Merkmale und Fehlfunktionen des italienischen Parteiensystems der 1. Republik


Seminararbeit, 2010
31 Seiten, Note: 5.5 (Schweizer Notensystem)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die politische Kultur Italiens
2.1 Staatsferne und Unzufriedenheit
2.2 Die katholische und kommunistische Subkultur
2.3 Nord-Süd-Konflikt
2.4 Klientelismus

3. Das Wahlsystem der „Ersten Republik“ bis 1993
3.1 Entstehungsgeschichte
3.2 Das Wahlsystem und seine Auswirkungen aufs Parteiensystem

4. Hauptmerkmale des Parteiensystems der „Ersten Republik“
4.1 Die Struktur des Parteiensystems und dessen politischer Rahmen
4.1.1 Pentapartito – die Fünf-Parteien-Koalition
4.1.2 Die correnti – Parteiensysteme innerhalb der Parteien
4.1.3 Die „blockierte Demokratie“ – ein unvollständiges Zweiparteiensystem
4.2 Die partitocrazia – die Herrschaft der Parteien
4.3 Die Instabilität der Regierungen und Regierungskrisen

5. Ausblick – Krise des traditionellen Parteiensystems

6. Schlussfolgerungen und Fazit

7. Anhang

8. Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abb. Titelseite:

http://www.muelles.de/index.php?page=italien (20.08.2010).

1. Einleitung

„Die Frage: wohin Italien geht, ist […] untrennbar mit der Beantwortung der Frage verbunden, woher Italien kommt und wo das Land steht. Welche Strukturen prägen das Land, was macht Italien […], politisch und kulturell zu dem spezifischen Land, das es ist?“[1] Die Beantwortung dieser Frage bezüglich des Zeitraums der „Ersten Republik“ stellt das Ziel dieser Arbeit dar. Im Zentrum stehen dabei die Parteien als Hauptakteure des politischen Entscheidungssystems mit ihrer alles durchdringenden Vormachtstellung in Politik, Staat, Gesellschaft und Wirtschaft. Als Verursacher, bzw. Nutzniesser der strukturellen Defizite Italiens wie bspw. der starken Fragmentierung und Polarisierung des Parteiensystems stehen sie im Mittelpunkt des Interesses.

Durch einen groben Überblick über die Entwicklung des politischen Systems der „Ersten Republik“, wird die Komplexität des Wechselspiels zwischen den politischen, kulturellen und strukturellen Ursachen der Fehlentwicklungen der italienischen Parteienherrschaft dargestellt. Als „Erste Republik“ wird allgemein üblich der Zeitraum zwischen 1948 und dem tiefgreifenden Transformationsprozess des politischen Systems seit Beginn der 1990er Jahre bezeichnet.[2] Im Verlaufe der Arbeit soll geklärt werden, welche Bedeutung die historisch gewachsene politische Kultur als informelle Grundlage des politischen Systems auf dessen Entwicklung und die der Parteien hat. Auch der Einfluss des an erster Stelle für die zahlreichen Struktur- und Defizitprobleme des Parteiensystems verantwortlich gemachten Wahlsystems wird näher beleuchtet, ebenso wie die Faktoren, welche zur komplizierten Struktur und den unübersehbaren Verhältnissen der italienischen Nachkriegspolitik führten. Auch werden die zahlreichen spezifisch italienischen Eigenarten wie die partitocrazia und die dauernde Gegenüberstellung der zwei Hegemonialparteien DC und PCI beleuchtet.

Eingrenzung des Themas: Der Untersuchungszeitraum dieser Arbeit beläuft sich auf die Periode der „Ersten Republik“ von 1948 bis zu deren Untergang 1993. Inhaltlich liegt der Schwerpunkt wie bereits erläutert auf der dominanten Stellung, welche die Parteien im politischen Entscheidungs-und Willensbildungsprozess der Nachkriegszeit einnahmen. Die institutionellen Rahmenbedingungen und die Funktionsweise des Parteiensystems, sowie dessen Auswirkungen auf die italienische Politik, die schlussendlich zur tiefgreifenden Parteienkrise in den 90ern führte. Auf die detaillierte Darstellung der einzelnen Parteien wird verzichtet, da die Merkmale und Charakteristiken der beiden wichtigsten, DC und PCI, im Zuge der Ausführungen über die politische Kultur, das Wahlsystem und die Struktur der „Ersten Republik“ behandelt werden. Es wird kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben, da die Gesamtdarstellung aller wesentlichen Aspekte, die das politische System Italiens der „Ersten Republik“ prägten, den Rahmen dieser Arbeit bei Weitem überschreiten würde.

Forschungsstand: Um einen guten, leicht verständlichen Überblick über das gesamte politische System Italiens zu erhalten, sind v.a. die Ausführungen von Köppl nützlich. Für Studenten sehr empfehlenswert sind aufgrund ihrer übersichtlichen und nur auf die wichtigsten Entwicklungen des politischen Systems Italiens beschränkten Arbeiten von Damian Grasmück und Denise Backhaus.

Methodik: Als Methodik wurde für diese Arbeit die ausgedehnte Literaturrecherche und anschliessende Sekundäranalyse von – aufgrund meiner begrenzten Italienisch-Kenntnisse – hauptsächlich deutschsprachiger Literatur angewandt, die zum grössten Teil von Geschichts-und Politikwissenschaftlern verfasst wurde. Um die Allgemeinverständlichkeit zu garantieren, wurden alle italienischen Fachbegriffe übersetzt und immer wieder Verweise auf andere Stellen in der Arbeit eingefügt, um Wiederholungen zu vermeiden und das komplexe Zusammenwirken einer Vielzahl von Faktoren und die ursächlichen Abhängigkeiten der Eigenheiten des politischen Systems aufzuzeigen.

Aufbau: Dieser erfolgt weitgehend chronologisch. Gleich nach der Einleitung werden die Grundzüge der politischen Kultur Italiens dargestellt, da deren Kenntnis für das Verständnis der politischen und gesellschaftlichen Strukturen, Merkmale und Fehlentwicklungen des politischen Systems der „Ersten Republik“ unverzichtbar ist (Kap. 2). Im Anschluss (Kap. 3) erfolgt ein Überblick über die Umstände, unter denen das Wahlsystem entstanden ist und anschliessend dessen weitreichende Auswirkungen auf die gesamte politische Struktur der „Ersten Republik“ bis 1993. In einem weiteren Kapitel (4) werden in einem groben Gesamtüberblick die politischen Rahmenbedingungen und die Entwicklung des traditionellen italienischen Parteiensystems der Nachkriegszeit, sowie dessen Eigenheiten wie bspw. die Parteienherrschaft dargestellt. Im fünften Abschnitt wird ein Ausblick auf die weitere Entwicklung des italienischen Staates geboten, indem die wesentlichsten Gründe für den Zusammenbruch des traditionellen Parteiensystems knapp dargestellt werden. Abschliessend (Kap. 6) wird versucht, durch Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse ein Fazit zu ziehen, das die in der Fragestellung aufgeworfenen zentralen Fragen gebührend beantwortet.

These: Das italienische Parteiensystem und seine Fehlentwicklungen sind das Ergebnis eines komplexen Zusammenspiels einer Vielzahl langfristiger, fliessend ineinander übergehender historischer, kultureller und politischer-institutioneller Faktoren und deren Wechselwirkungen. Die Folge davon ist, dass die eigentlichen Bestimmungsfaktoren in der „Ersten Republik“ nicht die politischen Institutionen, sondern die Parteien, bzw. deren Parteizentralen oder Flügel waren.

2. Die politische Kultur Italiens

„P.K. bezeichnet die konkrete Struktur und die tatsächliche Wirkung der politischen Einrichtungen eines politischen Gemeinwesens auf die Einstellungen und Werte, Forderungen und Leistungen der Bürger […] gegenüber diesen Einrichtungen sowie im Gegenzug die […] Teilnahme der Bürger […] an diesen Einrichtungen (z.B. […] Wahlbeteiligung).“[3] Sie ist das Resultat individueller Sozialisation und historisch bedingter Strukturen der allgemeinen Kultur einer Gesellschaft und ihrer staatlichen Organisationen.[4] Die Meinungen der Staatsbürger zu politischen Ereignissen, Akteuren und Institutionen sind leicht veränderbar, während Einstellungen (z.B. Parteipräferenzen), Werte und Verhaltensweisen beständiger sind.[5]

In Italien zeichnet sich die politische Kultur und Gesellschaft durch ihre Heterogenität aus, d.h. sie ist nicht einheitlich, sondern geprägt von vielen teils widersprüchlichen Elementen,[6] die ihre Wurzeln in der italienischen Nationalgeschichte mit schwacher demokratischer Tradition haben. Infolge jahrhundertelanger Fremdherrschaft[7] und der verspäteten Nationalstaatsgründung,[8] bei der unterschiedliche geographische Stücke Italiens zu einem Zentralstaat vereinigt wurden, ergaben sich historisch bedingte territoriale, kulturelle, gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Spaltungen des Landes (sog. cleavages), die bis in die Gegenwart charakteristisch für die italienische Politik sind.[9] Werden die politischen Einstellungen der Italiener als Basis für alle politischen Prozesse betrachtet, können drei grosse und prägende Widersprüche festgestellt werden:

1. Die politisch-ideologische Zweiteilung der Gesellschaft in eine katholische und kommunistische Subkultur bzw. deren Dualismus,
2. Die starke regionale Fragmentierung, v.a. offenbart im kulturellen, wirtschaftlichen und sozialen Gegensatz zwischen Nord-und Süditalien und schliesslich
3. Die weitgehende Entfremdung des „Durchschnittsitalieners“ von der politischen Elite des Landes.[10] Diese zeigt sich durch eine „privatistische“ Einstellung der Bürger, bedingt durch den niedrigen politischen Informationsstand verbunden mit starkem Misstrauen der Bevölkerung gegenüber der Politik und ihrer Elite.[11]

2.1 Staatsferne und Unzufriedenheit

Trotz aller Spaltungen und Gegensätze gibt es einen Aspekt der politischen Kultur, den so gut wie alle Italiener gemeinsam haben: Der generelle Unmut der Bevölkerung über die politischen Parteien und die von der Elite praktizierte Politik, sowie die ausgeprägte Unzufriedenheit mit den staatlichen und insbesondere politischen Institutionen des Landes. Das Vertrauen resp. Misstrauen der Italiener in die politischen Zentralinstitutionen Parlament (31% Vertrauen, 59% kein Vertrauen), Regierung (28%/62%) und Parteien (20%/71%) liegt nach dem Eurobarometer deutlich unter dem europäischen Durchschnitt (vgl. Tab. 1 im Anhang).

Die bis heute vorhandene traditionell skeptische und reservierte, ja distanzierte Einstellung der Italiener gegenüber dem Staat und dem politischen System basiert auf langer Zeit der Fremdherrschaft, der Nationalstaatsbildung von oben und der Erfahrung des Faschismus.

Mitunter ein Hauptgrund für die Unzufriedenheit ist die starre zentristische Verwaltung Italiens sowie der Trägheit der Institutionen. Der italienischen Bürokratie wird bis heute (oft zu Recht) Undurchsichtigkeit, Ineffizienz oder z.T. sogar Willkür vorgeworfen.[12]

Zusätzlich zur allgemeinen Apathie des Volkes gegenüber dem Staat äussern seit 1973 etwa 80% der Befragten konstant eine tiefe Unzufriedenheit mit dem Funktionieren der italienischen Demokratie und ihren Institutionen[13] ( vgl. Tab. 2 im Anhang). Dafür verantwortlich ist neben den historischen Hintergründen der Umstand, dass die Wähler bis Mitte der 1990er Jahre faktisch so gut wie keinen Einfluss auf die Regierungsbildung hatten: Da die Kommunisten und Neofaschisten dauerhaft von jeglicher Regierungsverantwortung ausgeschlossen waren, wurden die Regierungsstellen trotz Wechseln immer unter denselben Parteien und ihren Repräsentanten aufgeteilt. Dadurch entstand ein Zustand der „blockierten Demokratie“, der die Staatsferne und Entfremdung zwischen der Wählerschaft und der politischen Elite noch verstärkte[14] (vgl. Kap.4.1.3 Die „blockierte Demokratie“ – ein unvollständiges Zweiparteiensystem).

Die unterschiedlichen Geschichten der durch die verspätete Nationalstaatsgründung vereinten italienischen Regionen hatte eine geringe Legitimation des Staates bei der Bevölkerung zur Folge.[15] Der aufgrund geringer Identifikation der Bürger mit dem Staat schwach ausgeprägte Nationalstolz der Italiener[16] wird allerdings mit einer grossen Europabegeisterung kompensiert.[17] Treffend ausgedrückt hat dies der ehemalige Ministerpräsident von Piemont Massimo D’Azeglio 1861: „‘Italien haben wir, jetzt müssen wir Italiener machen.‘“[18]

Nicht zuletzt haben die weit verbreitete Korruption und Bestechlichkeit der politischen Klasse als gravierende Schwäche des politischen Systems zur Abneigung gegen die Politik beigetragen, die ihren Höhepunkt Anfang der 1990er Jahre im Untergang des alten Parteiensystems erreichte.

Trotz extremer Staatsverdrossenheit der Italiener und dem ihnen unterstellten politischen Desinteresse ist ihre politische Teilnahme höher als in den meisten Demokratien Europas.[19]

2.2 Die katholische und kommunistische Subkultur

Die komplexen Strukturen der gespaltenen italienischen Gesellschaft beruhen nicht zuletzt auf der ideologischen Spaltung des Landes in zwei hegemoniale, kulturell, sozial und politisch tief in der Gesellschaft verankerte Subkulturen Katholizismus und Kommunismus.[20] Die Ursachen für die Teilung Italiens in zwei Subkulturen liegen in historischen Strukturkonflikten des 19. Jahrhunderts.[21] Es gab jedoch trotz grosser Unterschiede zwischen den beiden Lagern einen auf Massen- und Eliteebene getragenen parteiübergreifenden antifaschistischen Verfassungskonsens, der 1944 unter dem demokratischen „Verfassungsbogen“ (arco constitutionale)[22] entstand und als Grundpfeiler der politischen Kultur bis heute das politische Alltagsbewusstsein der Italiener prägt.[23]

Die antifaschistische Einheitskoalition der Parteien brach nach dem Zweiten Weltkrieg im Schatten des Kalten Krieges auseinander und der Dualismus Katholizismus gegen Kommunismus entwickelte sich zur zentralen gesellschaftlichen und politischen Konfliktlinie Italiens. Diese festigte sich in der „Ersten Republik“ bis Anfang der 1990er Jahre zur ideologischen Unvereinbarkeit der beiden Subkulturen. Infolgedessen wurde die PCI durch die stillschweigende Übereinkunft „ conventio ad excludendum “ der anderen gemässigten Parteien von jeglicher Regierungsbeteiligung ausgeschlossen, was die Parteienlandschaft nachhaltig prägte.[24] (Vgl. Kap. 4.1 Die Struktur des Parteiensystems und dessen politischer Rahmen) Die beiden Zentralkulturen des Landes hatten demnach massgebenden Einfluss auf die Entstehung, die Struktur und die Funktionsweise des politischen Systems und der Parteienlandschaft sowie auf die Herausbildung von politischen Einstellungen der Italiener.[25]

Das katholische Lager hatte sich 1874 herausgebildet, als der Papst aufgrund des Staat-Kirche-Konflikts den Katholiken die politische Partizipation im neuen Staat verbot („Non expedit“). Nach dem Zweiten Weltkrieg fungierte der Katholizismus als fest verwurzelte und durch die katholische Kirche unterstützte ideologische Basis, die durch die konservative christdemokratische Volkspartei DC repräsentiert wurde und der sich breite Wählerschichten anschlossen. Der Zusammenhalt der katholischen Subkultur wurde v.a. durch einen Faktor gewährleistet: Die DC sah sich als Hauptbollwerk gegen die vermeintliche Bedrohung einer Machtübernahme durch die gegen die Kirche kämpfenden Kommunisten.

Die im Konflikt zwischen Arbeit und Kapital begründete kommunistische Subkultur und die daraus hervorgehende politische Partei PCI wurde aufgrund ihrer revolutionären Anti-System-Rhetorik im 19. und 20. Jahrhundert kontinuierlich von der Politik ausgeschlossen.

Durch grosse Netzwerke der parteieigenen Organisationen waren beide Subkulturen und ihre ideologischen Werte fest in der Gesellschaft und ihren jeweiligen territorialen Hochburgen verankert, wodurch sich für beide Lager eine entsprechende Stammwählerschaft herausbildete. Gemäss den Stimmanteilen der jeweiligen Parteien lassen sich der durch die DC dominierte „weisse“ Nordosten und der „Rote Gürtel“ Mittelitaliens für den PCI identifizieren.[26]

Ab den 1960ern setzten allerdings Erosionsprozesse ein, wodurch die Subkulturen deutlich an Bindungskraft verloren: Der durch die Industrialisierung bedingte gesellschaftliche Wertewandel führte zu einem schnell fortschreitenden Säkularisierungsprozess, der einen Legitimationsverlust der katholischen Subkultur und der DC zur Folge hatte. Gleichzeitig wandte sich der PCI von Moskau ab und schlug einen gemässigteren Kurs des „Eurokommunismus“ an. Folgen waren Verluste der traditionellen Wählerschichten der DC und des PCI und ein erstmaliger Anstieg der Wechsel- bzw. Protestwähler.[27] Bis dato war das Wählerverhalten der Italiener aufgrund ihrer subkulturellen Zugehörigkeit (voto di appartenenza) oder klientelistischen Austauschbeziehungen (voto di scambio) jahrzehntelang stabil gewesen.[28]

Spätestens seit dem Fall der Berliner Mauer und des Zusammenbruchs des Kommunismus in Osteuropa 1989/1990 befinden sich die beiden Subkulturen endgültig in Auflösung[29] (vgl. Kap. 5 Ausblick – Krise des traditionellen Parteiensystems).

2.3 Nord-Süd-Konflikt

Ein weiterer die politische Kultur Italiens prägender und für die politisch-kulturelle Zerklüftung Italiens verantwortlicher Faktor ist der auch heute noch vorhandene Unterschied zwischen dem Norden und dem Süden (Mezzogiorno).[30] Er entwickelte sich mit der Gründung des neuen Nationalstaates 1861 zu einer fundamentalen gesellschaftlichen Spaltung Italiens. Die territorialen Gegensätze zwischen Nord und Süd basieren auf gegensätzlichen politischen Kulturen, welche aufgrund ihrer langen Tradition den Einigungsprozess überdauert hat.[31] So bestehen sozioökonomische Entwicklungsgefälle und tiefgreifende Unterschiede u.a. bezüglich Einkommen, Lebensstandard, Innovationskraft zwischen den beiden Landesteilen.[32] Die Ausprägungen des Dualismus werden hier nur kurz dargestellt.[33]

Während im hochindustrialisierten Norden seit dem Mittelalter fortschrittliche Wirtschaftsstrukturen und relativer Wohlstand herrschten, war der Süden lange durch feudalistische Agrar- und Politikstrukturen geprägt und wirtschaftlich, kulturell und politisch unterentwickelt. Analphabetismus, grosse Armut und katastrophale soziale Verhältnisse prägen das Leben des Mezzogiorno bis heute.[34] Laut der Banca d’Italia beläuft sich der Rückstand Süditaliens gegenüber den Regionen des Nordens und des Zentrums noch 1998 auf 20 Jahre.[35]

Zum anderen manifestieren sich die Differenzen zwischen dem Norden und dem Süden in verschiedenen Mentalitäten. Der Haltung der Norditaliener ist eher zentraleuropäisch geprägt, während der Süden traditionalistische, mediterrane Einstellungen vertritt. Die unterschiedlichen Orientierungen zeigten sich auch bei der Abstimmung 1946, als der Übergang von der Monarchie zur Republik stattfand. Der fortschrittliche Norden stimmte überwiegend für die Republik, der Süden mehrheitlich für die traditionelle Staatsform der Monarchie.[36]

Besonders im Süden entwickelte sich das Fehlen jeglicher politischer Partizipationsmöglichkeiten aufgrund dauernder Fremdherrschaft zu einer tiefen Kluft zwischen Bevölkerung und Elite, die das tiefverwurzelte Misstrauen in die Fähigkeiten des Staates und seinen Akteuren zu einem prägenden Strukturmerkmal werden liessen. Folglich sind Lokalismus, Familienbindung, Korruption, Mafia und ein klientelistisches Machtsystem im Süden verbreiteter als im Norden, was die politische Identifikation auf die lokale Ebene begrenzt.[37]

2.4 Klientelismus

Dieses geringe Institutionenvertrauen und der hohe Stellenwert der familiären und lokalen Beziehungen führten zu einer weiteren Eigenheit der politischen Kultur Italiens: dem Klientelismus (clientelismo). „Unter Klientelismus wird eine asymmetrische soziale Beziehung verstanden, in der der höhergestellte Patron (z.B. ein Politiker) den untergeordneten Klienten (Bürger/Wähler) Gefälligkeiten erweist und dafür Loyalität und Unterstützung erhält. Es handelt sich dabei um eine instrumentelle Tauschbeziehung, von der beide Seiten profitieren.“[38] Gefälligkeiten des Patrons (politischer Amtsinhaber) für seine Klientel sind bspw. Besetzung von Posten in Politik, Wirtschaft und Kultur sowie Gelder, Genehmigungen, Zulassungen usw. Im Gegenzug erhält dieser vom Klient Wählerstimmen.[39]

Solche Strukturen zur Machtausübung entstehen hauptsächlich in rückständigen sozio-ökonomischen Systemen, wo staatliche Institutionen keine wirtschaftliche, soziale und rechtliche Sicherheit gewährleisten können (Vgl. Kap. 2.3 Nord-Süd-Konflikt). Die zu Abhängigkeit der Klientel vom Patron führenden sozialen Differenzen und materieller Mangel, die entsprechend verwurzelte Mentalität in der Bevölkerung und die ungenügende Verankerung der politischen Elite führten insbesondere in Süditalien zu klientelistischen Austauschbeziehungen. Im Mezzogiorno dominiert der Klientelismus die politischen Beziehungen seit mehr als einem Jahrhundert, wobei die Grenzen zur Korruption fliessend sind.[40] Das Klientel-und Patronagesystem entwickelte sich im 20. Jahrhundert zum Machterhaltungssystem von Massenparteien und damit zu einer wichtigen Grundkonstante des Parteiensystems.[41] Hauptakteur dieses Systems wurde die DC, die als klientelare Massenpartei die süditalienische Gesellschaft dominierte.[42] Die DC-Repräsentanten hatten durch das Wahlsystem grössere Wahlchancen, da das Verhältniswahlrecht mit Präferenzstimmen Politiker mit grosser Klientel begünstigte (vgl. Kap. 3 Das Wahlsystem der „Ersten Republik“ bis 1993).[43]

[...]


[1] Drüke, Italien, 14.

[2] Vgl. ebd., 13. Vgl. ausserdem auch: Drüke, Italien, 255.

[3] Klaus Schubert/Martina Klein, Art. „Politische Kultur“, in: http://www.bpb.de/popup/popup_lemmata.html?guid=JXL2D9 (20.08.2010.)

[4] Vgl. Darius Nodehi, Politische Kultur. Die Entwicklung der politischen Kultur in Deutschland am Beispiel des zivilen Ungehorsams, in: http://www.kawehjournal.de/pk.html (20.08.2010).

[5] Vgl. Martin und Sylvia Greiffenhagen, Politische Kultur, in: http://www.bpb.de/wissen/02712574004001511332396985392489,0,0,Politische_Kultur.html (20.08.2010).

[6] Vgl. Köppl, Das politische System Italiens, 31.

[7] Vgl. Trautmann/Ullrich, Das politische Systems Italiens, 584.

[8] Die Einigung Italiens (Risorgimento = Wiedererstehung) erfolgte erst 1861 mit der Proklamation des Königreichs Italien unter König Viktor Emanuel II. Vgl. Grasmück, Das Parteiensystem Italiens im Wandel, 14.

[9] Vgl. Grasmück, Das Parteiensystem Italiens im Wandel, 14-15.

[10] Vgl. Köppl, Das politische System Italiens, 31.

[11] Vgl. Trautmann, Italien- eine Gesellschaft mit gespaltener politischer Kultur, 225.

[12] Vgl. Köppl, Das politische System Italiens, 32-33.

[13] Vgl. Trautmann, Italien- eine Gesellschaft mit gespaltener politischer Kultur, 221.

[14] Vgl. Köppl, Das politische System Italiens, 34-35.

[15] Vgl. Fix, Italiens Parteiensystem im Wandel, 76.

[16] Vgl. Manlio, L’Italie un État sans nation?, 47.

[17] Vgl. Köppl, Das politische System Italiens, 38-39.

[18] Altgeld, Das Risorgimento, 317. Hier zitiert aus Köppl, Das politische System Italiens, 21.

[19] Vgl. Grasmück, Das Parteiensystem Italiens im Wandel, 15-16.

[20] Vgl. Trautmann, Italien- eine Gesellschaft mit gespaltener politischer Kultur, 225-226.

[21] Vgl. Backhaus, Wahlsystem und politisches System in Italien seit den 90er Jahren, 38.

[22] Der Begriff bezieht sich auf alle antifaschistischen Parteien der Verfassunggebenden Versammlung (u.a. DC, PCI, PSI), die auch an der Ausarbeitung der Verfassung beteiligt waren. Vgl. Trautmann, Art. „Arco costituzionale“, 93. Die Zusammenarbeit von DC und PCI sowie der antifaschistische Konsens der Parteien waren bei der Ausarbeitung der Grundprinzipien der Verfassung massgebend. Vgl. Lönne, Art. „Costituente“, 234-235.

[23] Vgl. Trautmann, Italien- eine Gesellschaft mit gespaltener politischer Kultur, 235. Vgl. dazu auch: Köppl, Das politische System Italiens, 35.

[24] Vgl. Köppl, Das politische System Italiens, 35-37.

[25] Vgl. Trautmann, Italien- eine Gesellschaft mit gespaltener politischer Kultur, 226-227.

[26] Vgl. Köppl, Das politische System Italiens, 35-37.

[27] Vgl. Grasmück, Das Parteiensystem Italiens im Wandel, 22.

[28] Vgl. Köppl, Das politische System Italiens, 110.

[29] Vgl. Stefan Köppl, Italien im Umbruch? Zwischenbilanz nach einem Jahr unter Romano Prodi, in: http://www.km.bayern.de/blz/eup/04_07_themenheft/3.asp (22.08.2010).

[30] Vgl. Radtke, Art. „Cultura politica“, 245.

[31] Vgl. Fix, Italiens Parteiensystem im Wandel, 52-53.

[32] Vgl. Drüke, Europas Stiefel drückt und zwickt – Grundprobleme der Wirtschaft Italiens, 23.

[33] Für ausführlichere Informationen zu den historischen Wurzeln des Nord-Süd-Gefälles vgl. Fix, Italiens Parteiensystem im Wandel, 51 ff.

[34] Vgl. Köppl, Das politische System Italiens, 20.

[35] Vgl. Drüke, Europas Stiefel drückt und zwickt – Grundprobleme der Wirtschaft Italiens, 23.

[36] Vgl. Köppl, Das politische System Italiens, 29/39.

[37] Vgl. Fix, Italiens Parteiensystem im Wandel, 61-64. Oder vgl. Köppl, Das politische System Italiens, 39.

[38] Köppl, Das politische System Italiens, 40.

[39] Vgl. Grasmück, Das Parteiensystem Italiens im Wandel, 17.

[40] Vgl. Köppl, Das politische System Italiens, 40. Vgl. zusätzlich auch: Caciagli, Art. „Clientelismo“, 190.

[41] Vgl. Grasmück, Das Parteiensystem Italiens im Wandel, 17.

[42] Vgl. Caciagli, Art. „Clientelismo“, 190.

[43] Vgl. Jansen, Italien seit 1945, 125.

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Merkmale und Fehlfunktionen des italienischen Parteiensystems der 1. Republik
Hochschule
Université de Fribourg - Universität Freiburg (Schweiz)  (Institut für Zeigeschichte)
Veranstaltung
BA-Proseminar: „Nationale Identität und Subkulturen in Italien im 19. und 20. Jh.“
Note
5.5 (Schweizer Notensystem)
Autor
Jahr
2010
Seiten
31
Katalognummer
V175083
ISBN (eBook)
9783640959426
ISBN (Buch)
9783640959273
Dateigröße
2110 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Italien, Erste Republik, Zweite Republik, Parteiensystem, Wahlsystem, Klientelismus, Staatsferne, Pentapartito, Correnti, Partitocrazia, Katholische Subkultur, Kommunistische Subkultur, Politische Kultur, Regierungsinstabilität, Democrazia Cristiana, Forza Italia, Berlusconi, MSI, Alleanza Nazionale, PCI
Arbeit zitieren
Carole Gobat (Autor), 2010, Merkmale und Fehlfunktionen des italienischen Parteiensystems der 1. Republik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/175083

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