Wie wird Sprache sinnvoll verwendet? - Ayers Verifikationsprinzip


Hausarbeit (Hauptseminar), 2011

20 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

INHALT

1. Einleitung

2. Ayers Einteilung von Sätzen

3. Das Verifikationsprinzip

4. Probleme des Verifikationsprinzips

5. Reflexion

6. Literaturverzeichnis

Siglen: LTL: Language, Truth and Logic; Ayer, Alfred

1. Einleitung

Philosophie ist eine Disziplin mit vielen unterschiedlichen Bereichen. Der Begriff und die Thematik der Sprache tauchen überdurchschnittlich oft bei verschiedenen Denkern in den unterschiedlichsten Epochen auf. Sprache ist ein Thema, das fast alle Philosophen irgendwann einmal beschäftigt hat und deswegen ist sie ein sehr wichtiges Thema der gesamten Philosophie(-geschichte) und daher ein zentraler Bereich der Philosophie.

Die Sprachphilosophie ist nicht nur eine eigenständige Fachrichtung im Bereich der Analytischen Philosophie, sondern sie ist darüber hinaus eine methodische Kerndisziplin der gesamten Philosophie (Vgl. Newen / Schrenk, 2008: 9).[1]

Man erkennt an der Tatsache, dass Sprachphilosophie eine eigene Disziplin innerhalb der Analytischen Philosophie ist, wie wichtig und ernst Analytische Philosophie die Sprachphilosophie nimmt. Möchte man sich nun mit Sprachphilosophie befassen, so ist es hilfreich, sich dieser über die Disziplin der Analytischen Philosophie zu nähern. Eine der Wurzeln der Analytischen Philosophie ist der logische Empirismus (Vgl. Siegetsleitner, 2010: 10). Der logische Empirismus oder auch logische Positivismus war eine philosophische Bewegung, deren Mitglieder aus Philosophen und Wissenschaftlern bestand, die unter dem Namen „Wiener Kreis“ bekannt wurde. Wichtige Vertreter des Wiener Kreises waren z.B. Moritz Schlick, Rudolf Carnap und Alfred Ayer. Der logische Empirismus ist primär eine wissenschaftstheoretische Position, die die Angabe von Kriterien fordert, mittels derer anschließend beurteilt werden kann, ob ein (philosophischer) Satz sinnvoll oder sinnlos ist.

Diese Forderung nach Sinnkriterien ist die praktische Konsequenz der Behauptung, dass alle metaphysischen Sätze sinnlos sind (Vgl. Ayer, 1946: 31 u. 33f).[2] Die logischen Empiristen waren der Ansicht, aufgrund der Angabe von Sinnkriterien über eine korrekte Bedeutungstheorie zu verfügen. Aus dieser Bedeutungstheorie ergab sich, dass nicht-überprüfbare (nicht-analytische) Sätze sinnlos sind.

Die Angabe dieser Sinnkriterien bedeutet vor diesem Hintergrund ein Konzept, eine Methode oder ein Prinzip zu haben, mit dem man überprüfen kann, ob Sätze sinnvoll oder sinnlos sind.

Als ein Vertreter des logischen Empirismus hat sich Ayer in seinem Werk „Language, Truth and Logic“ (LTL) u.a. das Ziel gesetzt, zu beweisen, dass alle metaphysischen Sätze sinnlos sind und darüber hinaus will er eine Methode angeben, mit Hilfe derer geprüft werden kann, ob ein Satz sinnvoll oder sinnlos ist.

In diesem Kontext tauchen einige berechtigte Fragen auf und ich möchte in dieser Arbeit versuchen, diese Fragen zu beantworten. Die wichtigsten sind: „Welches Kriterium, welches Prinzip hat Ayer an der Hand, um sinnvolle von sinnlosen Sätzen zu unterscheiden?“. Wir werden im Fortlauf der Arbeit sehen, dass das besagte Prinzip das Verifikationsprinzip ist. In Bezug auf das Verifikationsprinzip sind weitere Fragen von Interesse: „Wie wendet man das Verifikationsprinzip an?“, „Welchen Zweck hat das Verifikationsprinzip?“, „Welche Methoden stellt das Verifikationsprinzip?“, „Welchen Status hat das Verifikationsprinzip selbst?“ „Welche Probleme ergeben sich aus diesem Prinzip?“ und „Welche Konsequenzen hat dieses Prinzip?“. Arbeitsgrundlage hierfür stellt die Dover Edition aus dem Jahr 1952, die eine ungekürzte sowie unveränderte Version der zweiten Auflage von Ayers LTL aus dem Jahr 1946 ist.

LTL ist in acht Kapitel gegliedert, in denen er sich von der Erläuterung der Elimination der Metaphysik über die Beschreibung der Aufgabe der Philosophie hin zum Wesen der philosophischen Analyse arbeitet. In Kapitel vier beschreibt Ayer sein Verständnis von apriorischen Urteilen und in Kapitel fünf seine Ansicht des Gebrauchs der Wörter „wahr“ und „falsch“. Er fährt fort mit einer Kritik der Ethik und Theologie, geht im siebten Kapitel auf das Verhältnis des Selbst mit der alltäglichen Welt ein und schließt sein Buch mit Kapitel acht, in dem er sich der Lösung bislang ungelöster bedeutender philosophischer Streitfragen zuwendet. Schon im Vorwort zur ersten Auflage von LTL antizipiert Ayer die Konsequenzen seiner These, dass, wenn alle metaphysischen Sätze sinnlos sind und viele philosophische Sätze tatsächlich metaphysische Sätze sind, dann ist ein beachtlicher Teil der bisherigen philosophischen Sätze sinnlos, d.h., ein Teil der gesamten Philosophie ist als sinnlos zu verurteilen: „It will be found that much of what ordinarily passes for philosophy is metaphysical according to this criterion […]“ (Ayer, 1946: 31). In diesem Zitat steckt nicht nur die Forderung, dass relevante Teile der Philosophie als sinnlos abzustempeln sind, sondern auch die Erwähnung eines Kriteriums, mittels dessen man methodisch Sätze auf ihren entweder sinnvollen oder sinnlosen Gehalt prüfen kann. Bevor man sich allerdings mit Ayers Sinnkriterium resp. Verifikationsprinzip näher beschäftigen kann, ist es notwendig, Ayers Verständnis des Gegenstandes, auf den das Verifikationsprinzip angewendet wird, zu begreifen. Besagter Gegenstand ist Ayers Einteilung von Sätzen.

2. Ayers Einteilung von Sätzen

Im Vorwort zur zweiten Auflage von LTL erläutert Ayer sein Verständnis von Satz, Aussage und Proposition: „[…] and for this purpose I shall make use of the familiar word >>statement,<< though I shall perhaps be using it in a slightely unfamiliar sense. Thus I propose that any form of words that is grammatically significant shall be held to constitute a sentence, and that every indicative sentence, whether it is literally meaningful or not, shall be regarded as expressing a statement. Furthermore any two sentences which are mutually translatable will be said to express the same statement. The word >>proposition<<, on the other hand, will be reserved for what is expressed by sentences which are literal meaningful.” (Ayer, 1946: 8). Unter Satz (sentence) versteht Ayer somit eine grammatisch korrekte Anordnung von Wörtern. Ayer unterscheidet grundlegend zwischen sinnvollen und sinnlosen Sätzen.[3]

Unter Aussage (statement) versteht er jeden indikativen Satz, der etwas über die faktische Welt ausdrückt. Eine Aussage ist dann unmittelbar (directly) verifizierbar, wenn sie entweder selbst eine Beobachtungsaussage (observation-statement) ist oder in Verbindung mit einer oder mehreren Beobachtungsaussagen mindestens eine Beobachtungsaussage zur Folge hat, die nicht aus den anderen Prämissen allein deduzierbar ist (Vgl. Ayer, 1946: 13). Eine Aussage ist mittelbar (indirectly) verifizierbar, wenn sie folgende Bedingungen erfüllt: Erstens, dass sie in Verbindung mit bestimmten anderen Prämissen eine oder mehrere unmittelbar verifizierbare Aussagen zur Folge haben, die aus diesen anderen Prämissen allein nicht deduzierbar sind; und zweitens, dass diese anderen Prämissen keine Aussage enthalten, die entweder nicht analytisch oder unmittelbar verifizierbar ist oder als mittelbar verifizierbar unabhängig begründet werden kann (Vgl. Ayer, 1946: 13).

Eine Propositition (proposition) begreift Ayer als einen wissenschaftlich sinnvollen Satz. Deswegen bildet die Klasse der Propositionen eine Unterklasse der Aussagen. Die Funktion von Propositionen liegt darin, dass Propositionen etwas ausdrücken, das nicht für einen besonderen Satz s gilt, sondern für jeden Satz, für den s logisch gleichbedeutend ist (Vgl. Ayer, 1946: 6). Wenn man Klassen als eine Art logischer Konstruktionen auffasst, dann ist eine Proposition eine Klasse von Sätzen, die für jeden, der sie versteht, dieselbe Bedeutung haben (Vgl. Ayer, 1946: 88). Philosophische Propositionen sind also keine Tatsachen, sondern linguistische Propositionen, die eben nicht physische oder gar geistige Zustände beschreiben, sondern sie drücken Definitionen oder die formalen Konsequenzen von Definitionen aus (Vgl. Ayer, 1946: 57). Aufgrund dieser Position betrachtet Ayer die Philosophie als ein Teilgebiet der Logik: „Accordingly, we may say that philosophy is a department of logic.“ (Ayer, 1946: 57). Man bemerkt hier den dominanten Stellenwert der Logik gegenüber der Philosophie.

Des weiteren begreift er die Beziehungen zwischen Sätzen, Aussagen und Propositionen folgendermaßen: „To say that indicative sentences mean propositions is indeed legitimate, just as it is legitimate to say that they express statements.“ (Ayer, 1946: 9). Sätze können also zum einen Propositionen bedeuten oder zum anderen Aussagen ausdrücken. Jedoch bleibt anzufügen, dass Ayer oft da „proposition“ schreibt, wo er seiner offiziellen Einteilung gemäß besser „statement“ geschrieben hätte.

Nachdem wir uns über die Unterscheidung von Sätzen, Aussagen und Propositionen klar geworden sind, können wir uns Ayers Unterscheidung von sinnlosen und sinnvollen Sätzen zuwenden. Ayer unterscheidet – nach dem Vorbild der Humeschen Terminologie – die Klasse der sinnvollen Propositionen in zwei Unterklassen: Begriffsrelationen (relation of ideas) und Tatsachen (matters of fact) (Vgl. Ayer, 1946: 31).

Begriffsrelationen umfassen wiederum die Klasse der apriorischen Propositionen der Logik und Mathematik und sie sind darüber hinaus auch analytisch (Vgl. Ayer 1946: 31).[4] Da wegen der Analytizität der Begriffsrelationen die Wahrheit oder Falschheit durch die Bedeutung der in ihm enthaltenen Ausdrücke festgelegt ist, bezeichnet Ayer diese auch als Tautologien.[5] Tautologien sind logische Wahrheiten und daher sind sie immer wahr „[…] simply because we never allow them to be anything else.“ (Ayer, 1946: 77). An dieser Stelle fällt Ayers Verständnis dafür auf wie Sprache und Logik miteinander verflechtet sind, da wir uns selbst widersprechen würden, wenn wir die Regeln brechen, die den Sprachgebrauch bestimmen.

[...]


[1] Die Analytische Philosophie ist eine der einflussreichsten Strömungen der Gegenwartsphilosophie und zeichnet sich unter anderem dadurch aus, dass sie ihre Fragen und Antworten auf klare und eindeutige Weise formuliert (Vgl. Glock, 2009: 29). Sie besteht aus zwei Kernelementen: der logischen Analyse und der Begriffsanalyse. „Die logische Analyse zielt darauf, die von der grammatischen Oberflächenstruktur verdeckte >logische Form< der zu analysierenden Sätze aufzudecken […]. Die Begriffsanalyse, […] beruht auf der Annahme, philosophische Fragen ließen sich nicht unmittelbar beantworten, sondern müssten zunächst dadurch hinterfragt und geklärt werden, dass man die in ihnen auftauchenden Begriffe in ihre Bestandteile zerlegt und analysiert und so definiert.“ (Glock, 2009: 26f).

[2] Metaphysische Sätze sind Sätze, die Aussagen über einen Bereich machen, der über den Bereich alltäglicher und wissenschaftlicher Erfahrung hinausgeht (Vgl. Ayer, 1946: 33). Metaphysische Sätze sind z.B. „Gott existiert.“, „Die Seele ist unsterblich.“, „Es gibt Freiheit.“ oder „Die Welt ist eins.“

[3] Der Begriff „sinnlos“ bedeutet lapidar, dass es nichts zu verstehen gibt.

[4] Apriorisch bedeutet ein Wissen, das erfahrungsunabhängig ist (Vgl. Casullo, 2009: 30). Analytisch ist ein Satz, wenn seine Wahrheit oder Falschheit durch die Bedeutungen der in ihm enthaltenen Ausdrücke festgelegt ist. Um den Wahrheitswert eines analytischen Satzes wie z.B. „Alle Junggesellen sind unverheiratet“ einzusehen, genügt es, ihn zu verstehen (Vgl. Nimtz, 2009: 24).

[5] Ein Beispiel für eine Tautologie ist der Satz „a = a“, „wenn p, dann p“ oder „Ein Junggeselle ist ein junger, unverheirateter Mann im heiratsfähigen Alter“. Eine Tautologie sagt also zweimal dasselbe aus und deswegen sagt sie nichts über die Welt. Ayer fasst sogar den Satz „91*79=7189“ als eine Tautologie, weil links und rechts neben dem „=“ das Gleiche steht, d.h. diese beiden Ausdrücke sind synonym und tragen deswegen nichts zum Erkenntnisgewinn bei (Vgl. Ayer, 1946: 86). Die Tatsache, dass wir glauben, Sätze wie „91*79=7189“ trügen etwas zu unserem Erkenntnisgewinn bei, begründet Ayer damit, dass unser Verstand so beschaffen ist, dass er auf den ersten Blick nicht erkennt, dass es sich hierbei um „tautological transformations“ handelt, bei denen sich nur die Form der Ausdrücke, nicht aber deren Bedeutung ändert.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Wie wird Sprache sinnvoll verwendet? - Ayers Verifikationsprinzip
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Institut für Philosophie)
Veranstaltung
Theoretische Philosophie: Ayer „Language, Truth and Logic“
Note
2,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
20
Katalognummer
V175463
ISBN (eBook)
9783640965038
ISBN (Buch)
9783640965267
Dateigröße
482 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
"Eine engagierte, belesene und zupackende Arbeit."
Schlagworte
Logischer Empirismus
Arbeit zitieren
Marcus Gießmann (Autor), 2011, Wie wird Sprache sinnvoll verwendet? - Ayers Verifikationsprinzip, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/175463

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