Hooligangewalt im Kontext des Kulturphänomens Fußball


Facharbeit (Schule), 2010

19 Seiten, Note: 1


Leseprobe

INHALT

1 Einleitung
1.1 Fragestellung der Arbeit
1.2 Konzept der Arbeit

2 Begriffsdefinitionen
2.1 Gewalt
2.2 Subkultur
2.3 Hooligan

3 Charakterisierung der Hooligans als Gruppe und als Subkultur
3.1 Erscheinungsbild
3.2 Zusammensetzung der Subkultur
3.3 Die Gruppe: Organisation, Hierarchie und Ideale

4 Motivation für Hooliganismus
4.1 Fußball als mobilisierendes Ereignis: Die Entwertungsthese
4.2 Die Rolle der Gruppe: Gewalt als Mittel zur Identitätsbildung
4.3 Die Rolle der Gewalt: Weiterführende Ursachenforschung
4.3.1 Fortbestehen traditioneller Männlichkeitsnormen
4.3.2 Die Suche nach dem „Kick“
4.3.3 Die Wechselbeziehung von Sportler- und Zuschauergewalt

4.3.4 Stigmatisierung und übermäßig starke repressive Maßnahmen gegenüber Fans seitens Verein und Polizei

5 Resümee

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

1.1 Fragestellung der Arbeit

„Wir werden uns ewig jagen, gegenseitig auf die Schnauze schlagen – für immer

Kategorie C!“[1]

Kategorie C – dabei handelt es sich um eine Einteilung, welche die ZIS[2] bei Fußballfans vornimmt: Kategorie-A-Fans sind konsumorientierte, friedliche Zuschauer. Kategorie-B-Fans sind meist fußballzentriert und in Extremsituationen, beispielsweise nach Provokationen, durchaus gewaltbereit. Kategorie-C-Fans sind erlebnisorientierte und deshalb gewaltsuchende Fans, die oftmals mehr Interesse an der „dritten Halbzeit“, der Prügelei nach einem Fußballspiel, haben als am Spiel selbst.[3] Man bezeichnet diese Fans gemeinhin auch als Hooligans. In der Saison 2006/07 gab es in den beiden deutschen Profiligen 2308 Fans, die in die Kategorie C eingestuft wurden.[4]

Das Phänomen des Hooliganismus existiert im deutschen Fußball ungefähr seit den 1970er-Jahren. Großes öffentliches Aufsehen erregte es allerdings erst später, etwa mit Ausschreitungen im Jahr 1985 in Brüssel. Bei dem Europapokal-Endspiel zwischen dem FC Liverpool und Juventus Turin kamen dort 39 Menschen ums Leben, 400 wurden schwer verletzt.[5] Der vielleicht prominenteste Fall von Hooligangewalt ereignete sich 1998 bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Frankreich: Der französische Polizist Daniel Nivel wurde von deutschen Hooligans niedergestreckt und am Boden liegend weiterhin getreten und geschlagen. Er trug massive, bleibende Gesundheitsschäden davon; die beteiligten Hooligans wurden zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt.[6]

Angesichts solcher Gewaltexzesse und angesichts der Einstellung, die Hooligans offenbar dazu haben, drängen sich zahlreiche Fragen auf: Was ist der Grund für die Existenz einer Subkultur, die sich anscheinend ausschließlich zum Zweck der Gewaltausübung gebildet hat? Wieso eskaliert die Situation dabei nur allzu häufig? Haben Hooligans Spaß an stumpfer Gewalt, Spaß daran, andere Menschen schwer zu verletzen oder gibt es differenzierte Gründe für ihr Verhalten?

Um diese Fragen zu beantworten, ist es unumgänglich, sich genauer mit den Hooligans auseinanderzusetzen, indem man die Zusammensetzung ihrer Subkultur untersucht und gleichzeitig mit besonderem Augenmerk auf der Hooligangruppe nach den Ursachen der Gewalt forscht.

1.2 Konzept der Arbeit

Zunächst sollen einige für das Verständnis der Arbeit notwendige Begriffe definiert werden. Im Einzelnen sind dies die Termini „Gewalt“, „Subkultur“ und „Hooligan“ beziehungsweise „Hooliganismus“. Anschließend werden die Hooligans sowohl als Gruppe als auch als Subkultur charakterisiert, indem ihr Erscheinungsbild untersucht und nachgeforscht wird, aus welchen sozialen Schichten sie sich primär rekrutieren. Des Weiteren soll die Hooligangruppe in ihrer Gesamtheit einer genaueren Betrachtung unterzogen werden – dazu wird den Fragen nachgegangen, wie eine solche Gruppe organisiert ist, wie die Hierarchie innerhalb derselben aussieht und ob es Ideale gibt, welche die Gruppenmitglieder verbinden und für Zusammenhalt sorgen. Hier stellt sich auch die Frage nach der Einhaltung eines so genannten Ehrenkodex, der bestimmte Verhaltensvorschriften für die Hooligans macht.

Hierauf soll die Motivation für Hooliganismus gründlich untersucht werden: Dabei wird zunächst auf den Fußball als mobilisierendes Ereignis eingegangen und sich dann nochmals mit der Bedeutung der Hooligangruppe beschäftigt. An dieser Stelle soll herausgearbeitet werden, welche Rolle die Gruppe als solche für die Gewaltbereitschaft spielt. Eng damit verknüpft ist die allgemeine Ursachenforschung in Bezug auf die Gewalt – neben der Gruppe gibt es eine Reihe weiterer beeinflussender Faktoren, die ebenfalls möglichst ausführlich Beachtung finden sollen.

2 Begriffsdefinitionen

2.1 Gewalt

Der allgemeine Gewaltbegriff ist relativ weit gefasst und daher stellenweise „konturenlos“[7]. Definiert man ihn wie Theunert als „Manifestation von Macht und/oder Herrschaft, mit der Folge und/oder dem Ziel der Schädigung von einzelnen oder Gruppen von Menschen“[8], umfasst er neben der physischen ebenso die strukturelle, psychische und verbale Gewalt. Für diese Arbeit ist es allerdings sinnvoll, den Begriff der Thematik entsprechend einzugrenzen, indem man ihn subjektiv, also über die Deutungen der Akteure, definiert. Somit beschränkt sich der Gewaltbegriff in der folgenden Untersuchung auf die Anwendung physischer Gewalt, wie dies Popitz prägnant formuliert: „Gewalt meint eine Machtaktion, die zur absichtsvollen körperlichen Verletzung anderer führt.“[9] Bemerkenswert an der subjektiven Definition von Gewalt durch Hooligans ist, dass diese selbst ihre Prügeleien nicht als Gewalt betrachten, sondern als freiwilligen Kampfsport: „Wir sehn das eigentlich als Sport. Entweder bin ich besser als der, der vor mir steht, oder ich bin schlechter. Wie beim Boxen ...“[10] Im Folgenden soll dieser Aspekt der subjektiven Gewaltdeutung allerdings nicht beachtet und diese Art von „Sport“ weiterhin als Gewalt betrachtet werden.

2.2 Subkultur

Der Begriff „Subkultur“ wird hier nach dem Modell von Rolf Schwendter definiert. Dieser bezeichnet die Negation des herkömmlichen Kulturbegriffs als Subkultur. Kultur ist für ihn „der Inbegriff alles nicht Biologischen in der menschlichen Gesellschaft, […] die Summe aller Institutionen, Bräuche, Werkzeuge, Normen, Wertordnungssysteme, Präferenzen, Bedürfnisse usw. in einer konkreten Gesellschaft.“[11] Das Gegenteil davon, wenn sich also Institutionen, Bräuche, Werkzeuge, Normen usw. in höherem Maße von denen der herrschenden Institutionen differenzieren, ist die Subkultur.[12] Zweifelsohne lässt sich dies mühelos auf die Hooligans anwenden: Ihre Ideologie unterscheidet sich wesentlich von der des vom weitaus größten Teil der Gesellschaft anerkannten, „klassischen“ Kulturbegriffs, was sie zu einer Subkultur macht.

2.3 Hooligan

An dieser Stelle sollen lediglich die Etymologie des Begriffs und die historische Entwicklung des Hooliganismus kurz geklärt werden; die Definition der heutigen Hooligankultur wird im Folgenden entwickelt.

Es ist nicht genau festlegbar, woher der Begriff „Hooligan“ kommt: Er könnte auf die irische Familie O'Hoolihan zurückgehen, die sich im 19. Jahrhundert wegen heftiger Prügeleien einen schlechten Ruf erworben hatte oder auf den Iren Patrick Hooligan, der als Randalierer und Anführer einer gewaltbereiten Jugendbande bekannt war.[13] Man könnte den Begriff auch von dem irischen Wort „hooley“, das „wild“ bedeutet, oder von dem russischen „chuligany“, was so viel wie „Raufbold“ heißt, ableiten.[14] Erstmals verwendet wurde er 1898 in einer britischen Tageszeitung als Umschreibung für Straßenkriminelle.[15]

Untersucht man die Geschichte der Zuschauerausschreitungen beim Fußball, stellt man fest, dass es solche Ausschreitungen schon vor längerer Zeit gab: Etwa ab dem Jahr 1850 begann das Fußballspiel sich bei der englischen Arbeiterklasse zunehmender Popularität zu erfreuen, wobei es von Anfang an Zuschauerausschreitungen gab. Dagegen wurde allerdings weder durch kommunale oder staatliche Behörden vorgegangen noch bewirkten oder verstärkten Massenmedien eine moralische Entrüstung über dieses Phänomen, das zudem kein dominanter Aspekt des Zuschauerverhaltens war. Problematisiert wurde es erst zu Beginn der 1960er-Jahre; einerseits weil die modernen Transportmittel seine Verbreitung förderten, andererseits aufgrund der einsetzenden Berichterstattung durch die Massenmedien, die laut Dunning „ganz wesentlich zur Entstehung des Problems beigetragen und die Kluft zwischen den Generationen vertieft“[16] haben. Man begann, auf das „neue“ Problem zu reagieren, indem man die Fans räumlich und dadurch sozial isolierte, beispielsweise indem Zäune um die Blöcke errichtet wurden. Insgesamt wurden die Zusammenstöße von Zuschauern von der lokalen auf die nationale Ebene gehoben.[17]

3 Charakterisierung der Hooligans als Gruppe und Subkultur

3.1 Erscheinungsbild

Es ist schwer, in Bezug auf das Erscheinungsbild eines typischen Hooligan eine klare Aussage zu treffen, da es den typischen Hooligan nicht gibt. Hooligans sind, wie später deutlich werden wird, keine homogene Masse; deshalb kann die folgende Beschreibung keinen Anspruch auf absolute Geltung erheben.[18]

Generell sind Hooligans möglichst unauffällig gekleidet, um beispielsweise bei der Polizei kein Aufsehen zu erregen. Daher tragen sie einerseits möglichst simple Kleidung, also Jeans, T-Shirts, Turnschuhe und Lederjacken, andererseits ist ihre Kleidung aber auch teuer, da sie sehr markenbewusst sind. Bevorzugt werden Labels wie Nike, Lacoste, Lonsdale, Hugo Boss, Fred Perry, Adidas oder New Balance getragen, wobei besonders Marken aus England wegen der dortigen Hooliganszene beliebt sind. Auffällige Fan-Schals oder Kutten wird man bei Hooligans vergeblich suchen; es zeigt sich eine deutliche Diskrepanz zwischen dem tatsächlichen Aussehen von Hooligans und dem öffentlich verbreiteten Bild des gewalttätigen Fußballverbrechers.

[...]


[1] Kategorie C: „So sind wir“.

[2] ZIS ist die Abkürzung für „Zentrale Informationsstelle Sporteinsätze“.

[3] Vgl. http://de.academic.ru/dic.nsf/dewiki/1546189#Kategorien.

[4] Vgl. http://de.academic.ru/dic.nsf/dewiki/1546189#Jahresberichte.

[5] Vgl. Weigelt 2004, S. 26.

[6] Vgl. ebd., S. 27.

[7] v. Trotha, zit. nach Eckert/Reis/Wetzstein 2000, S. 19.

[8] Theunert, zit. nach Pilz 1993, S. 40.

[9] Popitz 1992, S. 48.

[10] Hooligan, zit. nach Steinmetz 2000, S. 383.

[11] Schwendter 1978, S. 10.

[12] Vgl. ebd., S. 11.

[13] Vgl. Giurgi 2008, S. 11.

[14] Vgl. Giurgi 2008, S. 11.

[15] Vgl. Meier 2001, S. 9.

[16] Dunning 1984, S. 127.

[17] Vgl. ebd., S. 123-127.

[18] Vgl. Weigelt 2004, S. 71-72.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Hooligangewalt im Kontext des Kulturphänomens Fußball
Hochschule
Rhön Gymnasium, Bad Neustadt a. d. Saale
Note
1
Autor
Jahr
2010
Seiten
19
Katalognummer
V175318
ISBN (eBook)
9783640964291
ISBN (Buch)
9783640964796
Dateigröße
654 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hooligan, Gewalt, Fußball, Hooligans, Hooligangewalt, Sport und Kultur
Arbeit zitieren
Simon Schnürch (Autor), 2010, Hooligangewalt im Kontext des Kulturphänomens Fußball, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/175318

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