Das Bretton Woods-System II und die Rolle Chinas bei der Finanzierung des US-amerikanischen Leistungsbilanzdefizits


Seminararbeit, 2010
26 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhalt

1. Einführung

2. Die Geschichte von Bretton Woods

3. Bretton Woods II
3.1 Theorie und Funktionsprinzip
3.2 Bretton Woods II im Zusammenhang mit der aktuellen Wirtschaftskrise und Nachhaltigkeit des Systems

4. Das Leistungsbilanzdefizit der USA
4.1 Daten und Fakten – Überblick
Quelle: Bureau of Economic Analysis, eigene Darstellung
4.2 Ursachen und Gründe des Leistungsbilanzdefizits und die Rolle Chinas bei der Finanzierung
4.2.1 Die Bewertung des chinesischen Yuan als Streitpunkt
4.2.2 Die „Verschiebung“ des US-Handelsbilanzdefizits und der Einfluss von Foreign Invested Enterprises
4.2.3 Die Finanzierung des Leistungsbilanzdefizits im Zusammenhang mit Sparquoten, Investitionen und Währungsreserven
4.3 Probleme hoher Leistungsbilanzdefizite
4.4 Wann ist ein Leistungsbilanzdefizit nachhaltig?

5. Zusammenfassung und Kritik

Abbildungsverzeichnis

Literaturverzeichnis

1. Einführung

„Handelskrieg“, „Währungskrieg“ oder „Währungsmanipulation“. Diese Begriffe sind seit Wochen und Monaten in aller Munde und prägen die Titelseiten von Wirtschafts- und Tageszeitungen in aller Welt. Liest man dann über die Überschriften hinaus, fällt in nahezu allen Artikeln, die sich mit diesen Themen auseinandersetzen, ein Begriff: China.

China, das Reich der Mitte wie es sich selbst bezeichnet, giert nach wirtschaftlichem Erfolg und Anerkennung. Nach Ansicht vieler Experten, Politiker und Medien wird dieser Erfolg jedoch durch unfaire Methoden forciert. Immer wieder wird der gezielt unterbewertete Yuan als Grund für die Ungleichgewichte in den Leistungsbilanzen oder für zunehmende Handelsdispute zwischen China und den USA genannt. Viele Beobachter sehen sogar die aktuelle Wirtschaftskrise als Folge der chinesischen Wachstumspolitik, ausgelöst durch die massiven Kapitalströme in die USA. Dies führte jüngst zu einem Ruf nach einer „neuen Währungsordnung“, unter anderem durch Staatschefs wie dem französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy, der eine massive Aufwertung der chinesischen Währung fordert.[1]

Einen ganz anderen Ansatz dagegen verfolgen die Ökonomen David Folkerts-Landau, Peter Garber und Michael Dooley. Die Erfinder der Bretton Woods II-Theorie interpretieren die aktuelle Situation bereits als ein informelles Arrangement und in gewisser Weise eine Währungsordnung zwischen den USA und den aufstrebenden Schwellenländern, insb. China, welche ihre Währung an den US Dollar binden. Dadurch wird laut Bretton Woods II-Theorie für Stabilität gesorgt und die immensen Leistungsbilanzdefizite der USA können durch Kapitalströme aus diesen Ländern finanziert werden.

Die spannende Frage dabei ist, welche der beiden Argumentationen im Endeffekt recht behält und welche Ursachen und Folgen das hohe US-Leistungsbilanzdefizit tatsächlich hat.

In der folgenden Seminararbeit soll nun die Theorie von Bretton Woods II erläutert, das Leistungsbilanzdefizit der USA analysiert und die komplexen Verflechtungen der USA mit China dargestellt und auf Konsistenz mit der Bretton Woods II-Theorie überprüft werden.

2. Die Geschichte von Bretton Woods

Um ein Verständnis für die Theorie von Bretton Woods II zu bekommen, ist es unabdingbar die Grundlagen des „ursprünglichen“ Bretton Woods-Systems zu verstehen.

Bretton Woods ist die Bezeichnung für ein im Jahre 1944 konzipiertes System fixer Wechselkurse, bei dem alle Mitgliedsstaaten eine festgelegte Parität gegenüber dem US Dollar besaßen. Der US Dollar wurde dabei als Reservewährung festgelegt und zu einem bestimmten Kurs an den Goldstandard gebunden (35 US Dollar pro Unze). D.h. die USA waren zu jeder Zeit dazu verpflichtet Gold von anderen Mitgliedsstaaten zum Preis von 35 US Dollar zu kaufen bzw. verkaufen.

Die Folge dieses Systems war, dass alle Mitgliedsstaaten (mit Ausnahme der USA) ihre Währungsreserven hauptsächlich in Form von US Dollar hielten und bei einer zu erwartenden Auf- bzw. Abwertung ihrer Währung gezwungen waren US Dollar zu kaufen bzw. verkaufen. Nur dadurch konnte der Wechselkurs stabil gehalten werden. Jedoch zeigte sich genau in diesem Punkt auch die Schwäche des Systems:

Alle Mitglieder des Bretton Woods-Systems, außer den USA, waren in ihren geldpolitischen Entscheidungen eingeschränkt und von den USA abhängig.

Diese Konstellation wird als „N-1-Problem“ bezeichnet und war letzten Endes auch der Hauptgrund für den Zusammenbruch des Golddevisenstandards Anfang der 1970er Jahre. Die USA entschieden sich Ende der 1960er Jahre für eine stark expansive Geld- und Fiskalpolitik, um unter anderen die Kosten des Vietnamkrieges und verschiedener Sozialprogramme zu finanzieren. Folge daraus war, dass der US Dollar im Vergleich zum Goldstandard an Wert verlor, die Deckung nicht mehr gewährleistet werden konnte und eine Kapitalflucht aus dem US Dollar stattfand.

Die US-amerikanische Regierung schloss darauf hin im Jahre 1971 das sogenannte Goldfenster. Jegliche Versuche das alte System durch eine Neuanpassung der Paritäten zu retten scheiterten schon im Ansatz und im Jahre 1973 kündigten dann die meisten Industrieländer (u.a. Deutschland und Japan) das Fixkurs-System endgültig auf. Somit war die Bretton Woods Vereinbarung hinfällig und es entwickelte sich in den folgenden Jahrzehnten ein Regime offiziell flexibler Wechselkurse bei zunehmender internationaler Kapitalmobilität.[2]

3. Bretton Woods II

3.1 Theorie und Funktionsprinzip

Theoretisch also gibt es seit den frühen 1970er Jahren ein weltweites System freier Wechselkurse. Beobachtet man jedoch die kontroversen Diskussionen um die nötige Auf- bzw. Abwertung der chinesischen Währung Yuan in den letzten Jahren, drängt sich ein historischer Vergleich mit dem „alten“ Bretton Woods-System geradezu auf.

Die erste Bretton Woods-Vereinbarung wird dabei als ein Zusammenspiel zwischen einem Zentrum (USA) und einer Peripherie (Westeuropa, Japan) interpretiert. Der Kapitalstock in Westeuropa und Japan war nach dem zweiten Weltkrieg zerstört und musste rekonstruiert werden. Die Entwicklungsstrategie dieser Länder bestand hierbei aus einer Kombination von unterbewerteten Währungen, Kapitalflusskontrolle, Aufbau von Währungsreserven und eines daraus folgenden exportbasierten Wachstums. Das Zentrum, die USA, definierte sich indessen durch freien Kapitalfluss, einer flexiblen Währung und traten als Kapitalvermittler für die Peripherie auf.

Die Vereinigten Staaten importierten die geschaffenen Güter aus der Peripherie, diese Länder wiederum investieren ihre Überschüsse in US Dollar und konnten so ihre eigene Währung bewusst unterbewertet halten. Als der Kapitalstock der Peripherie-Länder (wieder-) hergestellt war, rückten diese Länder sinnbildlich in das Zentrum, ließen ihre Währung frei floaten und gaben ihre kontrollierte Entwicklungsstrategie auf.

Ein ähnliches Funktionsmuster ist heute wiederzuerkennen: Die USA sind nach wie vor das Kernland, nur die Peripherie wird inzwischen von asiatischen Schwellenländern gebildet. Insbesondere China erfüllt dabei fast exakt die Kriterien eines Peripherie-Landes – eine unterbewertete Währung, zunehmende Währungsreserven und exportbasiertes Wachstum als Entwicklungsstrategie. Der einzige Unterschied besteht darin, dass diese Vereinbarung nicht vertraglich festgehalten, sondern informell getroffen wurde. Gerade am Beispiel Chinas lassen sich die Parallelen zum ursprünglichen Bretton Woods-System sehr gut ablesen und ist aktueller denn je.[3]

3.2 Bretton Woods II im Zusammenhang mit der aktuellen Wirtschaftskrise und Nachhaltigkeit des Systems

Während der aktuellen Finanz- und Wirtschaftskrise hat sich jedoch auch eine breite Front an Kritikern dieses Systems formiert. In vielen Analysen, unter anderem dem „Economic Report of the President 2009“, wird vor allem das oben genannte Zusammenspiel zwischen Schwellenländern und den USA als Hauptgrund für die Krise gesehen.

Hohe Sparquoten in den asiatischen Schwellenländern führten zu einem enormen Strom an Kapital in die USA und somit zu niedrigeren Renditen sicherer Anlagen. Diese niedrigen Renditen erhöhten die Bereitschaft der Investoren in Anlagen mit höheren Zinsen, damit natürlich auch höherem Risiko, zu investieren. Infolgedessen entstanden sog. Finanzinnovationen, die sich dann zu den oft zitierten „faulen Papieren“ entwickelten, welche nach allgemeiner Auffassung der Auslöser der heutigen Finanzkrise waren.[4]

Was jedoch in diesem Zusammenhang übersehen wird, ist das schwerwiegende Versagen des Risikomanagements auf allen Ebenen. Der Ruf nach einer „neuen Finanzordnung“ übertüncht dabei die wahren Ursachen und macht indirekt die asiatischen Schwellenländer, insbesondere China, zum Schuldigen für die Krise. Lägen die Kritiker von Bretton Woods II jedoch richtig, hätte es eine Finanzkrise ganz anderen Ausmaßes geben müssen: Das Vertrauen in den Dollar und in die USA wäre verloren gegangen, der Kapitalfluss aus Schwellenländer in die USA versiegt und die Zinsen massiv gestiegen, was wiederum das Ende für Bretton Woods II bedeutet hätte. Jedoch ist nichts davon eingetreten und die USA befinden sich trotz allem in einer Rezession.[5]

Für das Weiterbestehen des Bretton Woods-System II ist die aktuelle Wirtschaftskrise nicht schädlich, eher im Gegenteil: Viele Schwellenländer verstehen die Anhäufung von Währungsreserven und das Beibehalten einer „wettbewerbsfähigen“, d.h. unterbewerteten, Währung als Absicherung in schwierigen Zeiten. In Phasen eines unsicheren ökonomischen Umfeldes hat sich die Strategie eines exportbasierten Wachstums als sichere Entwicklungsvariante erwiesen und wird die Schwellenländer nun umso mehr animieren diese Vorgehensweise fortzuführen. Selbst wenn die wirtschaftliche Erholung langsam und bei niedrigem Wachstum anhält, wird sich das Muster vom Kreditgebenden Schwellenland und den Kreditnehmenden USA wiederholen. Relative Verschiebungen werden mit Sicherheit vorkommen, jedoch wird die Unausgeglichenheit in den Leistungs- und Devisenbilanzen weiter bestehen und somit auch das System von Bretton Woods II .[6]

4. Das Leistungsbilanzdefizit der USA

4.1 Daten und Fakten – Überblick

Die Tendenzen einer negativen Leistungsbilanz der USA lassen sich schon in den frühen 1980er Jahren erkennen. Das US-Leistungsbilanzdefizits entwickelte sich zu der Zeit jedoch moderat und erreichte nie mehr als einen Anteil am Bruttoinlandsprodukt (BIP) von mehr als zwei Prozentpunkten. Anfang der 1990er Jahre entwickelte sich die Leistungsbilanz positiver, sogar mit einem leichten Überschuss im Jahre 1991. Dieser Überschuss jedoch ist in großem Maße auf Überweisungen von Golfkriegsalliierten zurückzuführen und stellt bis heute das letzte positive Saldo in der Leistungsbilanz dar.[7] Seit dem Jahre 1991 fahren die USA kontinuierliche Defizite ein, mit dem Tiefpunkt im Jahr 2006 mit einem Defizit von ca. 800 Mrd. US Dollar, was einem BIP-Anteil von etwa 6,2% entsprach (Abb. 1).

Abb. 1: US-Leistungsbilanzsaldo in Mrd. USD, Anteil in % am BIP

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Bureau of Economic Analysis, eigene Darstellung.

[...]


[1] Power (URL)

[2] Harms (2008), S. 485 ff.

[3] Dooley, Folkerts-Landau, Garber (2003).

[4] „Economic Report of the President 2009“ (URL), S. 22.

[5] Dooley, Folkerts-Landau, Garber (2009).

[6] Dooley, Folkerts-Landau, Garber (2009).

[7] Karczmar, Aktuelle Themen (2004), S. 2.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Das Bretton Woods-System II und die Rolle Chinas bei der Finanzierung des US-amerikanischen Leistungsbilanzdefizits
Hochschule
Hochschule Pforzheim
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
26
Katalognummer
V174885
ISBN (eBook)
9783640956425
ISBN (Buch)
9783640956821
Dateigröße
956 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bretton Woods 2, Leistungsbilanzdefizit, USA, China, Handelsbilanz, Handelsstreit USA China, Währungsmanipulation Yuan
Arbeit zitieren
Markus Karmann (Autor), 2010, Das Bretton Woods-System II und die Rolle Chinas bei der Finanzierung des US-amerikanischen Leistungsbilanzdefizits, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/174885

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