Traumtheater und Intertextualität

Eine literaturwissenschaftliche Untersuchung von García Lorcas "Das Publikum"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010

22 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Gliederung:

1. "Das Publikum" im historischen und forschungsbezogenen Gesamtkontext

2. Analyse und Interpretation des Werks
2.1 Ein inhaltlicher Einblick
2.2 Traumtheater
2.2.1 Phantasiegebilde und Imagination
2.2.2 Multiple Identitäten und polyphone Figuren
2.2.3 Rivalität und Krisentheater
2.3. Intertextualität
2.3.1 Lorca und Shakespeare
2.3.2 Bibelbezug und Calderón de la Barca
2.4 "El Público" - Ein surrealistisches Werk?

3. Lorca und das moderne Theater

1. "Das Publikum" im historischen und forschungsbezogenen Gesamtkontext

"Theater ist Poesie, die aus Büchern steigt und menschlich wird, die spricht und schreit, weint und verzweifelt."1 Diese gewagte These formulierte der Avantgardist Frederico García Lorca in dem Jahr seines Todes 1936. Der 1898 in Fuente Vaqueros in der Provinz Granada geborene Schriftsteller und Lyriker zählt heute mit zu den wichtigsten spanischen Autoren des 20. Jahrhunderts und wurde nach seinem Tod besonders durch seine Werke für das Theater bekannt. Lorca begann 1914 ein Studium in Literaturwissenschaft, Philosophie sowie Rechtswissenschaft an der Uni- versität Granada. Bis 1928 studierte er an der Universität Complutense Madrid, wo er unter anderem den Schriftsteller Juan Ramón Jiménez, den Künstler Salvador Dalí und den Regisseur Luis Buñuel kennen lernte; somit kam er mit der avant- gardistischen Bewegung in Berührung und schloss sich der literarischen Gruppe "Generación del 27"2 an. Der 1928 veröffentlichter Gedichtband "Romancero gitano" war das erfolgreichste Werk Lorcas. Im spanischen Studenten-Theater "La Barraca" fungierte er zudem als Regisseur. 1930 reiste er nach einem einjährigen Aufenthalt in New York nach Kuba, später nach Argentinien, wo er in den Jahren 1933/34 seine bekanntesten Werke "Bodas de Sangre", "Yerma" und "La Casa de Bernarda Alba" schrieb.

Seine Arbeiten, die durch die avantgardistische Denkweise auch immer einen gesellschaftskritischen Punkt enthielten, machten Lorca bei den spanischen Nationalisten unbeliebt. Dies und vermutlich auch seine Homosexualität führten im August 1936, zu Beginn des Spanischen Bürgerkriegs, zu seiner Ermordung.3

Eines der auf Kuba entstandenen beziehungsweise fertig geschriebenen Stücke - "El Público" ("Das Publikum") - soll in vorliegender Arbeit näher untersucht werden. Im Rahmen des Seminars "Avantgardbewegungen in Spanien und Portugal" wurde unter anderem Fokus auf dieses erst 1976 und somit posthum publizierte Werk Lorcas gelegt, da es, abgesehen von den Theatertraditionen brechenden und gesellschaftskritischen Elementen, zum einen aufgrund seiner vermeintlichen "Unaufführbarkeit"4 besonders erscheint und andererseits hierfür weitaus weniger (deutschsprachige) Sekundärliteratur als zu Lorcas bekannteren Stücken vorliegt. Letzteres erleichterte den Einblick in die Forschungslage nicht, so dass zudem auf englisch- und spanischsprachige Literatur zurückgegriffen werden musste. Folglich lag die Orientierung der Fragestellungen in dieser Arbeit stark auf der begrenzten Anzahl an Studien von Uta Felten et al., was die Qualität jedoch nicht mindert.

In Bezug auf die Relevanz von "El Público" im Gesamtwerk Lorcas und der Literatur der Avantgarden ist nun zu fragen, wie Lorcas es schafft, gegen die Konventionen des klassischen Dramas zu protestieren. Auf welche Weise agieren in diesem Stück Traumelemente und intertextuelle Aspekte? Hat Lorca ein surrealistisches Werk geschaffen? Welche Bedeutung hat "Das Publikum" für das moderne Theater? Methodisch wird hierbei qualitativ, d.h. im Sinne der inhaltlichen und inter- pretativen Literaturanalyse vorgegangen, so dass am Ende der Arbeit sowohl eine auf Sekundärliteratur als auch auf neuen Ideen basierende Studie vorliegen soll. Nach einer kurzen Inhaltszusammenfassung wird das Werk zunächst auf phantas- tische Elemente, polyphone Charaktere und schließlich das Thema der "Krise" im Theater untersucht. Im folgenden Unterkapitel wird auf die im Stück vorhandene Intertextualität eingegangen. Nach der Interpretation, ob es sich um ein surreal- istisches Theaterstück handelt, soll letztlich die Rolle Lorcas bezüglich des Theaters der Moderne geklärt werden.

Ziel der Hausarbeit ist es, die Einzigartigkeit und visionäre, pathetische aber auch teils obszöne Thematik von Lorcas Theater herauszukristallisieren und in einen literaturgeschichtlichen Kontext zu stellen.

2. Analyse und Interpretation des Werks

Bei dem Werk "Das Publikum" handelt es sich um ein Spiel von Theaterspielen, dessen Szenenanweisungen zeigen, dass hier ein Lesedrama vorliegt. Entgegen eines traditionellen Theaterstücks besteht es außerdem nicht aus Akten, sondern aus sechs "Bildern", wobei das vierte fehlt, so dass es in der Gesamtzahl auf fünf Bilder kommt.5 Zusätzlich ist zwischen dem fünften und sechsten Bild ein Solo ein- geschoben.6 Thematisch lässt es sich in zwei Hauptkomplexe einteilen. Zum einen wird über das Für und Wider des Illusionstheaters diskutiert und zum anderen die Liebe als Auslöser verschiedener Verwandlungsspiele eingesetzt.7

Gegenstand des Stücks ist eine Aufführung von Shakespeares Drama "Romeo und Julia", die vor den Blicken der Zuschauer jedoch verborgen und hinzukommend zum Scheitern verurteilt ist. Dies wird unter anderem durch die tabubrechende Liebes- handlung evoziert, welche von zwei männlichen Schauspielern dargestellt wird. Sichtbar agieren in diesem Lesedrama dagegen ein Theaterdirektor und zugleich Regisseur der "Romeo und Julia"-Inszenierung, Shakespeares Julia, die griechische Sagengestalt Helena, drei Männer, vier Pferde sowie einige "körperlose Kostüme" und weitere Figuren.8

Bevor auf die einzelnen avantgardistischen Aspekte im Werk eingegangen wird, steht in folgendem Abschnitt zunächst die Inhaltszusammenfassung von "Das Publikum" an.

2.1 Ein inhaltlicher Einblick

Das Stück beginnt und endet mit der gleichen Dialogsequenz, in welcher der Regis- seur ein Publikum bittet, einzutreten.9 Diese Aufforderung führt dazu, dass vier Pferde, die in seinem Büro erscheinen und sich prostitutieren wollen, daraufhin wieder des Raumes verwiesen werden. Als drei sich optisch völlig gleichende Män- ner auftreten, die zu der letzten aufgeführten "Romeo und Julia"Inszenierung be- glückwünschen wollen, artet dies in einen Diskurs über dramaturgische Aspekte dieser Aufführung aus.10 Die Überzeugung des Theaterdirektors vom traditionellen Illusionstheater ("teatro al aire libre") steht im Gegensatz zum "teatro bajo la arena", das Theater mit dem Ziel, die "Wahrheit" auf der Bühne darzustellen, welches Mann 1 (auch Gonzalo genannt) befürwortet.11 In dieser Diskussion kommt "el biombo" (die "spanische Wand") ins Spiel, die als Zauberwand fungiert. In folgender Handlung passieren die einzelnen Figuren jeweils die "spanische Wand" und verwandeln sich in neue Charaktere. Eine Eifersuchtsszene zwischen der griechi- schen Figur Helena, dem Direktor und Mann 3 wird hervorgerufen. Als letzte Figur im ersten Bild tritt der Diener hinter die Zauberwand, verändert sich jedoch nicht und wird von Helena aufgefordert, sie vom Ort des Geschehens wegzubringen.

Schauplatz des zweiten Bildes ist eine römische Ruine. Die Szene enthält einen Liebesdialog zwischen einer "Gestalt in Schellen" und einer "Gestalt in Weinlaub". Dieser wird unterbrochen von dem Auftritt des Zenturios und des Kaisers, die "Einen" suchen. Beide Figuren behaupten, "Einer" zu sein; der Kaiser umarmt jedoch letzlich die sich zuvor entblöste "Gestalt in Weinlaub". Auf diese Weise fühlt sich die "Gestalt in Schellen" verraten. Sie "r ü ttelt an einer S ä ule, und diese entfaltet sich zu der wei ß en spanischen Wand der ersten Szene. Dahinter kommen drei b ä rtige M ä nner und der Direktor hervor." 12 Sowohl Mann 1 als auch der Direktor fühlen sich ebenfalls verraten. Der Vorhang fällt.

Auch das dritte Bild beinhaltet einen Liebesdialog, diesmal jedoch zwischen Direktor und Mann 1. Plötzlich öffnet sich eine Mauer und die in ein weißes Operngewand gekleidete und mit rosa Kunststoffbrüsten bestückte Julia springt aus einem Grab.

Hierauf führt diese ebenfalls einen Liebesdialog, jedoch mit den drei Pferden. Dieser widerum wird unterbrochen von dem Erscheinen des Mannes 1 und des Direktors, die ihren Liebesdialog weiter führen und sich im Laufe dieser Handlung immer schneller wechselnd in neue Figuren verwandeln. Die Kostüme dieser abgelegten Rollen bleiben letztlich übrig; zunächst noch rufend und bettelnd verstummen sie schließlich im Geräusch von Regen und dem Gesang einer Nachtigall.13 Bezüglich des Bild 5 kann man von einer starken Komplexität sprechen, da diese Handlung als Theater im Theater beginnt. Es findet auf einer Bühne statt, in deren Nähe sich eine Universitäsfassade befindet. Mittig steht hochkant ein Bett, in welchem ein rote nackte Person mit einer Dornenkrone im Sterben liegt und einen an ein Passionsspiel erinnernden Dialog mit einem Krankenpfleger führt. Just als der Pfleger dem Kranken ein Glas mit Galle zu trinken anbietet, bricht eine Revolution aus. Nun auftretende Studenten erklären, dass das Publikum den Tod des Regisseurs wünscht, da es mit der Besetzung eines 35jährigen Romeo und der Julia als 15 Jahre alter Junge nicht zufrieden sei; außerdem habe der Direktor das Publikum hinter die Kulissen sehen lassen. Während der Nackte stirbt, entwickelt sich unter den Studenten eine Diskussion über die homoerotische Inszenierung des Regisseurs.14 Das Solo zwischen dem fünften und sechsten Bild wird von einem "dummen Hirten" mit einem Leierkasten aufgeführt. Es handelt von ihm selbst als Hüter der Masken im Theater. Das letzte Bild ist wieder ein Dialog, der sich diesmal zwischen dem Direktor und einem Zauberer abspielt. Nochmals kommt eine Diskussion über die tabubrechende Theateraufführung auf. Eine schwarzgekleidete Frau erscheint auf der Bildfläche und fragt nach ihrem Sohn Gonzalo (Mann 1), der sich in einen großen Mondfisch verwandelt hat. Der Direktor will sich dieser Verantwortung ent- ziehen, da das Theaterstück bereits zu Ende sei. Die Frau möchte gehen, wird jedoch vom Zauberer aufgehalten, der sie in seinem Umhang verschwinden lässt. Die Situa- tion wird unerträglich; der Direktor und der hinzugekommene Diener zittern vor Kälte, während der Zauberer es zu schneien beginnen lässt. Die Szene endet mit demselben Dialog wie im ersten Bild.15

[...]


1 Lorenz 1961, S.230, Z.10-13

2 Eine Literaturbewegung die sich aus einer Reihe an avantgardistischen Schriftstellern zusammensetzte. Die Gruppe entstand in den 1920er Jahren an der Universität Madrid anlässlich des 300. Todestags Luis de Gongoras. Die Studenten traten für "freie" Ausdrucksformen, ohne literarische Maßstäbe, ein.

3 Vgl. García Lorca 1998, S.2 und S.109

4 Vgl. Koppenfels 1998, S.87

5 Vgl. Koppenfels 1998, S.87f

6 Siehe García Lorca 1998, S.52

7 Vgl. Felten 1998, S.89

8 Vgl. Koppenfels 1998, S.88

9 Vgl. García Lorca 1998, S.9 bzw. 61

10 Vgl. García Lorca 1998, S.10f

11 Siehe Felten 1998, S.90

12 García Lorca 1998, S.24, Z.11-15

13 Vgl. García Lorca 1998, S.41f

14 Vgl. Siehe Felten 1998, S.93

15 Vgl. García Lorca 1998, S.42-61

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Traumtheater und Intertextualität
Untertitel
Eine literaturwissenschaftliche Untersuchung von García Lorcas "Das Publikum"
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Institut für romanische Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Seminar "Avantgardbewegungen in Spanien und Portugal"
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
22
Katalognummer
V175529
ISBN (eBook)
9783640965427
ISBN (Buch)
9783640965564
Dateigröße
533 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Federico Garcia Lorca, Avantgarde, spanische Literatur, Surrealismus, Theater, modernes Theater, Traumtheater, Das Publikum, El público, Intertextualität
Arbeit zitieren
Ida Blick (Autor), 2010, Traumtheater und Intertextualität, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/175529

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