Heinrich Heine: Neue Gedichte - zwischen Spiritualismus und Sensualismus -


Seminararbeit, 2000
15 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

„Der hoffnungslose Eckensteher“

„Freier Verkehr mit der unfreien Weiblichkeit“

Zusammenfassung

Bibliographie

Einleitung

Als Heinrich Heine um 1820 in die Gesellschaft eintrat, galt ein Liebeskonzept, in dem die Erotik nur die Rolle der Initialzündung für die gegenseitige Sympathie spielen durfte, ansonsten aber abgewertet wurde. Formen erotischer Kontaktaufnahme waren der bürgerlichen Gesellschaft des 18. Und 19. Jahrhunderts in Deutschland nicht möglich. Das bedeutete für Heine, wie für viele andere junge Männer auch, daß ihm ein Äußerstes an Entsagungsbereitschaft abverlangt wurde.

Die schmachtende Frustration die der junge Heine empfand und die Darstellung der verschiedenen weiblichen Typen und damit Heines Bild von Frauen in seiner frühen Lyrik, spiegeln sich in seinem Buch der Lieder wieder. Den großen Anklang seines ersten Lyrikbandes erreichte er einerseits dadurch, daß er sich keusch gab, wie die Gesellschaft es erwartete. Jedoch viele junge Männer fanden sich in dem nach sinnlicher Erfüllung suchenden Heine wieder.

In seiner späteren Lyrik, in Neue Gedichte, hat sich Heines Bezug zur Erotik stark verändert. Heine lebt nun in Paris und wird sich der Diskrepanz zwischen dem spröden, spiritualistischen Deutschland und dem erotischen, sensualistischen Paris bewußt.

Der Zyklus Verschiedene und im besonderen das Gedicht Der Tannhäuser zeigen Heines Einstellung zu diesem Antagonismus.

Ein Vergleich von Heines Frauenbildern, auf dem Hintergrund seiner sich verändernden Lebensumstände und Einstellungen, wird das Thema dieser Hausarbeit sein.

„Der hoffnungslose Eckensteher“

In den 1820ern in Deutschland war der junge Heinrich Heine ein wenig ansprechender Heiratskandidat. Nicht nur das er aus einer recht unvermögenden Familie stammte, er war auch jüdischer Herkunft und hatte nicht die besten Berufsaussichten. Eigentlich wäre er mit diesen Voraussetzungen gar nicht in die Nähe der jungen Frauen des Bürgertums gelangt, doch durch sein poetisches Talent und den Einfluß seines Onkels Salomon, erlangte er dennoch Zugang zu einigen der besseren Salons. Doch dort mußte er als „hoffnungslose(r) Eckensteher“[1] zusehen, wie ihm die jungen Frauen vor seiner Nase von vermögenden jungen Männern oder solchen mit einer vielversprechenden Karriere weggeheiratet wurden.

Seine Gedichte in den Zyklen Die Heimkehr und Lyrisches Intermezzo variieren fast ausnahmslos das Thema der unglücklichen, unerwiderten oder aussichtslosen Liebe.

Die Gedichte weisen sowohl die metrische Form, als auch das Bild- und Ausdrucksrepertoire eines Volksliedes auf, jedoch wird die schlichte Mentalität des Volksliedes mit der modernen, zersplitterten Psyche konfrontiert. Durch den zu der Zeit so modernen Aufbau seiner Gedichte in Form von Volkslied und Bildern und Klängen romantischer Poesie, konnte Heine verdeckt die Klischees der Liebes- und Naturlyrik ironisieren und auf die Entzweiung des lyrischen Ich in Dichtung und Erfahrungswirklichkeit aufmerksam machen. Kontrastkomik und ironische Verstellungen schaffen eine Distanz, mit der Funktion, für Selbstschutz und Entlastung des Dichters zu sorgen. Das Liebessystem müßte scheitern, Sentimentales könnte nicht Gestalt annehmen, wenn Ironie und Komik nicht relativierend wirken würden: „ironische Neutralisierungen >echter Erlebnisse<“[2].

Außer der Nähe zum Volkslied, ist der Bezug zum Petrarkismus auffällig: das Liebeskonzept, das Liebesglück in der Liebesqual zu finden und die zyklische Organisation der Gedichte. Dieses Liebeskonzept, die Doppelnatur der verführerischen Frau, die aber kalt und herzlos, völlig unzugängig ist, zeigt Heines Frustration. Das Gedicht LVI, in dem Zyklus Die Heimkehr macht dies sehr deutlich:

Saphire sind die Augen die,

Die lieblichen, die süßen.

-, dreimal glücklich ist der Mann,

Den sie mit Liebe grüßen.

Dein Herz, es ist ein Diamant,

Der edle Lichter sprühet.

-, dreimal glücklich ist der Mann,

Für den es liebend glühet.

Rubinen sind die Lippen dein,

Man kann nicht schönre sehen.

-, dreimal glücklich ist der Mann,

Dem sie die Liebe gestehen.

-, kennt ich nur den glücklichen Mann,

-, daß ich ihn nur fände,

So recht allein im grünen Wald,

Sein Glück hätt bald ein Ende.[3]

In diesen Bildern soll keineswegs die sinnliche Schönheit der angebeteten Frau herausgehoben werden, sondern die edelsteinähnliche kalte Schönheit, die sie unzugänglich und völlig erstarrt erscheinen läßt: „goldene Locken“[4], „weiße Lilienfinger“[5], „schneeweiße Schulter“[6].

Diese immer wieder auftretende kalte Geliebte, verläßt die lyrische Persona, heiratet seinen Rivalen, quält ihn und richtet ihn zu Grunde.[7] Er leidet deshalb ununterbrochen an Seelenfoltern und möchte am liebsten sterben oder erschossen werden[8].

Rein äußerlich sind die petrarkistische Züge eindeutig, inhaltlich distanziert sich Heine jedoch durch die Verschiebung der Szenerie in die bürgerliche Gesellschaft des 19. Jahrhunderts.

Die im 16. und 17. Jahrhundert angepriesene Entsagung des Erotischen zur Steigerung der Seelenkräfte, wo moralische , ästhetische und religiöse Aspekte im Vordergrund standen, verliert im bürgerlichen Milieu seien Glaubwürdigkeit. Es geht nicht mehr um edle Ritterherzen, sondern um die Berufsaussichten und die Größe des Geldbeutels.

Diese Heuchelei, die Männer anständige Ritter und die Frauen keusche Damen spielen zu lassen, greift Heine in seiner Liebeslyrik auf, spiegelt die Situation und versucht die herrschenden Normen somit zu unterlaufen.

In Lyrisches Intermezzo L, greift er satirisch die biedermeierliche Teegesellschaft und ihre Sexualmoral an:

Sie saßen und tranken am Teetisch,

Und sprachen von Liebe viel.

Die Herren waren ästhetisch,

Die Damen von zartem Gefühl.

Die Liebe muß sein platonisch,

Der dürre Hofrat sprach.

Die Hofrätin lächelt ironisch,

Und dennoch seufzet sie: Ach!

Der Domherr öffnet den Mund weit:

Die Liebe sei nicht zu roh,

Sie schadet sonst der Gesundheit.

Das Fräulein lispelt: Wie so?

Die Gräfin spricht wehmütig:

Die Liebe ist eine Passion!

Und präsentiert gütig

Die Tasse dem Herren Baron.

Am Tische war noch ein Plätzchen;

Mein Liebchen, da hast du gefehlt.

Du hättest so hübsch, mein Schätzchen,

Von deiner Liebe erzählt.[9]

Er protestiert gegen die falsche Ästhetik, reduzierte Liebe und verdrängte Sexualität. Hier beginnt Heine schon, die Sexualmoral und den Spiritualismus in einer Form anzuklagen, wie es später in Neue Gedichte zu finden ist.

Die 5. Strophe läßt offen, ob denn das abwesende „Liebchen“ tatsächlich etwas von sinnlicher Liebe zu erzählen gehabt hätte. Jedoch läßt der satirische Ton nicht darauf schließen.

Auf der einen Seite entfremdet und distanziert sich Heine von der modernen bürgerlichen Gesellschaft, auf der anderen Seite möchte er sich in sie integrieren. Trotz dieses Zwiespalts ging er 1825 sogar so weit, daß er sich Taufen ließ, was ihn dann in einen schweren Identitätskonflikt stürzte.

„Trotz aller traditionellen Einkleidungen schimmert selbst in diesen Gedichten, so minniglich, petrarkistisch, empfindsam, schauerromantisch oder weltschmerzlerisch sie sich auch geben, häufig genug die höchst persönliche Misere des jungen Heine durch, der nicht nur an der Gleichgültigkeit der ihn abweisenden jungen Schönen, sondern auch an der Verkehrtheit der gesellschaftlichen Grundvoraussetzungen auf diesem Gebiet zutiefst litt.“[10]

[...]


[1] Hermand, Jost: Vom Buch der Lieder zu den Verschiedenen. Heines zweimalige Partnerverfehlung. In: Höhn, Gerhard (Hrg.): Heinrich Heine. Ästhetische politische Profile. Frankfurt a. M. 1991. S.215

[2] Höhn, Gerhard: Heine-Handbuch: Zeit, Person, Werk. Zweite, aktualisierte und erweiterte Auflage, Stuttgart / Weimar 1997. S. 71

[3] Heinrich Heine: Buch der Lieder. In: ders.: Sämtliche Schriften. Bd.1. Hrg. von Klaus Briegleb, München 1997, S.134 f

[4] ebd. S.123

[5] ebd. S.124

[6] ebd. S.143

[7] ebd. S.137

[8] ebd. S108

[9] Heinrich Heine: Buch der Lieder. In: ders.: Sämtliche Schriften. Bd.1. Hrg. von Klaus Briegleb, München 1997, S.95

[10] Hermand, Jost: Vom Buch der Lieder zu den Verschiedenen. Heines zweimalige Partnerverfehlung. In: Höhn, Gerhard (Hrg.): Heinrich Heine. Ästhetische politische Profile. Frankfurt a. M. 1991. S.217

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Heinrich Heine: Neue Gedichte - zwischen Spiritualismus und Sensualismus -
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Neuere Deutsche Literatur)
Note
1,3
Autor
Jahr
2000
Seiten
15
Katalognummer
V17494
ISBN (eBook)
9783638220583
Dateigröße
474 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Heinrich, Heine, Neue, Gedichte, Spiritualismus, Sensualismus
Arbeit zitieren
Johanna Niemann (Autor), 2000, Heinrich Heine: Neue Gedichte - zwischen Spiritualismus und Sensualismus -, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/17494

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