Humane Wirtschaft - Realität oder Utopie?

Von der Ungleichverteilung zur Gleichverteilung


Diplomarbeit, 2011

155 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die verschiedenen Arten des Wachstums
2.1 Das Wirtschaftswachstum
2.2 Wirtschaftswachstum und Glück
2.3 Verteilung von Leistungseinkommen und leistungslosem Einkommen in Deutschland

3. Ungleichverteilung der Einkommen als Ursache sozialer Probleme
3.1 Ungleichheit und Gesundheit
3.1.1 Ungleichheit und Übergewicht
3.1.2 Ungleichheit und psychische Erkrankungen
3.1.3 Der konsumtive Konkurrenzdruck und seine Folgen
3.1.4 Einkommenshöhe und gestiegener Status
3.1.5 Status und Arbeitsplatz
3.1.6 Ungleichheit in Deutschland
3.2 Ungleichheit und schulische Leistungen
3.3 Ungleichheit und Vertrauen
3.4 Status vs.Freundschaft

4. Wege zur Gleichverteilung der Einkommen?
4.1 Gleichverteilung der Leistungseinkommen
4.1.1 Das Unternehmen - Ein Konzept
4.1.2 Kritiken und Gegenargumente
4.2 Leistungslose Einkommen - Status Quo - Theorie und Praxis
4.2.1 Kreislaufmodelle
4.2.2 Interpretation von Y = W + R
4.2.3 Die dynamische Analyse ohne Staat
4.2.3.1 Die Anfangsdaten
4.2.3.2 Die Initialisierung
4.2.3.3 Die Schleife
4.2.3.4 Der Zinstransfer
4.2.3.5 Die Ergebnisse
4.2.3.6 Geld- und Sachvermögen im Jahr 2007 in Deutschland
4.2.4 Die dynamische Analyse mit Staat
4.2.5 Konsolidierung der Staatshaushalte und Wachstum
4.2.6 Resümee
4.3 Konzepte für eine langfristige zukunftsbewahrende Wirtschaftsordnung?
4.3.1 Der Zins und seine Rolle in der neoklassischen Theorie
4.3.2 Krisentheorie von Keynes und dessen Folgen
4.3.3 Die freiwirtschaftliche Theorie als sinnvolle Ergänzung zum herrschendenSystem?
4.3.3.1 Der Zins und seine Folgen
4.4 Konzept für eine langfristige zukunftsbewahrende Wirtschaftsordnung! - Kurzübersicht
4.4.1 Die Ursache - Reloaded
4.4.2 Die Lösung
4.4.3 Die Konsequenzen

5. Konzept für eine langfristige zukunftsbewahrende Wirtschaftsordnung
5.1 Die Lösung - Der freie Geldfluss - Das Ende der Geldhortung
5.2 Die Folgen eines umlaufgesicherten Geldes
5.3 Kritiken und Gegenargumente
5.4 Fazit

6. Anhang

7. Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: CartoonNr. 1

Abb. 2: Wachstumsverläufe

Abb. 3: Lohnentwicklung in Deutschland

Abb. 4: Nettovermögensverteilung in Deutschland

Abb. 5: Fettleibigkeit in der EU

Abb. 6: Ungleichheit und Fettleibigkeit

Abb. 7: Ungleichheit und seelische Gesundheit

Abb. 8: Privatinsolvenzen in Deutschland

Abb. 9: Ungleichheit und Wohlbefinden der Kinder

Abb. 10: Ungleichheit und Vertrauen

Abb. 11: Volkswirtschaftlicher Kreislauf ohne Finanzmärkte und Staat

Abb. 12: Volkswirtschaftlicher Kreislauf ohne Staat

Abb. 13: Reales BIP und reale Geldvermögen

Abb. 14: Zuwachsraten von BIP, Geldvermögen und Nettolöhnen

Abb. 15:NettolöhneundBankzinserträge

Abb. 16:Arbeitslosigkeit undZinsen

Abb. 17: Peak Oil

Abb. 18: Einkommensschere

Abb. 19: Symmetrie der Geldvermögen und der Verschuldung

Abb. 20: Einkommen und zinsbringendes Gesamtvermögen

Abb. 21: Zinsumverteilung nach Haushaltsgruppen

Abb. 22: Zinsanteil an den Haushaltsausgaben

Abb. 23: Volkswirtschaft mit Staat

Abb. 24: Bundeshaushalt 2011

Abb. 25: Gesamtvermögen und Gesamtschulden in Deutschland

Abb. 26: Einkommensentwicklung im Vergleich

Abb. 27: Preis- und Zinsentwicklung

Abb. 28: Derivatehandel und Weltsozialprodukt

Abb.29:CartoonNr.2

Abb. 30: Unternehmensinsolvenzen

Abb. 31 : Staatsverschuldung

Abb. 32: Neukreditaufnahme und Zinszahlungen

Abb. 33: CartoonNr. 3

Abb. 34: Zinszusammensetzung

Abb. 35: Zinstreppe

Abb. 36: CartoonNr. 4

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Einkommensgruppen

Tabelle 2: Konsumaufteilung

Tabelle 3: Zinszahlungen pro Haushaltsgruppe

Tabelle 4: Zinserträge pro Haushaltsgruppe

Tabelle 5: Zinsbilanz pro Haushaltsgruppe

1. Einleitung

In dieser wissenschaftlichen Arbeit geht es darum die Ursachen herauszuarbeiten, die dafür verantwortlich sind, dass es zu einer zunehmenden Ungleichverteilung auf der materiellen Ebene in unserer Gesellschaft kommt. Dabei wird unterschieden zwischen der Ungleichver­teilung der Leistungseinkommen, die auf körperlicher oder geistiger Arbeit beruhen und der Ungleichverteilung der leistungslosen Einkommen die aus Zinseinnahmen und Spekulations­gewinnen bestehen. Für beide Ungleichverteilungsarten werden Lösungen präsentiert die zu einer Gleichverteilung hinführen.

Die Folgen der Ungleichverteilung auf materieller Ebene für das Individuum und die Gesell­schaft als Ganzes werden benannt und identifiziert. Vor dem Hintergrund der Finanzkrise wird das fehlerhafte Geldsystem erläutert und die Folgen die daraus entstehen präsentiert. Desweiteren wird kritisch Stellung bezogen zu den vorhandenen wirtschaftlichen Theorien und deren Lösungsvorschläge. Dazu gehören die Neoklassik, der Keynesianismus, der Neoli­beralismus und die Freiwirtschaftslehre.

Ferner schafft diese Arbeit ein Bewusstsein für das dringlichste Problem der globalen Wirt­schaft, nämlich das uferlose Wachstum der Geldvermögen durch den Zins und Zinseszinsef­fekt.

Als erstes jedoch werden die verschiedenen Wachstumsarten vorgestellt die ein Grundver­ständnis Schaffen für die darauf folgende Thematik.

2. Die verschiedenen Arten des Wachstum

Grundsätzlich gesprochen gibt es drei verschiedene Arten von Wachstumsabläufen. Diese sind gegliedert in einen:

1. Natürlichen Ablauf
2. Linearen Ablauf
3. ExponentiellenAblauf

Unter einem natürlichem Ablauf des Wachstums, so wie er in der Natur vorkommt, verstehen die Biologen das physische Wachstumsverhalten das sowohl auf unseren Körper als auch auf Pflanzen und Tiere zutrifft. Dies beinhaltet, dass wir recht schnell in der frühen Phase unseres Lebens wachsen, also quantitativ. Dies geschieht bis ca. zum 21. Lebensjahr. Das bedeutet, wir nähern uns mathematisch an eine bestimmte optimale Größe an, erreichen sie jedoch nie. Den Rest unseres Lebens wachsen wir nicht mehr quantitativ sondern nun qualitativ. Diese Kurve wird als Annäherungskurve bezeichnet. Siehe hierzu in der Abbildung 2, Kurve Nr.1. Der gleichbleibende lineare Ablauf des Wachstum, bezogen auf die Produktion von einer bestimmten Gütermenge z.B. Bier bedeutet, dass nach jedem Zeitabschnitt von z.B. einem Jahr, die Produktion um die gleiche Menge ansteigt. Im gleichbleibenden linearen Wachstum selbst gibt es keine eingebaute mathematische Obergrenze, wie es beim natürlichen Wachs­tum der Fall ist. Die Produktion steigt theoretisch unendlich jedes Jahr um dieselbe Menge an. Es ist jedoch nicht ausgeschlossen, dass die Qualität gesteigert werden kann, unabhängig von der quantitativen Zunahme, z.B. durch die Verbesserung der Rezeptur des Bieres. Das gleichbleibende lineare Wachstum beinhaltet eine quantitative Zunahme und kann eine qua­litative Steigerung als auch eine qualitative Minderung beinhalten. Zur Verdeutlichung des Geradenverlaufs, siehe Nr. 2 in Abbildung 2 an.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: CartoonNr. 1 [Kremer2009, S. 2]

Zum exponentiellen Ablauf lässt sich sagen, dass er rein aus quantitativer Zunahme besteht und keine qualitative Veränderung beinhaltet. Krebs ist ein gutes Beispiel dafür. Es gibt ver­schiedene Tumorarten z.B. Prostatakrebs oder Brustkrebs. Die Krebszellen teilen sich we­sentlich schneller als die gesunden Körperzellen. Dabei entsteht ein Ungleichgewicht im Körper. Die Krebszelle verdoppelt sich also in bestimmten Zeitabschnitten ohne sich qualitativ zu verändern. Mathema­tisch ausgedrückt steigt die Krebszel­lenproduktion innerhalb gleich großer Zeiträume um den gleichen Prozentsatz an. Er wächst also ständig schneller. Aus einer Zelle werden 2, daraus 4, 8, 16, 32, 64, 128, 256, 512, 1024 usw. Wie beim linearen Wachstumsverlauf gibt es wiederum keine Obergrenze. Wird ein Krebstumor zu spät erkannt führt dies in vielen Fällen zum Tod des gesamten Organismus. Siehe hierzu die Kurve Nr. 3 in der Abbildung 2 [vgl. Kennedy 2006, S.20- 22].

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Wachstumsverläufe [vgl. Kennedy 2006, S. 21]

Es ist nun geklärt was natürliches, gleichbleibend lineares und exponentielles Wachstum ist. Dieses Verständnis der Kurvenverlaufe ist für den Rest der Arbeit von hoher Bedeutung. Im nächsten Abschnitt wird das Wirtschaftswachstum von Deutschland vorgestellt. Es werden Begriffsverwirrungen entwirrt und es wird die Entwicklung des Bruttoinlandproduktes (BIP) von 1950 bis heute grob nachgezeichnet. Mit in die Betrachtung hineingenommen wird der weltweite Finanzmarkt.

2.1 Das Wirtschaftswachstum

Die Veränderung, also die Erhöhung oder die Verminderung des BIP eines Landes von einem Jahr zum anderen oder über mehrere Jahrzehnte spiegelt das Wirtschaftswachstum wieder. Darin enthalten sind alle Güter und Dienstleistungen die einen Preis am Markt erzielt haben. Nicht enthalten sind die Arbeit der Hausfrauen und -männer, Freiwilligenarbeit, die Schat­tenwirtschaft und die Qualität der natürlichen Umwelt [vgl. Frey & Frey Marti 2010, S. 37]. „Obschon diese Einschränkungen bekannt sind, ist das BIP nach wie vor im Zentrum des Interesses von Wirtschaft, Politik und Medien“ [Frey & Frey Marti 2010, S. 37]. Das BIP bildet die rein monetären Größen ab.

Als nächstes werden die Begriffe „Nullwachstum“ und „gleich bleibendes“ Wachstum unter die Lupe genommen und zurechtgerückt. Von „Nullwachstum“ ist die Rede, wenn die Wirt­schaftsleistung von einem Jahr zum anderen um den gleichen Wert anwächst. Dies ist ver­gleichbar mit dem linearen Wachstum und der Geraden Nr. 2 in Abbildung 1. In einer Stadt mit 100.000 Wohnungen werden jedes Jahr 4000 neue hinzu gebaut. Der Wohnungsbestand hat sich dann bei „Nullwachstum“ (!) nach 25 Jahren verdoppelt. „Die Wohnungsproduktion bleibt stets gleich. Sie wächst nicht. Zwar geht die absolute Zunahme der Produkte unentwegt weiter, aber die relative Zunahme der Produktion gegenüber dem Vorjahresergebnis ist null. Aus dieser Konstruktion haben die Wirtschaftstheoretiker die Berechtigung abgeleitet, den Vorgang der ständig gleichmäßigen Zunahme der Produkte, also stetigen gleichmäßigen Wachsens, mit „Nullwachstum“ zu bezeichnen.“ [Moewes, 2004, S. 95 - 96] Eigentlich müsste diese Wachstumart nicht „Nullwachstum“ sondern „linear gleichbleibendes Wachs­tum“ bezeichnet werden. Von „gleich bleibendem“ Wachstum ist die Rede, wenn die Zu­nahme der Wirtschaftsleistung jedes Jahr zunimmt. Dies wiederum ist vergleichbar mit der Kurve Nr. 3 in Abbildung 2. Um beim Wohnungsbeispiel zu bleiben, wächst die Stadt im ersten Jahr um 4000 Wohnungen, dann wächst sie im zweiten Jahr um 4160, im 20. Jahr um 8426 und im 30. Jahr um 12.475. Bei „gleich bleibendem“ Wachstum nimmt also die Wirt­schaftsproduktion relativ und absolut jedes Jahr zu! Hier müsste von exponentiellem Wachs­tum die Rede sein, um die Realität durch das Wort abzubilden.

Eigendefinitionen sind in der Wissenschaft grundsätzlich zulässig. Aber diese Eigendefiniti­onen führen zu dem Eindruck, durch exponentielles Wachstum entstehe Gleichmäßigkeit und Stabilität und durch Nullwachstum würde die Wirtschaftsleistung nicht wachsen [Vgl. Moe­wes, 2004, S. 96].

Durch eine differenzierte Betrachtung der Güter und Dienstleistungen die im BIP zusammen­gefasst sind, wird deutlich, dass Nullwachstum bzw. gleichbleibendes lineares Wachstum unter bestimmten Bedingungen ausreicht um den Wohlstand zu mehren.

Es gibt einmal Verbrauchsgüter wie Lebensmitteln und Schreibwaren und das andere Mal gibt es Investitionsgüter bzw. Gebrauchsgüter wie Wohnungen, Häuser, Möbel und Autos. Das Verbrauchsgut Brot kann nur einmal gegessen werden, danach ist es weg. Bei den Inves­titionsgütern hingegen ist der Fall vorhanden, dass diese mehrmals benutzt werden können. Ein Auto wird nicht nur einmal benutz, genauso wenig eine Wohnung nur für einen Tag be­wohnt wird. Desweiteren können das Auto und die Wohnung über mehrere Jahrzehnte ge­braucht werden. Hingegen ist Nahrung nur kurzfristig haltbar, meist nur bis zum Mindest­haltbarkeitsdatum. Bei Nullwachstum, also wenn das BIP jedes Jahr die gleiche Menge an Verbrauchsgütem herstellt, kann nicht mehr verbraucht werden als im Jahr zuvor. Bei den Investitionsgütern ist es anders. Solange der so genannte „Ersatzbedarf4 produziert wird, also das was durch Abnutzung, Abschreibung und Werteverfall verloren geht, bleibt die vorhan­dene Wertmenge gleich groß!

Ist die Ersatzbedarfsbedingung bei der Produktion von Investitionsgütern erfüllt und wird so viel an Verbrauchsgütern produziert wie verbraucht wird, dann kann eine Schrumpfung des BIP (= es gibt weniger zu verteilen im laufenden Jahr als im Vorjahr, weil die Produktion abgenommen hat) zumindest zu keiner Wohlstandsverringerung führen! Um die Investitions­güter zu akkumulieren benötigt es kein exponentielles Wachstum, sondern es reicht voll­kommen aus, dass mehr als der Ersatzbedarf hergestellt wird. Dies ist mit Schrumpfung, mit linearem Wachstum und mit natürlichem Wachstum möglich! Diese theoretischen Ausfüh­rungen können nun helfen das reale Wachstum des BIP in Deutschland zu verstehen, ohne W ortverwirrungen !

Die Zuwachsraten des Wirtschaftswachstums haben in Deutschland kontinuierlich abge­nommen. Sie betrugen im Zehnjahresmittel in den 50er-Jahren 8,1 Prozent, in den 60er 4,8 Prozent, in den 70er 3,1 Prozent, in den 80ern und in den 90er 1,9 Prozent und bis 2009 0,8 Prozent. Diese Zahlen verdeutlichen, dass Volkswirtschaften in Frühphasen ihrer Entwick­lung viel schneller wachsen können als in Spätphasen. In Frühphasen dient die industrielle Entwicklung zur Wohlstandsmehrung. In Spätphasen tendiert das Wirtschaftswachstum zu einer Sättigung hin. Es wurde immer mehr als der Ersatzbedarf hergestellt und immer mehr Verbrauchsgüter als nötig gewesen wären um den Verbrauch sicherzustellen [vgl. Moewes 2004, S. 100-101].

Trotz sinkender Wachstumsraten wirdjedes Jahr mehr hergestellt als imVorjahr, die absolute Summe der Wirtschaftsleistung steigt weiterhin an, aber halt langsamer. 1950 lag das BIP in Deutschland bei 49,7 Mrd. Euro, im Jahr 2009 lag es bei 2.407,20 Mrd. Euro! [vgl. Statisti­sches Bundesamt Deutschland 2010 (1), S. 634 - 635] Innerhalb von 59 Jahren ist das BIP um das 48-fache gestiegen. Inflationsbereinigt ist das BIP um das 8-fache gestiegen [vgl. Creutz (1) 2009, S. 30]. Ein Teil des BIP wird exportiert. Es wird so viel hergestellt wie noch nie zuvor in der Geschichte von Deutschland!

Wird nun das durchschnittliche Bruttoeinkommen eines Individuums in Deutschland berech­net das sich aus der erbrachten Arbeitsleistung im BIP wiederspiegelt, dann lag diese 1950 bei 1.100 Euro und 2009 bei 30.287 Euro [vgl. Statistisches Bundesamt Deutschland 2010 (2), S. 42]. Das Bruttoeinkommen steht dem Individuum nicht in vollem Umfang als Ein­kommen zur Verfügung. Ein Teil des BIP geht an den Staat, über die Mehrwertsteuer oder

- 15 - die Einkommenssteuer beispielsweise und ein anderer Teil wird durch Zinszahlungen getilgt. Auf beide Aspekte wird weiter unten noch ausführlich eingegangen. Die Summe die nach Abzug von Steuern und Zinsen übrigbleibt ist das Nettoeinkommen des Individuums aus er­brachter Arbeitsleistung. Und das fallt weit aus schmäler aus als die 30.287 Euro für 2009. Rund ein Drittel des BIP en]tfallen auf Steuerzahlungen und ein weiteres Drittel auf Zinszah­lung. Es bleiben dann dem Individuum durchschnittlich rund 10.000 Euro im Jahr [Creutz 1997, S. 55]. Diese Einkommen ist ausschließlich aus erbrachter Arbeitsleistung entstanden! Bleibt, nachdem das Einkommen eines Individuums für Verbrauchsgüter und Investitionsgü­ter ausgegeben worden ist, noch etwas übrig, dann kann dieser Betrag gewinnbringend bei der Bank angelegt werden. Auf das Geld bekommt der Geldbesitzer Zinsen und Zinseszinsen gutgeschrieben, es entstehen dem Individuum leistungslose Einkommen.

Wie hat sich nun das Geldvermögen im Vergleich zum BIP entwickelt? 1950 lag das gesamte Geldvermögen in Deutschland bei 66 % des damaligen BIP. Bis heute stieg das Geldvermö­gen auf das 3,2-fache des heutigen BIP an. [vgl. Creutz (1) 2009, S. 30]. Oder anders ausge­drückt, hat derjährliche Zuwachs der leistungslosen Einkommen von 1950 an bis heute stabil um 7,47 Prozent exponentiell zugenommen [vgl. Moewes 2004, S. 29]. Hierbei handelt es sich exakt um die Kurve Nr. 3 in Abbildung 2. Der Anspruch des Geldes auf die real geschaf­fenen Werte des BIP ist 3,2 Mal so groß! Praktisch ist der 3,2-fache Kauf des BIP nicht mög­lich.

Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass nicht nur das BIP kontinuierlich durch die Ar­beitsleistung der arbeitenden Individuen wächst, sondern auch die leistungslosen Einkom­men. Das BIP hingegen wächst langsamer als die Geldvermögen. Der Wohlstand auf der ma­teriellen Ebene gemessen in Verbrauchsgüter, Investitionsgütern und Geldvermögen hat in unterschiedlichen Ausmaßen zugenommen. Und das Gesamteinkommen eines Individuums setzt sich aus der erbrachten Arbeitsleistung und dem leistungslosen Einkommen zusammen. Welche Auswirkungen diese Wohlstandsmehrung auf das Wohlbefinden des einzelnen Indi­viduums hat, insbesondere auf das Glück präsentiert der nächste Abschnitt.

2.2 Wirtschaftswachstum und Glück

Obwohl das BIP ernsthafte inhaltliche Mängel aufweist, wird es häufig als Wohlstandsindi­kator benutzt. Steigt das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen des BIP an und das durch­schnittliche Pro-Kopf-Einkommen der Geldvermögen, so wie es in den letzten Jahren in den meisten Industrieländern der Fall war, so sollte auch das Glück der Menschen ansteigen. Es wird sich zeigen, dass dies nicht pauschal gilt. Eine Studie die an der Princeton Universität durgeführt worden ist, kam zu dem Ergebnis, dass 60.000 Euro im Jahr das Individuum am glücklisten macht. Weniger Einkommen mindert das Glücksempfinden. Bei Mehr Einkom­men bleibt das Glücksempfinden gleich. [Kahneman & Deaton 2010, S. 3]. Dieser Zusam­menhang erscheint logisch. Nachdem alle Grundbedürfnisse einmal erfüllt sind, nämlich Verbrauchsgüter und Investitionsgüter genügend vorhanden sind, macht mehr nicht unbe­dingt glücklicher. Der Grenznutzen des Glücks nimmt nach dem Optimum ab.

Das Pro-Kopf-Einkommen der Geldvermögen in Form von Zinsen und Zinseszinsen beläuft sich im Jahr 2009 für Deutschland auf 2.725 Euro [Deutsche Bundesbank 2009, S. 38]. Insgesamt erhält jedes Individuum durchschnittlich im Jahre 2009 eine Geldsumme die aus der erarbeiteten Leistung und dem leistungslosen Einkommen besteht, von ca. 13.000 Euro. Hinzukommt, dass Glücksempfinden nicht nur von der monetären Größe Geld bestimmt wird, sondern auch von der Gesundheit, der Freizeit, von Familie und Freunde, also von der Qualität der Beziehung die ein Individuum zu einem anderen hat und in welchem System es lebt. Individuen sind in demokratischen Ländern glücklicher, insbesondere in Ländern mit direkter Demokratie, wenn alle andere Faktoren die zum Glück beitragen gleichverteilt sind [vgl. Frey & Frey Marti 2010, S. 22 ff.]. Es sind sogenannte sozio-ökonomische Faktoren die neben dem reinen monetären Faktor das Glücksempfinden des Individuums bestimmen.

Um der Realität der Einkommensverteilung näher zu kommen ist es sinnvoll, nicht das Durchschnittseinkommen zur Betrachtung zu verwenden, sondern drei Gruppen zu bilden. Nämlich eine untere Einkommensgruppe, eine mittlere Einkommensgruppe und eine oberen Einkommensgruppe. Mit dieser Einkommensverteilung lässt sich besser zeigen, wie die Ein­kommen in den einzelnen Gruppen verteilt sind. Im nächsten Abschnitt wird eine solche Ver­teilung vorgenommen und gezeigt in welcher Einkommensgruppe wie viel erwerbstätige In­dividuen sind. Desweiteren wird die Verteilung der leistungslosen Einkommen in 10 Haus­haltsgruppen präsentiert. Bei beiden Verteilungen wird ein bestimmter Zeitraum betrachtet um so die Veränderung innerhalb der Gruppen abbilden zu können.

2.3 Verteilung von Leistungseinkommen und leistungslosem Ein­kommen in Deutschland

Aus der DIW-Studie (DIW = Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung), die auf der Grundlage des sozio-ökonomischen Panels (SOEP) beruht, ist zu entnehmen, dass die Anzahl der Menschen die in die unteren Einkommensgruppe einsortiert werden, von 18 Prozent im Jahr 2000 auf 22 Prozent im Jahr 2009 gestiegen ist. In diese Einkommensgruppe kommen alle Individuen mit einem Einkommen von weniger als 860 Euro im Monat. Hinzukommt dass die in dieser Gruppe erzielten Einkommen im selben Zeitraum absolut immer weniger wurden. In der mittleren Einkommensgruppe viel die Größe der Gruppe von 66 Prozent im Jahr 2000 auf 60 Prozent im Jahr 2009. Eine absolute Einkommensverringerung geht aus der Studie nicht hervor. In diese Einkommensgruppe fallen alle Individuen mit einem Einkom­men zwischen 860 Euro und 1844 Euro monatlich. In die obere Einkommensgruppe gehören alle Individuen die mehr als 1844 Euro verdienen. In dieser Gruppe stieg der mittlere Ver­dienst von 2.400 Euro auf 2.700 Euro an. Im Jahr 2000 lag die Größe dieser Gruppe bei 16 Prozent und stieg bis ins Jahr 2009 auf 18 Prozent an [vgl. Goebel, Goring & Häußermann 2010, S. 5 - 6]. Es zeigt sich aus den Zahlen, dass die mittlere Einkommensgruppe um 6 Pro­zent schrumpft, davon gehen 4 Prozent zu der unteren Einkommensgruppe und 2 Prozent zur oberen Einkommensgruppe. Desweiteren nahm der absolute Verdienst der unteren Einkom­mensgruppe trotz Vergrößerung ab und der der oberen Einkommensgruppe trotz Vergröße­rung zu. Die untere Einkommensgruppe wird immer ärmer, die obere Einkommensgruppe wird immer reicher und der Mittelstand wird immer weniger. Die Armuts-Reichtums-Schere geht auseinander.

Wie sieht nun die Einkommensentwicklung in den letzten Jahren im Durchschnitt aus in Deutschland im Vergleich zu den leistungslosen Einkommen und den Selbstständigenein- kommen?

Zu folgendem Ergebnis kam eine weitere Studie des DIW: Die Netto-Reallöhne eines Indivi­duums sind im Durchschnitt in Deutschland seit Anfang der 90er Jahre kaum gestiegen und von 2004 bis 2008 geschrumpft, trotz kräftigem Wirtschaftswachstum! Dagegen sind die Selbstständigeneinkommen und die Gesamtvermögen kräftig gestiegen. Der Anteil der Lohn- und Gehaltseinkommen am BIP wird immer kleiner, dagegen steigen die Anteile der leis­tungslosen Einkommen und die der Selbstständigeneinkommen an. Begründet wird die Ver­ringerung des Anteils der Leistungseinkommen der arbeitenden Individuen am gesamten BIP durch den Verlust der Verhandlungsmacht der Gewerkschaften und dem Mitgliederschwund

. . Entwicklung der Arbeitnehmerentgelte'je Arbeitnehmer in der

der Parteien. Abbildung 3 zeigt den Eu von 2000 bis 2008 Rückgang der Reallöhne von 2000 bis 2008 von durchschnittlich fast 12 Prozent [vgl. Brenke 2009, S. 550 ff.].

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: Lohnentwicklung in Deutschland

In Deutschland gehen die Löhne und Ge­hälter im Durchschnitt zurück. Besonders stark betroffen ist die untere Einkom­mensgruppe. Dagegen steigen die Löhne der oberen Einkommensgruppe an. Ge­samtwirtschaftlich betrachtet profitieren die obere Einkommensgruppe, die Selbst- ständigeneinkommen und die leistungs­losen Einkommen von dem Wirt­schaftswachstum am meisten.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 4: Nettovermögensverteilung in Deutsch¬land [Frick & Grabka 2009, S. 59]

International betrachtet ist die Armuts-Reichtuns-Schere der Leistungseinkommen in Eng­land, Portugal, den USA und in Singapur am weitesten geöffnet. Am gleichsten sind die Ein­kommen in Dänemark, Schweden, Norwegen, Finnland und Japan verteilt. Deutschland liegt im Mittelfeld. In Deutschland verdienen die obersten 20 Prozent etwa das 5,5-fache mehr als die untersten 20 Prozent der Bevölkerung. Diese Ergebnis basiert auf den Daten des jährlich erscheinenden „Human Development Report“ [vgl. Wilkinson & Pickett 2010, S. 29 - 31].

Wie sind nun die, weiter oben kurz angesprochenen, Gesamtvermögen auf 10 Haushaltsgruppen verteilt und wie hat sich dieses Einkommen in­nerhalb eines Zeitraums pro Haus­haltsgruppe entwickelt?

Die Abbildung 4 verdeutlicht die Verteilung der Gesamtvermögen in Deutschland. Die Datengrundlage ist der SOEP. Sie wurden durch den DIW ausgewertet. Dazu heißt es:

„Ordnet man die Personen nach der Höhe ihres Nettovermögens und teilt sie in zehn gleich große Gruppen (Dezile) ein, so zeigt sich, dass das reichste Zehntel 2007 über mehr als 60 Prozent des gesamten Vermögens verfügte. Darunter hielten die obersten fünf Prozent 46 Prozent und das oberste Prozent etwa 23 Prozent des gesamten Vermögens. Gegenüber dem Jahr 2002 hat die Konzentration der Nettovermögen im Top-Dezil weiter zugenommen, in allen anderen Dezilen sind die entsprechenden Anteilswerte für 2007 dagegen niedriger. Mehr als zwei Drittel der Gesamtbevölkerung besaßen dagegen kein oder nur ein sehr gerin­ges individuelles Nettovermögen. Die untersten 70 Prozent der nach dem Vermögen sortier­ten Bevölkerung haben einen Anteil am Gesamtvermögen von unter neun Prozent und damit rund 1,5 Prozentpunkte weniger als 2002“ [Frick & Grabka 2009, S. 57 - 59]. Die Gesamt­vermögen in Deutschland sind ungleich verteilt. Diese Ungleichverteilung nahm innerhalb des Betrachtungszeitraums zu. Die ersten 9 Dezile haben eine Vermögensreduktion zwischen 2002 und 2007 hinnehmen müssen, die genauso hoch ist wie die Vermögenserhöhung des 10. Dezil! Die Armuts-Reichtums-Schere geht nicht nur bei den Leistungseinkommen auseinan­der, sondern auch bei den Geldvermögen.

Wie viel Geld ist in Deutschland insgesamt als Vermögen vorhanden und was tut der Staat um der Ungleichverteilung der Gesamtvermögen entgegenzuwirken?

Aus einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung die in Zusammenarbeit mit dem DIW erstellt wurde geht hervor, dass in Deutschland ein Gesamtvermögen von rund 6,6 Billionen Euro vorhanden ist. [vgl. Böckler 2009]. Zwischen 1998 und 2002 hat die rot-grüne Bundesregie­rung den 400 reichsten Deutschen, welche in das 10. Dezil eingeordnet werden könne, eine Steuererleichterung von 7 Prozent beschert. Die Gesamtsteuerbelastung dieser Gruppe wurde von 41 Prozent auf 34 Prozent gesenkt! Die Steuererleichterung für die 40 reichsten Deut­schen viel noch höher aus. Sie belief sich auf 13 Prozent. Die Gesamtsteuerbelastung wurde für die 40 reichsten von 45 Prozent auf 32 Prozent gesenkt. Zu diesem Ergebnis kommt der Eliteforscher Michael Hartmann [vgl. Hartmann 2010, S. 4]. Der Staat unterstützt die Ver­mögensbildung im 10. Dezil und wirkt der Vermögensungleichverteilung nicht entgegen! Weiter führt Hartmann aus, dass alle Kernministerien die die innenpolitischen Bereiche be­treffen wie das Finanz-, Wirtschafts-, Innen- und Justizministerium von Ministern und Minis­terinnen besetzt werden die aus dem Großbürgertum oder Bürgertum stammen, also mindes­tens aus den oberen 3 Prozent der deutschen Gesellschaft, die von den politischen Beschlüs­sen, was Vermögensbildung angeht, selbst am meisten profitieren! [vgl. Hartmann 2010, S. 7].

Wie sind die Gesamtvermögen weltweit verteilt? International besitzen die reichsten 10 Pro­zent 85 Prozent der Geldvermögen [vgl. Krätke 2007]. Das reichste 1 Prozent besitzt 38 Pro­zent und die reichsten 0,1 Prozent 20 Prozent. Dem gegenüber besitzen 83 Prozent der Welt­bevölkerung gerade mal 13 Prozent der Geldvermögen [vgl. Rezmer 2010]. Würden sich 10 Individuen das weltweite Geldvermögen teilen, bei der gegebenen Ungleichverteilung, dann erhält Einer 99 Prozent und die restlichen Neun müssten sich das eine Prozent des „Geldku­chens“ teilen [vgl. Krätke 2007]. „Würde der Kuchen umverteilt, würde der eine nicht daran sterben, und den anderen neun ginge es erheblich besser als zuvor“ schreibt Professor Micha­el R. Krätke [Krätke 2007].

Zusammenfassend lassen sich die genannten Fakten wie folgt interpretieren: Die Armuts- Reichtums-Schere nimmt in Deutschland bei den Leistungseinkommen und bei den Gesamt­vermögen zu. Bei den Gesamtvermögen wird die Zunahme durch den Staat unterstützt. Inter­national betrachtet ist die Armuts-Reichtums-Schere der Gesamtvermögen weit aus stärker geöffnet als in Deutschland.

Welche Auswirkungen hat eine Ungleichverteilung auf eine Gesellschaft als Ganzes und auf das Individuum im Einzelnen? Das nächste Kapitel widmet sich dieser Frage und geht ihr ausführlich nach.

3. Ungleichverteilung der Einkommen als Ursache für so­ziale Probleme

Umso höher die materielle Ungleichheit in einer Gesellschaft ausfallt umso größer sind die sozialen Probleme. Die Kriminalitätsrate steigt, der Drogenmissbrauch nimmt zu, die Gesundheitszustand sinkt, es gibt mehr fettleibige Individuen, die schulischen Leistungen nehmen ab, die Teenagergeburtenrate nimmt zu und die Qualität der zwischenmenschlichen Beziehung sinkt, zu diesem Ergebnis kommen die beiden Epidemiologen Richard Wilkinson und Kate Picket die 200 internationale Studien ausgewertet haben. Die im Folgenden vorge­stellten Ergebnisse haben immer auf eine Vergleichsgruppe als Grundlage damit Zufallser­gebnisse ausgeschlossen werden können!

Wilkinson und Picket schreiben:“Wirtschaftwachstum war lange Zeit der Motor des Fort­schritts, doch in den reichen Ländern ist dieser Antrieb inzwischen weitgehend erschöpft. Das ökonomische Wachstum ist nicht mehr wie einst von Maßnahmen für das Wohlergehen und Wohlbefinden der Bürger begleitet. Schlimmer noch: Langfristig haben Ängste, Depressionen und andere sozialen Probleme mit wachsendem Wohlstand zugenommen. Die Bevöl­kerung der reichen Länder steht heute am Ende einer langen historischen Entwicklung - am Ende einer Ära“ [Wilkinson & Pickett 2010, S. 20]. Weitere wirtschaftliche Prosperität die einhergeht mit zunehmender materieller Ungleichverteilung macht die Menschen unglück­lich. „Um das zu erklären, reichen volkswirtschaftliche Modelle aber allein nicht aus. Man muss auch die psychosozialen Folgen von Ungleichheit berücksichtigen“ [Jungclaussen & Tenbrock 2010, S. 28].

Warum sind Individuen im Durchschnitt in einer Gesellschaft mit hoher materieller Un­gleichheit unglücklicher, als das durchschnittliche Individuum in einer Gesellschacht mit geringer Ungleichheit? Es liegt vor allem an der Tatsache, dass sich Individuen untereinander vergleichen. Die materiellen Vergleiche werden mit anderen Individuen durchgeführt die vor allem mehr Einkommen haben und einen höheren sozialen Status besitzen. Dies ist wahr­scheinlich ein Erbe aus der Vergangenheit, wo das Individuum ums Überleben kämpfen musste [vgl. Frey & Frey Marti 2010, S. 57]. Aus dem sich untereinander Vergleichen ent­steht dann der soziale Status. Wer viele materielle Güter hat, besitzt einen hohen gesellschaft­lichen Status und wer wenig hat, hat tendenziell einen niedrigen gesellschaftlichen Status. Welche Merkmale werden einem Individuum zugeschrieben das einen hohen sozialen Status repräsentiert? Meistens sind dies Ausbildung, berufliche Position, Kompetenz, Wohnort, Fe­rienziele und Vermögen. Stolz, Würde, Überlegenheit, Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl lassen sich unter solchen Umständen dementsprechend leicht entwickeln [vgl. Wilkinson & Pickett 2010, S. 55].

Der soziale Status eines Individuums spielt in ungleicheren Gesellschaften eine viel stärkere Rolle als in gleicheren Gesellschaften. Dies liegt daran, dass in Gesellschaften in denen eine hohe materielle Ungleichheit vorhanden ist, ein hoher sozialer Status als Ideal und als erstre­benswert gilt.

Welche Auswirkungen entstehen durch die Gefährdung und die Reduktion des sozialen Sta­tus auf die Gesundheit eines Individuums? Der nächste Abschnitt gibt darauf Antwort.

3.1 Ungleichheit und Gesundheit

In diesem Teilabschnitt werden Fettleibigkeit und Depression/Angst als Folge von ungleicher materieller Verteilung und niedrigem gesellschaftlichen Status identifiziert. Übergewichtige Individuen sind oft psychisch Krank, weil sie die Nahrung als Kompensation für ihre eigent­lichen Bedürfnisse missbrauchen. Psychisch Kranke sind oft übergewichtig, weil sie durch

-22- die Aufnahme kalorienreicher Nahrung kurzzeitig ein gutes Gefühl bekommen und diesen Effekt oft wiederholen um die negativen Gefühle zu unterdrücken. Im Folgenden werden beide Krankheiten getrennt voneinander betrachtet, um die jeweiligen unterschiedlichen Zu­sammenhänge hervorheben zu können. Desweiteren wird später der Fokus auf den konsumti­ven Konkurrenzdruck und seine Folgen gelegt. Der soziale Status der durch den Arbeitsplatz entsteht und die Folgen eines Arbeitsplatzverlustes auf die Gesundheit werden dann präsen­tiert. Und schließlich werden die Konsequenzen einer zunehmenden materiellen Ungleichver­teilung auf die Gesundheitskosten in Deutschland aufgezeigt.

3.1.1 Ungleichheit und Übergewicht

Laut der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) sind in Deutschland rund 60 Prozent der Männer übergewichtig und 40 Prozent der Frauen. 16 Pro­zent beider Geschlechter waren sogar fettleibig [vgl. OECD 2009]. Die Ergebnisse einer Stu­die der International Association for the Study of Obesity (IASO) die sich nur auf die europä­ischen Länder bezieht, kamen sogar zu dem Ergebnis, dass rund 75,4 Prozent der Männer und 58,9 Prozent der Frauen über­gewichtig sind. Fettleibig sind dafür 22,5 Prozent der Männer und rund 23,3 Prozent der Frau­en. Die Daten der Erhebung werden in Abbildung 5 grafisch veranschaulicht. Dabei ist zu sehen, dass Deutschland auf Platz Nr. 1 liegt und die meisten übergewichtigen Menschen hat im Vergleich zu den weiteren 24 untersuchten EU-Staaten. Die fettleibigsten Menschen haben dagegen Griechenland. Deutschland liegt bei der Fettleibigkeit in Europa auf dem 4. Platz [vgl. IASO 2007]. Fettlei­bigkeit ist starker gesundheitsschädlich als Übergewicht. Fettleibigkeit erhöht das Risiko, an Bluthochdruck, Diabetes Typ 2, Herz-Kreislauf-, Gallenblasenerkrankung und einigen For­men von Krebs zu erkranken.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Wie kommt es nun zu Übergewicht und Fettleibigkeit? Im Folgenden wird diese Frage aus­führliche Antwort beantwortet.

Bei Leistungstests in jeder Form die einen gesellschaftlichen Bewertungsdruck erzeugen, wobei der soziale Status gefährdet werden kann durch eine negative Bewertung, werden hö­here und gleichmäßigere Kortisolwerte ausgeschüttet als ohne den Bewertungsdruck. Das Selbstwertgefühl kann durch die gesellschaftliche Bewertung gefährdet werden. Das Kortisol wird nur dann ausgeschüttet wenn sich das Individuum in Gefahr oder in einer Notsituation befindet. Dies können Situationen in denen die Ergebnisse mit anderen verglichen werden sein. Wobei am höchsten die Kortisolwerte sind, wenn unlösbare Aufgaben mit gesellschaft­lichem Bewertungsdruck kombiniert sind. Das Gehirn schüttete das Kortisol aus sobald der soziale Status gefährdet scheint oder reduziert wird. Das Kortisol erzeugt Stress im Individu­um. Um aus dieser vermeintlichen Notsituation wieder herauszukommen stellt sich der Flucht-Kampf-Mechanismus ein: Energiereserven werden mobilisiert, Herz und Lunge erhö­hen den Takt, die Sinne werden geschärft etc. Dies hat wohl jeder schon mal während einer Prüfung erlebt in dem der soziale Status gefährdet ist. Bei einem guten Studenten beispiels­weise durch eine schlechte Note. Bleibt diese Stresssituation kurzzeitig vorhanden ist der Flucht-Kampf-Mechanismus ein perfekter Schutz gegen die Gefahr des Verlustes oder die Gefährdung des sozialen Status und bringt das Individuum zu Höchstleistungen. Dauert die stressige Situation über Wochen, Monate oder Jahre an, dann hat dies eindeutige negative Folgen für die Gesundheit des Individuums. Kurzzeitig ausgelöster Stress aktiviert unser Immunsystem, chronischer Stress schwächt es [vgl. Wilkinson & Pickett 2010, S. 52- 54]. Besonders stark gefährdender Stress hat eindeutig gesellschaftliche Ursachen. Dazu gehören: geringes Ansehen, mangelnde Freundschaften und Stress in jungen Jahren. „Sorgfältig durchgeführte Untersuchungen belegen, dass diese drei Faktoren einen sehr negativen Ein­fluss auf Gesundheit und Lebenserwartung haben“ [Wilkinson & Pickett 2010, S. 54]. Um den lang anhaltenden Stress geht es nun. Dieser gefährdet die Gesundheit am meisten. Individuen die lange Zeit unter Stress gestanden haben verarbeiten Nahrung anders als unge- stresste Individuen. Bei chronisch gestressten Menschen wird das Fettgewebe in der Körper­mitte, im Bauchbereich aufgebaut, nicht so sehr an Hüften und Schenkel. Individuen mit viel Fett um den Bauch, weisen hohe Kortisolwerte auf und bei Stresstests reagieren diese mit deutlicher Instabilität. Besonders für Krankheiten die durch Übergewicht entstehen sind diese Menschen anfällig [vgl. Wilkinson & Pickett 2010, S. 115 - 116]. Vor allem übergewichtige und fettleibige Menschen stehen unter chronischem Stress und essen mehr Würstchen, Ham­burger, Pizza und Schokolade und trinken mehr Alkohol als sonst, um sich gut zu fühlen [vgl. Laitinen, Ek & Sovio 2002, S. 35]. Anstatt die Ursache des chronischen Stresses anzugehen werden die Folgen in Form von negativen Gefühlen durch Nahrungsaufnahme unterdrückt.

Nach der Wiedervereinigung nahm die Ungleichheit in Ostdeutschland zu [vgl. Martin 2000, S. 4 ff.]. Langzeitstudien haben bewiesen, dass dieser soziale Umbruch im ehemaligen Ost­deutschland zu einem erhöhten Körpermasseindex bei Kindern, jungen Erwachsenen und bei Müttern geführt hat [vgl. Hesse & Voigt 2003, S. 260]. In Ungleicheren Gesellschaften wird mehr kalorienreiche Nahrung gegessen und vor allem weniger Sport betrieben [vgl. Wilkin­son & Pickett 2010,S. 115].

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 6: Ungleichheit und Fettleibigkeit [vgl. Wilkinson & Pickett (A) 2010]

In Gesellschaften mit höherer Ungleichheit gibt es mehr fettleibige und übergewichtige Indi­viduen. Es wird weniger Sport betrieben, kalorienreichere Nahrung gegessen und der Stress ist höher. In Abbildung 6 wird der Zusammenhang zwischen Ungleichheit und Fettleibigkeit nochmals grafisch für die meis- so­ten Industrieländer veranschau­licht. Dabei ist zu entnehmen, dass in Gesellschaften mit sehr hoher Ungleichheit, wie in den USA, in England und Portugal, krankhafte Fettleibigkeit sechs Mal so hoch ist als in Gesell­schaften die eine sehr geringe Ungleichheit aufweisen, wie Japan und die skandinavischen Länder. Was für die Fettleibig­keit zutrifft, gilt auch für die psychischen Krankheiten, die im nächsten Teilabschnitt vorgestellt werden.

3.1.2 Ungleichheit und psychische Erkrankung

Stress in einer radikal veränderten und beschleunigten Arbeitswelt kann nicht nur Fettleibig­keit verursachen, sondern auch psychische Probleme. Laut dem Fehlzeiten-Report 2010 der AOK ist die Zahl der psychischen Erkrankungen zu einem Höchststand gelangt. In dem Re­port heißt es, dass die psychischen Krankheiten in den letzten Jahren zunehmen und sie zu den Krankheiten gehören die mit langen Ausfallzeiten einhergehen. Insbesondere am Ar­beitsplatz spielt dies eine entscheidende Rolle. Obwohl psychische Erkrankungen nur zur 4. häufigsten Erkrankung gehört, liegt die Ausfallzeit um das 3-fache höher als beispielsweise bei Atemwegerkrankungen die am 2. häufigsten vorkommt [vgl. Riedel 2010].

Seit 1950 nimmt die Anzahl der psychisch kranken Individuen zu. Dabei spielen Ängste und Depressionen eine vorwiegende Rolle. Im gleichen Zeitraum nahm das Selbstwertgefühl zu. Zu diesem widersprüchlichen Ergebnis kommen verschiedene Studien [vgl. Wilkinson & Pickett 2010, S. 51]. Wie kann sich das erklären lassen? Durch die Gefährdung des sozialen Status, dass anderen Individuen beurteilt werden z.B. in Form von Schulnoten, Zeugnisse, abfällige Bemerkungen von „Freunden“ etc. entsteht eine Gegenreaktion, nämlich eine Ver­teidigungsstrategie, die das Ziel hat den sozialen Status zu schützen bzw. das Selbstwertge­fühl aufrecht zu erhalten. Diese Verteidigungsstrategie besteht darin, jede Kritik an der eige­nen Person zurückzuweisen. Vielen Individuen fällt es schwer Schwächen einzugestehen und das eigene Selbstbild wird positiv stark geredet. Vor allem unter jungen Menschen ist kein Anstieg des Selbstwertgefühls zu verzeichnen, sondern eines krankhaften Egoismus, eine sogenannte narzisstische defensive Störung. Ein wirkliches Selbstwertgefühl zeichnet sich dadurch aus, dass Erfolg mit Glück, Vertrauen und Kritikfähigkeit verbunden ist und die Fä­higkeit Freunde zu gewinnen [vgl. Wilkinson & Pickett 2010, S.51 -52].

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 7: Ungleichheit und seelische Gesundheit

Aus der Abbildung 7 geht hervor, um so materiell ungleicher ein Ge­sellschaft ist umso größer ist die Prozentrate der psychisch Kranken.

Psychische Erkrankungen treten in Gesellschaften mit besonders hoher Ungleichheit, zu nennen sind die USA und England, im Vergleich fünf Mal so häufig auf wie in denen mit besonders geringer Ungleich­heit, wie Japan.

Das Resultat einer solchen Entwicklung [vgl. Wilkinson & Pickett (B) 2010] ist, dass die Selbstdarstellung und das Selbstwertgefühl der Individuen vor allem auf materiellem Erfolg beruhen und nicht wie es natürlich wäre auf materiellem und immateriellem Erfolg. Wozu diese Entwicklung führt stellt der nächste Teilabschnitt dar.

3.1.3 Der konsumtive Konkurrenzdruck und seine Folgen

Sind erst mal alle Grundbedürfnisse erfüllt werden Güter weniger wegen ihres Gebrauchs­wertes gekauft, sondern vielmehr wegen ihres sozialen Status. Dies führt dann zu einem kon­sumtiven Konkurrenzdruck unter allen Gesellschaftsmitgliedern. Dieses Phänomen wird in der Wirtschaftswissenschaft als „Veblen-Effekt“ bezeichnet. Der Effekt geht auf Thorstein Veblen zurück der bereits 1899 als erster vom Zusammenhang zwischen Konsum und sozia­ler Schichtung sprach. „Das einzig praktikable Mittel, unbeteiligten Beobachtern des eigenen Alltagslebens durch finanzielle Leistungsfähigkeit aufzufallen, ist die unablässige Demonst­ration seiner Zahlungsbereitschaft“ [Veblen 2007, S. 27]. Um nun an eine ständige Zahlungs­bereitschaft zu gelangen, bleibt den Individuen nichts anderes übrig als länger zu arbeiten oder einen zweiten Job anzunehmen.

In sozial ungleicheren Gesellschaften wird mehr gearbeitet als in gleicheren. Zu diesem Er­gebnis kommt Sam Bowles, ehemaliger Wirtschaftsprofessor an der University of Massachu­setts. Er beobachtete die Arbeitszeiten der OECD-Länder über mehrere Jahrzehnte und kam zu dem Schluss, dass in Gesellschaften mit großer Einkommensungleichverteilung die Indi­viduen um das Äquivalent von zwei bis drei Monaten jährlich zusätzlich arbeiten [vgl. Bow­les & Park 2005, S. 397 ff]. Es bleibt wenig oder keine Zeit mehr übrig für Familie, Freunde, Bekannte und alles was zusätzlich wirkliche Lebensqualität stiften kann [vgl. Wilkinson & Pickett 2010, S. 88 - 89]. Die Anhäufung materieller Güter wird überstrapaziert und darunter leiden die immateriellen Güter. Den konsumtiven Konkurrenzdruck nutzt die Werbeindustrie aus um ihre Produkte abzusetzen. Je größer die Einkommensunterschiede sind, desto schwie­riger ist es für die Individuen ihren Lebensstandard im Vergleich zu anderen zu halten. Die Konsumnachfrage wird zu einem Hauptmotor des Wirtschaftswachstums. Vor allem Indivi­duen die zu den Lohn- und Gehaltsbeziehern der unteren Einkommensgruppe gehören, also ein Nettoeinkommen von bis zu ca. 860,- Euro monatlich haben, trifft dieser konsumtive Konkurrenzdruck besonders stark. Wie in Abschnitt 2.3 bereits dargelegt nimmt die untere Einkommensgruppe nicht nur zu, sondern die Nettoeinkommen schrumpfen zusätzlich abso­lut. Eine weitere Studie des Instituts für Arbeit und Qualifikation (IAQ) der Universität Duis­burg-Essen unterstreicht diesen Sachverhalt. Demnach erhalten insgesamt rund 6,55 Millio­nen Beschäftigte weniger als die Niedriglohnschwelle. In Westdeutschland liegt sie bei 9,50 Euro pro Stunde und in Ostdeutschland bei 6,87 Euro. Seit 10 Jahren ist die Zahl der Niedrig­lohnempfänger um 2,3 Millionen gestiegen. Rund 20,7 Prozent aller Beschäftigten in

Deutschland erhalten weniger als die Niedriglohnschwelle [vgl. Kalina & Weinkopf 2010, S. 1].

Vor allem Individuen die der untersten Einkommensgruppen zugeschrieben werden können und sich im konsumtiven Konkurrenzdruck befinden, reicht das verdiente Geld beim Kauf von teuren prestigeträchtigen Gütern wahrscheinlich nicht aus, es werden Schulden gemacht und als Konsequenz landen dann einige aus dieser Einkommensgruppe in der Privatinsol­venz. Sicherlich kann dies auch Individuen aus der mittleren und oberen Einkommensgruppe treffen. Wahrscheinlich aber nicht so häufig. In Deutschland lagen die Privatinsolvenzen 2001 bei ca. 17.000. Für 2010 wird geschätzt, dass sie bei ca. 140.000 liegen werden. Die Privatinsolvenzen sind also im Jahr 2010 auf das 8,23-fache gestiegen. Abbildung 8 zeigt den Anstieg der Privatinsolvenzen. Eine Untergliederung nach Einkommensgruppen wurde nicht vorgenommen. Dies hätte noch gezeigt in welcher Einkommensgruppe die Privatinsolvenzen am häufigsten auftreten.

Als Gründe für die Insolvenz wer­den aufgeführt, Arbeitslosigkeit und besonders interessant in diesem Zusammenhang, ein zum Einkom­men unpassendes Konsumverhalten (etwa exzessives Online-Shopping,

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 8: Privatinsolvenzen in Deutschland [vgl. Bürgel 2010]

Kreditkartenkäufe, Null-Prozent­Finanzierungen etc.) [vgl. Bürgel 2010]. Dies lässt also darauf schlie­ßen, dass besonders Individuen mit geringer und mittlerer Bonität und mit einer erhöhten Konsumnach­frage besonders gefährdet sind in der Privatinsolvenz zu landen. Die konsumtive Statuskon­kurrenz zwingt die Individuen ihre eigentlichen Bedürfnisse nach immateriellen Gütern, wie Freundschaft und Partnerschaft durch materielle Güter zu kompensieren.

Wilkinson und Pickett schreiben dazu: „Wir haben auch aus anderen Quellen Daten zu Spar­verhalten, Schulden, Zahlungsunfähigkeit [...] und Arbeitszeiten ausgewertet, und sie stütz­ten allesamt die Feststellung, dass größere Ungleichheit tatsächlich den Konsumzwang for­ciert“ [Wilkinson & Pickett 2010, S. 256].

Auf der anderen Seite der Spitze der Lohn- und Gehaltsschere liegen die Gehälter der Dax­Vorstandschefs und die lagen 2009 zwischen ca. 600.000 Euro und 9,6 Millionen Euro. Zu diesem Ergebnis kam die Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) [vgl. DSW 2010]. Das Verhältnis zwischen dem durchschnittlichen Gehalt eines Mitarbeiters und dem Gehalt eines Chief Executive Officers, kurz CEO, ist in Deutschland 1:17,in Japan 1:16, in Schweden 1:21, in England bei 1:31, in Frankreich 1:32 und in den USA liegt es bei 1:44 [Osberg & Smeeding 2006, S. 465]. Deutschland liegt also im internationalen Vergleich ziemlich an unterster Stelle. Ob das Verhältnis gerechtfertigt ist zwischen Mitarbeiter und CEO, ist fraglich.

Unter einer zunehmenden Ungleichverteilung leiden vor allem die Individuen mit wenig Ein­kommen. Dieser Personenkreis strebt nach mehr Einkommen um den eigenen sozialen Status zu erhöhen. Dass die Einkommenserhöhung tatsächlich den sozialen Status erhöht wird im nächsten Teilabschnitt bewiesen.

3.1.4 Einkommenshöhe und gestiegener Status

Dass der Wunsch nach höherem Einkommen tatsächlich der Wunsch nach einem höheren Status ist, wurde in einem Experiment demonstriert. Dabei sollten die Versuchspersonen wählen, ob sie lieber weniger wohlhabend als andere in einer reichen Gesellschaft leben möchten oder lieber mit einem deutlich niedrigeren Einkommen in einer armen Gesellschaft. In der armen Gesellschaft würden sie dann besser da stehen als andere. Die Hälfte der Be­fragten würden bis zu 50 Prozent ihres Einkommens abgeben, wenn sie in einer armen Ge­sellschaft leben könnten, wo sie besser gestellt sind als die anderen [Solnick & Hemenway 1998, S. 373 ff.].

Hinzukommt, bei einem Kauf eines prestigeträchtigen Sportwagens wird das Wohlbefinden des Käufers kurz erhöht. Die Individuen im seinem Umfeld fühlen sich allerdings schlechter gestellt, da sie ihr Auto mit dem des Käufers vergleichen. Es entsteht ein sogenannter exter­ner Effekt. Die soziale Statuszunahme des Einen vermindert das Wohlergehen der Anderen [vgl. Frey & Frey Marti 2010, S. 161]. Richard Layard hat diese Entwertung und Enttäu­schungen als Kosten bezeichnet, die der Käufer dem Rest der Gesellschaft aufzwingt und die durch einen Steuersatz von 60 Prozent auf Luxusgüter internalisiert werden könnten. Dabei hat er jedoch die sozialen und gesundheitlichen Probleme nicht mit eingerechnet die durch eine hohe Einkommens- und Vermögensungleichheit entstehen [Layard R. 2005, S. 178 ff.].

Nach dem die materiellen Bedürfnisse befriedigt sind und das Individuum seine immateriel­len Bedürfnisse mit materiellen Gütern zu befriedigen versucht, in dem es länger Arbeitet, um beim Streben nach einem noch höheren sozialen Status nicht unterzugehen werden Fami­lie und Freunde zunehmend vernachlässigt. Der Stress erhöht sich, das Individuum wird an­fälliger für Krankheiten, körperliche und psychische Erkrankungen mehren sich. Die einzige Möglichkeit die immateriellen Bedürfnisse zu befriedigen liegt in der Schaffung von mehr Gleichheit in einer Gesellschaft, die den essenziellen sozialen Bedürfnissen des Individuums besser entspricht [vgl. Wilkinson & Pickett 2010, S. 258 - 259].

Besonders in der heutigen Zeit hängt der Verlust des Arbeitsplatzes wie ein Damokles­schwert über fast jeden Arbeitnehmer. Deswegen bietet es sich an die Auswirkungen des möglichen Verlustes und dessen Folgen für das Individuum zu betrachten.

3.1.5 Status und Arbeitsplatz

Statusreduktion entsteht durch den Verlust des Arbeitsplatzes. Findet das Individuum inner­halb kurzer Zeit keinen gleichwertigen Arbeitsplatz so verliert es langfristig einen Teil seines Status und somit auch an Einkommen. Arbeitslosigkeit ist der stärkste Faktor der das Glück senkt. Kardiovaskuläre Erkrankung konnten bei Beamten festgestellt werden die ihren Ar­beitsplatz verloren hatten. Die Frage ob die gesundheitlichen Folgen von der Statusreduktion stammen wurde in einem Experimente mit Makaken bewiesen. Diese Affenart bildet deutli­che soziale Hierarchien aus. In Gefangenschaft können sie unter identischen Bedingungen isoliert werden: Sie leben in gleichen Käfigen und erhalten das gleiche Futter. Das ermöglicht ein Experiment indem Tiere aus einer Gruppe in eine andere versetzt werden. Tiere mit ge­ringen sozialen Status werden aus verschiedenen Gruppen zusammengesperrt und bilden eine neue Gruppe, damit sie veranlasst werden eine neue hierarchische Ordnung herzustellen. Da­bei erhalten einige eine höheren Status, andere büßen ihren bisherigen Status ein und be­kommen einen niedrigeren. Das gleiche wurde mit den Tieren gemacht die einen hohen sozi­alen Status hatten. Dabei gab es, sowie bei den Tieren mit geringem sozialen Status, einige Tiere die einen Statusverlust hinnehmen mussten. Bei all diesen Tieren, die einen Statusver­lust einstecken mussten, konnte eine rasch zunehmende Arteriosklerose festgestellt werden [vgl. Shively & Clarkson (1) 1988, S. 721]. Ganz ähnliche Studien konnten einen Zusam­menhang zwischen Statusverlust und Fettanlagerungen im Bauchbereich feststellen [vgl. Shi­vely & Clarkson (2) 1988, S. 71 ff.].

Wer stark mit seiner Arbeit verbunden ist, wird stark mit dem Verlust belastet. Arbeitslose haben eine schlechtere psychische und physische Gesundheit [vgl. Frey & Frey Marti 2010, S. 67]. Sie leiden vermehrt unter Angst und Depressionen. Desweiteren leiden beschäftigte Personen unter der Arbeitslosigkeit, weil sie mit den Arbeitslosen mitfühlen und selbst Angst haben den eigenen Arbeitsplatz zu verlieren [vgl. Frey & Frey Marti 2010, S. 71].

Bei einem Arbeitgeber, der nahezu gleiche Einkommen an seine Arbeitnehmer ausbezahlt, erhält von den Arbeitnehmern eine höher Leistung im Vergleich zu ungleich hohen Einkom­men. Eine gut abgesicherte Studie beobachtete neun Jahre lang 29 Baseballmannschaften mit 1600 Spielern aus höheren Ligen, anhand der Einkommensunterschiede und der erbrachten Leistung. Das Ergebnis war, dass die Mannschaften in denen es geringe Einkommensunter­schiede gab signifikant bessere Leistungen erbrachten als jene Mannschaften in denen es große Einkommensunterschiede gab [Bloom 1991, S. 25 ff]. Geringere Ungleichverteilung der Einkommen fuhrt nicht nur zu höheren Leistungen, sondern reduziert auch die Folgen die durch die hohen Statusunterschiede entstehen. Und es ist erst mal sekundär bei welcher Höhe die Einkommen angesetzt sind!

Wie haben sich die Gesundheitskosten in Deutschland entwickelt? Gibt es eine Korrelation zwischen der zunehmenden Ungleichheit auf der materiellen Ebene und den Gesundheitskos­ten? Und wennja, ist die Art und Weise der Behandlung der Krankheiten zielführend, so dass eine Gesundung wahrscheinlich wird? Beantwortet werden diese Fragen im nächsten Teilab­schnitt.

3.1.6 Ungleichheit in Deutschland

In Deutschland nimmt die materielle Ungleichheit zu, das wurde in Kapitel 2.3 herausgear­beitet. In den letzten Teilabschnitten wurde gezeigt, dass die Gesundheit der Individuen durch große Status- und Einkommensunterschiede leidet. Körperliche und psychische Er­krankungen nehmen dadurch zu. Der Epidemiologe Michael Marmot hat daraufhingewiesen, dass die Ergebnisse der Ungleichheit im Gesundheitsbereich sich kaum verändern, wenn alle gesundheitlichen Probleme der Armen heraus gerechnet werden. Eine zunehmende Un­gleichheit schadet also der Mehrheit der Bevölkerung [vgl. Wilkinson & Pickett 2010, S. 208].

Auf Deutschland bezogen bedeutet dies, dass mit zunehmender Ungleichheit die Gesund­heitskosten steigen. Von 1992 an, von damals l.960 Euro pro Kopf stiegen die Gesundheits­kosten auf 3.210 Euro im Jahr 2008. Oder ausgedrückt in absoluten Zahlen, waren es 1992 ca. 158 Milliarden Euro und 2008 bereits 263 Milliarden Euro. Die Kosten für die Gesund­heit stiegen also um das 1,64-fache an. In diesen Zahlen sind sowohl die Kosten der gesetzli­chen als auch die der privaten Krankenkassen berücksichtigt [vgl. Gesundheitsberichterstat­tung des Bundes 2011]. Obwohl Deutschland noch (!) im Mittelfeld der ungleichen Gesell­schaften liegt, macht sich die zunehmende Ungleichheit auf der materiellen Ebene schon deutlich in den Gesundheitskosten bemerkbar. Und steigt die Ungleichverteilung der Ge­samteinkommen weiter an, wie es zu erwarten ist, nehmen die Krankheiten zu und somit auch die Gesundheitskosten!

Bei der Behandlung der gesundheitlichen Erkrankungen wird der Fokus für die Veränderung und Behebung der Probleme auf die individuelle Ebene gelenkt. Verhaltenstherapien sind nur ein Mittel das eingesetzt wird psychische und körperliche Krankheiten zu beheben. Kliniken zur Rehabilitation von Fettleibigen oder psychisch Kranken tun nichts weiter als ihre Klientel zu behandeln. An den sozialen Problemen die den Einzelschicksalen zugrunde liegen ändert eine solche Behandlungsart nichts. Der ursächliche Zusammenhang zwischen sozio- ökonomischer Benachteiligungen und vermehrten gesundheitlichen Problemen wird dabei verwischt. Jedes einzelne Problem wird für sich behandelt, als verlange es, unabhängig von den anderen Problemen, eine je eigene Lösung. Fettleibigen wird gesagt, weniger essen sei besser für sie und psychisch Kranken wird vermittelt, Erholung und das in Ordnung bringen der Work-Life-Balance sei nötig um gesund zu werden. Der grundlegende Zusammenhang, dass all diese Probleme ihre gemeinsame Ursache in der materiellen Ungleichheit und der Entbehrung haben rückt nicht ins Blickfeld [vgl. Wilkinson & Pickett 2010, S. 266 - 268]. Nicht die Fettleibigkeit und die psychischen Erkrankungen sind die direkten Ursachen für die steigenden Gesundheitskosten, sondern die Quantität und die Qualität der Krankheiten neh­men aufgrund materieller Ungleichheit und hohen Statusunterschieden zu! Eine Verringerung der Einkommensunterschiede hebt den Gesundheitszustand aller in einer Gesellschaft an. Bei den Armen wirkt sich die Einkommensangleichung stärker aus als bei den Reichen. Hebt die Verringerung der Einkommensunterschiede den Gesundheitszustand aller Schichten in einer Gesellschaft um einen bestimmten prozentualen Satz an, dann bleibt die Relation zwischen den Schichten gleich. An den Unterschieden des Gesundheitszustandes ändert sich nichts. Oder anders ausgedrückt: mehr Gleichheit bringt jedem Individuum den gleichen Anteil an Verbesserung. Fünf internationale Vergleichsstudien belegen diesen Zusammenhang [vgl.: Siddiqi & Kawachi 2007, S. 63 ff., Banks & Marmot 2006, S. 2037 ff., Vagero & Lundgerg 1989, S. 35 ff., Leon, Vagero & Olausson 1992, S. 687 ff., Babones 2008, S. 1614 ff.]. Es gilt also als gesichert, dass mehr Gleichheit nicht nur den Armen hilft, sondern der Gesellschaft insgesamt [vgl. Wilkinson & Pickett 2010, S. 214 - 215]. Ethnische Konflikte als Ursache für soziale und gesundheitliche Probleme könne ausgeschlossen werden, zu diesem Ergebnis kommt eine weitere international vergleichende Studie [vgl. Ram 2006, S. 779 ff].

Auf Deutschland bezogen, bedeutet dies, dass mehr Gleichheit bei den Gesamteinkommen und die Aufhebung der „Zweiklassen“-Medizin zu einer Senkung der Gesundheitskosten beitragen würden. Dies käme den Reichen und den Armen zugute, weil die Beiträge für alle gesenkt werden könnten. Eine Gesellschaft mit mehr Gleichheit ist also für alle Gesell­schaftsmitglieder von Vorteil.

Abschließend sei folgendes gesagt: „Mehr Gleichheit ist der Königsweg in eine zukunftsfähi­ge Gesellschaft, in der sich die Lebensqualität aller Mitglieder verbessern lässt“ [vgl. Wilkin­son & Pickett 2010,S. 265].

Führen mehr Gleichheit in den Schulen und geringere Statusunterschiede zu besseren Leis­tungen, so wie dies am Arbeitsplatz der Fall ist? Oder gilt dieser Zusammenhang für Schulen nicht? Der nächste Abschnitt präsentiert die Ergebnisse.

3.2 Ungleichheit und schulische Leistungen

Um die Auswirkungen von Statusunterschieden auf die Leistungen in der Schule ermessen zu können, wird nun ein ungewöhnlicher Feldversuch skizzenhaft nachgezeichnet. An dem Feldversuch der im Auftrag der Weltbank durchgeführt wurde nahmen 642 Jungen im Alter von 11 bis 13 Jahren aus Indien teil. Die eine Hälfte der Jungen kam aus niederen Kasten, die andere Hälfte aus hohen Kasten. Es wurden je zwei Durchgänge gemacht bei denen alle Jun­gen jeweils eine Labyrinth-Aufgabe lösen mussten. Im ersten Durchgang wusste von den Jungen keiner zu welcher Kaste die anderen Jungen gehörten. Das Ergebnis des ersten Durchgangs war folgendes: Alle Jungen aus den niederen Kasten schnitten knapp besser ab als die Jungen aus den hohen Kasten. Der zweite Durchgang bestand aus weiteren Labyrinth­Aufgaben und der Unterschied zum ersten bestand darin, dass nunjeder Junge seinen Namen, sein Dorf, den Namen seines Vaters und Großvaters sagen und seine Kastenzugehörigkeit nennen musste. Das Ergebnis war, die jungen aus den niederen Kasten schnitten deutlich schlechter ab als im ersten Durchgang. Hingegen schnitten die Jungen aus den hohen Kasten deutlich besser ab als im ersten Durchgang [vgl. Hoff & Pandey 2003, S. 9 - 18]. Dieser Feldversuch zeigt eindeutig, Leistung und Verhalten bei schulischen Aufgaben hängen im hohen Maße davon ab wie die Individuen von anderen gesehen und eingeschätzt werden, sprich von den Statusunterschieden. Die Individuen aus den niederen Kasten mussten im zweiten Durchgang damit rechnen als unterlegen zu gelten und brachten deswegen schlechte­re Leistungen.

Ein weiterer, sehr aufschlussreicher Test wurde bereits 1968 von der Lehrerin Jane Elliot in den USA durchgeführt. Sie erklärte ihren Schülern, Wissenschaftler hätten herausgefunden, blauäugige Menschen seine intelligenter und hätten bessere berufliche Chancen als braunäu­gige. Dann sortierte sie die Klasse nach blauäugigen und braunäugigen Schülern. Die blauäu­gigen Schüler lobte sie und gewährte ihnen Vorteile. Das Resultat ihres Verhaltens war, die blauäugigen Schüler brachten bessere Leistungen und behandelten die braunäugigen herab­lassend. Die braunäugigen wurden unterwürfig, ängstlich und ihre Leistungen wurden schlechter. Nach ein paar Tagen, behauptete sie, sie habe sich geirrt. Die Braunäugigen haben die besseren Voraussetzungen. Ziemlich schnell kehrte sich die Gruppenbeziehung in ihr Gegenteil um [vgl. Peters 1987, S. 7 ff.].

Die Neurologische Forschung bringt diese Phänomene, dass die Statusunterschiede die Leis­tungsfähigkeit erheblich beeinflusst, auf den Punkt. Die besten Lernvoraussetzungen sind in einem anregenden Umfeld gegeben, nämlich dann, wenn das Individuum an seinen Erfolg glaubt. Fühlt sich das Individuum zuversichtlich, wohl und glücklich, dann schüttet das Ge­hirn das Glückshormon Dopamin aus. Die Gedächtnisleistung nimmt zu, die Aufmerksamkeit und die Fähigkeit Probleme zu lösen ist hoch. Hinzukommen die stimmungsaufhellenden Neurotransmitter Serotonin und Adrenalin, die die Leistungsfähigkeit optimieren. Sobald das Individuum unter Druck gerät, z.B. Angst bekommt seinen Status zu verlieren oder herablas­send behandelt wird, versorgt das Gehirn den Stoffwechsel mit dem Hormon Kortisol, dabei wird die Denkfähigkeit und Gedächtnisleistung reduziert. Das Individuum gerät in den, in Teilabschnitt 3.1.1 beschriebenen, Flucht-Kampf-Mechanismus. Also überall wo Leistung von einem Individuum gefordert wird, ob dies nun am Arbeitsplatz, in Kindergärten, Schu­len, Volkshochschulen oder Universitäten der Fall ist oder beim Auto fahren, in einem anre­genden Umfeld in dem die Individuen gleich behandelt werden steigt die Leistung an.

In der Abbildung 9 zeigt sich die eben festgestellte Korrelation zwischen dem Wohlbefinden von Schülern in den Industrieländern und der Ungleichheit. Werden die Länder die im linken oberen Quadranten zu sehen sind mit der PISA-Studie vom Jahr 2000 verglichen, so zeigt sich, dass fast alle Länder über oder im OECD-Durchschnitt liegen, sowohl bei der Lese- und Schreibkompetenz als auch bei den Naturwissenschaften. Deutschland dagegen liegt durch­weg unter dem OECD-Durchschnitt bei höherer Einkommensungleichheit. Sogar Japan, de­ren Kinder ein geringeres Wohlbefinden haben als die Kinder in Deutschland, liegt in allen drei Kompetenzfeldern über dem OECD-Durchschnitt [PISA-Studie 2000, S.8].

Japan ist das Land mit der ge­ringsten Ungleichverteilung aller Industrieländer. Umso grö­ßer die Ungleichverteilung wird umso schlechter schneiden die Länder in der PISA-Studie ab.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 9: Ungleichheit und Wohlbefinden der Kinder fvgl. Wilkinson & Pickett (C) 20101

Auf Deutschland bezogen füh­ren alle politischen Maßnahmen im Bildungsbereich die die Un­gleichheit verstärken zu gerin­geren Leistungen aller Individu­en. Die Einführung von Studien­gebühren ist eine politische Maßnahme die die Ungleichheit verstärkt hat!

Anders ausgedrückt: Politiker hätten die Möglichkeit wirklich etwas Gutes zu tun, indem sie auf die Einkommensungleichverteilung einwirken, somit den Statusunterschied reduzieren und als Ergebnis eine Jugend entstehen könnte die bessere Leistung erbringen würde. Nur eine wohlwollende Umgebung gepaart mit einer geringen Bedeutung des sozialen Status bringen Individuen zu Spitzenleistungen. Siehe Finnland, Japan und Norwegen.

Welche Rolle spielt das Vertrauen im Kontext von Einkommensungleichheit? Hat der Status­unterschied überhaupt einen Einfluss auf das Vertrauen? Es ist in einer gut funktionierenden Gesellschaft unabdingbar! Der nächste Abschnitt wird sich mit diesem Thema beschäftigen.

3.3 Ungleichheit und Vertrauen

Die Individuen neigen dazu Statusunterschiede am Lebensstandard zu messen und Freunde werden nach dem gleichen Lebensstandard ausgesucht. Mit viel reicheren oder mit viel ärme­ren hat das Individuum wenig zu tun. Es fällt einfacher, Menschen zu vertrauen die uns gleich sind bzw. es fällt uns schwerer Individuen zu vertrauen die uns fremd sind bzw. mit denen wir keinen oder kaum Kontakt haben. Unser Mitgefühl hängt also von der eigenen hierarchischen Position in der Gesellschaft ab. Mit den Individuen in der eigenen Gruppe lässt sich besser mitfühlen als mit der Fremdgruppe [vgl. Wilkinson & Pickett 2010, S. 67 - 681.

Aus dem European Values Survey und dem World Values Survey wurden Daten entnommen um die Korrelation zwischen Vertrauen und Einkommensun­gleichheit herauszufinden. Das Ergebnis ist eindeutig. Umso ungleicher die Einkommen in einer Gesellschaft verteilt sind umso weniger vertrauen sich die Mensch untereinander. Das Ver­trauensniveau in den Ländern aus der Abbildung 10 variiert um das 6-fache! In Schweden, in Abb. 10: Ungleichheit und Vertrauen [vgh Wilkinson dem das Vertrauen unter den & Pickett(D)2010]

Individuen sehr hoch ist, stimmen 66 % der Aussage zu: „Den meisten Menschen kann man trauen“, in Portugal, in dem das Vertrauen sehr niedrig eingestuft wurde, stimmen dieser Aussage nur 10 % zu!

Bo Rothstein und Eric Uslaner schreiben zur Kausalkette zwischen Vertrauen und Einkom­mensungleichheit:“ Es gibt keinen direkten Einfluss des Vertrauens auf die Ungleichheit, vielmehr beginnt die Kausalkette mit der Ungleichheit“, weiter heißt es, dass „Vertrauen in einer ungleichen Welt nicht wachsen kann“ [Rothstein & Uslaner 2005, S. 55 ff.]. Die Ein­kommensungleichverteilung sei der entscheidende Faktor - wichtiger als die Arbeitslosen­quote, Inflation und Wirtschaftswachstum [vgl. Uslaner 2002, S. 187]. Der Politologe Robert Putman von der Harvard University schreibt zu Ungleichheit und soziales Kapital (soziales Kapital = die Teilnahme der Bürger am Gesellschaftlichen Leben): „Gemeinschaft und Gleichheit verstärken sich gegenseitig. [...] Fast das ganze 20. Jahrhundert lang entwickelte sich wirtschaftliche Gleichheit und soziales Kapital parallel. Was die Verteilung von Vermö­gen und Einkommen angeht, herrschten in Amerika in den 1950er und 1960er Jahren egalitä­rere Verhältnisse als in den hundert Jahren zuvor [.] und in diesen Jahrzehnten zeigten auch soziale Bindungen und öffentliches Engagement der Bürger die besten Werte. Damals er­reichten Gleichheit und soziales Kapital zur gleichen Zeit einen Höhepunkt. Das letzte Drittel des 20. Jahrhunderts dagegen war eine Periode zunehmender Ungleichheit, in der auch das soziale Kapital schwand [...] Die zeitliche Konvergenz der beiden Trends ist unübersehbar: Etwa zwischen 1965 und 1970 fanden in Amerika ein Kurswechsel statt, die wirtschaftliche Ungleichheit nahm zu und zugleich verringerte sich die soziale und politische Vernetzung“
[Putman 2000, S. 359 ff.]. Demzufolge kann Vertrauen, was unabdingbar ist für soziales Ka­pital, durch zunehmende ungleiche Einkommens- und Vermögensverhältnisse zerstört wer­den. Zunehmende Gleichheit führt hingegen zur Stärkung des Vertrauens unter den Individu­en in einer Gesellschaft.

Aus medizinischer Sicht wird im Körper von Individuen die sich gegenseitig vertrauen das Hormon Oxytocin ausgeschüttet. Oxytocin ist für den sozialen Zusammenhalt und die Bin­dung an ein anderes Individuum verantwortlich. Vorausgesetzt die Gleichheit nimmt zu, so nimmt auch die Ausschüttung des Hormons Oxytocin zu und nimmt die Ausschüttung des Hormons zu, so steigt das Vertrauen an. Dieser Effekt wurde in Studien herausgefunden [vgl. Kosfeld & Heinrichs 2005, S. 673 ff]. Überzeugende Untersuchungen kamen zu dem Ergeb­nis, dass in einer Gesellschaft in der ein hohes Vertrauensniveau herrscht die Individuen län­ger leben [vgl. Barefoot & Maynard 1998, S. 522].

Vertrauen ist die Voraussetzung für die Kooperationsbereitschaft der Individuen untereinan­der, für Freundschaften und für das Funktionieren der Zivilgesellschaft im Allgemeinen. Ist das Vertrauensniveau in einer Gesellschaft hoch, dann fühlen sich die Individuen sicher und sie pflegen eher einen kooperativen als einen konkurrierenden Umgang miteinander [vgl. Wilkinson & Pickett 2010, S. 73 - 74].

Eine von der Bertelsmann Stiftung in Auftrag gegebene Studie besagt, dass in Deutschland bis in die 70er Jahren die Lebensbedingungen geprägt waren von wertschätzenden Formen der Zusammenarbeit, strategischen Wachstumsimpulsen, Kompetenz und Glaubwürdigkeit. Ab den 80er Jahren fand eine Vertrauenserosion statt. Der Erhalt des erreichten Lebensstan­dards, die Förderung von Leistungseliten, vom Bürger entkoppelte Interessenvertretungen, soziale Ungerechtigkeiten und Egoismus nahmen überhand. Die Finanzkrise brachte lediglich das „Fass zum Überlaufen“. 96 Prozent der befragten sind der Meinung, dass sie in Deutsch­land fehlinformiert und betrogen werden, so die Studie [vgl. Arpe 2009, S. 3 ff.].

Eine weitere Studie die die Trends der Ungleichverteilung der Einkommen in Deutschland und anderen Ländern in den 1980er und 1990er Jahren untersuchte, kam zu dem Ergebnis, dass der gewichtigste Einzelfaktor für die zunehmende Ungleichverteilung der Leistungsein­kommen die Gewerkschaften sind. Dabei wurde gezeigt, dass eine enge Relation besteht zwi­schen zunehmender Ungleichheit der Löhne und Gehälter und dem Mitgliederschwund der Gewerkschaften [vgl. Weeks 2005, S. 7 ff].

Es lässt sich weiter zeigen, dass in derselben Zeit als das Vertrauen sank und die Ungleich­verteilung der Gesamteinkommen rapide zunahm, das Weltwirtschaftsystem sich änderte, wovon Deutschland nicht unbetroffen blieb. Um die 1970er Jahre war der Keynesianismus am Ende, gescheitert an der Inflation. Abgelöst wurde er durch den Neoliberalismus der mit Milton Friedmann in Verbindung steht. Ersterer sieht den Staat als wichtigen Akteur im Wirtschaftsgeschehen, weil er die Wirtschaft zu lenken vermag und eine Umverteilung er­möglicht die eher zu einer Gleichverteilung der Einkommen und Vermögen führte. Zweit- eren sieht den Staat eher als Behinderung für das freie Kräftespiel des Marktes an. Viele Er­rungenschaften sind ab den 80er Jahren bis heute zunichte gemacht, wie z.B. der Kündi­gungsschutz. Ein Faktor ist sicherlich der Schwund der Verhandlungsmacht der Gewerk­schaften. Im Neoliberalismus sorgt der Markt selbst nicht für Gleichheit. Er belohnt die Ver­mögenden, die Zinsen auf ihr Kapital erhalten und beschert Spitzenverdienste für Individuen die besondere Fähigkeiten haben oder schlicht Glück gehabt haben in einer Boombranche zu arbeiten. Er bestraft alle anderen, die weniger leistungsfähig sind oder den falschen Beruf gelernt haben [vgl. Schieritz 2009].

Der kausale Zusammenhang ist also folgender: Nimmt die materielle Ungleichheit zu, auf­grund von Systemänderungen, schwindet das Vertrauen der Individuen in einer Gesellschaft. Der Staat und die Gewerkschaften und noch nicht gezeigt Zusammenhängen (siehe hierzu Abschnitt 4.2 ff.) spielen wohl eine entscheidende Rolle ob es in einem Land eher zu einer Gleichverteilung der Einkommen und Vermögen kommt oder nicht.

Zusammengefasst lässt sich also sagen: Durch den Wechsel der Ideologien entstanden zu­nehmend soziale und gesundheitliche Probleme, wofür der Staat nicht verantwortlich ge­macht werden kann. Denn sicherlich hatte die Regierung nicht den Plan, Vertrauen zu zerstö­ren, Fettleibigkeit und psychische Probleme zu fördern und schulischen Leistungen zu redu­zieren. Eine veränderte ideologische Ausrichtung einer Regierung bzw. eine sich an die ge­änderten Umstände nicht „richtig“ angepasste politische Ausrichtung, kann zu einer anderen Einkommens- und Vermögensverteilung führen, die zu einer Verschärfung der sozialen und gesundheitlichen Probleme führt.

In den volkswirtschaftlichen Theorien spielen die Faktoren Steuern, staatliche Leistungen, internationaler Wettbewerb, technologische Entwicklung und der Bedarf der Industrie an gut ausgebildeten Arbeitskräften eine primäre Rolle. Dabei gibt es keinen direkten Wirkungszu­sammenhang zwischen diesen Faktoren und von sozialen und gesundheitlichen Problemen [vgl. Wilkinson & Pickett 2010, S. 218 - 219].

Trifft der Kausalzusammenhang zwischen Einkommens- und Vermögensungleichheit und Vertrauensreduktion, sozialen, gesundheitlichen und schulischen Problemen zu, dann muss es auch einen Wirkungsmechanismus geben der benannt werden kann. Der Wirkungsmecha­nismus stellt die Art der Beziehungsform dar, die in einer Gesellschaft dominant ist.

Welche verschiedenen Arten von Beziehungsformen es in unterschiedlichen Gesellschaften gibt, die sichje nach Einkommens- und Vermögensverteilung unterscheiden, zeigt der nächs­te Abschnitt.

3.4 Status vs. Freundschaft

Nach den bisherigen Betrachtungen können also zwei Gegensatzpaare für eine Beziehung identifiziert werden, nämlich Status und „Freundschaft“.

Status ist dadurch gekennzeichnet, dass es in einer Gesellschaft ein starkes hierarchisches Gefälle gibt. Die Einkommensunterschiede sind enorm. In einer solchen Gesellschaft ist Ego­ismus, Macht, Zwang und Vorrechte auf Ressourcen ohne Rücksicht auf die Bedürfnisse der anderen das dominante Verhalten der Individuen, es ist das Kennzeichen des vorherrschen­den Beziehungsverhältnisses. In der einfachsten tierischen Form bedeutet das: Der Stärkere hat Recht und die Schwächsten kommen zu kurz. In solchen Gesellschaften sind alle Indivi­duen im Durchschnitt kränker, die Leistungsfähigkeit ist niedriger und die Individuen trauen einander nicht.

Die „Freundschaft“ ist von einer Art Beziehung gekennzeichnet die in fast allen Aspekten das Gegenteil darstellt. Die Einkommensunterschiede sind klein. Hier geht es um Ausgleich, um Gegenseitigkeit, soziale Verpflichtungen, Zusammenarbeit und die Anerkennung der Bedürf­nisse der anderen und ihnen gerecht werden zu wollen kennzeichnen die Beziehungsverhält­nisse der Individuen. Kinder in solchen Gesellschaften haben bessere Chancen in der Schule, im Durchschnitt sind alle Individuen gesünder, freuen sich mehr am Leben und ein hohes Vertrauensniveau herrscht.

In allen vorgestellten Ländern kommen beide Beziehungsformen mehr oder weniger vor. Es gibt also kein Land in dem nur die „Eine“ Beziehungsform vorhanden ist. Der Unterschied liegt darin, dass in Ländern wie den USA, Portugal und England der Status überwiegt, wohl auch immer mehr in Deutschland. In Ländern wo die Einkommensunterschiede gering sind, ist das freundschaftliche Verhältnis dominant [vgl. Wilkinson & Pickett 2010, S. 224 - 225]. Bei letzterem stechen Japan und die skandinavischen Länder hervor.

„Die Korrelation zwischen Gesundheit und Gleichheit brachten uns auf den Gedanken, dass psychosoziale Prozesse im Zusammenhang mit sozialer Differenzierung einen Mechanismus darstellten, durch den Ungleichheit zur Ursache gesundheitlicher Probleme wurde“ schreiben Wilkinson und Picket [Wilkinson & Pickett 2010, S. 221]. Die Ausgestaltung der sozialen Beziehungen in einer Gesellschaft stellt also den Kitt dar den eine Gesellschaft tendenziell kränker oder gesünder werden lässt. Die Einkommens- und Vermögensverteilung spielen dabei die entscheidende Rolle!

Abschließend sei noch ein Beispiel genannt, das zeigt, dass das Individuum unter wohlwol­lenden Bedingungen altruistisch handelt.

Wirtschaftliche Theorien gingen meist von der Annahme aus das individuelle Verhalten sei gekennzeichnet durch Maximierung der Eigeninteressen. Dass dies nicht absolut stimmt son­dern höchstens relativ wurde vom deutschen Ökonomen Werner Guth anhand des Ultima­tumspiels gezeigt: Dabei wird einem freiwilligen (A) eine beträchtliche Summe an Geld an­geboten. Das Geld darf er nur behalten, wenn er einen Teil an eine Unbekannten (B) abgibt und dieser die abgegebene Summe akzeptiert. A legt die herausgegebene Summe selbst fest. A lernt den B nie kennen, er bleibt ein Fremder. Wären die Individuen absolute Egoisten, also nur Nutzenmaximierer, dann würde A 99 % des Geldes behalten, weil er ja damit rech­nen kann, dass B, ebenfalls Nutzenmaximierer ist und somit mit dem wenigen Geld zufrieden ist. Besser ein bisschen Geld als gar keins, sagt sich B. Aber keiner entscheidet sich so.

Die meisten B-Spieler lehnen bei weniger als einem Viertel empört ab. Und A scheint dies zu wissen. Es verstößt gegen sein Gerechtigkeitsempfinden. Nur Altruismus kann erklären, dass der B-Spieler nicht auf jedes Angebot eingeht: Wichtiger als sein persönlicher Gewinn ist ihm, dass unter den Individuen Gerechtigkeit herrscht - auch wenn er dafür selbst Nachteile in Kauf nehmen muss. In den Industrieländern wird A ein Angebot zwischen 43 und 48 Pro­zent machen, also die Geldsumme beinahe gleichberechtigt teilen [vgl. Henrich & Boyd 2004]. Warum ist das so? Das Belohnungszentrum im Gehirn wird durch das Gefühl des wechselseitigen Zusammenwirkens aktiviert, auch dann wenn, kein Sichtkontakt und persön­liche Kommunikation vorhanden sind. Kooperation wird also belohnt und selbstsüchtigem Verhalten wird entgegengewirkt [vgl. Rilling & Gutman 2002, S. 400].

Zwar ging es in diesem Spiel nicht um das Ungleichheitsniveau in Gesellschaften, doch zeigt es wie gleich oder ungleich Individuen eine Geldsumme untereinander aufteilen [vgl. Wilkin­son & Pickett, S. 228]. Es ist also wichtig für das eigene Wohlbefinden, dass Individuen ge­recht handeln. Dies gilt sowohl für die Reichen als auch für die Armen einer Gesellschaft. Für das Individuum ist Freundschaft ein Lebenselixier, Vertrauen und Zusammenarbeit ma­chen uns Freude. Die immateriellen „Güter“ wie Freundschaft, Vertrauen, Gegenseitigkeit und Wertschätzung sind also für unser Wohlbefinden besonders ausschlaggebend.

Welche Möglichkeiten gibt es um die zunehmende Ungleichverteilung zu stoppen und die Verteilung der Einkommen zu einer gleicheren Verteilung hinzuführen? Das nächste Kapitel befasst sich unter anderem mit dieser Frage.

4. Wege zur Gleichverteilung der Einkommen?

Hierbei muss unterschieden werden zwischen der Ebene der Ungleichverteilung der Leis­tungseinkommen und der Ebene der leistungslosen Einkommen. Als erstes wird nun im Ab­schnitt 4.1 gezeigt werden wie es bei den Einkommen aus Leistung zu einer geringeren Un­gleichverteilung kommen kann und als zweites, in Abschnitt 4.2, wie die zunehmende Un­gleichverteilung der leistungslosen Einkommen entstehen und die daraus resultierenden Fol­gen.

4.1 Gleichverteilung der Leistungseinkommen

Hierbei handelt es sich, wie bereits oben genannt worden ist, um Lohn und Gehalt die aus körperlicher oder geister Arbeit erzielt werden.

Die Politik ist ein wichtiger Faktor der die Ungleichverteilung der Leistungseinkommen re­duzieren kann. Hartmut Rosa schreibt: “... die Politik [hat] in den vergangenen Jahrzehnten ihre klassisch-moderne Rolle als Schrittmacher sozialer Entwicklung verloren. Verzweifelt versucht sie, Feuer zu löschen und das Schlimmste zu verhindern. Doch ihr Gestaltungsan­spruch verblasst“ [Rosa 2009, S. 48]. Dem lässt sich entgegen halten, dass sie ihren Gestal­tungsspielraum anders einsetzten könnte, als sie es momentan tut und somit zumindest theo­retisch sich Gestaltungsspielräume neu erschließt aus denen dann praktische Handlungen abgeleitet werden könnten.

Roger Wilkinson antwortet auf die Feststellung, dass die Politik in Deutschland den Grund fur die zunehmende Kluft zwischen Arm und Reich in dem technischen Wandel und der Glo­balisierung sieht, folgendermaßen: „Ich glaube, die deutsche Politik macht es sich mit einer solchen Ansicht viel zu einfach. Der amerikanische Nobelpreisträger Paul Krugman jeden­falls ist wie ich der Meinung, dass für die wachsende Ungleichheit die Politik ganz entschei­dend verantwortlich ist. Schließlich waren die ersten Nachkriegsjahrzehnte in allen westli­chen Industrienationen von wachsender Gleichheit geprägt“ [Jungclausen & Tenbrock 2010, S. 28].

Die Frage ist nun, wie kann die Politik Einfluss nehmen auf die Verteilung der Leistungsein­kommen? Ein Blick in die Geschichte gibt Antwort.

Als Folge des „New Deals“ in den Vereinigten Staaten von Amerika in den dreißiger Jahren unter Franklin D. Roosevelt wurden die sozialen Unterschiede tatsächlich innerhalb von drei Jahrzehnten nivelliert. Dies geschah durch einen Spitzensteuersatz für sehr hohe Einkommen von 79 Prozent, der später sogar noch auf 91 Prozent anstieg. Hinzukam eine Erbschaftssteu­er mit einem zeitweisen Spitzenwert von 77 Prozent [vgl. Misik 2010, S. 10]. In den 1950er Jahren gab es kaum Länder die im Gesundheitsbereich bessere Werte aufwiesen als die USA. Die Lebenserwartung war in den USA einer der Besten. Japan lag im Gegensatz dazu weit hinten [vgl. Wilkinson & Pickett, S. 216]. „Die Wende kam erst mit der Liberalisierungspoli­tik von Roland Reagan und Margaret Thatcher in den achtziger Jahren. Und nach der Wie­dervereinigung ist Deutschland mehr oder weniger demselben Modell gefolgt“ [Jungclausen & Tenbrock 2010, S. 28].

In den achtziger Jahren hatte Japan die höchste Lebenserwartung, während die USA fast auf den heutigen Platz 30 abgerutscht war. Die Verringerung der Einkommensunterschiede in Japan in den vier Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg verbesserte die Gesundheit der Bevölkerung rapide. Dem gegenüber wuchsen die Einkommensunterschiede in den USA ab etwa den 70er Jahren [vgl. Wilkinson & Pickett, S. 216].

Es gibt zwei Möglichkeiten die zu einer relativen Gleichverteilung der Einkommen führen. Die erste ist dann anzuwenden, wenn sehr ungleiche Einkommen vor Steuern in einer Gesell­schaft gezahlt werden. Dies ist zum Beispiel momentan in Schweden der Fall. Dabei wird durch Höherbesteuerung und durch Steuererleichterung eine Angleichung der Nettoeinkom­men erreicht. Schweden gehört mit Japan zu den Industrieländern mit der geringsten Un­gleichverteilung. Im Gegensatz zu Schweden erreicht Japan über die zweite Möglichkeit ge­ringe Ungleichverteilung. In Japan werden die Bruttoeinkommen angeglichen. Dies erfordert weniger Umverteilung durch den Staat. Dort herrschen sehr enge Verbindungen zwischen der Unternehmensführung und den Gewerkschaften. Der japanische Arbeitgeberverband hat her­ausgefunden, dass 15 Prozent der Direktoren großer Unternehmen zuvor Gewerkschaftsfunk­tionäre waren [vgl. Benson 1996, S. 371 ff.]. Obwohl sich die Länder in vielen Dingen unter­scheiden, die nichtehelichen Geburten sind in Schweden sehr hoch in Japan niedrig, der An­teil der Frauen und Männer in der Politik ist in Schweden etwa gleich hoch in Japan dagegen gilt das Gegenteil. Die Gründe für die Platzierung auf der Gleichheitsskala sind ebenfalls unterschiedlich.

[...]

Ende der Leseprobe aus 155 Seiten

Details

Titel
Humane Wirtschaft - Realität oder Utopie?
Untertitel
Von der Ungleichverteilung zur Gleichverteilung
Hochschule
Universität Hohenheim
Note
2,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
155
Katalognummer
V175113
ISBN (eBook)
9783640959907
ISBN (Buch)
9783640960088
Dateigröße
3302 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
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Schlagworte
Silvio Gesell, Zins, Exponentielles Wachstum, Wirtschaftskrise, umlaufgesicherte Waehrung, Zinstreppe, Bernd Senf, Helmut Creutz, Picket, Wilkinson
Arbeit zitieren
Matthias Müller (Autor), 2011, Humane Wirtschaft - Realität oder Utopie?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/175113

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