Es geschah am hellichten Tag - Lehrfilm durch Genretradition


Seminararbeit, 2010

19 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Grundmerkmale des Kriminalfilms in der Grundanlage des Films
2.1. Subgenres Detektivfilm, Polizeifilm, Serienkillerfilm

3. Inszenierung von Gut und Bose

4. Spannung und Lehre durch Weglassung

5. Zusammenfassung

6. Sequenzprotokoll Es geschah am hellichten Tag (Ladislo Vajda)

7. Bibliographie
Primarliteratur
Sekundarliteratur

1. Einleitung

Durrenmatt sagt selbst, sein Roman Das Versprechen „ist mit dem Film, der leider den Titel Es geschah am hellichten Tag fuhrt, auf folgende Weise verknupft: Im Fruhjahr 1957 bestellte der Produzent Lazar Wechsler bei mir eine Filmerzahlung. Thema: Sexualverbrechen an Kindern." [1]

Diese Bestellung erfullte Durrenmatt, indem er eine Erzahlung schuf, welche die Vorform des Romans darstellen sollte. Zusammen mit dem Regisseur Ladislao Vajda verarbeitete er diese Erzahlung zu einem Drehbuch. [2] Bei den Berliner Filmfestspielen am 4. Juli 1958 wurde Es geschah am hellichten Tag uraufgefuhrt. Etwa zur gleichen Zeit erschien auch der Roman Durrenmatts Das Versprechen. Sowohl der Film als auch der Roman basieren auf der Erzahlung Durrenmatts um den Kindermorder Schrott. [3]

Wahrend Das Versprechen mitunter als Requiem auf den Kriminalfilm gehandelt wird, verfolgt der Film grundlegend eine andere Intention, namlich einer ,,stringent moralischen Geschichte mit happy end.“ [4]

Diese Arbeit soll deutlich machen inwiefern sich der Film Es geschah am hellichten Tag am Genre des Kriminalfilms bedient, um seiner Intention zu folgen.

2. Grundmerkmale des Kriminalfilms in der Grundanlage des Films

,,Neben dem Kriminalroman ist der Kriminalfilm die zentrale mediale Form, in der sich das Genre realisiert und den gesellschaftlichen Veranderungen immer wieder neu anpasst.“[5] Die dadurch entstehende Bedeutung fur die Gesellschaft als auch fur den Zuschauer als Individuum entwickelt sich aus der Darstellung von Gesetzesbruchen, die eine Unordnung im Gefuge zur Folge hat, welche wieder hergestellt werden muss.[6] Dabei spielt ein moralischer Grundsatz, der dieser Wiederherstellung zugrunde gelegt wird eine groBe Rolle. Es geschah am hellichten Tag hat den Anspruch eine moralische Geschichte zu zeigen, die vor Sexualverbrechen warnt. Der typische Hergang eines Kriminalfilms mit der Uberfuhrung des Morders, verwirklicht die Intention Vajdas vor Sexualverbrechen zu warnen, indem er zeigt, dass sich der Gesetzesbruch nicht lohnt.[7] Ebenso die Darstellung des Verbrechens und der Ermittlung, welche durch den verubten GrenzverstoB, Spannung erzeugt. Etwas Unerhortes geschieht, was letztlich aber eventuell geheimen, nicht realisierbaren Wunschen der Zuschauer entspricht. Das Individuum im Film macht auf mogliche Gefahren im realen Leben aufmerksam und appelliert an dessen Moral.[8]

Wahrend das gefahrliche Milieu im Kriminalfilm in seinen Anfangen in groBen Metropolen angesiedelt war, entwickelte sich dies hin zu der Anschauung, dass Kriminalitat uberall und vor allem da, wo man sie nicht vermutet ihre Ausformungen finden kann. Besonders da, wo der schone Schein gewahrt wird oder werden soll, liegt es an der Beharrlichkeit des Einzelnen, die Wahrheit ans Licht zu bringen.[9] Mit der Szenerie des relativ abgelegenen Dorfes Magendorf in Vajdas Film, welches recht idyllisch nah am Wald liegt (Sequenz 1) und viele Kinder beherbergt, finden wir eben so einen Ort, an dem man nichts Boses vermutet und dann eines Besseren belehrt wird. Der groBe Kontrast zwischen Idylle und Grausamkeit verstarkt in gewissem MaBe auch die Betroffenheit des Zuschauers. Ebenso wird er durch das Kinderopfer umso mehr emotionalisiert. Die besagte notwendige Beharrlichkeit Einzelner dabei zeigt sich mit der aufgeregten Menge gegenuber dem Hausierer (Sequenz 6, 12), die eindringliche Forderung von Gritlis Mutter nach der Fassung des Taters (Sequenz 10) und der Eigeninitiative Matthais, der als Einziger der Ermittelnden imstande ist, die Wahrheit zu erkennen (Sequenz 19 ff.). Mit der damit geschaffenen Sonderstellung Matthais, lasst sich ein master narrative des Genres erkennen, welches beinhaltet, dass zum Beispiel der ,,unfahige Polizist“ die Aufklarung des Mordes verhindert hat,[10] denn die Ermittler sehen in dem Hausierer den Schuldigen und sind froh, als dieser sich erhangt. Niemand glaubt mit Matthai an seine Unschuld (Sequenz 17 ff.). Auch der Hausierer selbst sagt, dass nur Matthai fahig ist, den Fall zu losen (Sequenz 19).

2.1. Subgenres Detektivfilm, Polizeifilm, Serienkillerfilm

Im Laufe des 20. Jahrhunderts entwickelten sich aufgrund der Vielzahl der filmisch umgesetzten Kriminalgeschichten Subgenres, die sich wiederum hin und wieder durchdringen konnen, da sich bestimmte Merkmale gleich bzw. ahneln oder parallel auftreten konnen.

Der Detektivfilm als Subgenre zum Kriminalfilm beinhaltet Merkmale, die in Es geschah am hellichten Tag durch die Rolle und Entwicklung Matthais sichtbar werden. Da der Fokus auf dem Detektiv und seinem Schaffen selbst liegt, ist die Tat an sich schon vor Filmbeginn geschehen und die Konzentration liegt dadurch auf der Rekonstruktion der Tat sowie der Fahndung nach dem Tater.[11] Dieses Merkmal wird hier im Film bestatigt, da die Tat selbst nicht gezeigt wird. Sequenz 2 lasst einen Mord im Ansatz vermuten, was in den Folgesequenzen bestatigt wird. Hickethier schreibt, dass ,,private Verstrickungen“ des Detektivs in den Vordergrund rucken[12], was durch Matthais eigentliche Reise nach Jordanien, um seine neue Stelle anzutreten deutlich wird, ebenso wie seine personliche Entwicklung hinsichtlich seiner Beziehung zu Annemarie.

Setzten die Kriminalfilme der Fruhzeit auf spektakulare Effekte, so wurden diese in den Zwanzigern zunehmend durch psychologische Herangehensweisen abgelost. Der Einzelkampfer fur die Gerechtigkeit kommt dem Morder nun durch das eigene Hineinversetzen in seine Psyche auf die Schliche.[13] Kommissar Matthai nimmt sich genau dieser Herangehensweise an, nachdem er Unterstutzung bei einem befreundeten Psychiater gesucht hat, um in der Kinderzeichnung Gritlis Anhaltspunkte zu finden (Sequenz 25) und geht diesen im Alleingang nach. Er versetzt sich mehr und mehr selbst in die Situation und Denkweise des Morders Schrott, beispielsweise mit der Suche nach kinderlosen Mannern.

Da die Ubergange zwischen den jeweiligen Subgenres fliefiend sind und sie zum Teil miteinander verbunden werden konnen, finden wir neben den Merkmalen eines Detektivfilms ebenso Merkmale eines Polizeifilms. Dort liegt der Fokus auf einem Kommissar innerhalb eines Polizeiapparats. In den Funfzigern wird der Polizist zunehmend durch den Privatdetektiv abgelost.[14] Diese Ablosung finden wir direkt im Film Vajdas wieder, da sich Matthai als renommierter Kommissar aus dem Apparat lost, um als Einzelganger die Wahrheit ans Licht zu bringen. Damit ist die oben erwahnte Assoziation, dass die Polizei allein nicht fahig ist, einen Mord aufzuklaren, eng verbunden. Hickethier beschreibt passend dazu: ,,Eines der Grundmuster ist die hierarchische Struktur des Apparats, die dazu fuhrt, dass der ehrliche kleine Polizist die Aufklarung des Falls gegen die ignoranten Vorgesetzten durchsetzen muss und dafur keinen Dank erhalt.“[15] Die letzten beiden Sequenzen 59 und 60 zeigen zwar, dass die Polizei Matthai hilft, den Fall abzuschliefien und Schrott zu fassen, offensichtliche Dankbarkeit lasst sich aber nicht erkennen.

Wahrend Detektiv- und Polizeifilm Merkmale des Kriminalfilmgenres verfolgen und beinhalten, klingt hier dazu als drittes Subgenre auch der Serienkillerfilm an. Die volle Entwicklung dieses Genres vollzieht sich nach Hickethier erst in den Siebzigern[16], wobei durch die Auberung der Vermutung Henzis, es handle sich um einen Serienmorder (Sequenz 14), sowie die Nennung der vorangegangenen Kindsmorde und die damit verbundene ritualhafte Vorgehensweise (Tatort Wald, Tod durch Rasiermesser) dieses Subgenre aufgreifen.

In Bezug auf die Genrezuweisung ist die Intention Vajdas eine Verfilmung einer moralischen Geschichte zu schaffen mit dem Kriminalfilm und der speziellen Verdeutlichung der Moral, etwa durch den Kommissar als Einzelganger, von Grund auf gegeben. Die Warnung vor Sexualverbrechen an Kindern wird durch den Anklang des Serienkillerfilms bzw. des Serienmorders geschaffen.

„Our primary knowledge of genres comes instead from our culture's commitment to comment on and conserve cinema.“[17] Das Gebrauchswertversprechen, welches Genres bezuglich der Zuschauererwartungen darstellen, wie Mikos es beschreibt, wird damit gewahrleistet. Durch die individuelle Aufnahme des Zuschauers konnen allerdings Assoziationen mit anderen Genres, z.B. einem Lehrfilm, entstehen. Dies ist mitunter von den filmischen Hilfsmitteln abhangig. So konnte man einen Kriminalfilm schaffen, der vom Zuschauer ebenso einen Anklang einer Art Dokumentarfilm enthalten konnte. Mikos bezieht sich dabei auf den Filmwissenschaftler Jorg Schweinitz, welcher dieses Phanomen als ,,lebendiges Genrebewusstsein“ bezeichnet.[18]

[...]


[1] Durrenmatt; Friedrich: Das Versprechen, Munchen: Deutscher Taschenbuch Verlag 1978, S. 122.

[2] Vgl. ebd.

[3] Holtgen; Stefan: Schnittstellen - Die Konstruktion von Authentizitat im Serienmorderfilm, Dissertation, Bonn: Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universitat2009, S. 138.

[4] Schwarz; Florian: Der Roman „Das Versprechen“ von Friedrich Durrenmatt und die Filme „Es geschah am hellichten Tag“ (1958) und „The Pledge^ (2001), Berlin: Lit Verlag 2006, S. 114.

[5] Hickethier; Knut: Felmgenres, Kriminalfilm, Stuttgart: Reclam 2005, S.11.

[6] Vgl. ebd.

[7] Vgl. Hickethier, S. 12.

[8] Vgl. ebd.

[9] Vgl. ebd. S. 13.

[10] Vgl. ebd.

[11] Vgl. Hickethier, S. 17.

[12] Vgl. ebd.

[13] Vgl. ebd.

[14] Vgl. ebd. S. 18.

[15] Vgl. Hickethier, S. 18.

[16] Vgl. ebd., S. 20.

[17] Altman; Rick: Film/ Genre, London: British Film Institute 1999, S. 124.

[18] Mikos; Lothar: Film- und Fernsehanalyse, Konstanz: UVK 2008, S. 265.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Es geschah am hellichten Tag - Lehrfilm durch Genretradition
Hochschule
Technische Universität Dresden
Veranstaltung
-
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
19
Katalognummer
V175401
ISBN (eBook)
9783640963171
ISBN (Buch)
9783640963393
Dateigröße
445 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
inklusive Sequenzprotokoll
Schlagworte
Kriminalfilm, Heinz Rühmann, Gerd Fröbe, Filmgenre
Arbeit zitieren
Mareen Friedrich (Autor:in), 2010, Es geschah am hellichten Tag - Lehrfilm durch Genretradition, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/175401

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