Die Scharia - Entstehung, Pflichten und Rechte


Hausarbeit, 2010

11 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Gliederung

1. Die drei Quellen der Scharia
1.1 Der Koran
1.2 Die Überlieferung ("hadith")
1.3 Die Auslegung der Theologen und Juristen
1.4 Fazit

2. Die Sachgebiete des islamischen Rechts
2.1 Die Ritualpflichten allgemein
2.1.1 Die rituelle Reinheit im Schwerpunkt
2.1.2 Das rituelle Gebet im Schwerpunkt
2.2 Die zwischenmenschlichen Beziehungen
2.2.1 Das Ehe- und Familienrecht
2.2.2 Vereinbarungen in Handel und Gewerbe (Vertragsrecht und Eigentumsrecht)
2.2.3 Das islamische Strafrecht
2.2.3.1 Grenzvergehen
2.2.3.2 Verbrechen mit Wiedervergeltung
2.2.3.3 Ermessensvergehen
2.2.4 Fazit

Quellen

1. Die drei Quellen der Scharia

Die drei Entstehungsquellen der Scharia sind der Koran, die Überlieferung und die Auslegungen dieser durch Theologen und Juristen.[1]

Die Geschichte geht auf den Propheten Muhammad zurück, der als Verkünder ethischer Werte und Normen, als religiöser Prediger, Gesetzgeber und Heerführer zahlreiche gesetzliche Vorgaben zur Ordnung des Gemeindelebens und der Art und Weise der Religionsausübung an seine Anhänger und Unterstützer weiter gab.

Glaube, Gesellschaft und Politik bilden daher eine unverrückbare Einheit und kombinieren sowohl religiöse als auch rechtliche Aspekte.

1.1 Der Koran

Im Koran selbst kommt der Begriff "Scharia" nur ein einziges Mal vor (Alsdann brachten Wir dich auf einen klaren Weg in der Sache (des Glaubens); so befolge ihn, und folge nicht den persönlichen Neigungen derer, die nicht wissen. Sure 45,18)[2], und dies nicht etwa als Bezeichnung eines Rechtssystems, sondern als Bezeichnung für den "rechten Weg".

Es wird dem Menschen nicht grundsätzlich Böses oder Sündiges vorgeworfen, wohl aber Beeinflussbarkeit und Schwäche. Er muss daher von Gott auf den rechten Weg geleitet werden. Weiter heißt es in Sure 1,7: wer diesem Weg nicht folgt, der wird zu "denen gehören, die deinem Zorn verfallen sind und irrgehen". Wer sich also in Gottes Hände begibt, seine Gebote für sich als berechtigt anerkennt und sich daran hält, der unterwirft sich, wird aber auch recht geleitet.

Es handelt sich also um ein von Gott gegebenes Recht, ein "Gottesrecht", das prinzipiell nicht reformierbar und hinterfragbar ist, da eine solche menschliche Kritik ein sich über Gott stellen bedeuten würde.

Ein gottgefälliges Leben im Diesseits als Vorraussetzung auf das Paradies im Jenseits.

Allerdings behandeln nur etwa 10% des Korantextes Rechtsfragen. Vor allem handelt es sich um Fallbeispiele von Rechtsentscheidungen Muhammads in seiner ersten Gemeinde.

Konkret werden die Rechtsbereiche des Ehe- und Familienrechts häufiger behandelt, das Vermögensrecht dagegen nur selten.

1.2 Die Überlieferung ("hadith")

Diese Quelle beinhaltet vor allem Berichte von und über Mohammad, seine Familie und seine Gefährten, die meist nach Mohammads Tod gesammelt und schriftlich niedergelegt wurden.

Es wird unterschieden in "nachzuahmende Gewohnheiten" (arab. "sunna") Muhammads, welche keine Pflicht darstellen, und rechtliche Bestimmungen, die unbedingt zu befolgen, also Pflicht, sind.

So macht man sich keiner Sünde schuldig, wenn man entgegen der Überlieferung keinen Bart trägt, wie Muhammad es tat.

Wer allerdings rechtliche Regelungen nicht befolgt, also beispielsweise zwei Schwestern heiratet, der begeht sowohl eine Sünde, als auch eine Straftat.

Heutzutage finden viele göttliche Gebote ihren Niederschlag in der Gesetzgebung muslimischer Länder. Betont werden muss aber das kleine Wort "viele", das sich klar abgrenzt von dem ebenso kleinen Wort "alle".

Fakt ist allerdings auch, dass eine Reform oder kritische Aufarbeitung schnell mit dem Vorwurf der Ketzerei abgehandelt wird, und Abtrünnige vom Islam zum Tode verurteilt werden müssen, da die Überlieferung berichtet, dass Muhammad so gehandelt habe. Und die Religion vom Recht zu trennen entzieht sich ebenfalls der Diskussion, da das Gesetz einen wesentlichen Teil der islamischen Heilbotschaft darstellt und daher in Gänze bejaht werden müsse.[3]

Die Forderung die Scharia müsse an die Moderne angepasst werden, wird daher umgewandelt in die Forderung, die Moderne müsse an der Scharia ausgerichtet werden.[4]

1.3 Die Auslegung der Theologen und Juristen

Im Jahre 632 n.Chr. lagen nach übereinstimmender muslimischer Sichtweise allenfalls Bruchstücke des Korans oder der Überlieferung vor. Man geht daher davon aus, dass es zunächst zu einer mündlichen Überlieferung kam. Die islamischen Eroberungen 632-661 n.Chr. machten es dann notwendig, in den eroberten islamischen Gebieten ein einheitliches Rechtssystem zu etablieren. So entstanden so genannte juristische Diskussionszirkel, die die Gerichtsurteile von Gouverneuren und Richtern, welche auf den zugänglichen Bruchstücken des Koran und der Überlieferung beruhten, kritisierten.

Aus ihnen entwickelten sich die Rechtsschulen, von denen sich im 10. Jahrhundert vier etablierten. Sie entliehen sich ihre Namen jeweils von ihren herausragenden Rechtsgelehrten: Hanafiten, Hanbaliten, Schafiiten, Malikiten.

Diese Rechtsgelehrten hatten die drängende Frage zu klären, wie die rechtlichen Folgen für eine Straftat auszusehen haben, für die der Koran und die Überlieferung keine Handlungsanweisung vorgaben.

Die Grundzüge des islamischen Rechts stammen also aus dem 10. Jahrhundert, und seine Wurzeln gehen bis ins 7. Jahrhundert zurück.

Die Interpretationen ähneln sich in einigen Punkten, in anderen Punkten jedoch unterscheiden sie sich erheblich. Auf Grund des Fehlens eines obersten Lehramtes kommt es zu nicht einheitlichen Gesetzen und damit Strafmaßen. Auch die Frage ob eine Tat im Rahmen der Scharia, oder eben nicht im Rahmen der Scharia anzusiedeln ist, unterliegt der unterschiedlichen Auslegung.

Somit gilt das islamische Rechtssystem zumindest theoretisch für 1 Milliarde Muslime in unterschiedlichster Weise.

1.4 Fazit

Es lässt sich also zusammenfassen, dass Recht und Religion im Islam tief miteinander verzahnt sind, die Scharia aufgrund ihrer Geschichte eine unterschiedlich interpretierbare Sammlung von Vorschriften aus mehreren Jahrhunderten darstellt, die nirgends zusammengefasst greifbar ist und alle Lebensbereiche umfasst.

Außerdem, dass es sich um ein unabänderbares Gottesgesetz handelt, welches für alle Muslime gilt, in verschiedenen Staaten aber unterschiedlich angewandt wird, einerseits durch unterschiedliche Interpretation, auch aber aufgrund des unterschiedlichen Einflusses europäischer Rechtselemente währende der Kolonialzeit.

2. Die Sachgebiete des islamischen Rechts

Die Sachgebiete des islamischen Rechts umfassen einen Kanon von Glaube und Gesetz. So sprach schon Mahmud Salut, der von 1958 bis 1963 Rektor der in aller Welt als einer der besten und angesehensten Bildungsinstitutionen war, der Al-Azhar Universität in Kairo, dass Glaube und rechtes Handeln als die beiden Mittel gepriesen werden, die zusammen den Gewinn des Paradies ermöglichen.[6][5]

2.1 Die Ritualpflichten

Die Ritualpflichten bilden den ersten Teil der Scharia und umfassen fünf Kapitel mit den Themen: 1.) die rituelle Reinheit, 2.) das rituelle Gebet, 3.) die Läuterungsgabe, 4.) das Fasten und 5.) die Wallfahrt nach Mekka.

Beschrieben werden sollen im Folgenden die Punkte 1.) und 2.).

2.1.1 Die rituelle Reinheit

Dieser Abschnitt befasst sich mit den zwei Unterpunkten, wie hat der Betende vor Gott zu treten, und wann hat der Betende vor Gott zu treten. Außerdem, wo ist das Haus Gottes (Kaaba) zu finden und damit in welche Richtung ist zu beten.

Die Herstellung der rituellen Reinheit (arab. at tahara) vor dem Gebet wird wie folgt in Sure 5, Vers 6 beschrieben: "O ihr, die ihr glaubt! Wenn ihr euch zum Gebet begebt, so wascht euer Gesicht und eure Hände bis zu den Ellenbogen und streicht über euren Kopf und (wascht) eure Füße bis zu den Knöcheln. Und wenn ihr im Zustande der Unreinheit seid, so reinigt euch. Und wenn ihr krank seid oder euch auf einer Reise befindet oder einer von euch von der Notdurft zurückkommt oder wenn ihr Frauen berührt habt und kein Wasser findet, so sucht reinen Sand und reibt euch damit Gesicht und Hände ab. Allah will euch nicht mit Schwierigkeiten bedrängen, sondern Er will euch nur reinigen und Seine Gnade an euch erfüllen, auf das ihr dankbar sein möget". Es wird also festgelegt, 1. die Absicht die rituelle Waschung zu vollziehen zu formulieren, 2. die Waschung des Gesichts, 3. der Hände und der Unterarme, 4. mit der nassen Hand über den Kopf zu streichen, 5. Waschung der Füße bis zu den Knöcheln und 6. die genaue Wahrung dieser Reihenfolge.

Weiterhin wird unterschieden zwischen verschiedenen Graden der Reinheit. Angesprochen wird neben dem Ritual der "kleine Waschung"(wie oben angesprochen) auch das Ritual der Großen Waschung, bei der der gesamte Körper mit Wasser in Berührung kommen muss, sowie welche Gegenstände und Substanzen rein sind. Eine weiterführende Betrachtung wäre aufgrund der Fülle zu zeitintensiv.

Der Frage wann der Betende vor Gott zu treten hat, ist vorzuschieben, dass die islamische Zeitrechnung den neuen Tag jeweils vom Augenblick des Sonnenuntergangs an sieht. Somit ist die Nacht der erste Teil des neuen Tages. Das erste Gebet des Tages (maghrib) ist damit ab dem Zeitpunkt rechtens, ab dem die Sonnenscheibe gänzlich hinter dem Horizont verschwunden ist, muss aber beendet sein, bevor die Nacht einbricht.

Das zweite Gebet (ischa) wird nach dem Ende der Dämmerung verrichtet, von Einbruch der Dunkelheit bis vor Beginn der Morgendämmerung.

Das dritte Gebet (fadschr) wird in der Zeit zwischen dem Beginn der Morgendämmerung und dem Sonnenaufgang verrichtet.

Das vierte Gebet (dsuhr) wird in der Zeit zwischen dem Höchststand der Sonne und dem Beginn des Nachmittagsgebets verrichtet.

Das fünfte und letzte Gebet (asr) ist ab dem Zeitpunkt möglich, ab dem die Gegenstände einen Schatten werfen, der ihrer Höhe entspricht, also etwa zwischen Nachmittag und Abend.

Es ist also nicht statthaft, Gebete zu den drei folgenden Zeiten zu verrichten:

- während des Sonnenuntergangs
- während des Sonnenaufgangs
- während die Sonne am höchsten Punkt im Himmel steht.[7]

Das Haupt während des Gebets gen Mekka zu wenden, genauer gesagt zur Kaaba, dem "Haus Gottes", beruht darauf, dass der Gebetsplatz aus dem Profanen auszusondern ist und eine Flucht Muhammads und seiner Gemeinde aus Mekka und der damit körperlichen Abwesenheit Muslime in Mekka durch eine symbolische Anwesenheit ersetzt wird.

[...]


[1] vgl. dazu Christine Schirrmacher, Die Scharia. Recht und Gesetz im Islam, SCM-Verlag, Holzgerlingen, 2007, S. 17ff

[2] http://www.chj.de/Koran/Einzelsuren/Sure045.html

[3] vgl. dazu Tilman Nagel, Das islamische Recht. Eine Einführung. WVA-Verlag Skulima: Westhofen, 2001, S.3

[4] positives Beispiel dafür: Auslandsjournal Extra vom 14.10.2009, Bericht über den Aufstieg das islamischen Bankenwesens in London im Zuge der Finanzkrise 2008, einsehbar unter http://auslandsjournal.zdf.de/ZDFde/inhalt/17/0,1872,1020465_idDispatch:9021779,00.html

[5] vgl. dazu Tilman Nagel, Das islamische Recht. Eine Einführung. WVA-Verlag Skulima: Westhofen, 2001, S.37ff

[6] M. Salut: al-Islam - aqida wa-sari a, 7. Aufl. Beirut/Kairo/Dschidda 1974, 23

[7] http://islam.de/27.php

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Die Scharia - Entstehung, Pflichten und Rechte
Hochschule
Universität der Bundeswehr München, Neubiberg
Note
1,7
Autor
Jahr
2010
Seiten
11
Katalognummer
V174812
ISBN (eBook)
9783640957002
ISBN (Buch)
9783640956746
Dateigröße
541 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
islamisches Eherecht, islamisches Strafrecht, islamisches Vertragsrecht
Arbeit zitieren
Oliver Wild (Autor:in), 2010, Die Scharia - Entstehung, Pflichten und Rechte, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/174812

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