Die Autonomiekonzeption griechischer Poleis in klassischer Zeit – ein strukturelles Problem für den attischen Seebund?


Hausarbeit, 2011
20 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriff und Wesen der Polis

3. Freiheit als äußere Unabhängigkeit
3.1 Die Autonomie der Kolonien
3.2 Freiheit versus Knechtschaft in den Perserkriegen

4. Freiheit als innere Autonomie
4.1 Die Polis als autonome Bürgergemeinschaft
4.2 Demokratische Prinzipien der Polis

5. Der attische Seebund und die Polisautonomie
5.1 Entstehung und Machtstruktur des attischen Seebundes
5.2 Der Widerspruch von Polisautonomie und Herrschaftsorganisation des Seebundes

6. Fazit

Anhang

Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die europäische Integration ist ein probates politisches Mittel, um Frieden und Freiheit in Europa zu sichern. Inzwischen kommen jedoch viele Gesetzesvorlagen aus Brüssel und nicht Berlin, sodass sich die Frage stellt, in welchem Ausmaß ein supranationales politisches Bündnis wie die EU in die Souveränität der einzelnen Mitglieder eingreifen darf. Abstrahiert man diese Frage auf die grundlegende politische Struktur, findet sich bereits in der Antike ein ähnliches Prinzip.

Vor diesem Hintergrund ergibt sich ein latenter Aktualitätsbezug zur Leitfrage der Arbeit, inwiefern die Autonomiekonzeption der griechischen Poleis in klassischer Zeit ein strukturelles Problem für den attischen Seebund darstellt. Dabei spielt die Frage, ob die Machtpolitik Athens in diesem Bündnis zu weit in die Selbstbestimmung der einzelnen Stadtstaaten eingriff, eine zentrale Rolle. Die Bedeutung der Leitfrage ergibt sich durch die Wichtigkeit des Verständnisses des grundlegenden strukturellen Problems eines Bündnisses, das die Politik in der Zeit vor und während des Peloponnesischen Krieges entscheidend prägte. Des Weiteren dient die Leitfrage neben dem Aktualitätsbezug auch dem historischen Interesse am griechischen Autonomiebegriff, der in diesem Zusammenhang ausführlich dargestellt werden soll.

Dementsprechend beginnt die Arbeit mit einem Abschnitt über Begriff und Wesen der Polis, um zunächst den Rahmen der Autonomie zu erfassen. Des Weiteren erfolgt eine Untersuchung der Freiheit als äußerer Unabhängigkeit. Zuerst wird dabei kurz auf die Autonomie griechischer Kolonien eingegangen, bevor die Bewusstwerdung der Dichotomie zwischen Freiheit und Knechtschaft im Zuge der Perserkriege unter die Lupe genommen wird. Weiterhin thematisiert die Arbeit die Konzeption von Freiheit als innerer Autonomie. In diesem Zusammenhang wird die Polis als Bürgergemeinschaft dargestellt, die sich mit den Prinzipien direkter Demokratie ihre Gesetze selbst gibt. Ausgehend vom innen- und außenpolitischen Freiheitsverständnis wird analysiert, inwiefern diese Autonomiekonzeption ein strukturelles Problem für den attischen Seebund bedeutete. Dafür wird zunächst dessen grundlegende Machtstruktur dargestellt, bevor eine Untersuchung der athenischen Großmachtpolitik erfolgt, welche den Selbstbestimmungsprinzipien der griechischen Poleis zuwiderlief.

Die Leitfrage bezieht sich explizit auf die klassische Zeit, zieht jedoch einen engeren Zeitrahmen von den Perserkriegen bis zum Peloponnesischen Krieg. Als Konsequenz dessen wird der 377 v. Chr. gegründete Zweite Attische Seebund1 nicht betrachtet.

Eine wichtige literarische Quelle dieser Arbeit ist Thukydides’ Werk „Der Peloponnesische Krieg“2. Dessen Glaubwürdigkeit ist sehr hoch, weil er betont, auf Märchenhaftes zu verzichten3 und stattdessen Geschichte nicht als das Werk der Götter, sondern der Menschen mit ihren Machtinteressen auffasst.4 Eine weitere literarische Quelle ist Aristoteles’ Werk „Der Staat der Athener“5. Dessen Reliabilität ist aufgrund der unselbstständigen Arbeitsweise6 des Verfassers eingeschränkt. Das Werk spielt dennoch in den Altertumswissenschaften eine bedeutende Rolle7 und wird daher auch in dieser Arbeit als Quelle herangezogen. Wichtige Sekundärtitel waren neben Welweis „Die griechische Polis“8 Kurt Raaflaubs „Die Entdeckung der Freiheit“9 sowie Jochen Bleickens Werk über „Die athenische Demokratie“10.

2. Begriff und Wesen der Polis

Ursprünglich war das Wort „Polis“ die Bezeichnung für eine befestigte Höhensiedlung.11 Diese entwickelten sich im Laufe der Zeit zu selbstständigen staatlichen Einheiten, auf die sich der klassische Polisbegriff beziehen lässt.12

In territorialer Hinsicht kann die griechische Polis keineswegs mit dem modernern Großflächenstaat und dessen Verwaltungsapparat verglichen werden. Viele Poleis umfassten nur wenige Tausend Einwohner.13 Vor diesem Hintergrund ist die Bezeichnung der Polis als Stadtstaat angebracht, denn dieser Begriff vereint in präziser Definition zwei Bedeutungsebenen der Polis. Die eine Ebene ist die der Siedlung, wofür der moderne Begriff der Stadt verwendet werden kann.14 Auf der anderen Ebene bezieht sich der Polisbegriff, indem er auf eine politische Gemeinschaft rekurriert, jedoch auch auf den Aspekt des modernen Staates.15 Aus diesen beiden Aspekten ergibt sich die griechische Selbstwahrnehmung der Polis als Gemeinschaft der Bürger, die eine Stadt bewohnen.16

Ausgehend vom modernen Staatsverständnis tritt im Vergleich mit der griechischen Polis ein profunder Unterschied auf, welcher das Wesen der Polis sehr treffend charakterisiert. Gemäß moderner Definition gehören zum Staat die Staatsgewalt, das Staatsgebiet und das Staatsvolk.17 Im modernen Staat definiert sich die politische Identität relativ stark über ethnische und nationale Identität. Eine damit korrelierte Benennung des Staates nach dem Land, so wie es am Beispiel von England und Deutschland deutlich wird, wäre für die Griechen jedenfalls nicht denkbar gewesen.18 Der Territorialität kam somit im griechischen Denken, das die Polis als Personenverband auffasste, keine bedeutende Rolle zu.19 Für sie war - im Gegensatz zum modernen Denken - vor allem das Element der Bürgergemeinschaft das essenzielle Charakteristikum der Polis.20 Grundlegend ist dabei zu betonen, dass sich eine Bürgergemeinschaft als politische Gemeinschaft definierte.21 In einer ersten Annäherung an den für die Leitfrage der Arbeit sehr wichtigen Begriff der Polisautonomie kann daher festgehalten werden, dass ihr Wesenskern in der autonomen Gemeinschaft von Bürgern besteht, welche in freier Beschlussfassung ihre inneren und äußeren Angelegenheiten regeln.22 Damit die Bürger direkt an den politischen Entscheidungen teilnehmen können, setzt eine Bürgergemeinschaft wie die der Polis überschaubare Verhältnisse voraus.23 Eine nur wenige Tausende umfassende Bürgerzahl war damit die Rahmenbedingung für direktdemokratisches Handeln.

In diesem Zusammenhang muss allerdings eine Einschränkung dieser Definition vorgenommen werden. Vor allem viele kleine Poleis konnten über einen längeren Zeitraum hinweg ihre Autonomie entweder gar nicht oder nur teilweise behaupten, weil sie in Abhängigkeit von größeren Stadtstaaten gerieten.24 Vor diesem Hintergrund gelangt Hansen zu der Schlussfolgerung, dass die Autonomie kein essenzieller Aspekt der Polis gewesen sei.25 Die Kapitel drei und vier dieser Arbeit werden jedoch die Autonomiekonzeption griechischer Poleis deutlich herausstellen und dabei aufzeigen, dass die Freiheit der Städte in der klassischen Zeit entgegen der These von Hansen das wesentliche Merkmal ihres Selbstverständnisses war.

Im Folgenden soll dieses Freiheitsverständnis in zwei analytische Aspekte aufgeteilt werden. Bevor im vierten Kapitel auf die Freiheit als innere Autonomie eingegangen wird, soll zunächst im sich direkt anschließenden Kapitel die Freiheit als äußere Unabhängigkeit dargestellt werden.

3. Freiheit als äußere Unabhängigkeit

3.1 Die Autonomie der Kolonien

Die Kolonien griechischer Mutterstädte besaßen eine Sonderstellung als Außensiedlungen, den Apoikiai.26 In der Regel wurden solche Neugründungen als eigenständige Gemeinwesen angelegt, sodass sie sich zu autonomen Poleis entwickeln konnten.27 Dies zeigt, dass der Autonomie ein sehr großer Wert beigemessen wurde.

Auch Athens Apoikien waren rechtlich selbstständig28, dennoch bildeten sie eine Ausnahme. Im Gegensatz zu anderen griechischen Kolonien waren die athenischen Neugründungen sehr viel enger mit der Mutterstadt verbunden und von ihr abhängig.29 Eine weitere Ausnahme in dieser Hinsicht bildete Korinth, das allerdings seinen Machtanspruch nicht vollständig durchsetzen konnte. Das zeigte sich unter anderem daran, dass Kerkyra volle Selbstständigkeit erlangte.30 Andere Kolonien hingegen wie Ambrakia und Leukas mussten die militärische Befehlsgewalt der

Korinther anerkennen.31 Das Verhältnis Korinths zur Kolonie Poteidaia war von Ambivalenz geprägt. Poteidaia hatte enge Beziehungen zur Mutterstadt, zudem stellten die Korinther dort regelmäßig einen hohen Amtsträger, den Epidamiurgen.32 Durch diese Form der politischen Bindung verfügte Poteidaia nur über eine eingeschränkte innere Autonomie. Umso bemerkenswerter ist es vor diesem Hintergrund, dass Poteidaia sich außenpolitisch völlig unabhängig verhalten konnte. Nur so ist es zu erklären, dass diese Polis Mitglied im attischen Seebund wurde, obwohl Korinth dem konträren Bündnis angehörte. Somit wird in der Gesamtbetrachtung deutlich, dass die Autonomie der Kolonien, auch wenn sie grundlegend als Normalfall anzusehen ist, immer auch von den politischen Machtverhältnissen abhing und damit keine Selbstverständlichkeit war.

[...]


1 vgl. Lotze, Detlef: Griechische Geschichte. Von den Anfängen bis zum Hellenismus. 7. Auflage, München 2007, S. 119.

2 Thukydides: Geschichte des Peloponnesischen Krieges. Griechisch-deutsch. Übersetzt und mit einer Einführung und Erläuterung versehen von Georg Peter Landmann. München/Zürich 1993.

3 vgl. Thuk. I, 22, 4

4 Besonders deutlich wird diese sich durch das gesamte Werk ziehende Vorgehensweise bei Thuk. I, 44, 1-3. Er analysiert hier implizit das Machtkalkül Athens beim Bestreben, die Flotte Kerkyras für eine militärische Stärkung des attischen Seebundes zu gewinnen.

5 Aristoteles: Der Staat der Athener. Übersetzt und hrsg. von Martin Dreher. Stuttgart 2006.

6 vgl. Dreher, Martin: Einleitung. In: Aristoteles: Der Staat der Athener. Übersetzt und hrsg. von Martin Dreher. Stuttgart 2006, S. 25.

7 vgl. Dreher, 2006, S. 24.

8 Welwei, Karl-Wilhelm: Die griechische Polis. Verfassung und Gesellschaft in archaischer und klassischer Zeit. 2. Auflage, Stuttgart 1998.

9 Raaflaub, Kurt: Die Entdeckung der Freiheit. Zur historischen Semantik und Gesellschaftsgeschichte eines politischen Grundbegriffes der Griechen. (= Vestigia Band 37). München 1985.

10 Bleicken, Jochen: Die athenische Demokratie. 4. Auflage, Paderborn 1995.

11 vgl. Welwei, 1998, S. 9.

12 vgl. ebd.

13 vgl. ebd.

14 vgl. Hansen, Mogens Herman: Polis. An Introduction to the Ancient Greek City-State. Oxford 2006, S. 58.

15 vgl. ebd.

16 vgl. ebd., S. 59.

17 vgl. Welwei, 1998, S. 10.

18 vgl. Ottmann, Henning: Geschichte des politischen Denkens. Von den Anfängen bei den Griechen bis auf unsere Zeit. Band 1: Die Griechen. Teilband 1: Von Homer bis Sokrates. Stuttgart/Weimar 2001, S. 9.

19 vgl. ebd.

20 vgl. Welwei, 1998, S. 10.

21 vgl. ebd.

22 vgl. ebd., S. 14.

23 vgl. ebd., S. 16.

24 vgl. Welwei, 1998, S. 14.

25 vgl. Hansen, 2006, S. 64.

26 vgl. Welwei, 1998, S. 266.

27 vgl. ebd., S. 267.

28 vgl. ebd.

29 vgl. ebd.

30 vgl. ebd.

31 vgl. Welwei, 1998, S. 267.

32 vgl. Lotze, 2007, S. 71. Bei Welwei ist sogar die Rede von mehreren Oberbeamten. Vgl. dazu Welwei, 1998, S. 267.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Die Autonomiekonzeption griechischer Poleis in klassischer Zeit – ein strukturelles Problem für den attischen Seebund?
Hochschule
Universität Rostock
Note
2,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
20
Katalognummer
V174721
ISBN (eBook)
9783640953387
ISBN (Buch)
9783640952984
Dateigröße
546 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Autonomie, griechische poleis, polis, attischer Seebund, Autonomiekonzeption, griechisches Freiheitsverständnis
Arbeit zitieren
Bakkalaureus Artium Steffen Radtke (Autor), 2011, Die Autonomiekonzeption griechischer Poleis in klassischer Zeit – ein strukturelles Problem für den attischen Seebund? , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/174721

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