Friedrich Schenkers "Tirilijubili – Stück für Virtuosen III"

Versuch einer Analyse


Hausarbeit, 2011

15 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort

2. Werkgenese undEntstehungshintergrund

3. Analyse
3.1. Notation
3.2. Form
3.3. Klangfarbe
3.4. Rhythmik
3.5. Melodik
3.6. Dynamik und harmonische Gestaltung
3.7. Zusammenfassung kompositorischer Details

4. Fazit

5. Fiteraturverzeichnis

1. Vorwort

„Der mit mir befreundete Musikwissenschaftler Frank Schneider erklärt mich seit der letzten von ihm vorgenommenen Analyse einer meiner Stücke für unanalysierbar.“[1]

Dieser Satz fiel in einem Interview mit dem 1942 in Zeulenroda (Thüringen) geborenen Komponisten Friedrich Schenker. Der Posaunist und Komponist ist ein Verfechter der Neuen Musik und Mitbegründer der „Gruppe Neue Musik Hanns Eisler“.

Im Zuge des Komponistenprojektes des Masterstudiengangs Musikwissenschaft der Universität Leipzig beschäftigen sich die Studenten mit noch lebenden Komponisten zeitgenössischer Musik und präsentieren zum Semesterende ,Ihren’ Komponisten.

Bei dieser ersten Begegnung mit dem Komponisten stellen sich schon sehr klar die Positionen des 68-jährigen Schenker dar: Er hasst Richard Wagner, bezeichnet die Musik der Beatles und die von Pink, Floyd als „Tonrumpelei“ und spricht seine Liebe zum Streichquintett C-Dur von Franz Schubert aus.[2] (Schenker 2011)

Bezug nehmend auf seine Haltung als Komponist muss der Weg seiner musikalischen Ausbildung, sowie der politische Hintergrund der DDR berücksichtigt und als Haupttriebfeder seines kreativen Schaffens gesehen wird. So übernahm er von seinem Lehrer Paul Dessau dessen Philosophie, nach welcher Komposition immer auf bestehende Verhältnisse reagieren solle. In diesem Sinne gäbe es auch keine unpolitische Musik, denn diese kann nicht anders als entweder passiv oder aktiv, bewusst oder unbewusst, auf einen Sachverhalt oder Missstand reagieren.

Auf den ersten Blick scheint das hier zu behandelnde aus dem Jahre 1976 stammende Stück Tirilijubili - Stück für Virtuosen III kein bewusst politisch intendiertes Werk zu sein. Bei genauerer Betrachtung erschließt sich, unter Berücksichtigung der zahlreichen Jubelfeiern in der Ex-DDR zu staatlichen Anlässen, jedoch eine gewisse politische Konnotation. Wie der Komponist das Feiern und den Jubel in Anlehnung an die erlebten Staatsfeierlichkeiten der DDR in diesem Werk umsetzt und überhöht, will die vorliegende Arbeit versuchen zu ergründen.

2. Werkgenese und Entstehungshintergrund

Das zu analysierende Werk reiht sich, wie der Name vermuten lässt, in einen Zyklus von Stücken für Virtuosen ein und ist als Auftragswerk für das 10-jährige Jubiläum der Bläservereinigung Berlin[3] komponiert worden. Schenker schrieb den ersten Teil, Stück für Virtuosen I im Jahr 1970 für Orchester (rev. 1985). Ein namentlicher Beleg eines zweiten Teils fehlt.

Die Uraufführung des Werkes fand am 23.02.1980 im Theater im Palast in Berlin im Rahmen der DDR-Musiktage statt. Weitere Aufführungen fanden beispielsweise am 25.04.1981 im Berliner Funkhaus[4] und im Rahmen des dritten Leipziger Rathauskonzertes am 15.11.1982. Neben diesen Veranstaltungen fand das Stück auch während der nordischen Musiktage in Oslo und zu weiteren Anlässen in der DDR aufgeführt.

Im Booklet zu einer der Aufnahmen von tirilijubili heißt es: „Die Spieler um den halsbrecherischen Piccolisten haben in blitzartigen Wechseln die Art der Klangerzeugung zu modifizieren - unter dem Einbezug der phonetischen und semantischen Wucherungen des Titelworts.“[5]

Bezüglich des Inspirationsprozesses scheint Schenker also neben der ironischen Brechung des Themas „Jubel bei Staatsakten in der DDR“ auch das Begriffspaar „Jubilieren und Tirilieren“ an sich philosophisch zu hinterfragen und ironisch zu brechen.

Das Booklet (Musikwissenschaftler Frank Schneider) zitiert einen Kommentar Schenkers zum Werk:

„Wenn das Stück am Ende den Hörer ein bisschen das Nachdenken über Tirili(eren) und Jubili(eren) gebracht hat, haben Komponist und Interpret das ihre schon getan, und die Schwierigkeiten beim Tirilijubililelalolu- lauläu(m) sollen wohl erfahren werden: Jubel (jubili) dreht (tirili) durch.“[6]

Das Zitat beschreibt die Asynchronität von den von Komponist und Interpreten zur Schau gestellten Gedanken und die erst nach der Aufführung eintretenden Denkanstöße für das Publikum. Passend hierzu erscheint in diesem Zusammenhang die Aussage Schenkers, er wolle nicht am Publikum vorbei komponieren. (Schenker 2011)

Der mit dem Eingangszitat eingeführte Musikwissenschaftler Frank Schneider merkt weiterhin zum Stück an, es erreiche den „äußersten Grad virtuoser Beanspruchung.“[7] Zudem habe man es durch das ganze Stück hindurch mit schwimmenden Metren zu tun, welche ein sehr exaktes Zusammenspiel der ausführenden Musiker erfordert. So ist beispielsweise die Art der Klangerzeugung blitzartig zu modifizieren um im Kampf zwischen „differenzierter“ und „trivialer Amüsier“-Musik zu bestehen. (Schneider 1979, S.160)

In diesen Formulierungen zeichnet sich ein gewisses Interesse Schenkers für das Verhältnis der beiden Sphären differenzierte, „ernsthafte Musik“ und „Unterhaltungsmusik“.[8]

Einen weiteren Hinweis auf die mögliche Intention des Werkes geht zum Einen von Schenker selbst, von seinem „Analysten“ Frank Schneider, aber auch von einem Komponistenkollegen aus. So äußert sich Schenkers Kollege Gerhard Wohlgemuth einsätzig zum ebenfalls einsätzigen Stück:

,, Tirilijubili ist eine Parodie auf den Unsinn und Leerlauf mancher Jubiläumsmusiken.“[9]

Umso spannender wird es sein anhand der nachfolgenden Analyse diese Vermutungen mit Hilfe der musikalischen Sprache des Komponisten zu be -oder wiederlegen und damit letztlich die musikalischen, politischen und philosophischen Inhalte des Stückes näher zu beleuchten.

3. Analyse

Nach dem Nachvollzug der Hintergründe zur Entstehung des Stückes und dem kurzen Anreißen seines unter anderem politischen Inhalts sollen nun zunächst die einzelnen Parameter des Stückes - Notation, Form, Klangfarbe, Melodik, Harmonik, Rhythmik, Satztechnik und Dynamik - untersucht werden. Anhand der nun schon vorweg genommenen Rezeptionsprozesse in Fachkreisen soll damit auch nachvollzogen werden, wie man zu eben solchen Eindrücken kommt. Die Analyse muss daher auf folgende Frage abzielen: Wie tragen die einzelnen musikalischen Elemente zur Erweckung der anfangs erwähnten Eindrücke bei und welche Techniken benutzt der Komponist um seine en Detail geschilderten Intentionen umzusetzen?

[...]


[1] Schenker 2011.

[2] Besonders hebt Schenker im Gespräch die Besetzung mit 2 Celli hervor. (Schenker 2011)

[3] Der 1966 gegründeten Bläservereinigung gehören Hermann Wolffram (Piccoloflöte), Dieter Wagner (Oboe), Siegfried Schramm (Klarinette), Dieter Buschner (Horn) und Dieter Hähnchen (Fagott) an. Sie ist sogar älter als die im Jahre 1970 von Schenker mitbegründete „Gruppe Neue Musik Hanns Eisler“. (Schenker 2011)

[4] Nalepastraße, Saal 3, Berlin.

[5] Frank Schneider, Musikwissenschaftler, 1988. Klappentext zur CD Musik in der DDR III.

[6] Zit. Nach Schneider, Frank: Klappentext Musik in der DDR, Vol. III, rec. 1981, pub. 1988. Anzumerken sei in diesem Zusammenhang, dass Schenker selbst mit einigen Preisen, u.a. dem Staatspreis der DDR, ausgezeichnet wurde und selbst ein paar Jubelzeremonien miterlebte.

[7] Schneider 1979, S. 160

[8] Das sich diese Distinktion häufig als Fehlannahme herausstellt und im zeitgenössischen Musikschaffen, aber auch in der Musiktheorie die Grenzen zwischen beiden Bereichen verschwimmen benutze ich dieses anachronistische Begriffspaar ausschließlich im Kontext dieser Analyse. Sicherlich wurde Schenker durch die klare Trennung in zwei Bereiche der Musik geprägt, auch wenn diese Unterteilung nicht von ihm stammt.

Als weiterer Beleg für seine Beschäftigung mit den beiden Bereichen der „differenzierten“ und der „trivialen“ Musik ist das Stück für Beatgruppe und Sinfonieorchester ELECTRIZATION (1973) und die Landschaften für Orchester (1974), welche beide Bereiche versucht zu verbinden, (vgl. Stürzbecher 1979, S. 251f,, sowie Noeske 2007, S. 400)

[9] Zit. nach Stock 2008, S. 164.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Friedrich Schenkers "Tirilijubili – Stück für Virtuosen III"
Untertitel
Versuch einer Analyse
Hochschule
Universität Leipzig
Autor
Jahr
2011
Seiten
15
Katalognummer
V175009
ISBN (eBook)
9783668756335
ISBN (Buch)
9783668756342
Dateigröße
645 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Friedrich Schenker, Neue Musik, Gruppe Neue Musik Hanns Eisler, Komponist, Musik, Analyse, Werk, Bläaserquintett, 1976, DDR-Musik, Kochan, Dessau
Arbeit zitieren
Michael Cyris (Autor), 2011, Friedrich Schenkers "Tirilijubili – Stück für Virtuosen III", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/175009

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