Zwischen Wahn und Wahrheit gibt es scheinbar keine Gemeinsamkeiten. Doch nach einer genauen Analyse der beiden Begriffe und von "Kunst" gelingt es dem Autor den Gegensatz über diese aufzulösen.
Die vorliegende Arbeit untersucht das Verhältnis zwischen Wahn, Kunstproduktion und philosophischen Wahrheitskonzepten. Ausgehend von der interdisziplinären Fragestellung, inwiefern wahnhafte Zustände durch ästhetische Transformation zu Trägern existenzieller oder kritischer Wahrheit werden können, entfaltet der Text ein dreigliedriges Argument. Zunächst wird über den aktuellen Forschungsstand (u. a. Jaspers, Prinzhorn und moderne Kognitionswissenschaften) dargelegt, dass Wahn – verstanden als radikale Krise des Welt- und Inweltbezugs – einen formalen Schöpfungs- und Bewältigungsdrang initiieren kann.
Daran anschließend folgen Begriffsanalysen. Der Kunstbegriff wird über funktionale Kategorien bis hin zu einer metaphysisch-epistemischen Dimension (sakrale Architektur, rituelle Performance) differenziert, die sich rein propositionalen Wahrheitsstrukturen entzieht. Der Begriff des Wahns wird sowohl klinisch-normativ (ICD-11, Schneider, Freud) als auch kulturhistorisch und philosophisch (Platons mania, Foucault, Nietzsche) beleuchtet. Das Konzept der Wahrheit wird systematisch aus acht Perspektiven analysiert, darunter ontologische (Heidegger), sprachphilosophische (Tarski), erkenntnistheoretische (Goldman, Popper), ethisch-moralische sowie religiöse (johanneische und buddhistische) Dimensionen.
In Abgrenzung zu Friedrich Nietzsches Position, welcher Kunst primär als lebensnotwendige, apollinische Scheinwelt und Illusion gegenüber einem dionysischen Chaos begreift, argumentiert der Verfasser für das Konzept der Kunst als existenzielle Fiktion. Im Zustand des rationalen Kontrollverlusts dient das Kunstwerk nicht der Realitätsflucht, sondern als aktiver Heilungs- und Strukturierungsversuch. Die Arbeit konkludiert, dass das im Wahn generierte, solipsistische Erfahrungsmaterial durch die Übersetzung in ein intersubjektiv kommunizierbares Kunstwerk zu einem epistemologischen Korrektiv wird. Dieses vermag die Kontingenz gesellschaftlich normierter Alltagskonstruktionen aufzudecken und transportiert somit eine eigenständige, kritisch-phänomenologische Wahrheit über die Conditio humana.
- Arbeit zitieren
- Viktor Horatczuk (Autor:in), 2026, Kunst, Wahn und Wahrheit im Lichte philosophischer Basistheorien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1747359