„Einmaliges Abspielen der Platte genügt nicht“

Bertolt Brechts "Lesebuch für Städtebewohner" im Kontext zu Rundfunk, Film und Roman der 20er Jahre


Hausarbeit, 2010
13 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1. Die Thematik des Lesebuchs für Städtebewohner
2.2. Im Kontext zu Rundfunk
2.3. Im Kontext zu Film
2.4. Im Kontext zum Roman der 20er Jahre
2.5. Dialogismus oder Dialektik?

3. Schluss

4. Literatur- und Quellenverzeichnis

1. Einleitung

„Einmaliges Abspielen der Platte genügt nicht.“[1] – eine Erkenntnis, die Bertolt Brecht in seinem „Lesebuch für Städtebewohner“ umsetzt. Dieses Zitat sagt aus, dass es nicht ausreicht, eine „Platte“ nur ein einziges Mal anzuhören. Denn durch einmaliges Hören beziehungsweise Lesen besteht die Wahrscheinlichkeit, dass der Text und dessen Inhalt nicht richtig verinnerlicht werden können, nicht richtig verstanden und eventuell falsch interpretiert werden können. Dem wollte Brecht 1926/1927 zur Berliner Zeit in seinem Lesebuch entgegenwirken. Bei diesem Lesebuch handelt es sich um ein Lehrbuch für die Bewohner einer Stadt. Brecht beschreibt darin, wie man sich als Stadtbewohner zu verhalten hat - er gibt genaue Handlungsanweisungen.[2] Beispielsweise fordert er in seinem ersten Gedicht die Städtebewohner auf, ihre Spuren zu verwischen. Jetzt stellt sich die Frage, wie sich Brechts Erkenntnis in diesem Lehr- und Lesebuch äußert. Bestehen Kontexte zu Rundfunk, Film und Roman der 20er Jahre? Können diese Medien das Textverständnis beeinflussen beziehungsweise verändern? Bei meinen Auslegungen werde ich mich hauptsächlich auf zwei Aufsätze beziehen: „Wenn ich mit Dir rede kalt und allgemein“[3] von Hans Vilmar Geppert und „Wie die Wirklichkeit selber“[4] von Jürgen Jacobs beziehen. Im Folgenden werde ich mich zuerst mit der Thematik des Lesebuchs befassen und mich vorwiegend auf das erste Gedicht aus dem Lesebuch stützen. Daraufhin werde ich auf die verschiedenen Kontexte eingehen und im letzten Abschnitt („2.5. Dialogismus oder Dialektik?“ siehe Seite 8 bis Seite 11) werde ich klären, wie das Lesebuch für Städtebewohner zu lesen ist.

2. Hauptteil

2.1. Die Thematik des Lesebuchs für Städtebewohner

Die Texte des Lesebuchs für Städtebewohner werden von dem aufstöbernden, provozierenden Thema „der ins Gigantische wachsenden Metropolen und ihres neuen, unpersönlichen, brutalisierten Lebensstils beherrscht (...)“[5]. Jacobs schildert die Darstellung der immer größer werdenden Städte als sehr anonym und geschichtslos.[6] Dies bedeutet, dass die Existenz der Großstadt jegliche nähere Erläuterung der Herkunft und des Bildungsverlaufs eines Einzelnen nicht duldet. Die auffordernde, kalte, trockene und unpersönliche Sprech- beziehungsweise Schreibweise Brechts verdeutlicht eben diese Anonymität einer Großstadt in jedem seiner Gedichte des Lesebuchs. Auffällig sind die vielen Handlungsanweisungen, die sehr streng und auffordernd im Imperativ verfasst wurden. „Verwisch die Spuren!“[7] ist eine davon. Diese wiederholt sich im ersten Gedicht aus dem Lesebuch für Städtebewohner bereits fünf Mal. Dabei ist der Wortlaut der Handlungsanweisung „Verwisch die Spuren!“ in jeder Strophe stets identisch und sie ist immer der letzte Vers. Zudem wirkt sie von Mal zu Mal eindringlicher. Brecht scheint der Auffassung zu sein, dass es nicht ausreichend ist, eine Forderung nur ein Mal zu stellen. Denn: „Einmaliges Abspielen der Platte genügt nicht.“[8] Diese Auffassung wird durch viele Iterationen (Wiederholungen von Wörtern und Wortgruppen) in seinem Lesebuch für Städtebewohner verdeutlicht. Ferner vermerkt Brecht 1930 über sein Lesebuch, dass die darin vorkommenden Texte „für Schallplatten gedacht“[9] wären. Warum gerade Schallplatten? Etwa, weil man sie sich immer und immer wieder anhören kann, den Inhalt der Schallplatte andauernd abspielen kann, wiederholen kann, so oft man will - genauso wie Brecht seine Handlungsanweisungen in den Gedichten immer und immer wiederholt? Was kann der Kontext zu unserem Verständnis von Brechts Texten beitragen? Sind im Lesebuch Zusammenhänge zum Hörfunk der 20er Jahre zu finden?

2.2. Im Kontext zu Rundfunk

Die Aussage, dass die Lesebuchtexte „für Schallplatten gedacht“[10] waren, kann man unterschiedlich deuten. Zum einen könnte gemeint sein, dass diese „Schallplatten-Texte“ für eine Lesung bestimmt und produziert seien, welche auf dem Medium „Schallplatte“ festgehalten werden, um dann in einer Rundfunksendung genutzt und abgespielt zu werden. Die Schallplatte sollte „als Zwischenprodukt einer technisch voll ausgespielten Rundfunkarbeit“[11] verstanden werden. Brecht vertrat zudem die Ansicht, dass das „Zusammenwirken von Literatur und Rundfunk“[12] eindeutig einen „politisch-didaktischen Auftrag“[13] auszuführen hatte. Das Zusammenspiel von Literatur und Radio sollte seiner Meinung nach pädagogische Zwecke haben - die Hörer sollten erzogen werden. Gerade wegen der Erziehung durch den Rundfunk könnte Brecht von seinem Lesebuch für Städtebewohner als „Texte für Schallplatten“ sprechen. Denn – wie oben bereits erwähnt – stellt sein Lesebuch gleichzeitig auch ein Lehrbuch dar. In der zweiten Interpretation der Aussage „Texte für Schallplatten“ verbirgt sich ein stiller Irrealis. Dieser meint, dass es Texte sind, „die eigentlich für Schallplatten bestimmt gewesen wären.“[14] Demnach ist nicht mehr das Technische in Form des Mediums Schallplatte gemeint und auch nicht die Rundfunkproduktion. Brecht ließ sein Lesebuch nicht auf ein Medium übertragen, obwohl es dafür geeignet gewesen wäre. 1998 wurde jedoch der erste Versuch Brechts Texte zu medialisieren gestartet.[15] Bei dem Hören einer Vertonung nimmt man den Inhalt des Textes ganz anders wahr. Dies ist abhängig von der Art und Weise, wie jemand einen Text rezitiert (vorliest). Dabei spielt die Intonation eine entscheidende Rolle. So empfinden wir eine Textstelle als Aufforderung, wenn diese auch eindringlich und fordernd vorgelesen wird. Kann eine Verfilmung etwas zu unserem Textverständnis beitragen? In wie fern kann eine Verfilmung unser Verständnis beeinflussen? Gibt es im Lesebuch Zusammenhänge zu bestimmten Filmen?

[...]


[1] Lee, Seung Jin: „Einmaliges Abspielen der Platte genügt nicht.“. Ein medienästhetisches Experiment in der Lyrik. In: Interpretationen. Gedichte von Bertolt Brecht. Hrsg. von Jan Knopf. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1993. S. 43

[2] Vgl. ebd.

[3] Geppert, Hans Vilmar: „Wenn ich mit Dir rede kalt und allgemein“?. Bert Brechts Lesebuch für Städtebewohner im Kontext von Rundfunk, Film und Roman der 20er Jahre. In: Brechts Lyrik – neue Deutungen. Hrsg. von Helmut Koopmann. Würzburg: Königshausen und Neumann GmbH 1999. S. 49 – 73.

[4] Jacobs, Jürgen: Wie die Wirklichkeit selber. Zu Brechts Lesebuch für Städtebewohner. In: Brecht-Jahrbuch. Hrsg. von Brecht, Bertolt, John Fuegi und Reinhold Grimm. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag KG 1974. S. 77-91.

[5] Jacob, Jürgens (1974): S. 81

[6] Ebd.: S. 84

[7] Aus dem Lesebuch für Städtebewohner I oder siehe Lee, Seung Jin (1993)

[8] Lee, Seung Jin (1993): S. 43

[9] Jacob, Jürgens (1974): S. 81

[10] Jacob, Jürgens (1974): S. 81

[11] Geppert, Hans Vilmar (1999): S. 58

[12] Ebd.: S. 59

[13] Ebd.

[14] Ebd.: S. 60

[15] Vgl. ebd.: S. 61

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
„Einmaliges Abspielen der Platte genügt nicht“
Untertitel
Bertolt Brechts "Lesebuch für Städtebewohner" im Kontext zu Rundfunk, Film und Roman der 20er Jahre
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Veranstaltung
Bertolt Brechts Lyrik
Note
2,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
13
Katalognummer
V175367
ISBN (eBook)
9783640963027
ISBN (Buch)
9783640963218
Dateigröße
539 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Lyrik, Bertolt Brecht, Lesebuch für Städtebewohner, Einmaliges Abspielen der Platte genügt nicht., Bert Brecht
Arbeit zitieren
Antonia Zentgraf (Autor), 2010, „Einmaliges Abspielen der Platte genügt nicht“ , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/175367

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