(...) Auch wenn sich den meisten Lesern von Machiavellis Lektüre der Eindruck aufgedrängt haben mag, dass er sich darin ausschließlich mit der Materie der Innenpolitik beschäftigt habe, ist bei genauerer Betrachtung auch das Feld der internationalen Beziehungen schon in seinen Arbeiten erschlossen worden. Nicht umsonst sehen einige der Realistischen Schule im Bereich der internationalen Beziehungen ihn als den Gründer ihrer Theorie an. Diese Arbeit setzt sich mit dem Zusammenhang zwischen Innen- und internationaler Politik bei Machiavelli auseinander. Dabei soll der Frage nachgegangen werden, inwieweit die innenpolitische Verfassung eines Staates sich auf die internationale Struktur auswirkt und vice versa welche Wirkung die Struktur der internationalen Ebene auf das Innere eines Staates hat.
Um diese Fragen zu beantworten ist es unumgänglich in einem ersten Schritt die Biographie Machiavellis und die zu seinen Lebzeiten vorliegende politische Situation in seinem Heimatland zu beschreiben. Jede Theorie, die sich mit dem politischen Zusammenleben in einem realen oder fiktiven Gemeinwesen befaßt, ist in der Regel niemals losgelöst von der Biographie des Autors zu betrachten. Die realen Gegebenheiten und Lebensumstände haben vielmehr einen wesentlichen Einfluß auf die Denkstrukturen eines jeden Theoretikers, das Sein bestimmt das Bewußtsein. Erst mit dem Wissen um die Biographie Machiavellis läßt sich nun auch sein politisches Denken verstehen. Dabei soll eingangs geklärt werden, auf welche Weise Machiavelli zu seinen Annahmen gekommen ist und was er für ein Bild von seinen Mitmenschen hatte. Nachdem diese Grundannahmen des politischen Denkens von Machiavelli geklärt wurden, kann der Zusammenhang zwischen der Innen- und internationalen Politik bei Machiavelli erläutert werden. Bei der Bearbeitung des Themas werde ich mich auf die beiden Hauptwerke „Il Principe“ und „Discorsi“ beschränken.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Das politische Denken Machiavellis
a) Politische Anthropologie
b) Geschichtsverständnis und Handlungslehre
c) Machiavelli und seine Zeit
III. Von der Innenpolitik zur Analyse des internationalen Systems
IV. Interdependenz zwischen Innen- und internationaler Politik
a) Ursprung und Entstehung der politischen Einheiten
b) Gründung und Konstitution der inneren Ordnung dieser politischen Einheiten
c) Wandel und Entwicklung der Ordnung der politischen Einheiten
d) Ordnungsprinzipien und Ordnungstypen im Feld der internationalen Beziehungen
e) Zusammenhang zwischen der inneren Ordnung und dem auswärtigen Verhalten, die Bedingung von Krieg und Frieden
f) Wechselwirkung zwischen menschlicher Natur und der internationalen Politik
V. Schluss
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht den Zusammenhang zwischen der innenpolitischen Verfassung eines Staates und der internationalen Struktur bei Niccolò Machiavelli. Dabei wird insbesondere analysiert, wie das Menschenbild und die daraus abgeleiteten Krisentheorien Machiavellis als Grundlage für seine Sicht auf zwischenstaatliche Beziehungen dienen und inwieweit eine wechselseitige Beeinflussung (Second Image Reversed) zwischen innerer Ordnung und internationalem System besteht.
- Politische Anthropologie und das Menschenbild bei Machiavelli
- Strukturmodelle des internationalen Systems (Föderation, Hegemonialsystem, imperialistisches System)
- Die Rolle von "fortuna" und "virtù" im politischen Handeln
- Das Konzept der "Balance of Power" bei Machiavelli
- Die Wechselwirkung zwischen innenpolitischer Konstitution und internationalem Verhalten
Auszug aus dem Buch
d) Ordnungsprinzipien und Ordnungstypen im Feld der internationalen Beziehungen
Wenn sich Machiavelli mit dem Gegenstand der internationalen Beziehungen beschäftigt, dann ist sein leitendes Prinzip die Analyse des Gleich- und Ungleichgewichts der Machtverteilung. Dabei erarbeitet er Strukturmodelle für das internationale System heraus. Die Beziehungen zwischen Staaten sind für Machiavelli nicht nur geprägt durch Krieg und Frieden, Migration oder Handel, sondern auch durch politische Strukturen der Interaktion zwischen Staaten. Diese unterteilt er in 3 Typen, nämlich die Föderation, das Hegemonialsystem und das imperialistische System. Die Föderation stellt einen Bund mehrerer Republiken dar, wie ihn in der Antike, auf die Machiavelli immer wieder verweist, die Etrusker, Achäer oder Ätoler gegründet hatten. In der Föderation bleiben die einzelnen Staaten souverän. Einige Befugnisse, wie z. B. die gemeinsame Außenpolitik oder Krieg und Frieden werden auf den Bund übertragen. Das Hegemonialsystem ist ein Verbund von Bundesgenossen. In diesem Typus gibt es weiterhin einen Kernregierungssitz bei dem die letzte Entscheidungskompetenz und auch die Verantwortung bleibt. Dies war ein Modell der Römer in der Antike. Das imperialistische System, wurde von den Spartanern und Athenern bevorzugt. Diese machten die von ihnen besiegten Bewohner der feindlichen Gebiete zu Untertanen. Diese ehemals freien Staaten verloren dann ihre Souveränität und wurden mit ungleichen Gesetzen unterjocht.
Diese drei Strukturmodelle des internationalen Systems unterzieht Machiavelli dann einer kritischen Betrachtung nach dem Maßstab der Erhaltung des Gleichgewichts und der Expansion. Das imperialistische System wird von ihm als unbrauchbar für beide Kriterien beschrieben, da die Beherrschung der Untertanen den Kern meist überfordern würde. So kann seiner Ansicht nach kein Staat erhalten bleiben, da er Gefahr läuft sich an der Beute nach der Expansion zu verschlucken.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Die Einleitung führt in die Rezeptionsgeschichte Machiavellis ein und skizziert die Fragestellung zur Wechselwirkung zwischen Innen- und Außenpolitik.
II. Das politische Denken Machiavellis: Dieses Kapitel erläutert das pessimistische Menschenbild Machiavellis sowie die zentralen Begriffe Fortuna und Virtù im historischen Kontext.
III. Von der Innenpolitik zur Analyse des internationalen Systems: Hier wird aufgezeigt, dass Machiavelli trotz des Fokus auf Innenpolitik bereits ein Verständnis für internationale Strukturen entwickelte.
IV. Interdependenz zwischen Innen- und internationaler Politik: Dieses Hauptkapitel analysiert die verschiedenen Ordnungstypen und den Einfluss der inneren Verfassung auf das internationale Verhalten.
V. Schluss: Das Fazit fasst zusammen, dass für Machiavelli die Stabilität zwischen Staaten durch ausbalancierte Politik und charismatische Staatsführung gesichert werden muss.
Schlüsselwörter
Niccolò Machiavelli, Innenpolitik, Internationale Beziehungen, Machtverteilung, Balance of Power, Fortuna, Virtù, Staatsräson, Systemräson, Föderalismus, Hegemonialsystem, Politische Anthropologie, Konflikttheorie, Second Image Reversed, Krisenbewältigung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den theoretischen Zusammenhang zwischen der inneren Verfasstheit eines Staates und seinem Verhalten auf der internationalen Ebene im Werk von Niccolò Machiavelli.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Zentrum stehen die politische Anthropologie, das Verständnis von Krisen und Ordnung sowie die Analyse von Machtstrukturen in internationalen Systemen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage lautet, inwieweit die innenpolitische Verfassung eines Staates auf die internationale Struktur wirkt und wie umgekehrt internationale Zwänge die innere Ordnung beeinflussen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine politikwissenschaftliche Analyse auf Basis der Primärtexte (Il Principe, Discorsi) sowie die Einbeziehung einschlägiger Sekundärliteratur, um Machiavellis Staats- und Systemtheorie zu erschließen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Entstehung politischer Einheiten, verschiedene Ordnungstypen wie Föderationen oder Hegemonialsysteme sowie die Dynamik von Krieg und Frieden unter den Bedingungen menschlicher Unvollkommenheit.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere die Balance of Power, Staatsräson, Fortuna, Virtù sowie das Konzept des Second Image Reversed.
Wie bewertet Machiavelli laut der Arbeit die Bedeutung militärischer Stärke?
Militärische Stärke ist für Machiavelli essenziell für das Überleben eines Staates, wobei die Ausstattung vom jeweiligen Ziel (Bestandserhaltung versus Expansion) abhängt.
Inwiefern beeinflusst das Menschenbild die Theorie?
Da Machiavelli den Menschen als egoistisch und ehrgeizig betrachtet, sieht er das Böse als unvermeidliche Triebkraft, die staatliche Zwangsinstitutionen und eine kluge Balance of Power notwendig macht.
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- Matthias Mißler (Author), 2001, Der Zusammenhang von Innen- und internationaler Politik bei Macchiavelli, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/17510