Zweifellos erweckt auch der ungewöhnliche, oder um in Goethes Worten zu sprechen, der „unerhörte“ Titel der Novelle das Interesse der Leser, denn die beiden Substantive ‚Ermordung’ und ‚Butterblume’ scheinen sich auf den ersten Blick definitiv auszuschließen, vor allem weil es sich nicht um eine edle oder vor dem Aussterben bedrohte Art, sondern nur um eine wie Unkraut wuchernde Blume handelt, die überall am Wegrand wächst. Mit der Prosopopöie, bei der Dingen menschliche Züge verliehen werden, wird schon im Titel angedeutet, das in dieser Erzählung ein Perspektivwechsel vollzogen werden wird, der alle bis dahin feststehend geglaubten Kategorisierungen einstürzen lässt.
Döblin verwendet die Topoi der Jahrhundertwende, die Ich-Dissoziation und das Problem der Wahrnehmung in seiner Erzählung, um das pervertierte kleinbürgerliche Leben des Kaufmanns und durch ihn, das der gesamten bürgerlichen Gesellschaft dieser Zeit, zu karikieren.
Inhaltsverzeichnis
0. Einleitung
1. Hinführung an die Theorie der Literatur des Expressionismus
1.1 Übergang von der traditionellen Mimesis zur modernen Semiotik
1.2 Der Bruch mit der Bürgerlichkeit
1.3 Döblins Programm der Literatur des Expressionismus
2. Ich-Zerfall und Wahnsinn am Beispiel der Ermordung einer Butterblume
2.1 Psychoanalyse und ihre Einflüsse auf Döblin
2.2 Die Auflösung und der Wahnsinn des Michael Fischer
3. Schluss
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht Alfred Döblins Erzählung „Ermordung einer Butterblume“ als exemplarisches Werk der expressionistischen Prosa. Das Hauptziel der Analyse besteht darin, das psychologische Abgleiten des Protagonisten Michael Fischer in den Wahnsinn vor dem Hintergrund der zeitgenössischen literaturtheoretischen Ansätze des Expressionismus sowie der psychoanalytischen Einflüsse von Sigmund Freud zu deuten.
- Die expressionistische Literaturtheorie und der Wandel von Mimesis zu Semiotik.
- Die kritische Abgrenzung der Expressionisten von der bürgerlichen Lebensweise ihrer Elterngeneration.
- Die theoretischen Grundlagen Alfred Döblins für eine moderne Prosa.
- Die Anwendung der Psychoanalyse zur Interpretation von Ich-Dissoziation und Wahnsinn.
- Die Analyse der Figur Michael Fischer und deren Verhalten als Ausdruck eines psychischen Zerfalls.
Auszug aus dem Buch
Die Auflösung und der Wahnsinn des Michael Fischer
Bei der Betrachtung des Wahnsinns des Protagonisten Michael Fischer und seinen Ursprüngen kann man zwei Zeitpunkte als Beginn der Psychose festlegen: Entweder während des Köpfens der Blume: Außer sich stand der Dicke einen Augenblick da. Der steife Hut saß ihm im Nacken. Er fixierte die verwachsenen Blumen, um dann mit erhobenem Stock auf sie zu stürzen und blutroten Gesichts auf das stumme Gewächs loszuschlagen [...] mit blitzenden Augen ging der Herr weiter oder aber, und dies erscheint sinnvoller, der Ursprung seiner Psychose wird an einem Zeitpunkt vor Beginn der Erzählung festgemacht, denn retrospektiv wird immer wieder im Text auf sein gestörtes Verhalten zu seiner Umwelt und seine diversen Zwänge eingegangen, die ja auch schon vor der Handgreiflichkeit gegenüber der Blume vorhanden waren, denn „mit jenen heftigen aber wohlgezielten Handbewegungen [...] mit denen er seine Lehrlinge zu ohrfeigen gewohnt war, wenn sie nicht gewandt genug die Fliegen im Kontor fingen und nach der Größe sortiert ihm vorzeigten.“
Fischer wird in die Erzählung namenlos als der „schwarzgekleidete Herr“ eingeführt und nur spärlich durch weitere Ausführungen nachgezeichnet. Doch dies ist auch schon das Einzige, was wir über Fischer erfahren. Über sein soziales Umfeld bleibt der Leser, bis auf die Erwähnung seines Arbeitsplatzes und seiner Haushälterin, im Unklaren. So gilt er, weil nicht bis ins Detail charakterisiert, dafür aber mit den typischen Attributen des bürgerlichen Spießers seiner Zeit ausgestattet, als allgemeiner Vertreter des zu Wohlstand und Macht aufgestiegenen (Klein-) Bürgers.
Zusammenfassung der Kapitel
0. Einleitung: Diese Einführung erläutert die Relevanz von Döblins Erzählung als Paradebeispiel des Expressionismus und skizziert die Fragestellung zur Darstellung des Wahnsinns.
1. Hinführung an die Theorie der Literatur des Expressionismus: Das Kapitel vergleicht traditionelle Literaturtheorien mit expressionistischen Ansätzen und untersucht den Wandel hin zur Semiotik.
1.1 Übergang von der traditionellen Mimesis zur modernen Semiotik: Hier wird der historische Wandel des Subjektbegriffs analysiert, der die traditionelle harmonische Vorstellung der Figur in der Literatur auflöst.
1.2 Der Bruch mit der Bürgerlichkeit: Es wird untersucht, wie die expressionistischen Autoren durch eine Abkehr vom bürgerlichen Habitus und die Hinwendung zum Pathologischen ihre Distanz zur Elterngeneration ausdrückten.
1.3 Döblins Programm der Literatur des Expressionismus: Dieses Kapitel erläutert Döblins theoretische Forderungen an eine neue Prosa, insbesondere die "lebendige Totalität" und die Objektivität des Erzählens.
2. Ich-Zerfall und Wahnsinn am Beispiel der Ermordung einer Butterblume: Der Fokus liegt auf der Analyse der psychischen Destabilisierung der Hauptfigur im Kontext zeitgenössischer gesellschaftlicher Krisen.
2.1 Psychoanalyse und ihre Einflüsse auf Döblin: Es wird dargelegt, wie die Lehre Freuds zur Analyse von Ich-Dissoziation und zur Dekodierung von Symbolen in der Literatur genutzt werden kann.
2.2 Die Auflösung und der Wahnsinn des Michael Fischer: Eine detaillierte Textanalyse beschreibt, wie Fischer versucht, seine Psychose durch eine Bürokratisierung seines Verhaltens zu kontrollieren.
3. Schluss: Die Arbeit fasst die Ergebnisse zusammen und reflektiert kritisch das Verhältnis zwischen Döblins theoretischen Schriften und seiner literarischen Praxis.
Schlüsselwörter
Expressionismus, Alfred Döblin, Ermordung einer Butterblume, Michael Fischer, Psychoanalyse, Sigmund Freud, Ich-Zerfall, Wahnsinn, Bürgerlichkeit, Jahrhundertwende, Literaturtheorie, Mimesis, Semiotik, Identitätsspaltung, Bewusstseinsstrom.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert Alfred Döblins expressionistische Erzählung „Ermordung einer Butterblume“ und untersucht, wie der Protagonist Michael Fischer psychisch zerfällt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die expressionistische Literaturtheorie, der Einfluss der Psychoanalyse auf die zeitgenössische Literatur sowie die Darstellung von Wahnsinn als Reaktion auf gesellschaftliche Umbrüche.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Die Arbeit zielt darauf ab, durch eine Textanalyse zu zeigen, wie die Figur Michael Fischer durch ihre psychische Dissoziation sowohl als Individuum als auch als Vertreter des bürgerlichen Spießertums porträtiert wird.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Textanalyse angewandt, die durch theoretische Konzepte des Expressionismus sowie psychoanalytische Ansätze von Sigmund Freud fundiert wird.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der systematischen Untersuchung der literarischen Theorien Döblins und einer tiefgehenden Analyse des Wahnsinns der Figur Michael Fischer in der Erzählung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere Expressionismus, Psychoanalyse, Ich-Zerfall, Wahnsinn, Identitätsspaltung und die spezifische Poetik Alfred Döblins.
Wie beeinflusst der "Kinostil" laut der Arbeit die Erzählweise?
Der Stil wird als neuartig beschrieben, da er durch Perspektivwechsel, Zeit- und Raumsprünge sowie die Darstellung von Simultanität filmische Mittel auf die Literatur überträgt.
Warum ist die "Bürokratisierung" für Michael Fischers Wahn so bedeutend?
Fischer versucht, seine psychische Krise durch zwanghafte, ordnungsliebende und bürokratische Verhaltensmuster zu strukturieren, was jedoch sein Scheitern und den Fortschritt seiner Psychose nicht verhindern kann.
- Arbeit zitieren
- Carola Beck (Autor:in), 2007, Die Spaltung des Ichs und der Wahnsinn in der Literatur des Expressionismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/175310