Pressefreiheit und Zensur in China

Olympische Sommerspiele in Peking 2008 – Schlüssel zu mehr Medienfreiheit?


Seminararbeit, 2009
20 Seiten, Note: 5.5 (Schweizer Notensystem)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Volksrepublik China
2.1 Kurzer Überblick über die Geschichte Chinas
2.2 Das politische System Chinas
2.3 Die Chinesische Denkweise
2.4 Das Mediensystem Chinas
2.4.1 Printmedien
2.4.2 Hörfunk
2.4.3 Fernsehen
2.4.4 Online - Medien – Internet
2.5 Pressefreiheit und Zensur in China

3. Die Olympischen Sommerspiele 2008 in Peking
3.1 Die Vergabe der Olympischen Sommerspiele 2008 an Peking
3.2 Internationale Kritik an chinesischer Einschränkung der Medienfreiheit vor Beginn der Olympischen Spiele
3.3 Die 29. Olympischen Spiele 2008 in Peking
3.4 Stand der Medienfreiheit nach den Olympischen Spielen

4. Zusammenfassung und Fazit

5. Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abb. Titelseite:

http://www.pi-news.net/wp/uploads/2009/02/stern.jpg

http://tabakblog.de/wp-content/uploads/2008/04/olympischespiele2008peking.jpg

http://tibetnews.ultima-ola.com/wp-content/uploads/2008/05/wan.gif

Abb. 1: Das Symbol der KPCh http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/6/6e/Flagge_der_KP_Chinas.png

Abb. 2: Hu Jintao http://english.people.com.cn/mediafile/200710/23/P200710231008511295218777.jpg

Abb. 3: Das Logo der 29. Olympiade http://tabakblog.de/wp-content/uploads/2008/04/olympischespiele2008peking.jpg

Abb. 4: Das Protestzeichen der ROG – China verwehrt Journalisten die Pressefreiheit. http://webjunk.info/wp-content/uploads/2008/07/beijing-2008-parody.jpg

Abb. 5: Amnesty International kritisiert China wegen gebrochener Olympia- Versprechen. http://www.rog.at/veranstaltungen/inchina.png

Abb. 6: Grandiose Eröffnungsfeier der 29. Olympiade am 8.8.2008 in Peking http://static.rp-online.de/layout/fotos/457x325/36019-APTOPIX_CHINA_OLYMPICS_XBM113.jpg

Abb. 7: Auch internationale Medienvertreter wurden von der chinesischen Zensurmaschinerie eingeholt. http://www.paolo-calleri.de/paolo-calleri/karikaturen2008/fackellauf.jpg

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten1

1. Einleitung

China ist in aller Munde. Nicht nur Chinas Entwicklung zur Supermacht durch den Wirtschaftsboom steht im Zentrum des öffentlichen Interesses, auch als weltpolitischer Akteur oder dem Westen oft geheimnisvolle Kultur präsentiert sich China der Welt.

Vom 8. bis zum 24. August 2008 fanden in Chinas Hauptstadt Peking die Olympischen Sommerspiele 2008 statt. Als Ausrichtungsland der 29. Olympiade stand China seit der Vergabe der Durchführungsrechte 2001 an Peking im internationalen Scheinwerferlicht. Die Aufmerksamkeit von Medien, Politikern und Millionen Sportbegeisterten auf der ganzen Welt war auf China gerichtet. Über 20‘000 internationale Journalisten besuchten und berichteten über die Spiele im Sommer 2008 (vgl. Abels 2009: 868). Verantwortlich für die uneingeschränkte Berichterstattung während der Dauer der Spiele ist das Austragungsland. China hat sich dieser Verantwortung trotz internationaler Proteste entzogen (vgl. Human Rights Watch 2007).

Um die Handlungsweise und Motivationsgründe des chinesischen Volkes besser zu verstehen und einschätzen zu können, wird in Kapitel 2 mit der Entwicklung des 20. und 21. Jahrhunderts ein kleiner historischer Abschnitt der über die 5000- jährigen, traditionsreichen Geschichte der Volksrepublik Chinas beleuchtet. Es wird auch näher auf das politische System eingegangen, dessen Akzeptanz durch die chinesischen Bürger oft das Verständnis westlicher Demokratien übersteigt. Mit dem Abschnitt über die chinesische Denkweise wird versucht, dem Leser die kulturell geprägte Mentalität der Chinesen näherzubringen.

Kapitel 3 behandelt die zentrale Fragestellung sowie Beantwortung der Arbeit: „Haben sich die Bedingungen für in- und ausländische Journalisten in Bezug auf freie Berichterstattung und Zensur verbessert, seit die chinesische Regierung für die Olympischen Spiele 2008 vollständige Pressefreiheit garantiert hatte?“ Ein Überblick über die vielfältige Medienlandschaft Chinas und die staatlichen Massnahmen zur Einschränkung der Pressefreiheit zeigt, dass die Forderung nach Respektierung der Olympischen Kernprinzipien durch China bereits auf einer schlechten Ausgangslage beruht.

Im letzten Kapitel wird versucht, durch die Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse ein Fazit zu ziehen, welches die in der Fragestellung aufgeworfene Frage gebührend beantwortet.

2. Die Volksrepublik China

2.1 Kurzer Überblick über die Geschichte Chinas

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und den jahrelangen, blutigen Bürgerkriegen zwischen der damals vorherrschenden Nationalchinesischen Volkspartei und der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh) errang die KPCh die Macht über China (vgl. Klein 2008). Nach dem Sieg über die Nationalisten und der errungenen Kontrolle über das Festland rief Mao Zedong (1893-1976), Führer der KPCh, am 1. Oktober 1949 in Peking auf dem Platz des Himmlischen Friedens (Tiananmen) die Volksrepublik (VR) China aus (vgl. Delvaux de Fenffe 2008). Die Regierung der Nationalchinesischen Volkspartei und deren Truppen mussten Ende 1949 auf die Insel Taiwan - auch „Republik China“ genannt – fliehen. Bis heute führt diese staatliche Teilung Chinas zu diplomatischen und militärischen Spannungen (vgl. Heilmann 2004: 16).

Gemäss Mao Zedong sollte das neue China eine „Demokratische Diktatur des Volkes“ werden, welche durch die Kommunistische Partei (KP) geführt wird. Die KP stand vor der Aufgabe, die Wirtschaft und Verwaltung des kriegsgebeutelten Landes wieder aufzubauen und versuchte die industrielle und landwirtschaftliche Produktion schnell zu verbessern. Hohes Wirtschafts- und Industriewachstum erfolgten u.a. durch radikale Bodenreformen und der „Hundert- Blumen- Bewegung2 “ (vgl. Heilmann 2004: 16/17).

1958 rief Mao Zedong aufgrund des schwachen Wirtschaftswachstums ein neues Wirtschaftsprogramm ins Leben: Der sogenannte „Grosse Sprung nach vorne“. China sollte aus seiner ländlichen Zurückgebliebenheit zu einer wirtschaftlichen Grossmacht mutieren. Das Experiment endete in einem Desaster. Von 1959-1962 erlitt China eine folgenschwere Hungersnot mit 30 bis 40 Mio. Hungertoten.

Nach diesem Fehlschlag plante Mao eine Säuberung von Partei und Gesellschaft. Von 1966 bis 1976 erfolgte die "Grosse proletarische Kulturrevolution“. Armee und Millionen politisch gelenkter jugendlicher „Rotgardisten“ tätigten Denunziationen von vermeintlichen Regierungsgegnern. Schulschliessungen, Gewalt- und Mordexzesse und Zerstörung von historischen Städten waren die Folge und stürzten das Land elf Jahre lang in ein beispielloses Chaos. Erst Maos Tod 1976 beendete die Kulturrevolution und die wirtschaftliche und politische Stagnation endgültig (vgl. Delvaux de Fenffe 2008).

Deng Xiaoping übernahm 1978 die Führung der KPCh und führte eine neue Reform- und Öffnungspolitik ein. Diese war durch marktwirtschaftliche Reformen zur Modernisierung und Liberalisierung der Wirtschaft, verbesserte Lebensumstände sowie einer aussenpolitischen Neuorientierung und Öffnung gegenüber dem Ausland gekennzeichnet. Aus der Planwirtschaft entstanden damit eine sozialistische Marktwirtschaft (vgl. Schmidt-Glintzer 2008) und ein andauerndes, explodierendes Wirtschaftswachstum sowie der gesellschaftliche und ökonomische Aufstieg Chinas. Die VR China ist heute auf dem Weg von einer Grossmacht zur wirtschaftlichen und politischen Weltmacht. Sie ist mit 1,3 Mrd. Einwohnern das bevölkerungsreichste Land der Erde und eine der grössten und am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften weltweit (vgl. Seliger 2006: 9).

2.2 Das politische System Chinas

China ist ein autoritärer, zentralistischer Einheitsstaat mit einem sozialistischen Einparteiensystem und einer Zentralregierung. Das politische System beruht auf der alleinigen Regierungsgewalt und politischen Kontrolle durch die Kommunistische Partei Chinas (KPCh) mit über 73 Mio. Mitgliedern. Die KPCh beansprucht die absoluten Führungs- und Aufsichtsansprüche mit uneingeschränkten Entscheidungs- und Eingriffsbefugnissen in allen Bereichen von Staat, Politik, Wirtschaft und Gesellschaft (vgl. Heilmann 2004: 65). An der Spitze der VR China steht seit 2003 Staatspräsident und zugleich KP- Generalsekretär Hu Jintao (vgl. Heilmann 2004: 36).

Obwohl der Nationale Volkskongress das höchste Organ der Staatsmacht ist, wird auch er von der KPCh dominiert.

Die Machtzentrale der Partei besteht aus dem Zentralkomitee (ZK), dem ZK- Politbüro und dessen Ständigem Ausschuss, der höchsten politischen Führungs- und Entscheidungseinheit der Partei (vgl. Heilmann 2005).

Kernelemente der KPCh und der Verfassungsordnung der VR China sind bis heute die umfassenden Durchsetzungsbefugnisse der Zentralregierung, Gewaltenkonzentration und die Unterordnung individueller Rechte unter kollektive Interessen des Staates und der Gesellschaft (vgl. Heilmann 2004: 74). China lehnt die „westliche Demokratie“ als untauglich ab (vgl. Heilmann 2005).

Die KPCh vertritt offiziell einen „Sozialismus chinesischer Prägung“ (vgl. Heilmann 2004: 70). Sie stellt sich als Modernisierungs- und Volkspartei dar, um die politische Unterdrückung und die Machterhaltung zu legitimieren. Die Stabilität des Staates hat Vorrang vor der Demokratie (vgl. Heilmann 2004: 243).

Regierungsorgane, das Militär, der Justizapparat sowie die Presse unterliegen der politischen Kontrolle und Führung der Partei, welche immer noch von Korruption und Behördenwillkür geprägt ist (vgl. Heilmann 2004: 89/144).

Alle Formen unabhängiger, organisierter und politischer Opposition sowie Verbände, Gewerkschaften und Religionsgemeinschaften werden von der Partei rigoros kontrolliert, verfolgt, z.T. gewaltsam zerschlagen und unterdrückt (vgl. Heilmann 2005). Kritik an der Partei und ihrer Herrschaft sind strengstens untersagt. Durch willkürliche Verhaftungen und Haftstrafen, Folterungen und Psychiatrieeinweisungen werden „staatsgefährdende“ politische Gegner der KPCh zum Schweigen gebracht (vgl. Heilmann 2005). Dramatisches Beispiel dafür ist die gewaltsame Niederschlagung der Demokratiebewegung vom 4. Juni 1989, dem Tiananmen- Massaker (vgl. Heilmann 2004: 55). Die Studentenproteste gegen Korruption und Forderungen nach mehr Menschenrechten wurden von der KPCh als „gegenrevolutionäre Rebellion“ betrachtet und führten laut verschiedenen Quellen zu 500 bis 3000 Toten. Die VR China wird seither international wegen ihrer Menschenrechtspolitik kritisiert (vgl. Heilmann 2004: 200 - 203).

Dank der Reform- und Öffnungspolitik hat eine grundlegende Veränderung des Verhältnisses zwischen Parteistaat, Wirtschaft und der Gesellschaft stattgefunden. Neue wirtschaftliche Interessen führten zu einer zunehmenden Lockerung der politischen Omnipräsenz der KPCh (vgl. Heilmann 2004: 161). Politische Reformen in Richtung Demokratisierung können aufgrund des Machtmonopols der KPCh jedoch nur aus der Partei selbst kommen (vgl. Heilmann 2004: 25).

2.3 Die Chinesische Denkweise

Während sich China zur Weltmacht etabliert hat und durch die Industrialisierung immer westlicher wurde, ist die chinesische Mentalität noch immer sehr traditionell geblieben.

Die Mehrheit der chinesischen Bevölkerung bekennt sich nach mehr als 50 Jahren Kommunismus offiziell als konfessionslos. Seit Beginn der Reform- und Öffnungspolitik herrscht jedoch eine bedingte Religionsakzeptanz durch die VR China. Auch interessiert sich die Bevölkerung an einer Wiederbelebung traditioneller Religiosität.

Trotz der in der Verfassung festgehaltenen Religionsfreiheit beinhaltet die Religionspolitik der KPCh immer noch staatliche Überwachung und Kontrolle der Religionsvereinigungen. Religiöse Aktivitäten dürfen weder von einer ausländischen Macht kontrolliert werden, konterrevolutionär sein oder die öffentliche Ordnung stören.

Offiziell vom Staat legitimierte Religionsrichtungen sind u.a. die Volksreligion, Buddhismus, protestantisches und katholisches Christentum, Daoismus und der Islam.

Auch das Gedankengut der drei traditionellen Lehren des Konfuzianismus, des Buddhismus und der Daoismus prägen die chinesische Denkweise bis heute sehr stark (vgl. Meyer 2009). Auf den Lehren beruhende fundamentale, gesellschaftliche Wertorientierungen der Chinesen sind u.a.: Akzeptanz und Respekt vor staatlicher und elterlicher Autorität (vgl. Heilmann 2004: 200), das Unterordnen von individuellen Bedürfnissen unter kollektive Interessen, Bescheidenheit, das Bedürfnis nach Harmonie und der Glaube an Wiedergeburt (vgl. Meyer 2009).

Obwohl weit verbreiteter Unmut über die Korruption und Behördenwillkür der KP herrscht, sind bisher selten Forderungen nach mehr politischen Partizipationsrechten und einem Sturz der KPCh aufgetreten (vgl. Heilmann 2004: 202). Dies liegt einerseits an den herrschenden Wertvorstellungen und dem damit verbundenem Respekt vor der Partei. Andererseits sind viele Chinesen der Ansicht, dass eine autoritäre Staatsmacht nötig sei, um Chaos und soziale Unruhen zu kontrollieren und die Stabilität und Ordnung des Landes zu garantieren (vgl. Heilmann 2004: 25). Ausserdem fehlt es der chinesischen Bevölkerung aufgrund einer übermächtigen Kontrolle durch die KPCh an Organisations- und Mobilisierungskompetenzen, um einen umfassenden Widerstand gegen die Partei zu leisten. Der Kommunismus ist für viele Chinesen keine politische Richtung mehr, sondern ihre Lebensweise (vgl. Heilmann 2004: 202).

2.4 Das Mediensystem Chinas

Trotz zunehmend liberaler Marktwirtschaft steht auch das Mediensystem Chinas unter staatlicher Kontrolle der KPCh. Hörfunk, Fernsehen, Print- und Online - Medien sind mehrheitlich in Staatsbesitz (vgl. Abels 2009: 849 - 851).

2.4.1 Printmedien

Von den momentan über 2000 publizierten Zeitungen ist die populärste die staatliche Volkszeitung Renim Ribao, das offizielle Sprachrohr der Partei. Ihr englischsprachiges Gegenstück ist die China Daily. Das Staatliche Presse- und Publikationsamt GAPP überwacht und kontrolliert sämtliche Medieninhalte der gesamten Printmedien.

Die offizielle Nachrichtenagentur Xinhua hat bei politisch sensiblen Themen das alleinige Recht zur Nachrichtenverbreitung. Alle Inhalte sowie die Nachrichtenschwerpunkte und Tabuthemen unterliegen den Parteivorgaben. Bei Verstoss erfolgen u.a. Zensur, Publikationsverbote oder Schliessung von Zeitungsredaktionen durch die Behörden (vgl. Abels 2009: 856-859).

2.4.2 Hörfunk

In China existieren über 270 Radiostationen, u.a. das China National Radio und der Auslandrundfunk China Radio International. Erreicht werden 95% der Bevölkerung.

V. a. auf dem Land ist das Radio aufgrund hoher Analphabetenquote und fehlender Fernsehgeräte sehr beliebt (vgl. Abels 2009: 860-861).

2.4.3 Fernsehen

Rund 96,2% der chinesischen Bevölkerung werden von den Fernsehstationen über 340 Fernsehanstalten durch 2899 Kanäle erreicht. In vielen Städten ist das Fernsehen mittlerweile längst zu einer Hauptfreizeitbeschäftigung geworden.

Das nationale Staatsfernsehen Chinese Central Television CCTV betreibt 16 Kanäle, deren Hauptprogrammelemente Politik, Wirtschaft und Kultur sind.

Alle Rundfunkmedien und deren poltische Inhalte werden von der Staatlichen Hauptverwaltung für Hörfunk, Film und Fernsehen SARFT überwacht, vorgegeben und zensiert. Auch ausländische Sender dürfen keine auf chinabezogene politische Beiträge veröffentlichen, sonst werden sie temporär unzugänglich (vgl. Abels 2009: 862-864).

2.4.4 Online - Medien – Internet

Das vierte und immer wichtigere Massenmedium Internet wird in China von fast 20% der Bevölkerung genutzt. Mit 298 Mio. Internetnutzern (vgl. Freedom House 2009) ist der chinesische Internetmarkt der Grösste der Welt. Je schneller das Internet wächst, umso intensiver versuchen die Behörden Inhalte und Aktivitäten zu kontrollieren und zu unterdrücken. China besitzt eines der höchstentwickelten Überwachungssysteme weltweit. Nur Inhalte von staatlich genehmigten Quellen dürfen veröffentlicht werden. (vgl. Abels 2009: 865) Im Zusammenhang hiermit spricht man auch über die „Great Firewall of China“. Es handelt sich dabei um eine Filtersoftware zur Netzzensur, welche überwiegend ausländische Websites wie Amnesty International (AI) und Wikipedia mit regimekritischen Stichworten wie „Menschenrechte“ und „Meinungsfreiheit“ blockiert (vgl. Breidenbach/ Zukrigl 2003: 33).

Etwa 30‘000 Cyberpolizisten sorgen durch rigorose Kontrolle täglich für ein „sauberes“ Internet. Online Foren, Chatrooms und private E- Maildaten werden staatlich überwacht, Internetcafés geschlossen, Websites blockiert (mind. 19000) und Autoren, Blogger und Aktivisten eingeschüchtert und verhaftet. Etwa wegen „Gefährdung der Staatssicherheit“ werden Cyber- Dissidenten zu langen Haftstrafen verurteilt (vgl. Abels 2009: 865-866).

Auch internationale Konzerne wie Yahoo, Microsoft und v.a. Google fügen sich trotz internationaler Kritik durch Selbstzensur den Propagandaanordnungen der Partei, um sich im boomenden Internetmarkt China etablieren zu können. Menschenrechtsorganisationen kritisierten die Kooperation mit den Behörden als Beitrag zur Unterdrückung der Menschenrechte in China (Freedom House 2009). Einzig Google hat im Dezember 2009 aufgrund eines Hackerangriffs auf interne E-Mail - Konten von chinesischen Menschenrechtsaktivisten und der anhaltenden Zensur seinen Rückzug aus der VR China angedroht (vgl. Schultz 2010).

Durch die Dezentralität des Internets können trotz strikter staatlicher Massnahmen nicht alle Inhalte kontrolliert werden. Das World Wide Web bietet chinesischen Internetnutzern neue Formen der Informations-, Kommunikations- und Interaktionsmöglichkeit im In- und Ausland. Dadurch wird das Abrufen und Einstellen von staatlich nicht kontrollierbaren, ungefilterten Informationen ermöglicht, öffentliche Diskussionen sowie Regierungs- und Parteikritik und Widerstand gegen die staatliche Kontrolle gefördert. Aufgrund des schnellen Datenaustausches im Netz kann das Internet zur Bedrohung für das KPCh - Machtmonopol werden (vgl. Heberer 2006: 24).

2.5 Pressefreiheit und Zensur in China

Trotz der Medienvielfalt und des grossen Medienmarktes, der in Art. 35 der chinesischen Verfassung garantierten Rede- und Publikationsfreiheit (Freedom House 2009) und der in Art. 19 der Allgemeinen Menschenrechtserklärung geforderten Meinungsäusserungs- und Informationsfreiheit (vgl. Amnesty International o.J. a), kann von Pressefreiheit in China keine Rede sein. Nach westlichem Verständnis bezeichnet Pressefreiheit das Recht der Massenmedien auf uneingeschränktem, unzensiertem Veröffentlichen von Informationen jeglicher Art. Die Pressefreiheit hat eine Abwehr- und Kontrollfunktion gegenüber dem Staat (Pürer 2003: 407). Für chinesische Medien gilt jedoch: Pressefreiheit, Glaubwürdigkeit und Objektivität sind den offiziellen Richtlinien und ideologischen Prinzipien der Kommunistischen Partei unterzuordnen (vgl. Reporters without Borders 2009). Der Zugang zu in- und ausländischen Massenmedien, deren Inhalte sowie Verfasser werden von der Propagandaabteilung der KPCh gesteuert. Durch rigorose Vorzensur kontrolliert die Partei alle publizierten politischen Inhalte, Nachrichtenschwerpunkte und Tabuthemen in Presse, Rundfunkmedien, Internet und sogar SMS. Der Staat will somit jede Kritik an der KPCH- Herrschaft verhindern (vgl. Abels 2009: 865-866).

Typische Tabu- Themen sind u.a. parteikritische Berichte, staatssicherheits- und einheitsgefährdende Inhalte und Meldungen über soziale Missstände wie z.B. Menschenrechtsverletzungen, der Tibetkonflikt und das Tiananmen- Massaker (vgl. Freedom House 2009). Dementsprechend fügen sich in- sowie ausländische Journalisten durch Selbstzensur den Vorgaben der Partei. Regimekritische Journalisten, Autoren und Aktivisten, die der Regierung Korruption und Menschenrechtsverletzungen vorwerfen, werden inhaftiert, bedroht, misshandelt, entlassen oder unter Hausarrest gestellt, ausländische Korrespondenten werden ausgewiesen. Es erfolgen Publikationsverbote oder Schliessung von Zeitungsredaktionen oder Rundfunkanstalten durch die Behörden (vgl. Heilmann 2004: 220).

Gemäss Reporter ohne Grenzen (ROG) befinden sich 2010 in China 29 Journalisten und 50 Cyber- Dissidenten in Haft (vgl. Reporters without Borders o.J. a). Auf dem Press Freedom Index landet China seit 2002 immer unter den letzten 6 Staaten (vgl. Reporters without Borders o.J. b). Seit acht Jahren ist China weltweit führend bezüglich inhaftierter Journalisten. ROG meint dazu: „China is the world’s biggest prison for journalists, bloggers and cyberdissidents“ (Reporters without Borders 2009).

[...]


1 Anmerkung: China und VR China werden in dieser Arbeit als gleichbedeutend gebraucht.

2 Die Bürger wurden 1956 zur Kritik an den sozialen Missständen aufgerufen. Das Volk forderte Reformen für Presse-, Rede-, und politischer Freiheit. Als die Bewegung auszuufern drohte, reagierte die KP mit willkürlichen Verhaftungen, Deportierungen und Hinrichtungen von über 100‘000 Intellektuellen und Systemkritikern (Vgl. Delvaux de Fenffe 2008).

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Pressefreiheit und Zensur in China
Untertitel
Olympische Sommerspiele in Peking 2008 – Schlüssel zu mehr Medienfreiheit?
Hochschule
Université de Fribourg - Universität Freiburg (Schweiz)  (Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät)
Veranstaltung
Medienkunde
Note
5.5 (Schweizer Notensystem)
Autor
Jahr
2009
Seiten
20
Katalognummer
V175079
ISBN (eBook)
9783640959495
ISBN (Buch)
9783640959686
Dateigröße
1082 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
China, Zensur, Pressefreiheit, Journalisten, Olympiade, Unterdrückung, Volksrepublik China
Arbeit zitieren
Carole Gobat (Autor), 2009, Pressefreiheit und Zensur in China, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/175079

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