Runen - Ideographie, magisches Symbol oder phonetischer Buchstabe?


Seminararbeit, 2003

34 Seiten, Note: 1.0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Der Begriff „Runen“

2 Einordnung in die Sprachgeschichte

3 Theorien über die Herkunft der germanischen Runenschrift

4 Runen als Begriffssymbole, Lautzeichen und als Gebrauchsschrift

5 Runenalphabete

6 Merkmale des gemeingermanischen Runenalphabets (»Älteres Futhark«)

7 Weiterentwicklung und Ablösung der Runenalphabete

8 Runen heute

Literatur

Einleitung

"Runen raunen rechten Rat"

Dieses alte Sprichwort gibt in Kürze die ursprüngliche Bedeutung dieser Schriftzeichen wieder. Runen waren niemals profane Schriftzeichen zum Festhalten des gesprochen Worts, sondern magische, tief religiöse Symbole für weit komplizierte Zusammenhänge von tiefgründiger Bedeutung. Symbole, die zu unseren ureigensten Wurzeln weisen, die unsere Ahnen als heilig erlebt haben. Sinnbilder für eine geistige Qualität, für eine Göttlichkeit oder eine umfassende Idee. Ursprünglich wurden die Runen in Buchenstäbe geritzt, wovon das Wort "Buchstabe" auch heute noch zeugt. Viele dieser Symbole findet man heute noch in alten Schnitzereien an Häusern als Schutzzeichen, oder sie sind unbemerkt in unseren Alltag übergegangen.

Mit dieser Seminararbeit möchte ich den Lesern die Runen als interessante und höchst faszinierende Thematik eröffnen. Nach der begrifflichen Klärung und der Einordnung der Runen in die Sprachgeschichte werde ich mehrere Theorien über die Herkunft der germanischen Runenschrift erörtern. Anschließend erfolgt eine Differenzierung der Zeichen in Begriffssymbole, Lautzeichen und Gebrauchsschrift, worauf eine detailliertere Vorstellung der Runenalphabete erfolgt, speziell das Ältere Futhark. Die Weiterentwicklung und Ablösung dieser Alphabete stellt den 7. Punkt meiner Betrachtungen dar. Abschließend gebe ich einen kurzen Überblick über die Verwendung von Runen in der Gegenwart.

1 Der Begriff „Runen“

Ehe die lateinische Schrift, als Folge des Eindringens des Christentums in den germanischen Ländern heimisch wurde, gab es dort bereits eine Schrift. Diese kennt man zwar nicht in eigentlich literarischer Verwendung, sie ist jedoch auf zahlreichen Denkmälern aus Metall oder Stein erhalten geblieben: es ist die Runenschrift. Es sind ca. 5000 Runeninschriften bekannt, davon 3000 allein in Schweden. In Deutschland konnten bisher nur etwa 30 Inschriften gefunden werden. Von Grönland bis zum Dnjepr, von Nordskandinavien bis zum Balkan reicht das Fundgebiet, der meist nur sehr kurzen Runeninschriften. Die frühesten stammen wohl aus dem 2. Jahrhundert n. Chr. und reichen in Schweden bis ins 19. Jahrhundert hinein (vgl. WERNER (1992: 51)).

Das Wort »Runen«, welches im 17. Jahrhundert auf gelehrtem Wege aus dem Altnordischen übernommen wurde, ist ein germanisch-keltisches Wort und ist in der Grundbedeutung mit »Geheimnis« gleichzusetzen. Die Bedeutung ergibt sich aus dem:

Gotischen runa Geheimnis

Altirischen run Geheimnis

Angelsächsischen run Geheimnis, heimliches

Beratschlagen

Altsächsischen runa heimliches Flüstern

Mittelhochdeutschen rune Geheimnis, Geflüster

Neuhochdeutschen raunen Geheimnis flüstern

Es scheint auf das Geheimnisvolle hinzudeuten, welches ursprünglich wie ein Glanz alles Schreiben und Geschriebene, insbesondere eben auch die »Runen« zeichen umgab.

Jedes Jahr wächst der gewaltige Fundus an Runenschriften durch weitere Funde (vgl. Abb. 1). Die eigentliche wissenschaftliche Runenforschung oder auch »Runologie« genannt, beginnt mit dem Anfang des 19. Jahrhunderts.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1 Fundorte wichtiger Runendenkmäler in

Mitteleuropa

(aus: KÖNIG (1992: 50))

2 Einordnung in die Sprachgeschichte

Die Runenschrift hatte ihre größte Verbreitung offenkundig in Skandinavien. Dennoch wurden auch in allen anderen germanischen Ländern und sogar außerhalb dieser (aber auf einstigem germanischen Siedlungsgebiet) Runeninschriften gefunden, so auf den dänischen und britischen Inseln, in Jütland, Schleswig-Holstein, in Friesland, im Rhein-, Saône- und Donaugebiet, in Ungarn, Kärnten und am Rande der Rokitno-Sümpfe. Demzufolge wird die Runenschrift als alter Gemeinbesitz aller germanischen Stämme betrachtet (hierzu Abb. 2).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2 Vom Indoeuropäischen zum Germanischen

(aus: WOLFF (1990: 43))

Die ältesten Runeninschriften findet man auf Waffen, Ringen, Spangen u.ä.. Seit dem 4. Jahrhundert n. Chr. etwa wurden im nordgermanischen Gebiet Gedenksteine auf Grabhügeln mit Runeninschriften versehen. Dieser Brauch erreichte im 7. und 8. Jahrhundert n. Chr. seine Blütezeit in Schweden und Norwegen und im 10. und 11. Jahrhundert n. Chr. auf den dänischen Inseln, Jütland und Schleswig. Auf westgermanischen Gebiet hingegen findet man solche Runensteine oder auch »Bautasteine« genannt kaum.

Blickt man noch weiter zurück und sieht die Runen im Zusammenhang der Entstehung der Schrift, so lässt sich herauskristallisieren, dass sie den ägyptischen Hieroglyphen entspringen. Wie in Abbildung 3 ersichtlich, entstand unter dem Einfluss Ägyptens die phönikische Schrift und daraus leitete sich das griechische Alphabet ab. Die Schrift verbreitete sich weiter und es entwickelte sich unter anderem auch das von den Griechen abgeleitete Alphabet der Etrusker, an welches in Italien vor allem die lateinische Lautschrift anknüpfte. Diese wirkte auf die Entstehung der germanischen Runen, verdrängte diese aber bald.

Einige Schriftbeispiele sind in Abbildung 4 aufgezeigt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3 Entstehung und Verbreitung der Schrift

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 4 Die Schrift

1 Die ägyptische Schrift (Hieroglyphen)
2 Die Hieroglyphenschrift der Hethiter
3 Brahmi, die indische Silbenschrift
4 Entwicklung der Keilschrift
5 chinesische Schriftzeichen, die bis heute verwendet werden 6 Das griechische Alphabet
7 Linear B, das von den mykenischen Griechen verwendet wurde
8 Das phönikische ABC
9 Varianten der Lateinschrift und antikes Schreibgerät
10 Die hebräische Quadratschrift, wird auch heute noch verwendet
11 Germanische Runen

3 Theorien über die Herkunft der germanischen Runenschrift

Als älteste Inschrift gilt die Inschrift des Pokals von Vehlingen (Niederrhein) aus dem 1. Jahrhundert v. Chr. oder dem 1. Jahrhundert n. Chr. . Die Forscher sind sich allerdings noch nicht einig, ob es sich schon um Runen handelt oder nur um Kultzeichen. Eine weitere nichtnordische Inschrift ist die gotische der Lanzenspitze von Kowel (Abb. 5), welche etwa aus dem Jahr 230 n. Chr. stammt. Auch die Inschrift auf dem goldenen Ring von Pietroassa in Rumänien und die auf der Schnalle und dem Kamm von Vi auf der Insel Fünen sind gotischen Ursprungs. Die Inschrift auf der Speerspitze von Dahmsdorf (Abb. 6) halten die Wissenschaftler für burgundisch und ist um 250 n. Chr. entstanden. Die altdeutschen Runendenkmäler, also die thüringischen, langobardischen, fränkischen und alemannischen sind allesamt später als etwa 400 n. Chr. entstanden,

im 6. bis 7. Jahrhundert.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb5 Speer von Kowe Abb. 6 Speer von Dahmsdorf

(aus: KRAUSE (1935)) (aus: KRAUSE (1935))

Viele frühen Inschriften sind auf nordgermanischem Gebiet gefunden worden. Sie wurden einerseits auf Gegenstände und andererseits in Stein geritzt. Dazu zählen: das Ortband von Thorsbjerg (um 250 n. Chr.), die Felsinschrift von Kårstad (am Nordfjord in Norwegen) aus der Zeit um 250 n. Chr. (Abb. 7), die Inschrift des Steines von Möjbro (Abb. 8), das Diadem von Straarup aus dem Jahre 250 n. Chr., das Schrapmesser von Flöksand (330 n. Chr.), die Fibel von Himlingsoje (330 n. Chr.), die Steine von Einang (370 n. Chr.), Huglen und Tune (400 n. Chr.).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 7 Felsritzung von Kårstad (aus: KRAUSE (1935))

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 8 Stein von Möjebro

(aus: KRAUSE (1935))

Die Datierung der ältesten Runeninschriften sind für die Herkunftstheorien von wesentlicher Bedeutung. Es gibt zwei Ansichten in Bezug auf den Ursprung der Runenschriften. Die eine sieht sie als Entlehnung aus einer südeuropäischen Schrift an und die andere als selbständig und ihrerseits Mutter der südeuropäischen Alphabete.

Zunächst möchte ich auf die erstgenannte Theorie eingehen, welche auch als Wimmersche Theorie bezeichnet wird (vgl. JENSEN (1969: 557)). Wimmer war der Meinung, dass die Runen sich aus dem lateinischen Alphabet des 3. Jahrhunderts ableiteten. Die lateinischen Kapitalbuchstaben sollen als Vorbilder gedient haben. So weisen die Runen gewisse Eigentümlichkeiten auf, wie beispielsweise die Horizontalstriche, die schräg gerichtet wurden (vgl. Abb. 9 die Runen f, h und t), das Ersetzen des Bogens durch gebrochene Linien (vgl. die Runen k, so, o) und die Vermeidung von zu langen Schrägstrichen durch Kürzung, Brechung oder Kreuzung (vgl. die Zeichen für n, a).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 9 Runenzeichen

Diese Umgestaltungen führte er auf die Tatsache zurück, dass die Runen oft in Holz geritzt wurden und dieses Material durch bestimmte Techniken bearbeitet wurde. So vermied man es die waagerechten Striche in der Richtung der Holzfaser zu schneiden und erleichterte sich das Einschneiden der schwierigen Bogen durch Verwandlung in gebrochene Linien. Die senkrechten Linien wurden quer zur Faser eingeschnitten. In den älteren Metallgegenständen wurden die waagerechten Striche und Bogen beibehalten, so dass die Forscher der Meinung sind, die Umgestaltung vollzog sich erst mit der jüngeren Holztechnik. Nach Annahmen von Wimmer wurde die Runenschrift bei einem südwestgermanischen Stamm am Rhein oder an der oberen Donau nach dem Vorbild der lateinischen Kapitalschrift des 2. oder 3. Jahrhunderts n. Chr. von einem einzigen Mann geschaffen. Die Hypothese von Wimmer wurde durch H. Pedersen variiert, welcher annahm, dass die Runenschrift vor der Übernahme durch die Germanen eine gallische Zwischenstufe durchgemacht hat (vgl. Abb. 10).

[...]

Ende der Leseprobe aus 34 Seiten

Details

Titel
Runen - Ideographie, magisches Symbol oder phonetischer Buchstabe?
Hochschule
Universität Leipzig  (Grundschuldidaktik Deutsch)
Veranstaltung
Seminar: Entwicklung unserer Muttersprache in Verbindung mit Wortbildung und Satzbau
Note
1.0
Autor
Jahr
2003
Seiten
34
Katalognummer
V17475
ISBN (eBook)
9783638220484
ISBN (Buch)
9783638645232
Dateigröße
3044 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Runen, Ideographie, Symbol, Buchstabe, Seminar, Entwicklung, Muttersprache, Verbindung, Wortbildung, Satzbau
Arbeit zitieren
Nadja Hinze (Autor), 2003, Runen - Ideographie, magisches Symbol oder phonetischer Buchstabe?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/17475

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