Die Radikalisierung der afroamerikanischen Reformbewegung durch Malcolm X


Hausarbeit, 2011
21 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Verschiedene Reformbewegungen im Uberblick
2.1 Die NAACP und W.E.B. Du Bois
2.2 Die UNIA und die Harlem Renaissance
2.3 Das SCLC und Martin Luther King Jr.

3. Die Radikalisierung des Widerstandes
3.1 Die NOI und Malcolm X
3.2 DieMuslimMosque Inc./OAAU

4. Die Analyse ausgewahlter Reden von Malcolm X
4.1 "Message to the Grass Roots"
4.2 "The Bullet or the Ballot"

5. Schlussbemerkung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die groRe Bedeutung von Malcolm X fur die Freiheits- und Reformbestre- bungen von Afroamerikanern in den USA wird in der Forschung kaum bestrit- ten. So macht William W. Sales Jr. in seinem Werk „From civil rights to black liberation. Malcolm X and the Organization of Afro-American Unity”[1] auf die vielen verschiedenen Bereiche aufmerksam, in denen heute noch der Ein- fluss von Malcolm X als Symbolfigur zu spuren ist. Als Beispiele seien an dieser Stelle die Rap-Musik oder die Textilindustrie genannt.[2] Diese Arbeit mochte einen Beitrag leisten, um verstehen zu konnen, wie der bis heute andauernde groRe Einfluss von Malcolm X als Symbolfigur zu erklaren ist. Der theoretische Ansatz dabei ist, dass von radikalisierenden Elementen in seiner Ideologie ausgegangen wird, die es im Folgenden herauszustellen gilt. Um dies adaquat herausarbeiten zu konnen, werden in einem ersten Schritt ausgewahlte Widerstandsbewegungen der Afroamerikaner in ihren Grundzu- gen vorgestellt. Da jede Organisation fur sich genommen genug Material fur ganze Bucher bietet, wird sich auf wesentlich Aspekte beschrankt. Hierzu zahlen beispielsweise die Strukturen, die Ideologien, die Ziele und wichtige Personen der einzelnen Bewegungen. Mit diesem einfuhrenden Teil soll ein Uberblick gegeben werden, um in einem zweiten Schritt herauszuarbeiten, inwiefern man von Malcolm X im Zusammenhang mit radikalisiertem Wider- stand sprechen kann.

Diese Analyse erfolgt anhand von zwei Reden von Malcolm X. Malcolm X hat seine politischen Uberzeugungen und Ansichten an vielen Stellen in Inter­views und Vortragen deutlich gemacht, eine seiner eindrucklichsten Reden bezuglich der Situation der schwarzen Bevolkerung in den USA war aber ohne Zweifel ,,The Ballot or the Bullet" aus dem Jahr 1964. Diese Rede hielt Malcolm nach seinem Bruch mit der Nation of Islam. Zum Vergleich analy- siert wird seine letzte Rede als NOI-Mitglied mit dem Titel ,,Message to the Grass Roots". Im Zentrum des Interesses bei der Analyse der Reden stehen vor allem ideologische Elemente, die sich von den bis dahin ublichen Wider- standsbewegungen unterscheiden und es rechtfertigen, von einem radikali- sierten Widerstand zu sprechen.

2. Verschiedene Reformbewegungen im Uberblick

2.1 Die NAACP und W.E.B. Du Bois

Die National Association for the Advancement of Colored People (NAACP) war eine der ersten organisierten Widerstandsbewegungen in den USA und entwickelte sich schnell zur wichtigsten Verteidigerin der Burgerrechte und der African Americans im Land.[3]

Gegrundet wurde die Organisation unter anderem von W.E.B. Du Bois, Mary McLeod Bethune und Isa B. Wells im Jahre 1909. Sie ging hervor aus der bis dato existierenden Niagara-Bewegung, die bereits 1905 von Du Bois ge­grundet worden war und es sich zum Ziel gesetzt hatte, die politische und soziale Gleichstellung mit WeiRen anzustreben.

Eines der wichtigsten Instrumente der NAACP war die Zeitschrift Crisis, die das wichtigste Presseorgan der Organisation darstellte und so etwas wie ihr Jdeologisches Ruckgrat"[4] war. Du Bois selbst war der Herausgeber der Zei- tung und attackierte in seiner Kolumne ,,As the crow flies" den Rassismus der WeiRen. Gemeinsam mit anderen afroamerikanischen Zeitungen wie dem Chicago Defender oder dem Pittsburgh Courier machte Crisis einen groRen Teil der alphabetisierten afroamerikanischen Bevolkerung auf ihre unwurdige Situation aufmerksam und fuhrte den Menschen die Ungerechtigkeiten vor Augen, gegen die sie sich zur Wehr setzen sollten.[5]

Eine der charakteristischen Strategien der NAACP war es, verschiedenste rassistische Gesetze per Prozess in Frage zu stellen und im Idealfall abzu- schaffen. Als Beispiel sei an dieser Stelle auf den Fall Guinn vs United States aus dem Jahr 1915 hingewiesen, in dem fur den Bundesstaat Oklahoma ent- schieden wurde, dass das Wahlrecht unabhangig von der Hautfarbe jedem Burger zustehe.[6] Allerdings waren diese Erfolge oft nur von kurzer Dauer, in dem genannten Beispiel erlieR der Staat Oklahoma kurzerhand ein neues Gesetz, das besagte, dass sich jeder Burger registrieren lassen musse, um wahlen zu durfen.[7] Fur diese Registrierung hatten die Afroamerikanern ledig- lich zwolf Tage Zeit, andernfalls wurden sie lebenslang vom Wahlrecht aus- geschlossen.[8] Gerade in Anbetracht der hohen Zahl der Analphabeten inner- halb der schwarzen Bevolkerung war ein Registrieren in so kurzer Zeit kaum moglich.

Ein weiteres ehrgeiziges Projekt der NAACP war der Kampf gegen das Lyn- chen. Bereits vor dem ersten Weltkrieg gab es eine enorme Anzahl an Lynchmorden, die auf besonders brutale und grausame Art und Weise durchgefuhrt worden. Das Muster dieser Vorfalle war im Allgemeinen gleich- bleibend: Einem Afroamerikaner wurde die Vergewaltigung einer weiRen Frau vorgeworfen. Das Lynchen wurde in der Folge von den Rassisten als ein Akt der indirekten Selbstverteidigung legitimiert, um die Afroamerikaner vor Wiederholungstaten abzuschrecken. Diesen skurrilen Begrundungen folgten sogar einige Kongressabgeordnete und wiesen den Opfern der Lynchmorde die Schuld fur deren Schicksal selbst zu.[9] Die NAACP versuchte mit Offentlichkeitsarbeit solche Missstande aufzude- cken. Man hatte die Hoffnung, dass offentliche Emporung Druck auf die Poli- tik ausuben wurde, um Reformen in die Wege zu leiten. 1921 schien ein Er- folg in greifbare Nahe geruckt zu sein: Der Kongressabgeordnete L.C. Dyer brachte einen Gesetzesvorschlag in das Reprasentantenhaus ein, das Lyn­chen unter die Rechtsprechung des Bundes stellen sollte.[10] Zwar wurde die­ses Gesetz im Reprasentantenhaus angenommen, aber im Senat schafften es die Demokraten aus dem Suden durch die sogenannten filibuster mittels Verschleppungstaktik eine Abstimmung soweit hinauszuzogern, dass Lyn­chen letztendlich weiterhin der Jurisdiktion der Einzelstaaten unterstellt war.[11]

Auch wenn die so genannte Dyer Bill letztendlich im Kongress scheiterte, so war das Thema in der Offentlichkeit von nun an so prasent, dass die Ausma- Re und Brutalitat der Gewalt abnahmen. Dies war nur eines der Beispiele dafur, dass die NAACP als zunachst kleine, aber durchaus effektive Burger- rechtsbewegung dazu beitrug, die offentliche Meinung gegenuber Afroameri- kanern allmahlich zu verbessern.

2.2 Die UNIA und die Harlem Renaissance

Wahrend das Konzept der NAACP auf Integration und Verbesserung der Le- bensbedingungen der Afroamerikaner in den USA angelegt war, gab es ab dem Jahr 1914 eine Organisation, die grundlegend anders ausgerichtet war: die Universal Negro Improvement and Conversation Association (UNIA).

Ihr Grunder Marcus Garvey kam ursprunglich aus Jamaika, von wo aus er sich anhand der Schriften von Booker T. Washington inspirieren lieR, die U- NIA zu grunden. Entgegen der Ziele der NAACP um Du Bois, die eine politi- sche, wirtschaftliche und soziale Besserstellung der African Americans ver- folgten, wollte Garvey der schwarzen Bevolkerung einen Ausweg aus dem Land bieten, indem ein neuer Nationalstaat fur Afroamerikaner gegrundet werden sollte.

Garvey wurde bei seiner Ideologie stark von Booker T. Washington beein- flusst, der seinerseits schon des Ofteren mit der NAACP und Du Bois in Kon- flikt geraten war.[12] Garvey kam zu der Uberzeugung, dass Organisationen wie die NAACP durch ihre Zusammenarbeit mit den WeiRen letztendlich nichts anderes als Opportunisten waren, hellhautige African Americans (wie auch Du Bois) verurteilte er als ,,Mulatto Establishment"[13] und propagierte, wie bereits erwahnt, die Idee eines eigenen Heimatstaates, in dem African Americans unbeschadet von Rassismus und Diskriminierung wurden leben konnen.[14]

Die Resonanz auf die UNIA war groR. Bereits vier Jahre nach ihrer Grundung zahlte die Organisation rund eine Million Mitglieder weltweit und veranstaltete Paraden mit bis zu 50 000 Personen in New York. Die UNIA hatte mit der Negro World ebenfalls ein eigenes Presseorgan und betrieb diverse Einzel- handelsgeschafte, Betriebe im Hotel- und Gastronomiesektor sowie weitere Unternehmen verschiedenster Art.[15] Eines der bedeutendsten war die Ree- derei The Black Star Line. Auch wenn die Schiffslinie letztendlich eine wirt- schaftliche Verfehlung war, so entfaltete sie dennoch eine Symbolwirkung fur Garvey-Anhanger und den Traum von Afroamerikanern, einen Weg zuruck in ihr Heimatland zu finden.[16]

Garveys Erfolg war nicht nur in seiner Vision einer Ruckkehrbewegung zu begrunden. Er schaffte es, ein neues Selbstverstandnis der African Ameri­cans zu pragen. Von nun an machten sie nicht langer eigene Unzulanglich- keiten oder Fehler fur ihre schlechte Situation verantwortlich, sondern den Rassismus der WeiRen.[17] Neben der Tatsache, dass Garvey ein auRerst kampferischer Redner mit militanter Ausdrucksweise war, sprach er in einer Zeit des Bewusstseinswandels zu den Afroamerikanern, die von nun an stolz auf ihre „Rasse“ sein wollten.[18]

Diese Mentalitat spiegelte sich auch in der so genannten Harlem Renais­sance wieder. Der zeitgenossische Name dieses Phanomens lautete New Negro Movement und bezog sich auf das hohe kunstlerische Schaffen ab den 1920er Jahren in den Bereichen Musik, Literatur und Theater. Die Be- wegung wurde maRgeblich durch die groRe Wanderungsbewegung aus dem Suden in den Norden ermoglicht.

Der Begriff The New Negro war gleichzeitig der Titel eines Sammelbandes des Universitatsprofessors und als „Vater der Harlem Renaissance“ bezeich- neten Alain Locke.[19] Locke trug verschiedenste Werke afroamerikanischer Autoren zusammen und verstand diese neue Kraft der afroamerikanischen Kunst als eine Art Befreiung, die uber die Grenzen der Kultur hinausgehen und den Afroamerikanern bei der Identitatsbildung helfen konnte.[20] Diese Entwicklung von Ausbreitung der afroamerikanischen Kultur war zwar in vie- len Stadten des Nordens zu beobachten, dennoch leitete sich der heutige Begriff Harlem Renaissance von der Gemeinschaft der Afroamerikaner in New York City ab.[21]

[...]


[1] William W. Sales Jr.: From civil rights to black liberation. Malcolm X and the Organization of Afro-American Unity. Boston 1994.

[2] Bilder von Malcolm Xfinden sich auf diversen T-Shirts und Sweat-Shirts. Auch das Cover des Musikalbums mit dem pragnanten Namen „Airtights Revenge" des Kunstlers Bilal ist als eine Art Hommage an den Burgerrechtler Malcolm X zu verstehen.

[3] Norbert Finzsch (1999), S. 367.

[4] Ebd., S. 363.

[5] Sean Dennis Cashmann (1991), S. 22.

[6] Ebd.

[7] Sean Dennis Cashman (1991),S. 23.

[8] Ebd.

[9] Ebd., S.34.

[10] Ebd., S.35.

[11] Norbert Finzsch (1999), S. 384.

[12] Howard Zinn (2005), S. 208.

[13] Norbert Finzsch (1999), S. 390.

[14] Ebd., S. 391.

[15] Edmund D. Cronon (1969), S. 44f.

[16] Edmund D. Cronon, S. 59f.

[17] Sean Dennis Cashmann (1991), S. 41.

[18] Norbert Finzsch (1999), S. 395.

[19] Ebd.

[20] Sean Dennis Cashman (1991), S. 43.

[21] Norbert Finzsch (1999), S. 395.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Die Radikalisierung der afroamerikanischen Reformbewegung durch Malcolm X
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Historisches Seminar)
Veranstaltung
Reformbestrebungen von Indianern und Afroamerikanern in den USA
Autor
Jahr
2011
Seiten
21
Katalognummer
V175371
ISBN (eBook)
9783640963058
ISBN (Buch)
9783640963225
Dateigröße
465 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Malcolm X, Bürgerrechtsbewegung, Radikalisierung, radikal, USA, Widerstand, Reform, Reformen, NAACP, UNIA, SCLC, Martin Luther King, Afroamerikaner, civil rights
Arbeit zitieren
Jan Feldmann (Autor), 2011, Die Radikalisierung der afroamerikanischen Reformbewegung durch Malcolm X, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/175371

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