfahrungsmaterial“ (Goldberg, 1995, S. 11) gewinnen kann. Nach einstiger Überzeugung, Intuition sei eine Befähigung von Gott und übersinnliches Schauen, wurde diese göttliche Gewissheit zum „bloßen Gefühl“ abgewertet und verachtet (vgl. Gigerenzer, 2007, S. 242).

Nachdem zu Beginn der Neuzeit die Meinung vorherrschte, dass Wissen nur unter Einsatz des Verstandes und der Logik zu erlangen sei, änderte sich dieses Verständnis in den letzten Jahrzehnten aufgrund neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse, z. B. in der humanistischen und transpersonalen Psychologie sowie in der Gehirnforschung. Auch ein wachsendes Interesse für fernöstliches Denken sorgte dafür, dass immer mehr Menschen erkannten, dass es in ihnen eine Fähigkeit, jenseits des logischen Denkens und der Vernunft gibt, die ihnen hilft Entscheidungen zu treffen und die Wahrheit zu erkennen. Selbst wenn diese Begabung von schlechten Gewohnheiten und Unwissenheit zum Teil verschüttet ist, so ist sie doch in einem jeden von uns vorhanden (vgl. Goldberg, 1995, S.10). Auch bekannte Psychologen wie A. Maslow oder C.G. Jung sowie der Physiker Albert Einstein und viele andere, haben die Bedeutung der Intuition erkannt. Den hohen Stellenwert den Albert Einstein der Intuition beimaß wird durch folgendes Zitat deutlich: „Was wirklich zählt ist Intuition“ (Einstein zit. in Goldberg, 1995, S. 9).

Nachdem der Begriff und das Verständnis der Intuition im letzten Kapitel geschichtlich eingeordnet wurden, wird im Folgenden geklärt, was die Intuition leistet. Um eine Antwort auf die Frage zu finden, „wofür“ Intuition gut ist, werden unter Punkt 1.3 unterschiedliche Erscheinungsformen und Funktionen der Intuition dargelegt.

1.3 Verschiedene Arten der Intuition und ihre Funktionen

In diesem Kapitel wird aufgezeigt, auf welche Art und Weise Intuition auftreten kann und welchen Nutzen sie hat. Unter Punkt 1.1 (S. 11) wurde bereits erläutert auf welchen Ebenen (emotional, physisch, mental oder spirituell) sich Intuition bei Menschen bemerkbar machen kann. Ergänzend zu diesen von F. Vaughan benannten Ebenen wird nun darauf eingegangen, welche Erscheinungsformen die Intuition annehmen kann bzw. welche Funktionen sie erfüllt.

An erster Stelle werden dabei Situationen vorgestellt, in denen Intuition als Gefahrensignal wirksam wird. Zudem fungiert sie aber auch als Urteilsvermögen bei Entscheidungsfindungen, sowohl im privaten als auch im beruflichen Bereich. Ebenso können Intuitionen aber auch als „Werkzeug wissenschaftlicher Erfindungen“ dienen (Eggenberger, 1998, S. 392). Diese und weitere Funktionen sollen in den nächsten Unterpunkten ausführlich behandelt werden

1.3.1.Intuition als Gefahrensignal

Die Intuition ist laut der Psychologin und Intuitionstrainerin Gail Ferguson hauptsächlich als angeborener Überlebensschutz zu beurteilen, der über komplexe innere Kontroll- und Regulationsmechanismen dafür sorgt, dass das Funktionieren des Organismus sichergestellt und damit das Leben gemeistert werden kann (vgl. Häring et al. 2007, S. 18).

Es gibt Situationen, in denen Menschen mit einem Gefühl der Bedrohung in Kontakt kommen. Oft können sie sich dieses Gefühl in dem Moment nicht erklären, da keine offensichtlichen Gründe dafür erkennbar sind und dennoch spüren sie intuitiv, dass etwas nicht stimmt.

So erging es auch Robert eines Tages, als er einen Laden betrat, um sich ein paar Zeitschriften zu kaufen. Plötzlich bekam er jedoch aus - in diesem Moment - unerklärlichen Gründen Angst und verließ den Laden sofort wieder. Später erfuhr er, dass es dort kurz darauf Schießerei gegeben hatte (vgl. de Becker, 1997; S. 42).

Gavin de Becker, Chef einer Sicherheitsfirma, die sowohl die CIA als auch die Polizei von Los Angeles berät, erklärt in seinem Buch „Mut zur Angst - Wie Intuition uns vor Gewalt schützt“ (Frankfurt am Main, 1999), warum Robert dieses Gefühl überkam, das ihn am Ende davor bewahrte, während des Überfalls noch vor Ort zu sein. Roberts Geschichte ist nur eines von zahlreichen Beispielen, die Becker in seinem Buch aufführt. Es handelt sich jedoch bei allen Erfahrungsberichten um Gefahrensituationen, in denen die betroffenen Personen spürten, dass etwas nicht stimmt. Sie haben alle unbewusst Merkmale wahrgenommen, die auf die Gefahrenquelle hingewiesen haben. Gavin de Becker will seine Leser schulen auf Signale ihres Körpers zu hören, um Situationen anders einzuschätzen. Jeder besäße „einen hervorragenden inneren Schutzengel, der stets bereit ist, Sie zu warnen und Sie sicher durch riskante Situationen zu leiten“ (de Becker, 1997; S. 17).

Dieser Schutzengel war es wohl auch, der Robert den unwiderstehlichen Drang verspüren lies, das Geschäft zu verlassen. De Becker schreibt dem „Bauchgefühl“ einen kognitiven Prozess zu, der schneller abläuft als er einem bewusst wird. Er sagt: „das größte Werk der Natur, das menschliche Gehirn, ist nie leistungsfähiger und großartiger, als in Situationen, in denen der Körper bedroht wird. Dann katapultiert sich die Intuition auf eine ganz andere Ebene, auf eine Höhe, die man ganz richtig als besonders effizient, sogar als Wunder bezeichnen kann“ (de Becker, 1997, S. 44 f). Der menschliche Organismus ist demnach mit einer Schutzfunktion ausgestattet, die Indikatoren entschlüsselt bevor sie ins Bewusstsein gelangen und verstandesmäßig hinterfragt werden können. Hinweise aus der Umgebung, die Aufschluss darüber geben, ob eine Situation eine Gefahr in sich birgt oder nicht, werden automatisch abgewogen.

Auch Robert hat einem unguten Gefühl nachgegeben und das Geschäft rechtzeitig verlassen, ohne die Gründe dafür zu diesem Zeitpunkt benennen zu können. Erst im Nachhinein konnte er Rückschlüsse auf die Indikatoren ziehen, die er beim Betreten des Ladens unterbewusst wahrgenommen hatte. Der Ladenbesitzer, der seine volle Aufmerksamkeit auf einen anderen Kunde richtete, der trotz des heißen Wetters eine dicke Jacke trug, sowie zwei Männer, die in einem Kombi mit laufenden Motor vor dem Laden gewartet hatten, passten nicht ins Bild. Dies hat Robert im entscheidenden Moment gespürt (vgl. de Becker, 1997, S.43).

Solchen alarmierenden Signalen, die der Körper auf verschiedenste Art und Weise zum Ausdruck bringt, wird leider in vielen Fällen kein Glaube geschenkt. Vielmehr wird versucht die Hinweise mit logischen Erklärungen auszuschalten. Der Grund für das Misstrauen liegt darin, dass Körpersignale in solchen Momenten zwar wahrgenommen werden, man sich jedoch (noch) nicht erklären kann, worauf sie begründet sind. Diese Ungewissheit verhindert, dass man Vertrauen in seine Intuition entwickelt. Menschen, die durch das abendländische Denken geprägt wurden, vertrauen lieber einer logisch hergeleiteten und auf Fakten beruhenden Schlussfolgerung anstatt sich einem unbestimmten Gefühl hinzugeben (vgl. Eggenberger, S. 16). Es ist der kulturellen Prägung zuzuschreiben, dass die Menschen aus dem Westen Logik „vergöttern“, selbst wenn sie falsch ist, während sie Intuition leugnen, selbst wenn diese stimmt (vgl. de Becker, 1997, S. 24).

Nachdem dargestellt wurde, dass die Intuition eine lebensrettende Funktion haben kann, indem sie Menschen vor Gefahren warnt, sollen im Anschluss weitere Zwecke beschrieben werden, zu denen die Intuition einen entscheidenden Beitrag leistet, ihre Missachtung jedoch weniger dramatische Folgen haben würde. Unter Punkt 1.3.2 folgt eine Darstellung der Intuition als Ursprung für wissenschaftliche Entdeckungen.

1.3.2 Intuition als „Werkzeug“ für wissenschaftliche Entdeckungen

Der französische Mathematiker Henry Poincare sagte einst: „Mit Logik kann man Beweise führen, aber keine neuen Erkenntnisse gewinnen. Dazu gehört Intuition“ (Poincare zit. in Traufetter, 2007, S. 35).

Der Intuition wird des Öfteren eine entdeckerische Qualität zugesprochen, welche jedoch durch Logik und diskursives Denken ergänzt werden muss (vgl. Eggenberger, 1998, S. 392). Viele Wissenschaftler, Physiker oder Mathematiker schreiben den Ursprung ihrer Entdeckungen dem Wirken der Intuition zu (vgl. Vaughan, 1988, S. 52). Diese taucht zwar meist nicht ohne ausführliche Auseinandersetzung mit einer bestimmten Materie auf, die Einsicht, wie etwas zusammenhängt oder funktioniert, kommt jedoch ganz unerwartet und plötzlich. Die vorherige Beschäftigung mit einem Thema ist wichtig, um dem Gehirn „Rohmaterial“ zur Verfügung zu stellen, mit dem dieses daraufhin arbeiten kann (vgl. Goldberg, 1995, S. 48 - 53).

Die Intuition die uns zu wissenschaftlichen Entdeckungen verhelfen kann ist leicht zu verwechseln mit dem Phänomen der Inspiration, die bei künstlerischer Arbeit völlig unerwartet in Erscheinung tritt. Der Unterschied liegt darin, dass die Intuition mit verifizierbaren Fakten und Informationen arbeitet und daraus ihre Erkenntnis entspringt. Während sich Wissenschaftler bereits intensiv mit ihrer Materie beschäftigt haben und die Entdeckung auf den erworbenen Kenntnissen beruht (ebda.), entspringt die Inspiration für künstlerische Tätigkeiten dagegen aus dem Nichts. Sie könnte auch als neu erweckte Vorstellungskraft beschrieben werden. Oft kommt sie durch sinnliche Assoziationen zustande (vgl. Faas, 2000, S. 65).

Es ist nicht zu leugnen, dass die Intuition in der Geschichte schon wahre Wunder gewirkt hat. Während Vernunft und empirische Beobachtungen den Gang der Forschung lenkten, war sie oft der entscheidende Funke, der die einzelnen Faktoren zu einem Ganzen verband (vgl. Goldberg, 1995, S. 16). Wäre bei neuen Ideen nicht die Fähigkeit des Entdeckers mit im Spiel, auf die Hinweise seiner Intuition zu reagieren, würde folglich ein Aneinanderreihen von empirischen Fakten und ein Schlussfolgern aus gemachten Beobachtungen alleine ausreichen, um eine weitreichende Entdeckung zu machen (vgl. ebda., S. 18). Wenn es demzufolge jedem Menschen möglich wäre, dies zu tun, dann gäbe es nicht die Genies, die einzigartige Entdeckungen machen. Karl Popper, der Philosoph der Naturwissenschaften sagte: „So etwas wie eine logische Methode zum Erlangen neuer Ideen gibt es nicht, ebenso wenig eine logische Rekonstruktion dieses Vorgangs [...]. Jede Entdeckung enthält ein irrationales Element oder eine schöpferische Intuition“ (Goldberg, 1995, S.17).

Doch wie der Autor Philipp Goldberg hinzufügt läuft das „nicht nur bei großen Entdeckungen so, sondern auch bei alltäglichen Entscheidungsprozessen und Problemlösungen“ (ebda., S. 16). Wann und wie die Intuition im alltäglichen Leben auftaucht wird unter dem nächsten Punkt geklärt werden.

1.3.3 Intuition als Eingebung oder Geistesblitz

Intuition ist nicht nur eine Erkenntnisfähigkeit von Entdeckern und Wissenschaftlern, sondern jeder Mensch handelt Tag für Tag, bewusst oder unbewusst, nach seiner Intuition. Manche bezeichnen eine plötzliche Erkenntnis in einem Problemlösungsprozess als Eingebung, andere hingegen wählen den Begriff des Geistesblitzes. Was genau hinter diesen Bezeichnungen steckt, wird anschließend erläutert.

Es gibt Probleme und Entscheidungen mit denen man sich stunden-, manchmal sogar tagelang auseinander setzt und vergeblich versucht zu einem Ergebnis zu kommen. Es macht sich ein Gefühl der Ratlosigkeit breit, wenn die Gedanken festgefahren sind und nur um jene Angelegenheit kreisen. In so einem Fall ist der Geist zu eingeschränkt, um kreative Lösungsansätze hervorzubringen. Erst wenn der Geist frei wird, das heisst wenn wir uns eine Pause gönnen und uns nicht mehr - zumindest nicht bewusst - mit der Problemstellung beschäftigen, kann die Einsicht zur Lösung des Problems unvermittelt auftauchen. Oft passiert es Stunden oder sogar Tage später, dass Lösungen sichtbar werden, ohne dass bewusst danach gesucht wurde. Die Zeit, in der wir uns von dem Thema distanzieren und uns mit anderen Dingen beschäftigen, wird als Inkubationszeit bezeichnet. Annette Bolte erklärt das Phänomen der Inkubationszeit durch die Aktivierung gespeicherter relevanter Informationen, auf die zuerst nicht zugegriffen werden kann (vgl. Bolte, 2003, S.18 ff). Sie fügt eine Erklärung der Autoren Yaniv & Meyer's (1987) hinzu, laut derer Hinweisreize aus der Umwelt zur Lösung eines Problems beitragen können. Die Person muss sich über den Zusammenhang zwischen dem Reiz und der zu lösenden Aufgabe oder Frage nicht einmal bewusst sein. Die genannten Autoren formulierten aus diesen Erkenntnissen die „memory-sensitization“ Hypothese (ebda., S. 21).

Zur Inkubationszeit als „schöpferische Pause“ weist auch Philipp Goldberg in seinem Buch „Die Kraft der Intuition“ (Bindlach, 1995) verschiedene Erklärungsansätze auf. Intuition kann einerseits als Entspannung des ermüdeten Geistes gesehen werden, die uns für einen intuitiven Impuls empfänglicher macht. Andererseits kann in Erwägung gezogen werden, dass eingefahrene Denkstrukturen durch eine Pause unterbrochen werden und somit neues Licht auf die Angelegenheit fällt, das letztendlich zu einer Lösung führen kann. Mit einem ähnlichen Ansatz argumentiert auch der Psychologe H. Simon (1978). Er behauptet, dass sich jeder Mensch zu Beginn eines Problemlösungsprozesses einen vorgefertigten Plan in seinem Kopf zurechtlegt. Durch diese Festlegung stellt sich eine selektive Wahrnehmung ein die bewirkt, dass die betroffene Person neue Informationen ignoriert (vgl. Goldberg, 1995, S. 73 ff).

Letzten Endes ist jedoch die wichtigste Aussage bezüglich des Phänomens der Inkubationszeit, dass der Verstand seine Arbeit auch unbewusst fortsetzt. Das heißt, dass ein Problem in unserem Geist auch noch bearbeitet wird, selbst wenn wir uns nicht zu jedem Zeitpunkt aktiv damit auseinandersetzten. So erscheint die Lösung manchmal urplötzlich und völlig unerwartet (vgl. Goldberg, 1995, S. 73).

So gesehen hat auch die aus dem allgemeinen Sprachgebrauch bekannte Redewendung „über etwas schlafen“, ihre Berechtigung und ihren Sinn. Im Schlaf ist unser Körper entspannt und unsere zielgerichtete Aufmerksamkeit und Gedanken sind ausgeschaltet. In diesem Zustand ist der intuitive Vorgang frei und kann unbeeinflusst von bewussten Denkvorgängen ablaufen. Erfahrungen, Informationen und Hinweise, die unser Gehirn subliminal abgespeichert hat, können dabei berücksichtigt werden, während sie bei bewusster Auseinandersetzung mit einer Fragestellung verdeckt und somit unbeachtet bleiben (vgl. Vaughan, 1988, S. 79).

Da intuitive Eingebung als etwas erfahren wird „das einem passiert“, bezeichnet Eggenberger die Intuition auch als „nicht-intentionale Erfahrung“ (Eggenberger, 1998, S. 67). Die betroffene Person ist in diesem Moment passiv und kann daher als Empfänger einer Idee bezeichnet werden. Dies betrifft nicht nur Künstler, Erfinder oder Wissenschaftler, die in Folge einer Eingebung eine großartige Entdeckung machen, sondern jeden Menschen in seinem alltäglichen Denken und Handeln (vgl. ebda.). Zum Beispiel bei Entscheidungsfindungen.

1.3.4 Intuition als Hilfe bei einer Entscheidungsfindung

Jeder Mensch trifft täglich unzählige Entscheidungen. Welche möglichen Wege der Entscheidungsfindungen es dabei gibt, wird an dieser Stelle erläutert.

Zum einen können Entscheidungen auf dem Hintergrund intuitiver Entscheidungsprozesse getroffen werden, zum anderen können sie auf Vorgängen der Erkenntnis beruhen, die vom Verstand oder dem Intellekt geleitet werden. Bei dieser Zweiteilung der Erkenntnisgewinnung steht der Verstand der Intuition gegenüber. „Die Debatte über das erkenntnistheoretische Primat der einen oder anderen Position ist auch heute noch nicht abgeschlossen“ (Eggenberger, 1998, S. 69).

Des Öfteren ist zu beobachten, dass die Entscheidungsfindung von Menschen aus nichtindustriellen Ländern sich von denen aus Industrieländern unterscheidet. Während Menschen aus fernöstlichen Kulturen eher dazu neigen „auf ihre innere Stimme“ (Goldberg, 1995, S. 129) zu hören, verlassen sich Menschen aus dem westlichen Kulturraum bei Entscheidungen vielmehr auf nachweisbare Fakten. Besonders im Berufsleben wird Rationalität und vernünftiges Handeln gefordert. Dies ergab eine im Jahre 1988 in der Schweiz durchgeführte Studie mit dem Thema „Führungslandschaft Schweiz“. Eine Führungskraft, deren Namen nicht preisgegeben wurde, bestätigte die Ergebnisse mit folgender Aussage: „Im Zweifelsfalle wird man sich immer auf rationale Überlegungen stützen. Dann hat man eine Rechtfertigung.“ (Müri, 1995, S. 34). Ein weiterer Befragter unterstreicht diese Haltung mit der Begründung, dass eine rationale Entscheidung als legitim und gut akzeptiert werde, gefühlsmäßig angestellte Schlussfolgerungen jedoch häufig im Nachhinein rationalisiert werden müssen (vgl. ebda.). Da es im Alltag ständig Situationen gibt in denen die Zeit fehlt, um Entscheidungen verstandesmäßig abzuwägen und Argumente zu sammeln, muss dabei häufig auf eine alternative Entscheidungsfindung zurückgegriffen werden, bei der auf Körpersignale gehört wird (vgl. Damasio, 2001, S. 237). Die Autoren Hänsel, Zeuch und Schweitzer, die 2002 in der Zeitschrift „Organisationsentwicklung“ einen Artikel über den „Erfolgsfaktor Intuition“ als „Geistesblitze in Organisationen“ veröffentlichten, beschäftigen sich alle intensiv mit dem Thema Intuition. In ihrem Artikel bezeichnen sie Intuition, die uns durch Körpersignale eine Richtung oder Tendenz bezüglich einer Entscheidung angibt, als „intelligentes Körpergefühl“ (Hänsel et al., 2002, S. 42). Dieses Körpergefühl beruht auf Erfahrungswerten, die zuvor gemacht wurden und in Form von „somatischen Markern“ im Gehirn abgespeichert wurden. Das Modell der „somatischen Marker“ stammt von Antonio Damasio, einem bedeutenden Neurowissenschaftler, der durch seine Forschungen im Bereich der Bewusstseinsforschung, bekannt wurde. Durch somatische Marker werden Menschen befähigt, Entscheidungen unmittelbar zu treffen ohne eine vernunftmäßige Analyse anzustellen. Kommt die betroffene Person in eine ähnliche Situation, werden die somatischen Marker, also die Erfahrungswerte, mit der aktuellen Situation abgeglichen und liefern dadurch wichtige Bewertungen und Hinweise zu den Gegebenheiten, die der Entscheidungsfindung dienen (vgl. Traufetter, 2007, S. 70).

Ähnlich wie mit den somatischen Markern verhält es sich auch mit dem „Impliziten Wissen“. Dieses, in der Psychologie als „tacit knowledge“ bezeichnete Wissen, wird subliminal durch Erfahrungen gesammelt (vgl. Häring et al., 2007, S. 42). Der Mensch kann bei Entscheidungen auf dieses Erfahrungswissen zurückgreifen, ohne sich dessen überhaupt bewusst zu sein. Aus diesem Grund wird das Wirken der Intuition oft mit dem Ansatz des impliziten Wissens beschrieben. Die Intuition tritt dabei als unbewusst angewandtes Handlungswissen auf. Menschen handeln dann, „wie nach einer unsichtbaren Richtschnur, [ ] ohne dass sie die einzelnen Schritte ihrer Handlungen bewusst steuern oder willkürlich kontrollieren“ (Hänsel et al., 2002, S. 42).

Jeder Mensch verfügt also über unbewusstes Wissen, das die Grundlage für viele Alltagsentscheidungen ist. Das Auftauchen dieses impliziten Wissens im Bewusstsein, kann man als Intuition bezeichnen. Durch das Wirken der Intuition werden dem Menschen bewusste Entscheidungen abgenommen und er wird durch sie zu unmittelbarem Handeln befähigt. Schmid bezeichnet diesen Vorgang als „Komplexitätsreduktion“ (Schmid et al., 1999, S. 102).

Obwohl belegt wurde, dass jeder Mensch Erfahrungswerte abspeichert, die Entscheidungen beeinflussen und erleichtern, wird daran festgehalten, Entscheidungen so oft wie möglich analytisch - rational zu treffen. Unbewussten Prozessen, die in Form eines Gefühls die Aufmerksamkeit erreichen, wird - zumindest im abendländischen Denken - nicht viel Vertrauen geschenkt. Entscheidungen, die auf dem Hintergrund bewusst angestellter und auf der Verstandes-Ebene ablaufender Überlegungen basieren, scheinen mehr Sicherheit zu vermitteln, wie die befragten Führungskräfte bei der oben erwähnten Untersuchung in der Schweiz zugaben (vgl. Müri, 1995, S. 34).

Im Gegensatz dazu hält der bekannte Entscheidungsforscher Ap Dijksterhuis jedoch gar nichts von der Neigung, sich auf den Verstand zu verlassen. „Der bewusste Verstand verzerrt nur, was das Gehirn bereits korrekt beobachtet und überdacht hat, ohne dass wir dessen wirklich gewahr geworden sind“ (Dijksterhuis zit. in Traufetter, 2007, S. 23), meint Dijksterhuis. Er stellt der Vernunft die Idee vom „unbewussten Denken“ entgegen und kommentiert „Wenn sie wollen, können sie das Intuition nennen“ (ebda.).

Wie die Darlegung der gegensätzlichen Einstellungen zu Entscheidungsfindungen ersichtlich macht, hängen sie zu einem Großteil von der persönlichen Haltung des Entscheiders ab. Sie werden daher von dem niederländischen Pädagogen Martinus Langeveld als „subjektiver Prozess“ (Langeveld zit. in Eggenberger, 1998, S. 113) bezeichnet. Zu der Frage, inwieweit persönliche Merkmale den Prozess der Entscheidungsfindung beeinflussen, werden unter Punkt 2.3.4 (vgl. S. 44 ff) einige Modelle und Forschungsergebnisse zum Thema intuitive Persönlichkeiten vorgestellt.

Am Ende des ersten Kapitels sollen die Ergebnisse der einzelnen Unterpunkte noch einmal zusammengefasst werden. Die Behandlung unterschiedlicher Begriffsdefinitionen hat ergeben, dass die Intuition in allen Fachbereichen als schnelle, unvermittelte Erkenntnis angesehen wird, die zu raschem Handeln befähigt. Gefühle oder Körperempfindungen sind Signale, die auf Intuition hinweisen können. Bezüglich der Geschichte wurde herausgefunden, dass die Intuition im Laufe der Zeit nicht immer denselben Stellenwert für Menschen hatte. Des Weiteren wurde aufgezeigt, dass die Intuition zum einen auf Gefahren hinweisen kann und zum anderen innovative Ideen sowohl bei wissenschaftlichen Entdeckungen als auch bei Entscheidungsfindungen vermittelt.

Die Vielseitigkeit der Intuition, die innerhalb des ersten Kapitels veranschaulicht wurde, veranlasst häufig zu falschen Annahmen. Es gibt zahlreiche Begrifflichkeiten und umgangssprachliche Redewendungen anhand derer versucht wird, die Intuition zu beschreiben. Diese sind jedoch oft nicht korrekt und basieren auf falschen Annahmen. Aus diesem Grund wird die Intuition im zweiten Kapitel von ihr ähnlichen Phänomenen abgegrenzt. Des Weiteren soll aufgezeigt werden, wodurch Intuition beeinflusst und letztendlich sogar oft verhindert wird.

[...]

Ende der Leseprobe aus 103 Seiten

Details

Titel
Intuition. Eine ungenutzte Ressource in der Sozialen Arbeit
Untertitel
Ein Diskurs über die Fähigkeit, das Wesentliche einer Situation wahrzunehmen und adäquates Handeln daraus abzuleiten
Hochschule
Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen  (Katholische Hochschule NRW - Abteilung Köln)
Note
1
Autor
Jahr
2009
Seiten
103
Katalognummer
V174705
ISBN (eBook)
9783640953653
ISBN (Buch)
9783640953554
Dateigröße
753 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
intuition, eine, ressource, sozialen, arbeit, diskurs, fähigkeit, wesentliche, situation, handeln
Arbeit zitieren
Dipl. Sozialarbeiterin/-päd. Juliane Dalheimer (Autor), 2009, Intuition. Eine ungenutzte Ressource in der Sozialen Arbeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/174705

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