Bei einer Beschäftigung mit den Darstellungen in der Populär- als auch in der Fachliteratur fällt [...] auf, dass die Übertragung neurowissenschaftlicher Erkenntnisse auf mentale Ereignisse wie Denken, Wissen oder Bewusstsein nicht immer ohne Weiteres gerechtfertigt ist. Es ist populär, bei der Erörterung des menschlichen Geistes „harte“ Fakten über das Gehirn zu präsentieren. Die Übertragung dieses Wissens auf Fragestellungen der Psychologie ist jedoch an gewisse Voraussetzungen gebunden und diese ergeben sich aus dem theoretischen Fundament der Wissenschaften.
Das vorliegende Werk umfasst drei Aufsätze, die in den Jahren 2010 und 2011 als Seminararbeiten an den Fachbereichen Philosophie und Psychologie der Universität Hamburg entstanden sind. Zentral ist jeder Arbeit eine Diskussion mentaler Phänomene vor dem Hintergrund philosophischer und neurowissenschaftlicher Erkenntnisse (Auszug aus der Einleitung).
Inhaltsverzeichnis
1 Neuronale Repräsentationen des menschlichen Geistes
1.1 Einleitung
1.1.1 Forschungsfeld der kognitiven Neurowissenschaften
1.1.2 Die Repräsentation im Verständnis neurowissenschaftlicher Forschung
1.1.3 Kategorien kognitiver Funktionen
1.2 Konzepte zur Repräsentation intentionaler Zustände
1.2.1 Merkmale intentionaler Zustände
1.2.2 Fodors Repräsentionale Theorie des Geistes (RTG)
1.2.3 Konnexionismus
1.3 Ansätze zur Naturalisierung des Inhalts mentaler Repräsentationen
1.3.1 Dretskes informationstheoretischer Ansatz
1.3.2 Das Problem der Fehlrepräsentation
1.4 Repräsentation von Empfindungen
1.4.1 Nagels Thesen zum subjektiven Charakter von Empfindungen
1.4.2 Levines Argument der Erklärungslücke
1.5 Der Repräsentationsbegriff in den Neurowissenschaften
1.5.1 Landschaftskarten und neuronale Karten – Analogien und Verwirrungen
1.5.2 Der „mereologische Fehlschluss“
2 Zwischen Sein und Wissen
2.1 Einleitung
2.2 Damasios Bewusstseinstheorie
2.2.1 Protoselbst
2.2.2 Kernbewusstsein
2.2.3 Erweitertes Bewusstsein
2.3 Das Selbst
2.3.1 Bemerkungen zum Bewusstsein
2.3.2 Introspektion
2.3.3 Selbst und Selbstwissen
2.4 Fazit
3 Human volition
3.1 Einleitung
3.2 Wille und Entscheidung
3.2.1 Frühe „ob“-Entscheidungen
3.2.2 „Was“-Entscheidungen
3.2.3 Späte „ob“- Entscheidungen
3.3 Willentliche Handlungen
3.3.1 Willentliche Handlungen sind nicht direkt durch einen externen Reiz determiniert
3.4 „Agency“ und „Intention“
3.5 Revision des Willenskonzepts
3.5.1 Welche Rolle spielt die „bewusste Absicht“?
3.6 Fazit
Zielsetzung & Themen
Das Werk untersucht das Verhältnis zwischen Gehirn und Geist durch eine Analyse mentaler Phänomene vor dem Hintergrund neurowissenschaftlicher und geistesphilosophischer Erkenntnisse. Ziel ist es, die Berechtigung der Übertragung neurowissenschaftlicher Daten auf mentale Funktionen kritisch zu hinterfragen und die Bedingungen für eine solche Naturalisierung aufzuzeigen.
- Grundlagen neuronaler Repräsentationen und Intentionalität
- Die Philosophie des Geistes und das Problem der Qualia
- Damasios Bewusstseinstheorie und das Konzept des Selbst
- Neurowissenschaftliche Perspektiven auf Willensfreiheit und Handlungssteuerung
- Kritische Auseinandersetzung mit dem mereologischen Fehlschluss
Auszug aus dem Buch
Der „mereologische Fehlschluss“
Wie wir oben gesehen haben, gehören zu der Interpretation einer Karte gewisse kognitive Fähigkeiten. Aber woher wollen wir wissen, ob ein Gehirn diese Fähigkeiten hat? Wir können ein Gehirn nicht befragen, wie wir dies mit einem Menschen tun können. Und wir können nicht das Verhalten des Gehirns messen, da Verhalten und Sprache menschliche Fähigkeiten sind und nicht Fähigkeiten des Gehirns!
Bennett und Hacker (2003) sehen in der Zuschreibung mentaler Fähigkeiten an das Gehirn einen logischen Fehler, den sie den mereologischen Fehlschluss (mereological fallacy) nennen. Attribute, die nur dem ganzen Organismus als Einheit zugeschrieben werden können, werden dabei fälschlicherweise einzelnen Teilen dieses Organismus zugeschrieben. Diese Zuschreibung ist nicht in dem Sinne falsch, wie es falsch wäre, einer Katze Sprachfähigkeit zuzuschreiben. Sie ist vielmehr sinnlos, da wir keine Vorstellung davon haben, wie es für ein Gehirn sein soll, kognitive Fähigkeiten zu haben. Außerdem haben wir keine Vorstellung darüber, wie wir das Vorhandensein oder Nicht-Vorhandensein solcher kognitiver Fähigkeiten nachweisen könnten – wie oben bereits angemerkt wurde, fehlen uns objektive Indikatoren mit denen wir Rückschlüsse auf den mentalen Zustand des Gehirns ziehen könnten.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Neuronale Repräsentationen des menschlichen Geistes: Dieses Kapitel erörtert theoretische Grundlagen des Verhältnisses von Gehirn und Geist und analysiert verschiedene Repräsentationskonzepte sowie Probleme der Naturalisierung mentaler Zustände.
2 Zwischen Sein und Wissen: Hier wird das Selbst vor dem Hintergrund der Bewusstseinstheorie von Damasio untersucht, wobei insbesondere die Unterscheidung zwischen Bewusstsein und Selbstkonzept beleuchtet wird.
3 Human volition: Dieses Kapitel widmet sich der menschlichen Willensfähigkeit und analysiert, inwieweit willentliche Handlungen durch neurowissenschaftliche Befunde erklärbar sind, ohne die menschliche Urheberschaft zu leugnen.
Schlüsselwörter
Neuronale Repräsentationen, Kognitive Neurowissenschaften, Bewusstsein, Selbst, Intentionalität, Qualia, Fodor, Konnexionismus, Dretske, Mereologischer Fehlschluss, Willensfreiheit, Human Volition, Handlungssteuerung, Selbstwissen, Neurobiologie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das komplexe Verhältnis zwischen dem menschlichen Gehirn und dem menschlichen Geist durch die Analyse von drei philosophisch-theoretischen Beiträgen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die neuronale Repräsentation mentaler Funktionen, die Natur des Bewusstseins und des Selbst sowie die neurowissenschaftliche Einordnung menschlicher Willensfreiheit.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, kritisch zu hinterfragen, unter welchen Voraussetzungen die Übertragung neurowissenschaftlicher Erkenntnisse auf mentale Ereignisse wie Denken oder Bewusstsein wissenschaftlich gerechtfertigt ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor nutzt eine philosophisch-theoretische Analyse, die auf der Reflexion einschlägiger Fachliteratur sowie der kritischen Diskussion neurowissenschaftlicher Modelle und klinischer Beobachtungen basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in Untersuchungen zu Repräsentationskonzepten intentionaler Zustände, die Struktur des Bewusstseins nach Damasio und eine Analyse der menschlichen Willensfähigkeit im Kontext neuerer Hirnforschung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den prägenden Begriffen zählen neuronale Repräsentation, Intentionalität, Qualia, Bewusstsein, Selbstwissen und der mereologische Fehlschluss.
Was ist das „Protoselbst“ nach Damasio?
Das Protoselbst bildet die unterste Ebene der Bewusstseinsstruktur und umfasst die neuronalen Repräsentationen grundlegender, lebenserhaltender Körperfunktionen.
Warum warnt der Autor vor dem „mereologischen Fehlschluss“?
Der Autor warnt davor, dem Gehirn als Organ mentale Fähigkeiten zuzuschreiben, die logisch nur dem gesamten Organismus als Einheit zukommen können, da dies zu einem falschen Verständnis neurobiologischer Ergebnisse führt.
- Citar trabajo
- Christian Paret (Autor), 2011, Neuronale Repräsentationen des menschlichen Geistes, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/174724