»Ich bin die Unschuld«, sagt das Kind im Kerzenkreis.
»Ich bin der Wächter«, antwortet der Mann mit der Waffe.
»Ich bin die Welt«, flüstert die alte Frau.
Doch der Spiegel zeigt ihnen nicht ihr eigenes Gesicht. Er zeigt ein einzelnes Mädchen, das es nicht mehr gibt.
"Phiros Weltenkodex: Susannah" ist der Auftakt einer dunklen Mythologie über das, was jenseits der menschlichen Vorstellung lauert — und über den Preis, den ein einzelner Verstand zahlt, wenn er die Berührung der Ungesprochenen überlebt. Eine kosmische Horrorgeschichte über Trauma, Zersplitterung und das Erwachen einer Präsenz, die durch die Jahrhunderte wandeln wird.
Für Liebhaber von kosmischem Grauen, dunkler Psychologie und literarischem Horror.
Auszüge aus dem Buch
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Unter dem Staub
Ein stickiger Keller. Staubig. Dumpf. Schummriges Licht einer vergilbten Glühbirne. Regale voller Bücher und Kisten an den Wänden.
In einer der Ecken ist es dunkler, als es sein sollte. Etwas ist dort. „Etwas.“ Sie lächelt. Eben nicht „etwas“. Die Ecke ist leer. Nichts ist wohl der richtige Begriff, denkt sie. Diese Ecke ist nicht. Damit ist sie zufrieden. Nicht-Sein scheint ihr genau das zu beschreiben, was sie wahrnimmt.
Er ist dort, wo nichts und niemals ist. Seit jenem Tag im Jahr 1806, an dem sie hilflos war, ist er bei ihr. Ein Schatten, der nicht ihrer ist – ein eigenwilliges Echo ihrer selbst. Der unnachgiebige Anker eines Gewebes, das die Jahrzehnte überbrückt.
Eigentlich sollte sie es bedrohlich finden. Aber sie weiß, warum er da ist. Sie hat ihn gerufen. Und viel dafür gegeben: ihre kindliche Unschuld, den Glauben an das Gute im Menschen, die reine Liebe zu ihren Eltern – jetzt bittere Asche auf der Zunge –, ihr behütetes Leben unter den Bäumen. Sie hatte alles eingetauscht gegen das Überleben. Sich selbst aufgegeben.
Nicht „sich“. Mich. Das kleine Mädchen. Ich war Susannah.
Zehn Jahre lang war Susannahs Welt ein Ort vollkommener Sicherheit gewesen. Sie lebten einsam in einem wettergegerbten Forsthaus am Rand eines nebelverhangenen Tals in den nördlichen Wäldern. Ihr Vater, ein kräftiger Holzfäller mit sanften Augen, roch nach Kiefernharz und Tabak. Ihre Mutter Sylvia war die Ruhe selbst; in ihrer Küche duftete es nach Brot, Thymian und Bienenwachs. Wenn Susannah abends im Bett lag, hörte sie das dumpfe, vertraute Murmeln der Stimmen ihrer Eltern aus der Wohnstube. Sie fühlte sich behütet. Geliebt.
Und doch lag von Anfang an ein feines Zittern darunter. Ein leises Gefühl, dass ihre Familie anders war. Das Holz der Balken atmete. Kranke Dorfkinder wurden nachts gebracht, und Sylvia senkte Fieber, richtete Knochen – und ging danach in den Garten, um dem alten, knorrigen Baum einen Tropfen Blut aus ihrer Handfläche zu schenken. Für die kleine Susannah war das keine Hexerei, sondern Pflicht, so selbstverständlich wie das Füttern der Ziegen.
Ein Tropfen Rot für das Leben. Das war der Preis gewesen.
Sie kannte das Geflüster im Dorf. „Hexe.“ Ihr Vater spuckte aus und drückte ihre Hand. „Kleine Geister“, schimpfte er. Susannah glaubte, es sei nur Neid.
Bis zu jenem Tag.
Sie erinnert sich sehr gut an diesen Tag.
Die Männer kommen, um meine Mutter mitzunehmen. Ich bin hilflos. Die johlende Meute versteht nichts von dem, was zwischen den Schatten flüstert.
„Hexe!“, brüllen sie, während sie unseren Zaun niederreißen.
„Heilerin“ wäre ehrlicher gewesen. Oder „Heilige“. Sie hatte den ertrunkenen Jungen zurückgeholt – mit mehr als einem Tropfen Blut. Der Baum hatte die Seele freigegeben.
„Du musst etwas geben, wenn du etwas möchtest“, hat Mutter oft zu mir gesagt. „Nur wer gibt, kann nehmen. Das sind ihre Regeln.“
Regeln. Ich verziehe im Hier und Jetzt verächtlich das Gesicht, während ich im Staub des Kellers sitze. Regeln! Nein, es gibt keine Regeln. Die „Ungesprochenen“, wie Mutter sie nannte, kann man nicht in menschliche Muster zwängen. Wir waren ihnen egal. Sind ihnen egal. Sie nehmen uns nicht wahr. Nicht einmal wie Ungeziefer. Überhaupt nicht. Für sie existieren wir nicht. Und doch gibt es Wege. Mutter hat mehr durch Zufall einen gefunden. „Der schweigende Hirte“, wie sie die Präsenz nannte, gab ihr die Kraft zu heilen. Doch zu welchem Preis? Ein Tropfen Blut für den alten, knorrigen Baum.
Beim Jungen war es mehr. Viel mehr. Die Bitte war zu groß für einen einzelnen Tropfen. Und Mutter gab es freiwillig.
Doch diesmal haben sie es bemerkt. Vater hat es gesehen. Die anderen Männer auch. Der tiefe, klaffende Schnitt in Mutters Handfläche, als sie bleich aus dem Garten zurückkehrte, war nicht zu übersehen. Erst kamen die Fragen. Dann die Anschuldigungen. Der Hass. Die nackte, hysterische Angst des Dorfes. Kleine Geister.
Vater zieht das Jagdgewehr, um zu beweisen, dass er keiner von „uns“ ist. Feige und schnell schießt ihr von hinten in den Kopf.
Bevor ich begreife, was passiert, liegt sie bereits tot auf den Dielen unserer Hütte. Das Blut spritzt bis an mein Kleid. Ich will zu ihr – will sehen, was zu tun ist, will ihr Blut nehmen und sie an den Baum betten, um sie zurückzuholen, so wie sie den Jungen zurückgeholt hat! Doch Vater reißt mich herum. Ich kann seinem kräftigen Holzfällergriff nichts entgegensetzen. Ich schreie und tobe, ich beiße in seine schwieligen Hände – vergebens. Die Männer aus dem Dorf nicken ihm schweigend zu, befriedigt von dem Opfer, und überlassen ihn seiner Schande.
Er schleppt mich zum Verschlag und sperrt mich in meine Kammer.
Stunden. Tage. Ich hämmere gegen die Tür, flehe, tobe, schreie – vergebens. Mein Hass wächst, wird zu lähmender Ohnmacht und schließlich zu purem Fieber. Während er in der Stube billigen Kartoffelschnaps in sich hineinschüttet, vertrockne ich von innen. Mein Verstand löst sich.
Am dritten Morgen steht die Tür offen.
Langsam trete ich über die Schwelle. „Vater?“, frage ich vorsichtig. Mir den Rücken zugewandt, sitzt er regungslos am Tisch.
„Ich musste es tun“, murmelt er. „Sie hätten sie als Hexe verbrannt. Gefoltert. Ich konnte das nicht zulassen. Besser schnell und schmerzlos. Ich habe dich beschützt, meine kleine Susannah.
Er sieht langsam auf. Sein Gesicht ist ausgemergelt, zerfressen von Schuld und Schnaps. Seine Worte berühren mich nicht.
Seine Augen sitzen tief in den Höhlen. Ausdruckslos. Leer. Doch in dieser Leere liegt ein sanfter Schimmer. Kaum merklich.
Vater flüstert kaum hörbar in seinen zerzausten Bart: „Ich tat, was ich tun musste. Ich habe dich beschützt. Beschützt vor dem Abgrund in den Menschen, beschützt vor dem Unverständnis und der Angst der anderen. Das musst du mir glauben!“
Er steht auf. Ich erkenne ihn kaum wieder. Vor mir steht etwas, das einmal mein Vater war. Jetzt ist da nur noch eine leere Hülle. Ein gebrochener Mann.
Er blickt nicht mich an. Sein starrer, irrer Blick sinkt nach unten, fixiert den dunklen, eingetrockneten Blutfleck auf den Dielen, dort, wo sie lag.
„Sylvia, vergib mir.“
Dann hallt ein ohrenbetäubender Knall durch die Hütte. Vater sackt über dem Tisch zusammen. Blut überall.
Er hat sich selbst gerichtet. Mit der Waffe, mit der er meine Mutter erschossen hat.
Gerechtigkeit? Nein. Schwäche. Er kann nicht mit seiner Entscheidung leben.
Hass steigt in mir auf. Ich schreie den leblosen Körper an: „Mich beschützen? Du gibst mir die Schuld?! Meinetwegen musstest du Mutter töten?! Nein! Nein, das akzeptiere ich nicht! Deine Feigheit hat dich dazu gebracht!“
Ich schreie meinen ganzen angestauten Zorn hinaus. Es fühlt sich gut an. Leicht. Als würde etwas in mir endlich nachgeben.
Danach setze ich mich ihm gegenüber. Stille. Frieden. Ich weine um meine Mutter, um meinen Vater – zum letzten Mal. Das letzte Mal, dass ich überhaupt etwas empfinde.
Nach einiger Zeit höre ich ein leises Tropfen. Vaters Blut fällt zäh von der Tischkante. Ich krieche darunter. Es versickert nicht. Es fällt einfach hindurch, in eine gähnende Leere unter den Dielen.
Tropf.
Dann knarzen Wurzeln. Etwas Lebendiges bewegt sich unter dem Haus. Eine schwere Eichendiele bricht mit einem stummen Reißen weg und hinterlässt ein bodenloses schwarzes Loch.
Tropf.
Ich krieche auf allen vieren näher heran. Bis an den Rand der Finsternis, wo eben noch das Blut hinabfiel.
Plötzlich bricht draußen Tumult los. Das Bellen von Hunden, schwere Schritte und Stimmen. Die Männer aus dem Dorf sind zurück. Sind sie gekommen, um nach uns zu sehen oder um das Werk zu vollenden? Wollen sie das Forsthaus niederbrennen, um die Sünde der Hexe endgültig mit Feuer aus ihrem Wald zu tilgen?
Die hölzerne Tür der kleinen Hütte fliegt mit einem ohrenbetäubenden Krachen aus den Angeln.
Schwere, nagelbeschlagene Stiefel hämmern auf den Dielen. Sie sehen Vaters leblosen Körper auf dem Tisch – und dann sehen sie mich unter dem Tisch hocken. Ein stämmiger Bauer bückt sich grob. Seine dreckigen Finger greifen nach meinen Haaren. „Hier ist das Hexenbalg!“
Doch ich spüre seine Hand nicht. Ich spüre nichts mehr. Keine Angst, keinen Schmerz, keine Trauer um meine Eltern. Jedes menschliche Gefühl stirbt in dieser Sekunde in mir ab. Die Fieberhitze meines Körpers weicht einer absoluten Kälte.
Ich starre nur nach unten, tief in die schwarze Öffnung zwischen den Wurzeln.
Etwas ist dort unten. Jemand. Es ist ein unendlicher Abgrund aus Nichts, aber ich erkenne ihn. Es ist jener fremde Teil, das eigenwillige Echo, das in diesem Moment tief in meinem Inneren geboren wird. Keine Rettung, kein Trost – es ist die gähnende Leere, die nach mir greift. Mein unheimliches Geleit für alles, was noch kommen mag.
Ich wehre mich nicht gegen die Hände der Männer. Ich lasse mich einfach rückwärts in das bodenlose Loch fallen.
Die Welt dreht sich um mich. Immer schneller. Die wütenden Rufe über mir verhallen und werden vollkommen bedeutungslos. Während mein Körper in die Finsternis stürzt, zerspringt mein Verstand in tausend Splitter.
Und dann ist da nur noch dieses Haus.
[...]
Das atmende Haus
Der feuchte Kellerflur riecht nach Metall und Erinnerung. Er weiß nicht, wie er hierhergekommen ist. Warum er hier ist. Wie lange er schon diesen Flur entlanggeht.
Wer er ist.
Da ist keine klare Erinnerung. Und doch ist ihm dieser feuchte, modrige Kellerflur vertraut. Er fühlt sich sicher. Geborgen. Zu Hause.
Er versucht, nach einem Gedanken zu greifen, nach einem Anker, irgendetwas, das ihm gehört. Er öffnet den Mund, um die Stille zu brechen, um sich selbst zu beweisen, dass er noch eine eigene Existenz besitzt.
„Ich habe einen Namen“, flüstert er rauchig in die Dunkelheit. „Jeder hat einen Namen. Mein Name ist …“
Er schweigt. Die Silbe „N…“ liegt auf seiner Zunge, doch sie kommt nicht hervor.
Er atmet tief aus und blickt auf seine Hände. Sie zittern leicht.
Noch verweigert das Haus ihm sein Ich, doch er spürt, dass etwas in ihm darauf wartet, geweckt zu werden.
Aus dem Augenwinkel huscht etwas Kleines, Spinnenartiges über den Schimmel. Er beachtet es nicht. Er spürt keine Angst. Zielstrebig geht er auf die Holztür zu.
***
Fäden hängen wie graue Schleier von der Decke. Hinter der schweren Tür an der gegenüberliegenden Wand atmet etwas – leise, aber stetig. Wenn sie ganz still ist, meint sie ein Flüstern zu hören. Kaum mehr als ein kühler Luftstoß, der zwischen den herabhängenden Fäden verweht.
Im schummrigen Licht einer Tischlampe sitzt eine Puppe auf der Holzplatte und lächelt sie mit ihrem unbeweglichen Porzellangesicht an. Eine einfache Kinderpuppe – wären da nicht die vielen drahtigen, spinnenartigen Beine, die reglos unter ihrem Kleid hervorragen.
Sie starrt das Ding an. Ein unfertiger Satz hallt in ihrem Kopf, stur und repetitiv, wie ein hängengebliebenes Echo: Ich war …
Sie überlegt. Sie sucht nach dem Rest der Worte, nach Bildern, Gesichtern oder einem Gestern, das diesen Satz vervollständigen könnte. Aber ihr fällt nichts ein. Da ist absolut nichts. Nur eine tiefe, unbarmherzige Leere.
Dann kehrt das Flüstern zurück. Diesmal schleicht es nicht mehr nur vage durch den Raum, sondern wird unbarmherzig deutlich, als würde es direkt in ihrem eigenen Kopf entspringen.
„Abigail. Es ist Zeit.“
„Abigail“. Der Name sinkt in sie hinein. Ein Teil von ihr. Ein Name für etwas, das einmal zu Susannah gehört hatte. Sie nickt stumm. Ohne die spinnenbeinige Puppe noch eines Blickes zu würdigen, steht sie auf und geht auf die atmende Tür zu.
***
Uriah steht reglos zwischen zerbrochenem Spiegel und gesichtslosem Porträt und bewacht den Eingang. Er steht immer hier. Genau an dieser Stelle. Den Blick hat er starr auf die gewaltige Eingangstür gegenüber gerichtet. Er bewacht sie. Die Tür ist mit armdicken Riegeln gesichert, ein unüberwindbarer Wall.
Er ist bereit. Bereit, das Haus zu verteidigen. Gegen wen oder was, weiß er nicht. Aber er ist bereit. Seine Hand ruht schwer auf dem Griff seiner Pistole. Solange er hier steht, wird niemand durch diese Tür kommen.
Sein Blick schweift durch den Raum. Nichts Ungewöhnliches. Die Spiegelscherben liegen auf den Dielen. Daneben liegt ihre Jacke. Achtlos dorthin geworfen, wie sie es immer tut, wie sie es schon immer getan hat. Alles ist genau so, wie er es kennt, wie es schon immer ist. Hinter dem einzigen Fenster existiert nichts als eine graue, neblige Leere – so wie immer.
Ein Geräusch von links.
Der Knauf der schmalen Kellertür dreht sich langsam.
Er schenkt ihm kaum Beachtung. Er wendet den Blick nicht einmal ab. Die Gefahr kommt von draußen, nicht aus dem Haus. Das Haus ist sicher. Eine Bastion gegen das da draußen.
***
Die Tür schwingt auf. Er tritt über die Schwelle in den Vorraum. Uriah steht dort und hält Wache, genau wie es sein sollte – unbeweglich zwischen dem zerbrochenen Spiegel und dem gesichtslosen Porträt. Er weiß nicht, warum er genau diesen Anblick erwartet hat, aber die stumme Vertrautheit beruhigt ihn. Alles ist an seinem Platz.
Zwei weitere Splitter meiner Selbst.
Schritte auf der Treppe zur Rechten. Beide wenden gleichzeitig den Blick in dieselbe Richtung.
Abigail kommt einige Stufen die geschwungene, große Treppe herunter.
„Uriah, Nathaniel, es ist Zeit.“ Sie lächelt.
Als die Worte die Stille durchbrechen, rastet etwas in seinem Verstand ein. Nathaniel. Das ist der Laut, den seine Zunge vorhin im dunklen Flur nicht formen konnte. Der Name bringt keine Bilder zurück, kein Gestern und keine menschliche Erinnerung, aber er legt sich wie ein passgenauer, eiserner Riegel in die Leere seiner Brust. Er fordert keine Erklärung. Er weiß jetzt einfach, wer er in diesem Haus zu sein hat.
Langsam gehen die drei die Treppe nach oben. Sie wissen, wohin sie gehen müssen. Es bedarf keiner weiteren Worte.
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- Phiro Julier (Author), 2026, Phiros Weltenkodex: Susannah, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1753465