Es soll der Frage nach den Anforderungen an Unterricht, insbesondere an Anfangsunterricht, aus heutiger Sicht, nachgegangen werden. Dafür wird ein Vergleich des Erstlese- und Erstschreibunterrichts, wie er in einer in Österreich gängigen Fibel empfohlen wird, mit der Methode „Lesen durch Schreiben“ von Jürgen Reichen angestellt werden. Zu beiden Methoden habe ich persönliche Unterrichtserfahrung, die in die Arbeit mit einfließen.
Alle wissenschaftlichen Erkenntnisse, die im ersten Teil der Arbeit erklärt sind, ergaben sich für mich aus meinen eigenen Unterrichtsbeobachtungen mit teils dazugehöriger Forschung und aus meinem Pädagogik- und Psychologiestudium. Deshalb sind sie in die Arbeit mit aufgenommen. wissenschaftlichen Erkenntnissen ergeben am Schluss der Arbeit ein Gesamtbild dessen, wie ich heute, nach über 20 Jahren Unterricht und zwei Forschungsprojekten, Unterricht völlig anders sehe als zu Beginn meines Lehrberufs.
Es soll entlang klarer Fragstellungen dargestellt werden, wie die beiden Methoden den Anforderungen an modernen Unterricht, wie sie von Seiten der Kognitionspsychologie, der modernen Pädagogik, aus Folgeforschungen nach PISA - wie denen der „Zukunftskommission Österreich“ - und der Neurodidaktik heute gestellt werden, entsprechen.
Die theoretischen Grundlagen der Fragestellungen aus den genannten Wissenschaftsbereichen befassen sich auch damit, wie das Schreiben- und das Lesenlernen aus moderner Sicht anders als üblich definiert werden. Der Spracherfahrungsansatz, zu dem auch „Lesen durch Schreiben“ zählt, ist die moderne pädagogische Sicht auf den Schriftspracherwerb und wird ebenso argumentiert wie die Fibelmethode.
Die Bedeutung von lautem und leisem Lesen im Anfangsunterricht wird für das Lernen des, im alltäglichen Leben so wichtigen Sinn entnehmenden Lesens, aus moderner Sicht beleuchtet.
Es werden im ersten Teil der Arbeit daher auch Anforderungen an Schule, Unterricht und an moderne Unterrichtsformen behandelt, aber auch lerntheoretische Grundlagen zum Lesen und Schreiben lernen aus den oben genannten wissenschaftlichen Blickwinkeln beleuchtet.
Argumentiert wird das Verständnis von Lernen hinter den beiden Methoden, da beiden Methoden eine sehr unterschiedliche Auffassung von Lernprozessen zu Grunde liegt. Überwiegt bei der Fibel das passiv–reziptive Lernverständnis, steht beim Spracherfahrungsansatz das handlungsorientierte, vom Kind selbst gesteuerte Lernen, im Vordergrund.
Inhaltsverzeichnis
I. Aufgaben und Anforderungen an Schule und Unterricht im Spannungsfeld zwischen Forderung und Förderung – Theoretische Grundlagen der Forschung
I.1 Aufgaben der Schule und Anforderungen an den Unterricht und den Erstschreib- und Erstleseunterricht
I.1.1 Schule und ihre Aufgaben – eine Definition
I.1.2 Unterricht - eine Definition
I.1.3 Die Wichtigkeit des Anfangsunterrichts
I.2 Unterrichtsformen
I.2.1 Der Frontalunterricht oder der „gebundene Unterricht“
I.2.2 Der „offene Unterricht“ - Versuch einer Definition
I.2.3 Der „Werkstattunterricht“ nach Reichen und das „Chef–System“
I.2.4 Die Wochenplanarbeit
I.2.5 Die in der untersuchten Klasse angewandte Mischung von Unterrichtsformen
I.3 Lernen und Lesen lernen aus dem Blickwinkel der Kognitionspsychologie
I.3.1 Kognitionen – eine Definition
I.3.2 Individuelle kognitive Lernstrategien
I.4 Konstruktivistischer Unterricht
I.4.1 Konstruktivismus – eine Definition und ein Exkurs
I.4.2 Konstruktivistisches Wissen, Lehren und Lernen
I.5.Anforderungen aus dem Schulorganisationsgesetz, der Zukunftskommission 2005, dem Lehrplan und der modernen Pädagogik und Psychologie (Keine vordefinierten Unterrichtsinhalte)
1.5.1 Anforderungen an den Leseunterricht aus dem Schulorganisationsgesetz, dem Lehrplan und von der Zukunftskommission
I.5.2 Anforderungen aus der moderneren Pädagogik und Psychologie
I.6. Der Erstschreib- und Erstleseunterricht
I.6.1 Literalisierung ist mehr als Lesen und Schreiben lernen
I.6.2 Das Lesen lernen – ein Methodenstreit
I.6.3 Reichens „Lesen durch Schreiben und seine Grundannahmen“ zu Lernen, Lesen und Schreiben im Vergleich mit Folgeüberlegungen aus PISA und IGLU
I.7 Reichens „Lesen durch Schreiben“ und sein Verständnis von Lernen, Lesen und Schreiben.
I.7.1 Die Prozesse des Schreiben- und Lesenlernens bei Reichen
I.7.2 Die lernpsychologischen Überlegungen und Grundannahmen sowie die Konzeption des Lehrgangs LdS
I.7.2.1 Die kognitive Selbststeuerung
I.7.2.2 Das Prinzip der minimalen Hilfe
I.7.2.3 Der Präfigurationsprozess
I.7.2.4 Das soziale Lernen
I.7.2.5 Orientierung am Transferprozess
I.7.2.6 Kognitive Aktivierung statt mechanischem Üben
I.7.2.7 Betrachtungsebenen
I.7.2.8 Förderung des Anweisungsverständnisses
I.7.2.9 Die Rechtschreibung
I.7.2.10 Abschließende Bemerkungen: Ein Vergleich zeitgenössischer Auffassungen des Schriftspracherwerbs mit dem Unterricht durch LdS und der Fibel
I.7.3 Praktisches aus LdS sowie Ergänzungen aus den untersuchten Klassen
I.7.3.1 Der Anfangsunterricht in LdS mit Beispielen aus LdS und aus eigenem Material
I.7.3.2 Die schwächeren und die schnelleren SchülerInnen in LdS
I.7.3.3 Die Lehrgangsbeispiele: Rahmenthemen „In der Schule“ und „Auf der Straße und zu Hause“
I.8. Die Fibel
I.8.1 Die Lehrgangsgebundenheit
I.8.2 Das Verständnis von Unterrichtsformen in der Fibel
I.8.3 Individuelle kognitive Strategien und die Fibel
I. 9. Anforderungen an Unterricht aus der Neurodidaktik bzw. aus den Neurowissenschaften und der Kognitionspsychologie
I. 9. 1 Neurowissenschaft und Lernen
I.9.2 Neurowissenschaften, eine Kurzdefinition und Begriffsklärungen
I.9.3 Die Lernregeln nach Frederic Vester
I.9.4 Die konkreten Anforderungen
I.9.4.1 Die positive Hormonlage für das Lernen im Gehirn oder – (Spaß und Lernen)
I.9.4.2 Wiederholung und Übungen (Lernen passiert nicht in einem Lernschritt und braucht viele Beispiele)
I.9.4.3 Lesen lernen und neuronale Interferenzen – (Interferenzen neuronaler Netzwerke)
I.9.5 Die „Low-Level“ Funktionen („Low-Level“ Teilfertigkeiten mittrainieren)
II. Die Qualitative Forschung, Aktionsforschung und ihre Ergebnisse
II.1. Die qualitative Forschung
II.1.1 Die wissenschaftlichen Grundlagen der qualitativen Forschung
II.1.2 Darstellung der Datensammlung der qualitativen Forschung
II.1.2.1 Ausgangslage für den Beginn der Forschung
II.1.2.2 Verlauf der qualitativen Forschung 1991-1994
II.1.2.3 Aufbau der Forschung
II.1.2.4 Daten und Datenerhebung
II.1.2.5 Erkenntnisse aus den Interviews und ihre Auswertung
II.1.3 Konsequenzen aus den Erkenntnissen für den Unterricht
II.2 Die Aktionsforschung
II.2.1 Definition und Charakteristika der Aktionsforschung
II.2.2 Das Verständnis von Forschung und Wissenschaftlichkeit in der Aktionsforschung
II.2.3 LehrerInnen als SelbstbeobachterInnen
II.3 Der Aktionsforschungskreis 1999/00 und 2003/04 – die Forschungsfragen
II.3.1 Zu den Klassen und zum Unterricht
II.3.2 Beobachtung und Datensammlung
II.3.3 Interpretation, Auswertung der Daten und Formulierung einer „Praktischen Theorie“
II.3.3.1 Schreibübungen von Buchstaben sind nicht nötig
II.3.3.2 Die „ästhetische Funktion der Schrift“ nach Brockmeier als didaktisches Begleitphänomen von Fibelunterricht
II.3.3.3 Aktionsforschung als Prüfmethode der Vorannahmen einer ganzen Berufsgruppe
II.3.4 Ziele und Bewertungskriterien
II.3.4.1 Die Materialanalyse
II.3.4.2 Materialkategorien
II.3.4.3 Zielsetzungen der Materialien zu LdS und deren Einsatz:
II.3.4.4 Zielsetzungen der Materialien in der Fibel „Mimi, die Lesemaus“:
II.3.5 Formulieren und Verbreiten der Erfahrungen
II.3.6 Aktionsideen und das Bild der „Leselernlandschaft“
II.3.6.1 Aufgabe jedweder Schreibübungen
II.3.6.2 Die Leistungsbeurteilung
II.3.6.3 „Die Leselernlandschaft“
II.3.7 Tabelle zu den Anforderungen aus der Neurodidaktik, der Kognitionspsychologie und den Interpretationen aus PISA und IGLU mit Materialangebot aus der Fibel, LdS und meinen Ergänzungen
II.3.7.1 Der Anforderungenkatalog
II.3.7.2 Zusammenfassung und Kommentierung des Anforderungenkatalogs
II.3.8 Beantwortung der Forschungsfragen
II.4 Persönliche Schlussbemerkungen und Ausblick auf weitere Aktionen
Zielsetzung & Themen
In dieser Diplomarbeit wird untersucht, wie Unterricht – insbesondere der Erstschreib- und Erstleseunterricht – aus moderner Sicht gestaltet sein sollte. Die Autorin vergleicht dabei den klassischen Fibelunterricht mit der Methode "Lesen durch Schreiben" (LdS) nach Jürgen Reichen und reflektiert eigene langjährige Unterrichtserfahrungen sowie Ergebnisse aus Aktionsforschungsprojekten.
- Vergleich von Fibelunterricht und "Lesen durch Schreiben"
- Anforderungen an modernen Anfangsunterricht aus kognitionspsychologischer und neurodidaktischer Sicht
- Die Rolle von Selbsttätigkeit und individuellen Lernstrategien
- Bedeutung der schriftsprachlichen Entwicklung für die allgemeine Denkentwicklung
- Evaluierung von Lehrmaterialien und Unterrichtsformen durch Aktionsforschung
Auszug aus dem Buch
I.1.1 Schule und ihre Aufgaben – eine Definition
Da es in dieser Arbeit um Unterricht in der Volksschule geht soll zuerst der Begriff „Schule“ genauer beleuchtet werden soll. Hier eine Definition von Schule bzw. eine Übersetzung aus dem etymologischen Wörterbuch:
„Eine Schule (von griech ... scholé, Ursprungsbedeutung‚ Müßiggang, Nichtstun’, aber auch ‚Muße’, später ‚Studium, Vorlesung’) ist ein Ort des gemeinsamen Lernens“ (Wikipedia, online unter URL: http://lexikon.freenet.de/Schule) [Stand 21.5.2005].
Das ist eine alte und für mich überraschende Übersetzung von Schule: „Müßiggang“ (siehe oben), in einer Zeit, in der LehrerInnen sich von der Fülle des Stoffs oft durch das Schuljahr gejagt fühlen, eine erstaunlich andere Bedeutung. Schule ist einerseits ein Gebäude, in dem sich Menschen in der Absicht treffen zu lernen bzw. zu lehren, sie ist aber von ihrer Aufgabe her vor allem als staatliche Institution damit betraut, den Kindern wichtige Kulturtechniken und Lerninhalte zu vermitteln.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Aufgaben und Anforderungen an Schule und Unterricht: Dieses Kapitel definiert Schule als Institution und untersucht aktuelle Anforderungen an den Unterricht unter Einbeziehung kognitionspsychologischer und neurodidaktischer Perspektiven.
II. Die Qualitative Forschung, Aktionsforschung und ihre Ergebnisse: Die Autorin legt ihre Forschungsmethodik dar, dokumentiert eigene Aktionsforschungsprojekte und interpretiert die gewonnenen Daten im Hinblick auf die Wirksamkeit von LdS.
Schlüsselwörter
Lesen durch Schreiben, LdS, Anfangsunterricht, Fibelunterricht, Schriftspracherwerb, Neurodidaktik, Kognitionspsychologie, Aktionsforschung, Offener Unterricht, Schulpädagogik, Erstlesen, Erstschreiben, Lernstrategien, Schulentwicklung, Konstruktivismus
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert Anforderungen an modernen Anfangsunterricht und vergleicht dabei lehrgangsgebundenen Fibelunterricht mit der handlungsorientierten Methode "Lesen durch Schreiben" nach Jürgen Reichen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind der Schriftspracherwerb, kognitionspsychologische Grundlagen des Lernens, neurodidaktische Erkenntnisse sowie die Bedeutung von Unterrichtsformen wie dem "offenen Unterricht".
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, zu klären, welche Unterrichtsbedingungen und Materialien Kinder dabei unterstützen, treffsicher und schnell "sinnentnehmend" lesen zu lernen, ohne dabei auf rein technische Leseübungen angewiesen zu sein.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt qualitative Forschungsmethoden, insbesondere narrative Interviews und die Aktionsforschung, um ihre eigene pädagogische Praxis kritisch zu reflektieren und zu evaluieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit theoretischen Grundlagen, einer kritischen Materialanalyse sowie der Auswertung von Beobachtungen und Kindertexten aus eigenen Aktionsforschungskreisen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Lesen durch Schreiben (LdS), Anfangsunterricht, Schriftspracherwerb, Neurodidaktik, Kognitionspsychologie und Aktionsforschung.
Welche Rolle spielt das "Chef-System" in der Arbeit?
Das Chef-System wird als Methode eingeführt, um bei Kindern mehr Selbstverantwortung und Selbstständigkeit zu fördern, indem Entscheidungsbefugnisse an die Lernenden übertragen werden.
Wie bewertet die Autorin das laute Vorlesen?
Die Autorin betrachtet lautes Vorlesen vor der Klasse kritisch, da es oft mit Ängsten verbunden ist und aus neurodidaktischer Sicht ein anderes neuronales Netzwerk anspricht als das leise, sinnentnehmende Lesen, was zu Interferenzen führen kann.
- Arbeit zitieren
- Brigitte Kleiner (Autor:in), 2005, "Lesen durch Schreiben" und "Mimi, die Lesemaus" im Erstlese- und Erstschreibunterricht. Kognitionspsychologische, pädagogische und neurodidaktische Erkenntnisse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/175583