Die Gemeinwesenarbeit (GWA)

Exemplarische Theorieansätze der Sozialen Arbeit


Hausarbeit, 2009
18 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltverzeichnis

1. Einleitung

2. Entstehung und Entwicklung der Gemeinwesenarbeit
2.1 Entstehung der Sozialen Frage
2.2 Settlement-Bewegung
2.3 Dritte Methode der Sozialarbeit

3. Formen der Gemeinwesenarbeit
3.1 Wohlfahrtsstaatliche Gemeinwesenarbeit
3.2 Integrative Gemeinwesenarbeit
3.3 Aggressive Gemeinwesenarbeit
3.4 Katalytisch-aktivierende Gemeinwesenarbeit
3.5 Integrative, lebensweltliche Gemeinwesenarbeit als Netzwerk

4. Heutige Gemeinwesenarbeit
4.1 Gemeinwesenarbeit als Gemeinwesennetzwerk
4.2 Intermediarität
4.2.1 Direkter Kontakt mit Klient (Mikroebene)
4.2.2 Bearbeitungsebene in der Verwaltung (Mesoebene)
4.2.3 Entscheidungsebene der Politik (Makroebene)
4.3 Sozialraumentwicklung
4.4 Stadtteilmanagement
4.4.1 Die gesellschaftspolitische Herausforderung
4.4.2 Die politische Annäherung an das Quartier
4.4.3 Stadtteilmanagement als Qualitätsbegriff

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Was ist unter gemeinwesenorientierter bzw. sozialraumorientierter Sozialer Arbeit, abgekürzt

Gemeinwesenarbeit (GWA), zu verstehen? Mit welchen Begriffen ist diese untrennbar verbunden und welche Formen existierten früher auch und finden heute keine Anwendung mehr? Warum werden die Methoden der damaligen GWA heute teilweise eher kritisch betrachtet? Was beinhaltet die Gemeinwesenarbeit und welche Bedeutung hat sie für die Soziale Arbeit und für die Gesellschaft? Die vorliegende Hausarbeit soll versuchen, eine Antwort auf diese Fragen zu geben unter Zuhilfenahme verschiedener Quellen.

2. Entstehung und Entwicklung der Gemeinwesenarbeit

2.1 Entstehung der Sozialen Frage

Im Zuge der Industrialisierung Ende des 18.Jh./Anfang des 19.Jh. setzte eine ,,Landflucht“ ein, d.h. weite Teile der Bevölkerung strömten in die Städte, um in den Fabriken zu arbeiten. Durch das Überangebot an vielen potentiellen Arbeitskräften und durch die Konkurrenz hielten die Unternehmer die Löhne niedrig, was dazu führte, daß es neben der Arbeitslosigkeit auch der arbeitenden Bevölkerung in den Fabriken zunehmend schlechter ging. Frauen und Kinder mussten dann auch noch arbeiten und trotzdem war das Geld oft knapp, so daß ein Massenelend entstand. Trotz des Elends vergrößerte sich die Bevölkerung rasant, da es große Fortschritte auf den Gebieten der Hygiene sowie der Medizin gab. Es entstand somit die ,,soziale Frage, d.h. die Frage, wie der zunehmend verelendeten Arbeiterklasse zu helfen sei.“[1] Eine der Antworten darauf ist in der Entstehung der Gemeinwesenarbeit zu finden, die ihren Ursprung in der Settlementbewegung hatte.

2.2 Settlement-Bewegung

Es gab zunächst einzelne Intellektuelle in den USA und England, die zu der Einsicht kamen, daß es besser sei, den Armen zu helfen aus ihrer Not herauszukommen. Sie vertraten die Ansicht, daß ,,Bildung und Kultur gerechter verteilt werden“[2] sollten, um die Kluft zwischen Arm und Reich zu überwinden. Im Jahre 1884 wurde zunächst die ,,Toynbee-Hall“ errichtet, die als ,,settlement“ den Zweck erfüllte, daß gebildete, wohlhabende Menschen bewusst die Nähe der ungebildeten Armen suchten, um ihnen kulturelle Bildung sowie entsprechende Angebote wie gemeinsame Wanderungen anzubieten. In den folgenden Jahren gab es viele Nachahmer in England, Deutschland und auch in den USA. Eine erfolgreiche Kopie davon zeigte sich in den USA durch die Gründung des Hull House im Jahre 1889, welches dann aber eher multikulturelle Angebote für die Bevölkerung anbot und damit erste Ansätze einer interkulturellen Arbeit beinhaltete.[3]

2.3 Dritte Methode der Sozialarbeit

Die Gemeinwesenarbeit in Deutschland bezeichnet man neben der sozialen Einzelfallhilfe und der sozialen Gruppenarbeit als dritte Methode der Sozialarbeit, die in diesem Methodenkonstrukt bis Anfang der 70er Jahre des 20.Jahrhunderts existierte. Diese drei Methoden waren klar voneinander abgegrenzt. Sie sind als Mittel der Demokratisierung nach 1945 aus den USA eingeführt worden, denn sie beinhalteten Elemente der aktiven Mitbestimmung, die es vorher im zentralistisch geführten 3.Reich nicht gab.[4]

3. Formen der Gemeinwesenarbeit

Die nachfolgend aufgeführten Formen der Gemeinwesenarbeit entstanden ab ca.1970, nachdem das ,,Dreiergespann“ der bisherigen Sozialarbeit durch die Studentenbewegung Ende der 60er als normative Handlungsanleitungen in Frage gestellt wurde.[5]

3.1 Wohlfahrtsstaatliche Gemeinwesenarbeit

Bei der wohlfahrtsstaatlichen Gemeinwesenarbeit entscheiden nur die staatlichen Institutionen über alles Wichtige und sie sind es auch, die die Angebote (wie z.B. Hausaufgabenhilfe, Spielstube...) vor Ort zur Verfügung stellen. Hier gibt es keinerlei Netzwerk zwischen den Bürgern. Einzelfallhilfe und der Aufbau von Gruppen stehen hier im Vordergrund. Primär geht es hier um die Verbesserung des Dienstleistungsangebots der im Wohnviertel tätigen Institutionen und Behörden. Gesellschaftliche Widersprüche sollen durch intensive zwischenmenschliche Beziehungen erträglich gemacht werden. Fragen von Macht, Herrschaft und politischer Beteiligung werden ausgeklammert.

In den 70ern war das für Wohlfahrtsverbände, trotz dieser Einschränkungen, ein revolutionärer Ansatz, da die Betroffenen gehört werden sollten, und die Bedürfnisse nicht nur anonym abgefragt oder per Statistik ermittelt werden sollten, was vorher so praktiziert wurde.

3.2 Integrative Gemeinwesenarbeit

Die Annahmen von M.G. Ross, der diesen Ansatz entwickelt hat, waren 1971, daß der gesellschaftliche Rahmen insgesamt gesehen zufriedenstellend und die Verteilung von Macht und Herrschaft gerecht geregelt ist. Die Menschen haben allerdings nicht gelernt, ihren verfassungsmäßig verbürgten Freiraum kreativ auszufüllen, weil in den Gemeinwesen zu wenig Kommunikation geschieht, die eine dauerhafte Kooperation zwischen den verschiedenen Gruppen eines Gemeinwesens gewährleisten könnte. Integration und Verantwortlichkeit aller werden als Mittel angeführt, um zu dem Ziel harmonischer Anpassung verschiedener Interessen an ein abstraktes Gemeinwohl zu kommen. Integration wird als Qualität verstanden, die aus dem Miteinander erwächst, wenn Leute sich bei Anliegen, die alle betreffen, "aneinander reiben", ihre Gedanken über gemeinsame Projekte austauschen und nach gemeinsamen Zielen suchen. Alle Gruppen sollen einen Wertekanon entwickeln und damit an der Beseitigung der Schwierigkeiten arbeiten. Einzig akzeptable Interventionsstrategien sind kooperative Taktiken, vernünftige Gespräche, sachliche Kompromisse, denn Protest- und Kampfmaßnahmen versperren den Weg zu einer von allen getragenen Problemlösung. Partizipation meint auch in diesem Fall nur eine Beteiligung an der Umsetzung der bereits getroffenen Entscheidungen. In der Praxis lassen sich auf diesem Weg Maßnahmen mit hohem Konsens (dementsprechend wenig Widerstand) im Gemeinwesen durchsetzen.

3.3 Aggressive Gemeinwesenarbeit

Die aggressive GWA wartet im Gegensatz zur Integrativen GWA nicht darauf, daß eine Mehrheit der BewohnerInnen im Einzugsgebiet selbstständig die Notwendigkeit einer sozialen oder politschen Aktion erkannt hat. Sie zielt sowohl auf eine Veränderung von Kräfteverhältnissen und Machtstrukturen innerhalb eines Wohnquartiers durch solidarischen Zusammenschluß von Minderheiten als auch auf gerechte Verteilung von Macht und Herrschaft und sich daraus ergebende Veränderungen des gesellschaftlichen Systems. Erreicht

werden sollen diese Ziele durch die Organisation der Arbeiterklasse. Es wird davon ausgegangen, daß diese am ehesten für Veränderung zu mobilisieren ist, da sie am fühlbarsten an bestimmten sozialen Bedingungen leidet. Die Aktionsformen der aggressiven GWA inkludieren- im Gegensatz zu den vorherigen- auch sogenannte disruptive Taktiken. Damit ist gemeint, daß das System an seiner üblichen kontinuierlichen Arbeit gehindert werden soll. Es gehört zu den Methoden, die Verletzung der Verkehrssitten oder sogar der gesetzlichen Norm in Form von Demonstrationen, Steuerstreik oder öffentlichem Ungehorsam zu organisieren. Kritisiert wird an diesem Ansatz, daß er die politische Apathie der Bevölkerung unter- und die Möglichkeiten, Minderheiten in Stadtteilen so zu organisieren, daß sie sich auf breiter Basis strategisch geschickt für Ihre Interessen einsetzen, überschätzt. Die aggressive Gemeinwesenarbeit war linksextremistisch und antikapitalistisch ausgerichtet und hatte kein großes Interesse an der Zusammenarbeit mit staatlichen Institutionen wie Ämtern und Behörden. Die Erkenntnis, daß man ohne regen Kontakt zu den übergeordneten Instanzen nicht weit kommt, führte im Laufe der Jahre dazu, daß diese extreme Form der Gemeinwesenarbeit heute nicht mehr existiert.

3.4 Katalytisch-aktivierende Gemeinwesenarbeit

Dieses Konzept ist von Karas/Hinte 1978 entwickelt worden. Zur Grundlage hat sie die Utopie einer herrschaftsfreien Gesellschaft: keine Unterdrückung .Menschen sind in der Lage, sich selber zu helfen. Solidarität wird hoch geschätzt. Menschen identifizieren sich mit den Problemen anderer und entfalten Fähigkeiten, sozial-kreativ zu leben. Gemeinwesenarbeit ist eine Methode durchdachter Weg die einen Komplex von Initiativen auslöst, durch die die Bevölkerung einer räumlichen Einheit Straße, Wohnsiedlung, Viertel, Stadt, Land gemeinsame Probleme erkennt, alte Ohnmachtserfahrungen überwindet und eigene Kräfte einwickelt,

Gemeinwesenarbeit als Instrument zur Aufdeckung von Interessengegensätzen und Konflikten um sich zu solidarisieren und Betroffenheit konstruktiv anzugehen. Menschen lernen dabei, persönliche Defizite aufzuarbeiten und individuelle Stabilität zu entwickeln, Änderung der Individuen - Lernen arbeiten gleichzeitig an der Beseitigung akuter Notstände (kurzfristig) und an der Beseitigung von Ursachen von Benachteiligung und Unterdrückung Änderung von Verhältnissen. Der Gemeinwesenarbeiter soll innerhalb des Gemeinwesens Prozesse bei den

Stadtteilbewohnern anregen, in deren Verlauf sie sich ihrer Situation bewußt werden und die Bedingungen entsprechend ihren Interessen ändern sollten. Gemeinwesenarbeit soll dazu befähigen, Gruppenselbsthilfe ins Leben zu rufen, Anlaufstellen im Gemeinwesen anzubieten (Vernetzung), Partizipation soll in überschaubaren Bereichen stattfinden, wo relativ wenig Risiko, aber positive Lernerfahrungen zu erwarten sind. Diese fördern dann das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und den Wunsch nach Selbstbestimmung. Es sollen Koalitionen auf Zeit entstehen. Auf der Grundlage kleinster gemeinsamer Nenner will GWA Grundwerte thematisieren, auf deren Basis sich möglichst viele Gruppen treffen, ohne faule Kompromisse eingehen zu müssen und ohne von langfristigen Zielvorstellungen abzuweichen. Das könnten z.B. die Menschenrechte sein. Der Gemeinwesenarbeiter muß differenziert schauen, wann eine Konfliktaustragung angebracht ist. Eine Konfliktaustragung darf nicht riskiert werden,

bevor die Leute, die sie durchstehen sollen, dazu in der Lage sind. Wenn eine Gruppe aus Identitätsunsicherheit überall Feindverhältnisse aufbaut, kann sie nicht mehr differenziert und kritisch die Notwendigkeit einer Konfliktaustragung einschätzen. Diese Form der Gemeinwesenarbeit wurde nicht von den großen Wohlfahrtsverbänden oder der Stadt praktiziert, sondern eher von kleinen freien Trägern.

[...]


[1] KUHLMANN, CAROLA (2008): Geschichte Sozialer Arbeit I. Studienbuch. Wochenschau Verlag Schwalbach/Ts., S.30.

[2] ebd., S.42.

[3] ebd., S.42 f.

[4] GALUSKE, MICHAEL (1998): Methoden der Sozialen Arbeit. 4. Aufl. 2002, Juventa Verlag Weinheim und München, S.69.

[5] GALUSKE, MICHAEL (1998): Methoden der Sozialen Arbeit. 8. Aufl. 2009, Juventa Verlag Weinheim und München, S.112 f.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Die Gemeinwesenarbeit (GWA)
Untertitel
Exemplarische Theorieansätze der Sozialen Arbeit
Hochschule
Technische Hochschule Köln, ehem. Fachhochschule Köln
Note
2,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
18
Katalognummer
V175521
ISBN (eBook)
9783640965397
ISBN (Buch)
9783640965328
Dateigröße
455 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
gemeinwesenarbeit, exemplarische, theorieansätze, sozialen, arbeit
Arbeit zitieren
Florian Gotthardt (Autor), 2009, Die Gemeinwesenarbeit (GWA), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/175521

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