André Masson und die Sandbilder - Der Versuch des Automatismus und der Einfluss der Surrealisten um André Breton


Hausarbeit, 2007

19 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 André Masson und die Vorgeschichte zu seinen Sandbildern

3 Die Idee zur Entstehung der Sandbilder und deren Technik

4 Der Versuch des Automatismus in den Sandbildern

5 Die Themen der Sandbilder

6 Vergleichsbeispiele
6.1 Das Bild: Combat de poissons , 1926
6.1.1 Allgemeine Informationen
6.1.2 Die Bildbeschreibung
6.1.3 Interpretationsversuch
6.2 Das Bild: Les chevaux morts , 1927
6.2.1 Allgemeine Informationen
6.2.2 Bildbeschreibung und Interpretationsversuch

7 Einflüsse auf das Werk des André Masson

8 Schlussbemerkung

9 Abbildungsverzeichnis

10 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

In der hier vorliegenden Hausarbeit möchte ich das Hauptaugenmerk auf die Sandbilder von André Masson aus den Jahren 1926/27 richten, wobei zu sagen ist, dass diese nur einen kleinen Teil des Oeuvres des französischen Malers (1896-1987) repräsentieren. Jedoch sollen hierbei nicht nur die erste Schaffensphase und die Motive der Sandbilder eine wichtige Rolle spielen, sondern auch die Technik der selbigen betrachtet werden. Da dem Automatismus ebenfalls in vielen Werken Massons eine große Bedeutung zugemessen worden ist, möchte auch ich dieses Thema mit den Sandbildern in Bezug setzen und darstellen, inwieweit sich dies auf ihre Ausführung auswirkte. Zudem möchte ich ebenfalls eine Reihe möglicher Einflüsse und Vorbilder auf André Massons Leben beleuchten, wobei hier der Schwerpunkt auf die Literatur und seine Dichterfreunde gelegt werden soll. Stellvertretend für die von Masson geschaffenen Sandbilder möchte ich zwei Bilder auswählen, vorstellen und einem Interpretationsversuch unterziehen. Bei all diesen Kapiteln sollen die Gedanken und Zitate von André Masson maßgebend sein und vor allem werden sie den Inhalt dieser Hausarbeit unterstützen und verdeutlichen.

2 André Masson und die Vorgeschichte zu seinen Sandbildern

In einem ersten, einem charakterlich eher einführenden Kapitel, möchte ich auf die Notwendigkeit für die „Erfindung“ der Sandbilder zu sprechen kommen. Man kann schon sagen, dass die Sandbilder aus einem sehr spontanen Entschluss heraus entstanden sind (dazu mehr in einem späteren Kapitel), jedoch gab es ebenfalls andere Gründe dafür. Doch dafür ist es erforderlich, ein paar Jahre in der Schaffensphase des André Massons zurück zugehen. Bereits zu Ende des Jahre 1923 hatte Massons erstmals begonnen sich den automatischen Zeichnungen zu widmen, jedoch wird erst mit dem Beitreten in die Gruppe der Surrealisten um 1924 der Versuch des Automatismus immer deutlicher in seinen Werken.

Sie (die Surrealisten um André Breton) vertreten die Meinung, dass der Automatismus, also das Unbewusste, Ungeplante das Wahre sei. In diesem Sinne beginnt Masson, sich intensiver mit den automatischen Zeichnungen auseinanderzusetzen. Werner Spies beschreibt in seinem Aufsatz, wie eine automatische Zeichnung entsteht: „Schnelligkeit dient dem Künstler dazu, die Inhibition zu überwinden, den bewussten Arbeitsprozess zu verringern, und damit unbewusste Stimmungen zum Ausdruck zu bringen. […] Die Hand bewegt sich frei über das Blatt. Zu Beginn bewegt sie sich in der Mitte des Zeichenblattes. Dann dehnt sich die Zeichnung aus, dehnt sich den Rändern zu aus. Manchmal klebt der Künstler ein Stück Papier an, um den Impuls, dem die Zeichnung folgt, weiterführen zu können.“1 Was hier jedoch wie eine Art Anleitung klingt, soll in Wirklichkeit schnell und spontan ausgeführt werden. So ist es zumindest die Vorstellung der Surrealisten. Nach einigen Jahren des Versuchs des Automatismus (dazu folgt im weiteren Verlauf dieser Hausarbeit ebenfalls ein Kapitel mit der Auswertung, ob es Masson letztendlich gelungen ist oder nicht) möchte Masson auch Bilder, oder besser gesagt Ölbilder, mit dieser Technik bzw. Verfahren erschaffen. Doch das stellt ihn schnell vor einige Schwierigkeiten, denn Ölfarbe hat ein anderes Verhalten als Tusche, mit der er bisher seine automatischen Zeichnungen angefertigt hat. Masson selbst schreibt hierzu: „ Kommen wir nun zur Periode meiner Sandbilder. Ihre Notwendigkeit hat sich mir aufgedrängt, als ich mir der Kluft zwischen meinen Zeichnungen und meinen Ölgemälden bewusst wurde - die Kluft zwischen der Spontaneität und raschen Ausführung der ersteren und der fatalen Reflexion in den letzteren.2 Zudem bringt die neue Farbigkeit andere Aspekte in die Bilder ein.3, deren Masson in den automatischen Zeichnungen nicht bedenken musste, da diese fast ausschließlich nur mit Tusche angefertigt wurden In den folgenden Kapiteln möchte ich deshalb darstellen, wie Masson mit dieser neuen Herausforderung umgeht und inwiefern es ihm gelingt den Versuch des Automatismus auch weiterhin in seinen Werken aufrechtzuerhalten.

3 Die Idee zur Entstehung der Sandbilder und deren Technik

Im Jahre 1926 verließ Masson Paris zunächst für einige Zeit und zog in den kleinen Bade- und Fischerort Sanary - sur - Mer bei Toulon in Südfrankreich.4 Dort schien es, als hätte er eine Lösung für sein Problem gefunden, nämlich eine Art Übergang von den automatischen Zeichnungen hin zur Ölmalerei. „ Ich entdeckte plötzlich die Lösung, als ich bei einem Aufenthalt am Meer die Schönheit des Sands betrachtete, die sich aus Myriaden von Nuancen und unendlichen Variationen vom matten Glanz bis zum strahlenden Glitzern zusammensetzte “ .5 Materialien in seine Kompositionen einzubeziehen, war an und für sich nicht neues für Masson, denn schon vorher hatte er mit verschiedensten Mitteln und Fundstücken an Collagen gearbeitet6. Doch auch ihm war nicht zugleich bewusst, wie er den Sand in seine Bilder einbringen soll, denn die einzelnen Sandbilder weisen einen unterschiedlichen Sandauftrag auf, was darauf hinzuweisen scheint, dass Masson verschiedene Techniken benutzt haben muss. So finden wir zum Beispiel in dem Werk Combat de poissons (Kampf der Fische) von 1926 nur einen partiellen Sandauftrag, während in dem Werk Les chevaux morts (die toten Pferde), welches nur ein Jahr später, also 1927, angefertigt wurde, eine totale und flächendeckende, teilweise sogar mehrschichtige Sandschicht zu finden ist. Masson äußert sich selbst so dazu:

„ Heimgekehrt legte ich auf dem Fu ß boden meines Zimmers eine unbehandelte Leinwand aus, und bestrich sie mit reichlich Kleister, dann bedeckte ich das Ganze mit Sand, den ich vom Strand mitgebracht hatte. Ich wiederholte also auf meine Art die von Leonardo da Vinci als Beispiel gegebene Mauer, allerdings mit dem beträchtlichen Unterschied, dass mir diese Mauer nicht gegeben, sondern die erste Regung eine Intuition war, in der ich bald das mir Eigene finden sollte. Mit abwechselnd aufgetragenen Schichten Kleister und Sand von jeweils verschiedener Konsistenz und Körnung bereicherte ich das Verfahren. “ 7

4 Der Versuch des Automatismus in den Sandbildern

Anhand des vorangegangenen Zitates ist zu erkennen, dass es weiterhin das Bestreben Massons war, etwas Automatisches im Sinne der Surrealisten zu erschaffen. Zumindest deuten seine Aussagen darauf hin. Er „nimmt flüssigen Klebstoff und spritzt diesen mit schnellen, zeichnerischen Bewegungen auf die Leinwand“8. Dies scheint aus dem Unbewussten heraus zu geschehen, denn er [Masson] hat keinerlei Einfluss darauf, wie die verschiedenen Leimtropfen auf die Leinwand auftreffen. Ebenso entspricht der nächste Schritt, das Auftragen des Sandes noch sehr den Anforderungen und Bestrebungen der Surrealisten nach Automatismus. Wohingegen natürlich gesagt werden muss, dass es bei den Sandbildern, die nur einen partiellen Sandauftrag haben eher automatisch erscheint, denn die Bilder, wo der Auftrag über die ganze Leinwand geschmiert wurde, erscheinen eher geplant oder konstruiert als automatisch. Aber die Bilder bestehen ja nicht nur allein aus Sand und Leim, sondern es wird Farbe hinzugefügt, egal in welcher Form: manchmal gekleckst, manchmal gestrichen oder einfach nur in Form feiner Linien. Auch hierzu äußert sich Masson:

„ Dennoch wurde wie bei den Zeichnungen mit Tusche das Erscheinen, das Auftauchen des Figurativen hervor getrieben und das heterodoxe Bild fand seinen Abschluss dank einem Pinselstrich oder manchmal einem Fleck reiner Farbe. Andeutungsweise.9 [ … ] „ Ich habe zuerst eine Empfindung farbiger Rhythmen. Mit der Farbe dargestellt, haben diese Rhythmen vielleicht ihren Ursprung in dem, was ichäu ß erlich gesehen habe, doch ich wei ß nichts darüber. Plötzlich fühle ich mich von einer Farbe erfüllt, die rhythmisch ist, es ist entweder Grün oder Violett. Das notiere ich zunächst, entweder direkt auf der Leinwand oder mit Hilfe des Pastells. Darauf betrachte ich prüfend die Flecken (ich kann das nicht anders nennen, obwohl ich nicht behaupte, ein Vorläufer des Tachismus zu sein), und das nimmt mit diesen farbigen Flächen seinen Fortgang, und dann sehe ich auf einmal. Ich betrachte prüfend, befrage, wie bei meinen Sandbildern. Und plötzlich wird dies eine Jagd, ein Raub, ein Gemetzel oder junge Mädchen. Warum? Ich wei ß nichts darüber. Weil es mir die Farbe suggeriert, das ist alles. Die Bewegung der Farbe selbst. “ 10 Wenn man dieses Zitat genauer betrachtet, erscheint es einem, als ob er Automatismus auch hier seine Gültigkeit behält. Nichts scheint geplant, absichtlich überlegt oder vorbereitet zu sein - also ein perfektes Beispiel für ein automatisches Bild. Aber Masson selbst widerspricht hier, denn „ alles, was ich male, bezieht sich auf das, was ich gesehen, erlebt habe, auf alles, was mir bewusst wurde. Wenn nichts rein plastisch ist, so ist auch nichts rein imaginär: meine Allegorien, meine mythologischen Themen schöpfen ihre Substanz aus dem Ereignis, aus der physikalischen Umwelt, in der ich lebe “ .11 Es ist hier somit zu erkennen, dass der Versuch des Automatismus definitiv vorhanden ist, aber bei den Sandbildern endet er spätestens dann, wenn der Farbauftrag ins Spiel kommt, denn sobald dies geschieht, hat Masson etwas vor Augen, dann beruft er sich auf etwas Bekanntes. Aber man kann ihnen [den Sandbildern] auch einen gewissen Grad an Automatismus nicht absprechen. Demnach ist es wohl legitim sie als halbautomatisch zu bezeichnen. Dementsprechend erscheint es nicht verwunderlich, dass Masson sich im Jahre 1929 von den Surrealisten entfremdet, da ihm deren Ansichten oft zu einseitig geprägt sind12, insbesondere André Breton, welcher den Automatismus als die leitende Grundidee des Surrealismus unabänderlich vertritt (Auszug aus dem „Surrealistischen Manifest“, 1924: „SURREALISMUS, Substantiv, m., reiner, psychischer Automatismus, durch welchen man, sei es mündlich, sei es schriftlich, sei es auf jede andere Weise, den wirklichen Ablauf des Denkens auszudrücken sucht“13 ) . Auch ein Ausspruch von Masson lässt schon die bevorstehende Entzweiung erahnen und macht zudem auch noch seine Einstellung bezüglich des Automatismus deutlich: „ Ich muss sagen, dass ich wirklich meinte den Automatismus zu praktizieren. [ … ] Wohingegen bei der Malerei eine Vorbereitung nötig ist, die Abstand schafft. Wenn man auf die traditionelle Ölmalerei zurückgreift, erreicht man unmöglich eine hinreichend schnelle Ausführung, um den reinen Automatismus zu praktizieren.

[...]


1 Spies, Werner: Die Welt ist niemals abgeschlossen. in: André Masson. Eine Mythologie der Natur, Museum Würth 2005, S.13.

2 Sietz, Barbara (Hrsg.): André Masson. Gesammelte Schriften Band II (Batterien Band 70), Berlin 2005, S. 86.

3 Vgl. ebd., S 18.

4 André Masson. Eine Mythologie der Natur, Museum Würth 2005, S.146.

5 Sietz (2005), S. 86.

6 Reifenscheid, Beate: Modernität und Abstraktion im malerischen Werk André Massons, in: Reifenscheid, Beate (Hrsg.):André Masson, Rebell des Surrealismus, Koblenz, 1998, S.23ff.

7 Sietz (2005), S. 86.

8 Spies (2005), S.19.

9 Sietz (2005), S. 86ff.

10 Mattheus, Bernd: Malen als Wette, in: André Masson, Rebell des Surrealismus, Reifenscheid, Beate (Hrsg.), Ludwig Museum Koblenz, 1998, S.10.

11 Vgl. ebd., S. 11.

12 André Masson. Eine Mythologie der Natur, Museum Würth, Swiridoff Verlag, 2005, S.147.

13 Henry, Ruth: André Breton, Die Manifeste des Surrealismus, Rowohlt Verlag, Hamburg, 1993.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
André Masson und die Sandbilder - Der Versuch des Automatismus und der Einfluss der Surrealisten um André Breton
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Kunsthistorisches Seminar und Kustodie)
Veranstaltung
André Masson
Note
2,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
19
Katalognummer
V175468
ISBN (eBook)
9783640964406
ISBN (Buch)
9783640964178
Dateigröße
1346 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
andré, masson, sandbilder, versuch, automatismus, einfluss, surrealisten, breton
Arbeit zitieren
Peggy Ott (Autor), 2007, André Masson und die Sandbilder - Der Versuch des Automatismus und der Einfluss der Surrealisten um André Breton, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/175468

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