Die institutionalistische Schule der Internationalen Beziehungen


Essay, 2009

7 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

1. Herkunft und zeitliche Entwicklung des Institutionalismus

Die Theoriediskussion in den internationalen Beziehungen ist durch die Auseinandersetzungen zwischen Großtheorien oder Denkschulen charakterisiert. Dabei handelt es sich um die Theorien: Realismus, Institutionalismus und Liberalismus sowie Konstruktivismus.1

Die erste Diskussion wurde etwa in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zwischen „Realismus“ und „Idealismus“ geführt, wobei Idealismus von den Realisten geprägt wurde und abwertend gemein war. Später bezeichnete sich der Idealismus als liberale Theorie der internationalen Beziehungen. Die Kernfrage dieser Auseinandersetzung war: Kann die internationale Anarchie aufgrund von sozialen Entwicklungen oder durch gezieltes politisches Handeln überwunden werden? Der Idealismus bejahte diese Frage und sah die Überwindung der Anarchie durch Verstärkung transnationaler Austauschbeziehungen, internationaler Interdependenz und Entwicklung des Völkerrechts etc. möglich.2

Der Realismus hingegen sah diese Entwicklungen als zu schwach an, um die Realität der internationalen Machtkonkurrenz auszuhebeln. Diese Auseinandersetzung wurde später immer wieder aufgegriffen worden. In 1970er und 1980er Jahren begann die Debatte zwischen Neorealismus und neoliberaler Institutionalismus. Der Institutionalismus entwickelte sich in dieser Zeit als eigenständige Theorie aus dem Liberalismus.3

Der Institutionalismus vertritt die Meinung, dass internationale Institutionen dazu beitragen können, dass die Auswirkungen der internationalen Anarchie vermindert werden. Nach Institutionalismus sollten die internationalen Organisationen politische Kompetenzen des Staates übernehmen, die Gesellschaften ihre politische Loyalität vom Staat auf politische Organisationen übertragen, damit die staatliche Fragmentierung des internationalen Systems überwunden wird. Diese Einstellung des neoliberalen Institutionalismus erwies sich jedoch als realitätsfern.4

In den 1990er Jahren begann die Debatte zwischen „Rationalismus“ und Konstruktivismus“. Der Realismus, Institutionalismus und zum Teil auch der Liberalismus bildeten den rationalistischen Pol mit der Annahme, dass die Akteure egoistisch und zweckrational sind. Der Konstruktivismus hingegen betont die Bedeutung und Wirksamkeit sozialer Konstruktionen (z.B. Ideen, Normen etc.), die Präferenzen und Handeln internationaler Akteure prägen.5

Neben den drei großen Denkschulen „Realismus“, „Liberalismus“ und „Marxismus“ haben sich zwei Denkweisen der institutionalistische Sichtweise etabliert, welche sich zum Teil auf Realismus und Liberalismus beruhen. Es handelt sich hierbei um „Regimetheorie“ (utilitaristische Institutionalismus) und „The Anarchical Society“ (normativer Institutionalismus). Gleich wie der Realismus sehen auch die beiden Denkrichtungen des Institutionalismus die einzelnen Staaten als zentrale Akteure im anarchischen System der internationalen Beziehungen. Hinzu kommt, dass der utilitaristische Institutionalismus genau wie der Realismus die Staaten als egoistische Nutzenmaximierer betrachtet. Den Unterschied macht die positive Einschätzung der Kooperationsmöglichkeiten im Staatenverkehr.6 Dass Staaten nach Macht streben (Müssen) ist für den Realismus eine Konsequenz des anarchischen Handlungskontextes und der ihm eigenen existenziellen Unsicherheit der Akteure. Da die institutionalistische Denkweise andere Strukturmerkmale (Interpendenz und Regime) für die internationale Politik ausmacht, die diese Unsicherheit verringern, sieht er auch einen größeren

Handlungsspielraum für die Akteure. Sie können nach Macht streben, aber sie müssen es nicht. Sie sind vielmehr frei, andere Ziele zu verfolgen.7

Ideengeschichtlich bildete der utilitaristische Institutionalismus selbst die Grundlagen des Liberalismus, insbesondere des institutionalistischen bzw. regulatorischen Liberalismus. Der institutionalistische Liberalismus setzte ursprünglich auf das Völkerrecht und auf internationale Organisationen. Die beiden Institutionen sollten die Kooperation zwischen den Staaten fördern und somit zu einer friedlichen Beilegung von Streitigkeiten beitragen. So etablierte die Staatsgemeinschaft unter Führung der USA nach der großen Weltwirtschaftskrise der dreißiger Jahre und nach dem zweiten Weltkrieg mehrere „Regime“ auf dem Gebiet der Weltwirtschaft.8

2. Grundannahmen des Institutionalismus

2.1 Regimetheorie (utilitaristische Institutionalismus)

In den siebziger Jahren herausarbeitete Robert O. Keohane die Regimetheorie: „Internationale Regime sind norm- und regelgeleitete Formen der internationalen Kooperation zur politischen Bearbeitung von Konflikten in verschiedenen Bereichen der internationalen Beziehungen“.9 Regime führen zur Reduktion der Transaktionskosten zwischen den Saaten und bewirken ein beidseitiges Geben und Nehmen für alle Beteiligten. Die Kontrollen innerhalb der Regime tragen zu einem höheren Vertrauen zwischen den Staaten bei. Die neuen institutionalistischen Ansätze der Regimetheorie fassen den Begriff Institution viel breiter als vorher auf. Eine Institution muss nicht unbedingt eine Organisation oder eine Verwaltung mit Gebäuden, Satzung und Haushalt darstellen. Eine Institution ist ein „Satz von Gewohnheiten und Praktiken, die auf Verwirklichung gemeinsamer Ziele ausgerichtet sind“.10

Bis in die neunziger Jahre bezeichneten sich die Begründer der Regimetheorie als „neoliberal institutionalists“. Seitdem sich der Liberalismus zur eigenständigen Herausforderung des Realismus entwickelte, wird die Regimetheorie dem Institutionalismus zugerechnet.11

Der Institutionalismus unterscheidet sich vom Realismus im Wesentlichen dadurch, dass Interdependenz und Regime als zwei wichtige Strukturmerkmale, die die Auswirkungen der internationalen Anarchie überwinden können. Die Interdependenz (die wechselseitige Abhängigkeit der Staaten voneinander) schwächt zum einen den Nutzen militärischer Gewalt ab, zum anderen erhöht sie den Bedarf an internationaler Kooperation.12

Auch Krell geht auf die Wichtigkeit der Kooperation ein: „In dem Maße, in dem Interdependenz als vorherrschendes Charakteristikum internationaler Politik gleichermaßen in das Bewusstsein von Politikerinnen wie Politikwirtschaftlerinnen rückte, wuchs auch das Interesse an der Thematik der internationalen Kooperation“. Er sieht jedoch die Probleme, die der Kooperation entgegenstehen in Erwartungssicherheit bzgl. der Verpflichtungskonsequenz der anderen Akteure, in der Frage der Kosten-Nutzenverteilung, die aus den Normen Kooperation wächst und in der Attraktivität der Rolle des nutznießenden Abtrünnigen. Die Kooperation ist erst dann erfolgreich, wenn alle Beteiligte daran glauben, dass sie sich auch lohnt.13

Krell findet weiterhin, dass internationale Regime die Kooperation unter den genannten Bedingungen sicherstellen.

[...]


1 Schimmelfennig, Frank 2008: Internationale Politik, Paderborn: Ferdinand Schöningh, S. 63.

2 Schimmelfennig 2008: Internationale Politik S. 63

3 Schimmelfennig 2008: Internationale Politik S. 63

4 Schimmelfennig 2008: Internationale Politik, S. 63

5 Schimmelfennig 2008: Internationale Politik, S. 63

6 Krell, Gert 2004: Einführung in die internationale Politik. Einführung in die Theorien der internationalen Beziehungen, 3. Aufl., Baden-Baden: Nomos, S. 240.

7 Schimmelfennig 2008: Internationale Politik, S. 91

8 Krell 2004: Einführung in die internationale Politik, S. 243

9 Krell 2004: Einführung in die internationale Politik, S. 248

10 Krell 2004: Einführung in die internationale Politik, S. 240-242

11 Krell 2004: Einführung in die internationale Politik, S. 241

12 Schimmelfennig 2008: Internationale Politik, S. 90

13 Krell 2004: Einführung in die internationale Politik, S. 245

Ende der Leseprobe aus 7 Seiten

Details

Titel
Die institutionalistische Schule der Internationalen Beziehungen
Hochschule
Technische Universität Darmstadt  (Institut für Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Internationale Beziehungen I
Note
1,7
Autor
Jahr
2009
Seiten
7
Katalognummer
V174802
ISBN (eBook)
9783640955350
ISBN (Buch)
9783640955664
Dateigröße
511 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
schule, internationalen, beziehungen
Arbeit zitieren
Julian Ostendorf (Autor:in), 2009, Die institutionalistische Schule der Internationalen Beziehungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/174802

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