Als Heinrich Heine um 1820 in die Gesellschaft eintrat, galt ein Liebeskonzept, in
dem die Erotik nur die Rolle der Initialzündung für die gegenseitige Sympathie spielen durfte,
ansonsten aber abgewertet wurde. Formen erotischer Kontaktaufnahme waren der
bürgerlichen Gesellschaft des 18. Und 19. Jahrhunderts in Deutschland nicht möglich. Das
bedeutete für Heine, wie für viele andere junge Männer auch, daß ihm ein Äußerstes an
Entsagungsbereitschaft abverlangt wurde.
Die schmachtende Frustration die der junge Heine empfand und die Darstellung der
verschiedenen weiblichen Typen und damit Heines Bild von Frauen in seiner frühen Lyrik,
spiegeln sich in seinem Buch der Lieder wieder. Den großen Anklang seines ersten
Lyrikbandes erreichte er einerseits dadurch, daß er sich keusch gab, wie die Gesellschaft es
erwartete. Jedoch viele junge Männer fanden sich in dem nach sinnlicher Erfüllung suchenden
Heine wieder.
In seiner späteren Lyrik, in Neue Gedichte, hat sich Heines Bezug zur Erotik stark
verändert. Heine lebt nun in Paris und wird sich der Diskrepanz zwischen dem spröden,
spiritualistischen Deutschland und dem erotischen, sensualistischen Paris bewußt.
Der Zyklus Verschiedene und im besonderen das Gedicht Der Tannhäuser zeigen Heines
Einstellung zu diesem Antagonismus.
Ein Vergleich von Heines Frauenbildern, auf dem Hintergrund seiner sich verändernden
Lebensumstände und Einstellungen, wird das Thema dieser Hausarbeit sein.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
„Der hoffnungslose Eckensteher“
„Freier Verkehr mit der unfreien Weiblichkeit“
Zusammenfassung
Bibliographie
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Wandlung von Heinrich Heines Liebeskonzept und Frauenbild im Übergang von seinem frühen Lyrikband "Buch der Lieder" hin zu den "Neuen Gedichten", wobei der Fokus auf dem Antagonismus zwischen dem spiritualistischen Deutschland und dem sinnlich-erotischen Paris des 19. Jahrhunderts liegt.
- Analyse der bürgerlichen Sexualmoral und ihrer restriktiven Wirkung auf das Individuum.
- Untersuchung der ironischen Distanzierung Heines von romantischen und petrarkistischen Klischees.
- Bewertung des Einflusses der Saint-Simonisten auf Heines Rehabilitation des Fleisches.
- Deutung der Frauenfiguren als Symbole gesellschaftlicher Normen oder pantheistischer Utopien.
- Darstellung der Unvereinbarkeit von Spiritualismus und Sensualismus in der zeitgenössischen Gesellschaft.
Auszug aus dem Buch
„Freier Verkehr mit der unfreien Weiblichkeit“
Heines nächster Gedichtband erschien 17 Jahre später, sollte zunächst als zweiter Teil des Buch der Lieder erscheinen, kam dann aber unter dem Titel Neue Gedichte raus. Die zwischen 1822 und 1844 entstanden Gedichte kamen am 25. September 1844, inklusive des gemilderten Wintermärchen als „Lückenbüßer“ um den nötigen, zensurfreien Umfang zu erreichen, auf den Markt. Bereits am 4. Oktober setzte eine Kette an von Beschlagnahmungen und Verboten ein. Trotzdem, oder gerade deshalb, war schon nach wenigen Wochen eine neue Auflage fällig.
Wieder erschienen die Gedichte in Zyklen, wobei der erste, Neuer Frühling, in Form, Sprache und Motivik sehr an das Buch der Lieder erinnert und allgemeines Wohlwollen empfing, der zweite, Verschiedene, jedoch einen literarischen Skandal auslöste. Über 40 erotische Gedichte hatte Heine unter den Gruppentiteln Seraphine, Angelique, Diana, Hortense, Clarisse, Yolante und Marie und Emma aneinandergereiht. Ihnen schließt sich der Tannhäuser an. In Heines neuer Lyrik findet sich auch ein neues Erotik- und Liebeskonzept. Unter den Namen dieser fiktiven Frauenfiguren werden Heines Liebeserlebnisse aus ganz verschiedenen Zeiten und Orten verarbeitet. Dafür spricht, daß nicht individuellen Frauen auftreten (mit Ausnahme von Diana), sondern sie für etwas stehen: pantheistische Liebe (Seraphine), unerträglich sanfte Liebe (Angelique), ein phantasmatisches Weib (Diana), Falschheit (Hortense), versäumte Liebe (Clarisse), „Qual der Wahl“ (Yolante und Marie), postamouröse Liebesnöte (Emma), Exotik (Friederike) oder erotisches Gebanntsein (Katharina).
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung skizziert den gesellschaftlichen Wandel des Liebesbegriffs im 19. Jahrhundert und führt in die zentrale Fragestellung zur Veränderung von Heines erotischer Lyrik von den "Buch der Lieder" zu den "Neuen Gedichten" ein.
„Der hoffnungslose Eckensteher“: Dieses Kapitel analysiert Heines frühe Lyrik, in der er unter Einfluss bürgerlicher und petrarkistischer Normen eine tiefe Frustration über unerwiderte Liebe und soziale Ausgrenzung thematisiert.
„Freier Verkehr mit der unfreien Weiblichkeit“: Hier wird der Bruch in Heines Schaffen untersucht, wobei der Fokus auf dem Einfluss der Saint-Simonisten, dem neuen pantheistischen Liebesverständnis und dem Antagonismus zwischen Spiritualismus und Sensualismus liegt.
Zusammenfassung: Die Zusammenfassung rekapituliert Heines Entwicklung von der Unterwerfung unter bürgerliche Konventionen hin zur kritischen Bloßlegung der gesellschaftlichen Doppelmoral und der Unfreiheit der Geschlechterrollen.
Bibliographie: Dieses Kapitel listet die verwendete Primär- und Sekundärliteratur zur Unterstützung der literaturwissenschaftlichen Argumentation auf.
Schlüsselwörter
Heinrich Heine, Buch der Lieder, Neue Gedichte, Erotik, Sensualismus, Spiritualismus, Biedermeier, Tannhäuser, Frauenbild, Liebeskonzept, Saint-Simonismus, Gesellschaftskritik, Moral, Identitätskonflikt, Lyrik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit primär?
Die Arbeit untersucht die Entwicklung des Erotik- und Frauenbildes in Heinrich Heines Lyrik und wie sich seine Einstellung im Spannungsfeld zwischen den gesellschaftlichen Normen Deutschlands und dem Pariser Lebensgefühl gewandelt hat.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Arbeit deckt die Themenfelder Liebeslyrik, bürgerliche Sexualmoral, die Rolle der Frau im 19. Jahrhundert, religiöser Spiritualismus versus sinnlicher Sensualismus sowie die gesellschaftliche Entfremdung des Dichters ab.
Was ist die zentrale Forschungsfrage der Arbeit?
Es wird untersucht, wie Heine durch den Vergleich seiner Frauenbilder und Liebeskonzepte die Diskrepanz zwischen dem spiritualistischen Deutschland und dem erotischen Paris aufdeckt und reflektiert.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse, die primär die lyrischen Zyklen Heines unter Einbeziehung biografischer Hintergründe und zeitgenössischer gesellschaftlicher sowie philosophischer Einflüsse (wie der Saint-Simonisten) interpretiert.
Was steht im Hauptteil im Fokus der Betrachtung?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des frühen Schaffens ("Buch der Lieder") und des späteren Werks ("Neue Gedichte"), wobei insbesondere das Gedicht "Der Tannhäuser" als Ausdruck des Konflikts zwischen geistigem Anspruch und körperlicher Lust analysiert wird.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Analyse?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie "Spiritualismus", "Sensualismus", "bürgerliche Doppelmoral", "Emanzipation" und "pantheistisches Liebesbekenntnis" charakterisiert.
Wie bewertet die Autorin die Rolle des "Tannhäuser" in Heines Werk?
Das Gedicht "Der Tannhäuser" wird als zentrales Werk für den "vergeblichen Kampf" gegen den sinnlichen Bann und als radikale Absage an das traditionelle Sündenbewusstsein interpretiert.
Warum wird die "biedermeierliche Teegesellschaft" in der Analyse angeführt?
Sie dient als exemplarisches Beispiel für die von Heine kritisierte "falsche Ästhetik" und die verdrängte Sexualität seiner Zeit, die im Gegensatz zu seinem befreiten Denken steht.
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- Johanna Niemann (Author), 2000, Heinrich Heine: Neue Gedichte - zwischen Spiritualismus und Sensualismus -, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/17494