Ökonomisierung in der Moderne

Sozialer Wandel im Kontext ökonomischer Paradigmen


Seminararbeit, 2011
16 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung – Ökonomisierung: Lösung oder Problem?

2 Ökonomisierung – Arten, Prozesse und Probleme

3 Die Gesellschaft der Moderne: System und Individuum
3.1. Gesellschaften als Systeme – Luhmanns funktionaler Ansatz
3.2 Das Individuum in der Netzwerkgesellschaft – Identität und Sinn

4 Verknüpfung vom Individuums- und Systemansatz: Die Ökonomisierung der sozialen Arbeit

5 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung – Ökonomisierung: Lösung oder Problem?

Der Staat in der Moderne steht vor großen Herausforderungen. Zunehmende Vernetzung in Bereichen wie Logistik, Handel und Kommunikation, bei stetig steigenden Bevölkerungszahlen, haben dazu geführt, dass Verwaltungen riesige Apparate geschaffen haben, um der Organisationsfunktion weiter gerecht zu werden. Diese Apparate sind vor allem auf Kontrolle durch standardisierte Vorgänge ausgelegt, die es ermöglichen, relativ frei von qualitativen Analysen jeden Einzelfall behandeln zu können. Diese Ordnung der Bürokratie gerät allerdings immer mehr in die Kritik und gilt in manchen Verwaltungen mittlerweile als nicht mehr umsetzbar. Vor allem steht aber die Bürokratisierung verschiedenster Lebensbereiche in der Kritik: „Ein Staat kann ohne Ämter und bürokratische Methoden nicht auskommen. Und da die gesellschaftliche Zusammenarbeit ohne einen bürgerlichen Staat nicht funktionieren kann, ist ein gewisses Maß an Bürokratie unerläßlich. Nicht den Bürokratismus als solchen verübeln die Leute, sondern das Eindringen der Bürokratie in alle Bereiche des menschlichen Lebens und menschlicher Betätigungen. Der Kampf gegen die Eingriffe der Bürokratie ist im Wesentlichen ein Aufstand gegen die totalitäre Diktatur. Es ist eine unzutreffende Bezeichnung, den Kampf für Freiheit und Demokratie als einen Kampf gegen die Bürokratie zu bezeichnen.“ (von Mises 2004: 34)

Als Gegenkonzept der Moderne, welches vor allem in den 1990er Jahren durch das New Public Management vorangetrieben wurde, gilt die Verbetriebswirtschaftlichung bzw. Ökonomisierung der verschiedenen Verwaltungsapparate. „Der Begriff der Ökonomisierung bezeichnet die organisatorische Neuordnung staatlicher Verwaltungen, bei der durch interne Rationalisierung und die Übernahme marktpreissimulierter Kosten-Ertrags-Kalküle angestrebt wird, die Qualität öffentlicher Dienstleistungen zu verbessern und gleichzeitig deren Produktionskosten zu senken.“ (Socialinfo Internet) Diese Neuordnung, vor allem bedingt durch ökonomische Politik, gilt als weltweite neoliberale Initiative und wurde manchen Staaten durch IWF und WTO Auflagen auch zwangsweise angeordnet, wobei durchaus zu beachten ist, dass Ökonomisierung auch als reine Ideologie erhebliche hegemoniale Wirkungen entfaltet (vgl. Pelizzari 2002: 96). Angetrieben wurde und wird sie durch „Staatsverschuldung und Budgetdefiziten sowie einer verschärften internationalen Standortkonkurrenz“ (ebd.: 96), durch welche öffentliche Dienste und die öffentliche Verwaltung als teuer und ineffizient gelten. 1995 beobachtete die OECD bereits privatwirtschaftliche Reformtendenzen bei allen westlichen Nationalstaaten und beschrieb jene Reformen als Möglichkeit, „ um die Gründe zu überdenken, welche die staatlichen Interventionen rechtfertigen, und deren Effizienz im Verhältnis zu den Kosten der öffentlichen Institutionen, deren Programme und Regulierungsaktivitäten zu überprüfen“ (OECD 1995: 7)

In dieser Hausarbeit werden zwei verschiedene Themenkomplexe behandelt, die später miteinander verknüpft werden. Als Theoriekonstrukt wird einmal die Ökonomisierung mit verschiedenen Facetten vorgestellt und erläutert. Hier sind vor allem die Fragen nach Arten von Ökonomisierung und Risiken selber relevant. Hinzu wird die Gesellschaft, in welcher die Ökonomisierung stattfindet, betrachtet und anhand von Theorien Castells und Luhmanns analysiert. Als Verknüpfung der theoretischen Grundlagen und als praktisches Beispiel werden dann die Ökonomisierungstendenzen in der sozialen Arbeit dargestellt und ausgewertet. Die Soziale Arbeit gilt in diesem Fall als passendes Beispiel, da sie einerseits die Entwicklung und die Anforderungen der Gesellschaft widerspiegelt, auf der anderen Seite aber vor allem durch ökonomische Reformen betroffen ist und somit die Theorien in sich vereint.

2 Ökonomisierung – Arten, Prozesse und Probleme

Die bereits in der Einleitung genannte Definition von Ökonomisierung liefert den Grundstein für die Analyse sämtlicher Ausprägungen von selber. „marktpreissimulierte Kosten-Ertrags-Kalküle“ (vgl. Kapitel 1) gelten als Grundlage betriebswirtschaftlicher und privatwirtschaftlicher Prozesse. Der Markt gilt als regulierendes Instrument und durch freie Zugänglichkeit für jede Person, soll ein breites Maß an Chancengleichheit erreicht werden. In Bezug auf Verwaltung und staatlicher Organisation muss der Begriff allerdings eingeschränkt werden, denn in der liberalen Wirtschaftsordnung der Moderne gilt das übermäßige eingreifen des Staates als illegitimes Mittel und Wettbewerbsverzerrung. Im Rahmen der Verwaltung muss als von bürokratischem Wirtschaften gesprochen werden (vgl. von Mises 2004: 59ff), also einem Phänomen, dass die Bürokratie als unumgängliche Ordnungsform und wirtschaftliche Tendenzen gleichermaßen Berücksichtigt. „Bürokratisch heißt die Art der Geschäftsführung, die sich an genaue Regeln und Vorschriften halten muß, welche wiederum von der Autorität einer übergeordneten Person festgelegt werden. Die Aufgabe des Bürokraten liegt in der Ausführung dessen, was diese Regeln und Vorschrift-en ihm auftragen. Seine Freiheit, nach eigener, bester Überzeugung zu handeln, wird durch sie bedeutend eingeschränkt“ (ebd.: 59). Hinführend zum Zusammenschluss gilt für Wirtschaftlichkeit: „Privatwirtschaftlich bzw. gewinnorientiert heißt dagegen die Art des Wirtschaftens, die vom Gewinnmotiv bestimmt wird. Das Ziel privatwirtschaftlicher Geschäftsführung sind Gewinne.“ (ebd.: 59f) Es liegt auf der Hand, dass zentrale Verwaltungsorgane nicht einer Kostenrechnungskontrolle unterliegen können, die normalerweise die Wirtschaftlichkeit einer Organisation bestimmt. Dies ist auf die einfache Tatsache zurückzuführen, dass Verwaltungen quasi keine Einnahmen produzieren, lediglich ausgaben. Steuern oder Zölle können in die Rechnung nicht mit eingebracht werden, da sie nicht in der Verwaltung „produziert“ werden. Unter Berücksichtigung dieser Einschränkung ist die Definition bürokratischen Wirtschaftens möglich: „Bürokratisches Wirtschaften ist die Methode zur Führung von Verwaltungsgeschäften, welche keinen Geldwert auf dem Markt haben. Man beachte, daß wir nicht sagen, daß die erfolgreiche Handhabung öffentlicher Angelegenheiten keinen Wert besitzt, sondern, daß ihr Wert nicht durch Markttransaktionen ersichtlich wird und daß er konsequenterweise nicht in Geldbegriffen ausgedrückt werden kann“ (ebd.: 61)

Mit Blick auf weitere Bereiche der Ökonomisierung ehemaliger Staatsresorts, aber auch von Ressorts, die immer noch in staatlicher Hand sind, werden auch Risikoprozesse deutlich, die sich aus zunehmender Orientierung am Markt ergeben.

Das Bildungssystem der Bundesrepublik Deutschland wird förderal gesteuert, unterliegt also den einzelnen Verwaltungen der Länder. Auch hier zeigt sich über Jahre der Trend der Verwirtschaftlichung, wobei man unter dem Begriff „Ökonomisierung der Bildung“ die historische Epoche des Umbaus des Bildungswesens verstanden wird, in dem wir uns derzeit befinden. (vgl. Lohmann 2010: 1) Die Bildung orientiert sich in ihrem Wirken immer mehr an globalen Wirtschaftsprozessen und versucht zwanghaft als Standort Konkurrenzfähig zu bleiben. Englischunterricht im Kindergarten, Verkürzung der Gymnasialschulzeit, Bologna-Reformen und viele weitere „Neuentwicklungen“ zeigen den Wunsch nach größerer Effizienz auf. Der Druck auf das System und seine Akteure ist enorm, nicht selten, weil durch Marktorientierung nicht nur das Humankapital gefördert wird, dass der Markt benötigt, sondern sich die Bildungseinrichtungen auch an Marktpreisen orientieren (müssen). Dieser Risikoprozess geht auch aus einem OECD Strategiepapier aus den 90ern hervor, dass Morrisson wie folgt zusammenfasst: „Um das Haushaltsdefizit zu reduzieren, sind sehr substanzielle Einschnitte im Bereich der öffentlichen Investitionen oder die Kürzung der Mittel für laufende Kosten ohne jedes politische Risiko. Wenn Mittel für laufende Kosten gekürzt werden, dann sollte die Quantität der Dienstleistung nicht reduziert werden, auch wenn die Qualität darunter leidet. Beispielsweise lassen sich Haushaltsmittel für Schulen und Universitäten kürzen, aber es wäre gefährlich, die Zahl der Studierenden zu beschränken. Familien reagieren gewaltsam, wenn ihren Kindern der Zugang verweigert wird, aber nicht auf eine allmähliche Absenkung der Qualität der dar-gebotenen Bildung, und so kann die Schule immer mehr dazu übergehen, für bestimmte Zwecke von den Familien Eigenbeiträge zu verlangen, oder bestimmte Tätigkeiten ganz einstellen. Dabei sollte nur nach und nach so vorgegangen werden, z.B. in einer Schule, aber nicht in der benachbarten Einrichtung, um jede allgemeine Unzufriedenheit der Bevölkerung zu vermeiden“ (Morrisson 1996: 28). Es ist ein Paradoxon immer größere Qualität zu fordern und im Gegenzug immer weniger Mittel zu gewähren. Die Hochschulen haben darauf vor Jahren reagiert und mit der Erhebung von Studiengebühren finanzielle Grundsatzmittel gesichert. Die Schule als Massenbildungseinrichtung hat diese Möglichkeit nicht und das obwohl sie elementarste Bedeutung auch für das Marktorientierte Deutschland hat. Mit Maßnahmen wie der Ganztagsschule wird das Projekt Bildung weiter ausgebaut und effizienter gestaltet. Pädagogische Zusatzprogramme in Studiengängen und Lehrerweiterbildungen zeigen auf, dass trotz einer Kosten-Nutzen- Analyse von Schulen das Bildungssubjekt nicht aus dem Fokus gerät. „Die Ökonomisierung der Bildung umfasst insofern mehr als die Übernahme von Steuerungsregeln aus dem Unternehmensbereich: Sie bedeutet „eine historisch neue Dimension des Umgangs mit der Zeit der Menschen, einen Zugriff auf die Tageszeit, die Jahreszeit, die Lebenszeit von der frühen Kindheit bis ins Alter“ (Zymek 2005: 14).

Später in dieser Arbeit wird auf das Risiko der Ökonomisierung in Bezug auf die soziale Arbeit noch gesondert eingegangen, deshalb wird hier auf ein weiteres konkretes Beispiel verzichtet. Dieses Kapitel Zusammenfassend betrachtet ist die Ökonomisierung ein moderner Trend, der vor allem auf Effizienz des jeweiligen Systems ausgelegt ist. Risiken treten immer dann auf, wenn die Effizienz lediglich durch Einsparungen erreicht werden soll, da dann in späterer Folge der Endnutzen sinkt. So zum Beispiel bei Schülern, die durch Einsparungen schlechter ausgebildet werden, dann aber am Markt weniger konkurrenzfähig sind und letztlich dem deutschen Markt weniger Gewinn bzw. Verluste einbringt. Nun tritt die Frage auf, welche gesellschaftlichen Strukturen diese Paradoxia (re-)produzieren und begünstigen. Daher werden im nächsten Kapitel Systeme und Individuen in modernen Gesellschaften dargestellt und auf ihren Beitrag zur Ökonomisierung hin untersucht.

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Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Ökonomisierung in der Moderne
Untertitel
Sozialer Wandel im Kontext ökonomischer Paradigmen
Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Veranstaltung
RIsiko, Politik und Soziale Regulierung
Note
1,7
Autor
Jahr
2011
Seiten
16
Katalognummer
V174987
ISBN (eBook)
9783640957859
ISBN (Buch)
9783640957736
Dateigröße
613 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
moderne, sozialer, wandel, kontext, paradigmen
Arbeit zitieren
Timo Evers (Autor), 2011, Ökonomisierung in der Moderne, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/174987

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