Darstellung der marokkanischen Stadt Fes in ausgewählten deutschen Reiseberichten 1870 - 1911


Masterarbeit, 2011
78 Seiten

Leseprobe

Inhaltverzeichnis

Einleitung

1. Zum Reisebericht
1.1. Versuch einer Begriffsbestimmung
1.2. Anfänge und Entwicklung des Reiseberichts
1.3. Der Reisebericht über Marokko im 19. Jahrhundert

2. Zum Marokkobild im deutschsprachigen Raum
2.1. Orientalismus und Araberbild
2.2. Inhaltliche Verarbeitung Marokkos am Beispiel von Städten

3. Zur Gründungsgeschichte der Stadt Fes
3.1. Geschichte der Bezeichnung „Fes“
3.2. Die Gründung der Stadt

4. Zur Lage und landschaftlichen Umgebung
4.1. Die geographische Lage
4.2. Die landschaftliche Umgebung
4.3. Der Wasserreichtum in Fes

5. Zur Baustruktur und Stadtteilung
5.1. Die Stadtteilung in Alt- und Neu-Fes
5.2. Die Baustruktur
5.2.1. Die Stadtmauer
5.2.2. Die Stadttore
5.2.3. Die Wege, Gassen und Straßen
5.2.4. Die Stadtviertel
5.2.5. Die Häuser

6. Zu den weiteren Bauten der Stadt
6.1. Die Moscheen
6.1.1. Al-Qarawiyyin-Moschee
6.1.2. Das Mausoleum Moulay Idris II
6.2. Die Schulen
6.3. Die Bazare

7. Zur Stadtbevölkerung von Fes
7.1. Die Araber
7.2. Die arabische Frau
7.3. Die Juden

8. Zur Wirtschaft der Stadt
8.1. Die Industrie
8.2. Der Handel

Schluss

Literaturverzeichnis

Einleitung

Die vorliegende Arbeit hat sich zum Ziel gesetzt, die Entwicklung der Marokkoreiseberichte deutschsprachiger Autoren, die sich zum Teil mit der marokkanischen Königsstadt Fes beschäftigt haben, darzulegen, eine Analyse von ausgewählten Abschnitten dieser Berichte durchzuführen und, nach Möglichkeit, einen Ausblick auf zukünftige Entwicklungen darzubieten. Es wird versucht, dem Leser eine umfassende Darstellung der Stadt Fes in deutschsprachigen Reiseberichten zu vermitteln. Das Thema ist äußerst komplex und muss daher zeitlich eingegrenzt werden. Gegenstand der Untersuchung ist der Zeitabschnitt von 1873 bis 1911, eine Periode im Zeitalter des Kolonialismus und Imperialismus, unter dem Nordafrika lange Zeit litt.

Die Wahl dieses Zeitraums erklärt sich aus der Bedeutung dieser Periode, die nicht nur die Geschichte Marokkos, sondern auch die der gesamten Region Nordafrikas stark beeinflusste. Sie begann Jahrzehnte vorher mit der Eroberung Algeriens durch Frankreich im Jahre 1830, setzte sich fort, indem Frankreich 1881 ein Protektorat in Tunesien errichtete, und endete damit, dass Marokko zum Spielball der europäischen Großmächte wurde und 1912 unter die Schutzherrschaft Frankreichs kam.[1] Der Untersuchungszeitraum 1873-1911 ist in Deutschland durch die Folgen der Reichsgründung von 1871, den Börsenkrach, den Rüstungsaufbau des Heeres und der Flotte, und schließlich durch kolonialistische und imperialistische Bestrebungen geprägt.[2] Deutschland hatte an Marokko großes Interesse, das sich vorwiegend im wirtschaftlichen Bereich zeigte. Die Errichtung eines deutschen Konsulats im Jahre 1873 in Tanger, mit der eine wirksame diplomatische Beziehung zwischen den beiden Ländern begann, und der Beitritt Deutschlands zum Kreis des Madrider Vertrages 1880, der den europäischen Unterzeichnerstaaten und den USA gleiche Rechte im Handel mit Marokko zusicherte, verstärkten diesen Eindruck.[3] Mit dem deutsch-marokkanischen Handelsvertrag vom 1890 fasste die deutsche Wirtschaft definitiv Fuß in Marokko.[4] Der Vertrag zwischen dem Deutschen Reich und Marokko wurde am 1. Juni 1890 in Fes besiegelt, wodurch das Deutsche Reich unter die meistbegünstigtsten Ländern gestellt wurde. Breite öffentliche Diskussionen über die Notwendigkeit einer deutschen Weltmacht und die Gründung deutscher Niederlassungen außerhalb Europas wurden eröffnet.[5] Oft wurde auf die Expansion anderer Pioniermächte hingewiesen und die deutsche Zurückhaltung beklagt. In diesem Zusammenhang zeigte Marokko, dass es gewillt war, sich zu öffnen. Daher wurde es zum Reise- und Entdeckungsziel vieler deutscher Reisender.

Die deutschen Reisenden kamen in eine ihnen unbekannte Welt. Ihre Berichte sind Dokumente der ersten Begegnung mit dem Fremden. Sie dokumentieren die Fremdwahrnehmung und die unterschiedlichen Haltungen zur marokkanischen bzw. orientalischen Zivilisation. Die gesellschaftlichen Zustände, die Geographie, die Ethnographie, die Wirtschaft und die politische Lage bildeten den Schwerpunkt ihrer Reiseberichte, in deren Mittelpunkt Fes als Hauptstadt des Sultanats stand. Anspruch auf Vollständigkeit kann nicht erhoben werden, weil der Kulturkreis, sowohl von Deutschland als auch von Marokko, zu komplex ist, um ihn vollständig zu erfassen.

Da Reiseberichte eng mit der Vorstellung von dem fremden Land verbunden sind, wird zunächst eine umfassende Erörterung des Begriffs „Reisebericht“ vorgenommen, dann werden seine Anfänge und Entwicklungsstufen erörtert und schließlich eine Darlegung des deutschen Bildes der Stadt Fes Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts gegeben. Nur unter Berücksichtigung der Geschichte, der Innovation des Reisens, die schrittweise vor sich ging, lassen sich Vergangenheit und Gegenwart als dynamischen Prozess begreifen und eine Perspektive auf zukünftige Entwicklungen realisieren.

Aufgrund der Vielzahl von Reiseberichten über Marokko, die in der Untersuchungsperiode dieser Arbeit verfasst worden sind, war es unerlässlich, eine repräsentative Auswahl aus der großen Zahl bedeutender Reiseschriftsteller zu treffen.

Ausgehend davon wurden ausschließlich Reiseberichte von fünf Autoren behandelt, deren Reiseberichte über Marokko und Fes eine chronologisch kontinuierliche Entwicklung aufzeigen: Gerhard Rohlfs (1831-1896): „Mein erster Aufenthalt in Marokko und Reise durch südlich vom Atlas durch Oasen Draa und Tafilet“ (1873), Ludwig Pietsch (1824-1911): „Marokko, Briefe von der deutschen Gesandtschaftsreise nach Fez im Frühjahr 1877“ (1878), Oskar Lenz (1828-1925): „Timbuktu, Reise durch Marokko, die Sahara und den Sudan“ (1884), Adolf von Conring: „Marroco, das Land und die Leute“ (1880) und Rudolf Zabel (1851-1924): „Im muhammedanischen Abendlande, Tagebuch einer Reise durch Marokko“ (1905) und „Zu unruhiger Zeit in Marokko“ (1911).

Da diese Autoren jedoch kein vollständiges deutsches Bild von Marokko und Fes in dieser Zeit abgeben, wird nachfolgend auf weitere Reiseberichte anderer Schriftsteller eingegangen. Hier ist von den Werken von J. Victor Horowitz: „Marokko, Das wesentliche und interessante über Land und Leute“ (1887), H. Schwegel: „Marokko“ (1900) und Adalbert Graf Sternberg: „Die Barbaren von Marokko“ (1908) die Rede. Die Untersuchung erstreckt sich somit nur auf Reisende, die über Fes aus eigener Erfahrung berichteten. Der Begriff "Reisende" umfasst hier sowohl diejenigen, die sich nur für wenige Tage in Fes aufhielten, als auch Personen, die dort längere Zeit verweilten. Als Quellen werden hauptsächlich direkte Äußerungen über Fes in Betracht gezogen, wie sie in den Reiseberichten niedergeschrieben wurden.

Die in meist chronologischer Reihenfolge aufgeführten Zitate der fünf ausgewählten Autoren über die Beschreibung von Fes und deren Analyse sind von großer Bedeutung, denn an dieser Stelle ist es für die literaturwissenschaftliche Betrachtung der Berichte entscheidend, welches Bild die Autoren von Fes hatten. Aus diesem Grunde werden die Vorkenntnisse der Schriftsteller und weitere Werke dieser Autoren, die sich desweiteren mit Fes beschäftigen, berücksichtigt.

Selbstverständlich waren die zu untersuchenden Schriftsteller gezwungen, im Rahmen ihrer Berichte auf Verallgemeinerungen zurückzugreifen, sowie auf Berichte und Eindrücke von Vorgängern. Zum einen, weil die Realität zu komplex ist, um komplett niedergeschrieben zu werden, zum anderen, weil das lesende Publikum von den Reiseautoren erwartete, dass sie niederschrieben mögen, was sie gesehen hatten. Sie taten aber weit mehr: Indem sie beschrieben, was sie sahen, stellten sie auch ihre Subjektivität mit dar. Reiseberichte sind daher weit mehr als nur Beschreibungen fremder Länder; sie sind darüberhinaus Offenlegung der spezifischen Denkart des Verfassers. In diesem Sinne beinhalten Reisebeschreibungen implizit die kulturelle Selbstdarlegung der Ausgangskultur.

Reiseberichte sind auch insofern interessant, als dass sie Stellungnahmen halb privater, halb öffentlicher Natur sind; manchmal wurden Schriften eines Reisenden erst mehrere Jahre nach seiner Rückkehr veröffentlicht, manchmal sogar erst nach dessen Tod entdeckt und publiziert. In der Regel war den Reisenden aber bewusst, dass sie für einen größeren Leserkreis schrieben. Es gab viele Reisende, die im Trend schrieben, aber auch viele, die in ihren Berichten scharfe Kritik an der Gesellschaft übten. Aus der Vielfalt der Reiseliteratur lässt sich daher recht gut ablesen, warum, wie und wohin man reiste, ob man implizit vorhandene gesellschaftliche Richtlinien erfüllte, oder diese mehr oder weniger offen angriff. Wie sehr die öffentliche Meinung Ziel und Wahrnehmung einer Reise auch beeinflusst haben mag, so ist ein solcher Einfluss immer gegenseitig gewesen, d.h., auch die Gesellschaft wurde durch die Reiseberichte von jeher stark beeinflusst. Auf solche und ähnliche Vorstellungen wird im ersten Kapitel detaillierter eingegangen. In den übrigen Kapiteln handelt es sich um ein Bild der Stadt Fes, und zwar um ihre Besonderheit als typisch islamisch-orientalische Stadt, die vor allem in der Verknüpfung von Lebensweise und Struktur liegt. Beim Lesen dieser Kapitel stößt man auf relativ hohe Anzahl von Zitaten. Dies ist darauf zurückzuführen, dass wir eine möglichst reiche Auswahl aus diesen alten Texten darbieten und dokumentieren möchten.

Außerdem soll an dieser Stelle darauf hingewiesen werden, dass historische Vorgänge, auf denen diese Arbeit teilweise beruht, dynamischer Natur sind. So hat sich nicht nur das Bild, das sich die Deutschen im Wandel der Zeit von Fes gemacht haben, verändert, sondern auch Fes selbst, was wiederum Auswirkungen auf die Sichtweise der Reiseautoren hatte. Zunächst soll jedoch der Reisebericht an sich vorgestellt werden.

1. Zum Reisebericht

1.1. Versuch einer Begriffsbestimmung

Ein Blick auf die bis jetzt gelesenen Bücher über den Reisebericht als Gattung lässt erkennen, dass die Bestimmung dieses Begriffs problematisch ist.[6] Ausgehend davon geht es hier um einen Versuch, die Merkmale dieser literarischen Gattung aufweisen zu lassen, und nicht um eine Begriffsbestimmung selbst.

Zu den wichtigsten Merkmalen des Reiseberichts gehört die Beschreibung einer Reise. Raum und Zeit sind Gegenstand der Reisebeschreibung wie auch der Chronik. Aus ihnen erwuchsen Geographie und Geschichte. Heute wird die Reisebeschreibung als genauen Bericht von Land und Leuten aufgefasst. Die Beschreibung mischt sich mit Subjektivität und Phantasie. Dies lässt aber die Form des Textes ganz offen. Der Reisebericht folgt keiner obligatorischen Gattungszuordnung, d.h. von einer formalen Definition des Reiseberichts kann man gar nicht sprechen, denn er kann in verschiedenen Formen wie der eines Tagebuchs, eines Gedichtes, eines Autobiographie-Teils, oder einer Sammlung von Briefen erscheinen. Es besteht aber die Möglichkeit, eine Einteilung nach dem Inhalt aufgrund der „Trennung zwischen ethnographischer, geographischer oder naturwissenschaftlicher Fachliteratur sowie Reisehandbüchern (,Baedeker’) einerseits und dem Reisebericht als Kunstprosa andererseits.“[7] durchzuführen.

Darüberhinaus kann der Reisebericht vom Reiseroman und von der Reiseerzählung unterschieden werden, in denen „(…) die Fiktion der Reise entweder als ein das Geschehen durchgehend überlagerndes und logisch verknüpfendes Leitmotiv oder als Katalysator verwendet wird, durch den andere substantielle Anliegen des Romans eingekleidet, leichter variiert oder klarer konturiert werden können.“[8] Die Reise spielt im Gegensatz zum Reiseroman und zur Reiseerzählung die erste Geige im Reisebericht, in dem ein relativ tatsächlicher Realitätsbezug glaubwürdig hergestellt wird, auch wenn der Text zu diesem Zweck ins Fiktive ausgedehnt werden sollte.

Mit dem Reisebericht verbindet sich ein Authentizitätsanspruch, d.h., der Bericht muss glaubwürdig sein. Die Frage, ob ihm eine tatsächlich erlebte Reise zugrunde liegt, ist dabei aus literaturwissenschaftlicher Perspektive weniger wichtig als die Untersuchung rhetorisch-literarischer Strategien, den Effekt der Authentizität herzustellen.[9]

Dieser Authentizitätsanspruch darf aber nicht zwangsläufig dazu führen, dass man auf künstlerischen Anspruch und Unterhaltung verzichtet, obwohl man vor kurzer Zeit den Reisebericht im Hinblick auf die Literarturwissenschaft folgendermaßen definierte: „Der Reisebericht wird als kunstlose, teils journalistische Prosaform bezeichnet, die literarisch unprätentiöse, sachliche und mitunter von inhaltlicher Spannung getragene Beschreibung einer Reise bietet.“[10]

Ein weiteres bedeutendes Merkmal des Reiseberichts ist, dass das „Ich des Erzählers mit dem Du des Lesers korrespondiert, ein Umstand, den der Erzähler nutzen kann, um die appellative Funktion des Textes zu verstärken … und um Intimität zu erzeugen.“[11] Der Berichterstatter, der sich mit Sacherklärungen an den Leser wendet, ihn manchmal direkt anspricht, das Geschehen und sein eigenes Erzählen kommentiert, scheint besser informiert als die anderen Handlungsfiguren. Sein „Ich des Erzählers“ dient hier als Augenzeuge und verbürgt sich demnach für die Wahrhaftigkeit des Berichtes. Die Einführung dieses personalen Prädikats kann dem Berichterstatter ermöglichen, seine handlungstragende Funktion zu verwerten, um zu der Vertrautheit des Lesers zu kommen und ihm die sprachliche Darstellung des authentischen Reisens glaubwürdig zu vermitteln.

Befasst man sich mit den bis heute veröffentlichten Reiseberichten, so erkennt man auch, dass die Darstellung des Fremden ein Hauptkennzeichen des Reiseberichts ist. Diese Gattung dokumentiert die Fremdwahrnehmung und die unterschiedlichen Haltungen zu dem Anderen und seiner Zivilisation, seinem gesellschaftlichen Zustand, seiner jeweiligen wirtschaftlichen Lage und dem politischen System, das seinen Schwerpunkt bildet.

Früher zählten die Reiseberichte zu den wichtigsten Quellen, die über Fremde und Fremdheit informierten. Heutzutage scheint aber die Darstellung des Fremden in den Reiseberichten nicht auszureichen. Man neigt stattdessen dazu, von den neuen Technologien, wie dem Internet und dem Fernseher, Gebrauch zu machen, um das Fremde zu erkennen. Auch die neuen Verkehrsmittel, die das Reisen bequemer und schneller und die Dauer des Reisens kürzer gemacht haben, beeinflussten den Reisebericht. Die Reiseautoren interessieren sich mehr für Unterhaltung und greifen auf Spannung und Komik zurück. In diesem Zusammenhang und im Zeitalter der Globalisierung ist nun die Rede vom Funktionsverlust des Reiseberichts.

1.2. Anfänge und Entwicklung des Reiseberichts

Seit dem Altertum und seitdem die Menschen reisen, hat der Reisebericht an Bedeutung gewonnen und ist zu einer der verbreitesten und beliebtesten Gattungen geworden. Der Reisebericht und seine Hauptdisziplin, die Reiseliteratur mit ihren dichterischen Formen (wie Chronik, Tagebuch, Briefe …) über fremde Länder, Völker und Abenteuer, erweckten schon immer das Interesse vieler Menschen. Es gab zum Beispiel Werke, die von Abenteuern und Reisen berichteten, wie Homers Odyssee[12] (Anfang des 8. Jahrhunderts vor Christus). Nachher folgten Reiseberichte mit relativ objektiven Angaben, wie etwa die griechische Reisebeschreibung von Pausania „Periegesis tes Hellados“[13] (zwischen 160 und 180 n. Chr.). Objektiv sind aber vor allem die Wegbeschreibungen der Pilgerfahrten aus dem Mittelalter. Hier ist die Rede zum Beispiel von Hans Schiltberger (1429) und dem Reisebuch von Hans Tucher (1428).

Große Vorliebe für die zur Reiseliteratur gehörigen Werke, wie Spielmannsdichtung, Amadis- und Artusromane wurde auch im Mittelalter gezeigt. Ein großer Reisebericht von Marco Polo ist im Jahre 1301 entstanden, „Le divisament dou monde oder Il Milione“ (auf Deutsch hieß es: Das Buch von den Wundern der Welt und Die Reisen des Venezianers Marco Polo), der weite Verbreitung fand. Er schildert die in Westeuropa kaum bekannten Länder und Völker des Fernen Ostens. Sein Inhalt prägte über mehr als zwei Jahrhunderte das Bild Ostasiens in Europa. Der wunderbare Reisebericht des englischen Ritters Mendeville Jean de Bourgoignes aus der Mitte des 14.Jahrhunderts stand direkt unter dem Einfluss von Polo. Polos Reisebericht hat sogar Christoph Kolumbus dazu motiviert, seine Indienreise zu machen, und viele andere Abenteurer bestärkt, China zu bereisen und zu entdecken.[14]

Eine Reihe wissenschaftlicher Reiseberichte erschien im 18. Jahrhundert, zum Beispiel „Reise um die Welt“ (1777) von Johann Georg Forsters. Erfundene Reiseberichte wie „Swifts Gulliver’s Travels“ (1726) und tatsächliche Reiseerlebnisse z. B. „Sternes Sentimental Journey through France and Italy“ (1768) waren beliebt und volkstümlich. Andere Reiseberichte in Form von Briefen und Tagebüchern erregten auch großes Interesse. Zu erwähnen sind „Briefe aus London“ (1774) von Georg Christoph Lichtenbergs und „Erinnerungen aus und an Frankreich“ von Ida Hahn-Hahn. Zu jener Zeit fand sich eine neue Art der Verarbeitung des Fremden. Es gab auch philosophische oder fiktive Reiseberichte, in denen es sich darum handelt, die eigene Kultur, die eigenen sozialen Umstände im Kontrast des Fremden zu kritisieren.[15] Als Beispiel des sozialkritischen Reiseberichts sind Wilhelm Ludwig Wehrklins Reise durch Oberdeutschland (1773) und „Briefe eines reisenden Franzosen“ (1783) von Johann Kaspar Riesbecks zu erwähnen. Vor allem in diesen Reiseberichten widerspiegelt das Fremde das Eigene, das Eigentliche und das Eigentümliche.

Das Eigene und das Fremde sind hier in einen dialektischen Zusammenhang gebracht: Das Fremde rückt das Eigentliche, das Eigentümliche unserer Gesellschaft erst ins Licht. Gerade weil das Fremde anders ist und Anspruch hat, zunächst einmal für sich genommen zu werden, ist es so nützlich für das Eigene: Dass es auch andere Gesellschaften gibt, wirft die Frage nach den Vorzügen und Nachteilen der eigenen auf. Das Andere wird als Anderes, als Entität für sich anerkannt - und diese Anerkenntnis der Alterität impliziert zugleich die Einsicht in die Subjektivität und Relativität jeglicher Perspektive und Erkenntnis -, zugleich wird das Andere aber auch unverhohlen für heimische Zwecke funktionalisiert.[16]

Um einen treffenden Vergleich zwischen dem Fremden und dem Eigenen zu ziehen, und über die tatsächlichen Zustände des eigenen und fremden Landes berichten zu können, reisten Reiseschriftsteller nicht mehr in geschlossenen Kutschen, sondern oft zu Fuß. Dies ermöglichte es ihnen, das fremde Volk und dessen Anliegen besser zu erforschen.

Der Seeroman wurde zu dieser Zeit gegründet, und zwar von Daniel Defoe und Tobias George Smollet. Die Reise Jules Vernes um die Welt in 80 Tagen bzw. sein Reiseroman der Sciencefiction-Gattung inspirierte im 20. Jh. die Schriftsteller Julio Cortazar und Jean Cocteau zu ihren Werken „Reise um den Tag in 80 Welten“ und „Meine Reise um die Welt in 80Tagen“. Die phantasievollen Reiseromane Jean Pauls zeigten Züge des Idyllischen und das Thema der Lügenfahrten entfaltet sich mit Karl Friedrich Hieronymus Freiherr von Münchhausen.

Bezüglich der Reiseliteratur im 18. Jahrhundert überlegt Wolfgang Griep, dass „gegen Ende des 18. Saeculums … die Literaturgattung Reiseberichte … einen epidemischen Aufschwung“[17] erlebt hat. Dieser Aufschwung ist der guten wirtschaftlichen Lage aufgrund des neu getriebenen Handels mit Amerika und Asien zu verdanken. Man profitierte von der Ausbreitung des Weltmarktes, den Kenntnissen der Seefahrer, Kaufleute und auch Naturwissenschaftler, die zu diesem Zeitpunkt oft reisten und Berichte über ihre Erlebnisse geschrieben haben. Auf der anderen Seite wurde es wegen der neuen Gesellschaftsordnung, die aus der Auflösung der feudalen Gesellschaft resultierte, bei den Aristokraten Mode, Bildungsreisen zu unternehmen. Vor allem Italien und Frankreich waren bevorzugte Ziele dieser Art vom Reisen. Bald änderte sich der Reisebericht zur Nachrichtensammlung, die als reflektierte Sozialkritik verstanden war.[18]

Im 19. Jahrhundert stellte Iwan Gontscharow in seinem Werk „Die Fregatte Pallas“ eigene Erlebnisse in exotischer Ferne dar. Er verwendet den Stil der sentimentalen und verklärenden Romantik. Eine Anzahl exotischer Werke wurde ins Leben gerufen, die von nationalistischen Gefühlen und dem Bedarf an Wissen über Fremdes geprägt waren. Zu nennen sind die Reisebriefe von Hernan Cortes über das Aztekenreich in Mexiko.

Eine neue Form der Reiseliteratur gewinnt in diesem Jahrhundert an Bedeutung. Die Rede ist hier von dem gemischten Genre.[19] Dabei sind Heine mit seinen Reiseberichten und Pücklers Tutti Frutti zu nennen. Diese literarische Form ist dadurch gekennzeichnet, dass sie auf der Kritik an der veralteten Gesellschaftsordnung basiert und sich damit an ein breites Publikum richtet. Zu dieser Zeit und aufgrund der Veränderung des Modus des Reisens wollten die Reiseautoren nicht mehr dem alten Muster beim Schreiben folgen, dies zeigt sich in den Briefen von Heine aus Berlin, die sich gegen die bisher existierende strenge Reihenfolge der Darstellung wenden. Er sah sie als „Systematie“ und „Würgeengel“ an. Heine erhebt den Anspruch, dass in Reiseberichten „die Assoziation der Ideen vorwalten“ sollte. Er erklärt:

Ich spreche heute von den Redouten und den Kirchen, morgen von Savigny und den Possenreißern, die in seltsamen Aufzügen durch die Stadt ziehen, übermorgen von der Giustiniaschen Gallerie, und dann wieder von Savigny und den Possenreißern. Assoziation der Ideen soll immer vorwalten.[20]

Es gab aber auch wissenschaftliche Reiseberichte, als Beispiel sind das Werk von Alexander Humboldts „Reise in die Aequinoctial-Gegenden“ (1815-1829) und das Werk von Adalbert von Chamisso „Bemerkungen und Ansichten auf einer Entdeckungsreise“ (1821). Letzteres gilt als Forschungsbericht.[21] Großer Beliebtheit erfreuten sich vor allem Reiseberichte, in denen der Berichterstatter subjektiv über sich und sein soziales wie auch politisches Milieu berichtet und es wagt, die Machthaber trotz der Zensur seit den Karlsbader Beschlüssen 1819 zu kritisieren. Die Reiseberichte haben darüber hinaus oft eine politische Funktion. Sie gaben den Reiseschriftstellern, die mit den Verhältnissen in ihrer Heimat nicht einverstanden waren, die Möglichkeit, sich mittels dieser Literaturform darüber zu beschweren, denn über das Ausland zu berichten, ist relativ weniger zensiert. Man zählte deswegen den Reisebericht zur „schönen Literatur“, wie es Maurer bemerkt hat:

Weerths Reisebericht geht ein Verzeichnis der historischen und statistischen Quellen voraus wie bei einer wissenschaftlichen Abhandlung. Das verweist schon auf die Problematik der Form. Einerseits erzählt er sehr persönliche Erlebnisse, andererseits bemüht er sich um Objektivierung. Die persönlichen Passagen am Anfang und Ende wecken den Eindruck, das Interesse des Lesers solle gefangen werden durch die autobiographische Form, die dann zuweilen zur wissenschaftlichen Abhandlung erweitert wird.[22]

Ein zuversichtlicher Reisebericht ist also derjenige, der über eine Mischung von persönlichen Erfahrungen und wissenschaftlicher Abhandlung verfügt. Es ist aber zu bemerken, dass im 19. Jahrhundert ganz wenige phantastische Reiseberichte vorzufinden sind.

Im 20. Jahrhundert entstand die kritische Reisereportage. Arthur Hollitscher („Amerika heute und morgen“) und Egon Erwin Kisch („Paradies Amerika“) zählten 1929 zu den wichtigsten Schriftstellern, die dieses Genre verwendeten. Nach 1945 gab es ein Phänomen der politisch engagierten Reisebeschreibung. Die Vertreterin dafür ist Simone de Beauvoir mit ihrem Werk „ La longue marché“ (der lange Marsch). Heinrich Böll schrieb dann sein Irisches Tagebuch 1959. Eine Reihe von Reisebüchern veröffentlicht Wolfgang Koeppen. „Nach Russland und anderswo hin, 1958; Ich bin gern in Venedig warum, 1994“.

Im 21. Jahrhundert betreten Autoren wie Hape Kerkeling („Ich bin dann mal weg. Meine Reise auf dem Jakobusweg“, 2006), Helge Timmerberg („In 80 Tagen um die Welt“, 2008), und Christian Kracht („Gebrauchsanweisung für Kathmandu und Nepal", 2009) das Terrain des Reiseberichts.

1.3. Der Reisebericht über Marokko im 19. Jahrhundert

Das europäische Interesse am Kontinent Afrika nahm im 19. Jahrhundert zu. Missionare, Abenteurer, Forscher und Händler aus verschiedenen europäischen Staaten reisten dorthin. Sie wollten neue Regionen und Kulturen erforschen und gaben Auskunft darüber in zahlreichen Berichten, die oft große Verbreitung fanden. Zu nennen sind z.B.: René Caillié (1799-1838), der 1828 Timbuktu* erreichte und der erste war, der in Europa von diesem Land berichtete. Paul Belloni Du Chaillu (1835-1903) interessierte sich für geographische, botanische und zoologische Untersuchungen und berichtete darüber in seinem Werk „Explorations and Adventures in Equatorial Africa“ (1861). Außerordentliches Aufsehen erregten die Reisebeschreibungen Paul Soleillets (1842-1886 ) „Exploration du Sahara“ (1876) „L'avenir de la France en Afrique“ (1876) „L'Afrique occidentale“ (1877), in denen er über seine Reiseerlebnisse in Algerien, Tunesien, Tripolitanien, die Sahara und Tuat informierte.

Ebenso wichtig waren die Reisebeschreibungen der Engländer: Edward Young (1831-1896) „Nyassa, adventures in Central-Africa” (1877), Sir Richard Francis Burton (1821-1890) „The Lake Regions of Central Africa“ (1860) „First footsteps in East Africa; or, An Exploration of Harar“ (1856), Sir Henry Hamilton Johnston, (1858-1927) „Livingstone and the exploration of Central Africa“ (1891).

Heinrich Barth (1821-1865) gilt mit seinen Reiseschilderungen, als ausgezeichneter Wegbereiter der deutschen Afrika-Forschung. Sein Reisebericht: „Reisen und Entdeckungen in Nord- und Centralafrika“ (1855–1858) erregte große Aufmerksamkeit in den wissenschaftlichen Kreisen Europas.[23] Bekannter als Heinrich Barth in der deutschen Öffentlichkeit war zeitweise Eduard Vogel (1829-1856) aufgrund seiner Schrift wie: „Reise in Centralafrika“ (1863). Der deutsche Afrika-Reisende De Gustav Nachtigal zählt zu den bedeutendsten Reisenden im 19. Jahrhundert, nachdem er Arabisch lernte, nach Algerien und Tunis fuhr und diese Gebiete erforschte. Er schrieb ein bekanntes Werk über seine Reisen namens: „Sahara und Sudan“ (1879-1881).

Solche und viele andere Reiseberichte informieren darüber, was Europäer im 19. Jahrhundert von Afrika wissen konnten und welche Bilder Afrikas in Europa verbreitet wurden. Die Reiseberichte zeigen aber auch, welche Vorstellungen von Afrika die Reisenden nach Europa überlieferten und welchen praktischen und kulturellen Problemen sie begegneten. Sie versuchten in vielerlei Hinsicht, die Aufmerksamkeit der Europäer darauf zu lenken, wie sie von der Erfahrung des Reisens und der Begegnung mit anderen Kulturen geprägt wurden und auf welche Reaktionen der Fremden sie stießen. Ausgehend davon gelten diese Reiseberichte als Dokumente eines beständigen Kulturtransfers.

Zwar war Afrika den Europäern seit dem Altertum bekannt, aber sie verfügten über wenig Wissen über diesen Kontinent, deswegen wurde Afrika bis ins 19. Jahrhundert als „der dunkle Erdteil“ bezeichnet.

Infolgedessen war Südamerika, obwohl es erst im Entdeckungszeitalter in den Gesichtskreis Europas trat, schon fünfzig Jahre nach seiner Entdeckung in den Grundzügen erforscht, während das seit dem grauen Altertum bekannte Afrika bis ins 19. Jahrhundert hinein der dunkle Erteil blieb.[24]

Bis zu jenem Zeitpunkt hatte Afrika einen mysteriösen Charakter, der Rätselhaftigkeiten und Geheimnisse in sich barg. Als Teil dieses mysteriösen Afrikas hat Marokko einen starken Reiz gehabt, so dass es viele europäische Reisende anzog. Zwar wurde Marokko als ein gefährliches Land bezeichnet, „Für Reisende galt Marokko lange Zeit als zu gefährlich“[25] (die Wurzeln der Gefährlichkeit Marokkos stammen aus der im Jahre 1578 stattgefunden Schlacht der Drei-Könige und der für den Handel und die Wirtschaft Europas gefährlichen Seeräuberei an den marokkanischen Küsten), aber die Eroberung Algeriens durch Frankreich 1830 hat dazu beigetragen, die Aufmerksamkeit der westlichen Länder auf Marokko zu richten. Internationale Diskussionen über die Zukunft des Landes wurden eröffnet, an denen vor allem Frankreich, England, Spanien und Deutschland teilnahmen. Diese internationalen Gespräche gipfelten 1906 in der Algeciras-Konferenz, in der die Marokko-Krise ausgerufen wurde.[26] Trotzdem behielt Marokko bis 1912 verglichen mit Algerien seine Souveränität und Freiheit.

Die Zahl der europäischen Reisenden, die Marokko vor dem 19. Jahrhundert bereisten und Reiseberichte über das Land geschrieben haben, ist mit derjenigen nach dieser Zeit nicht zu vergleichen. „Vor dem 19. Jahrhundert haben einige Europäer Marokko besucht, aber die Zahl bleibt verglichen mit der der Reisenden des 19. Jahrhunderts ohne große Bedeutung.“[27] Was die Reisenden deutschsprachiger Herkunft anbelangt, so machten sich viele auf den Weg, um dieses Land mit eigenen Augen zu erforschen. Oft waren sie in offiziellem Auftrag unterwegs, oft genug verfolgten sie auch ein imperialistisches Interesse. Sie waren entweder allein wie Gerhard Rohlfs oder in Expeditionen unterwegs, wie im Fall von Ludwig Pietsch und Ferdinand von Augustin. Auch Frauen nahmen an der Entdeckung Marokkos teil. Hier ist zum Beispiel von Grethe Auer (1871-1940) die Rede. Sie galt als die erste Schriftstellerin, die auf Deutsch über Marokko schrieb.[28] Auch die Schriften über Marokko von Isabelle Eberhardt (1877-1904), die schon als zwölfjähriges Mädchen Arabisch lernte und zum Islam übertrat, sind von großer Bedeutung. Sie verfasste über ihre Reisen Romane, Erzählungen und Reiseberichte. Die Reisenden haben eine große Reihe von Reisebeschreibungen in verschiedenen Bereichen hinterlassen, in denen Marokko entweder im Mittelpunkt der Beschreibung stand, als Teil einer vom Ausgangspunkt (Deutschland) bis zum Ziel (Marokko) gesamten Reise geschildert oder im Rahmen eines gezielten Programmes für Nordafrika beschrieben wurde, wie es bei Heinrich von Maltzan in seinem Reisebericht der Fall war: „Drei Jahre im Nordwesten von Afrika. Reisen in Algerien und Marokko“ (1830) . Die meisten dieser Reisenden folgten einer einzigen Route, nämlich der Route über Spanien und Gibraltar, und waren mehr im Norden Marokkos als im Innern des Landes unterwegs. Dies geschah aufgrund der dort für die Reisenden christlicher Herkunft verbreiteten Sicherheit, veranlasst durch die vielen ausländischen Konsulate und Vertretungen in Tanger. Viele haben sich Informationen von früheren Reisenden besorgt. Zu nennen sind z.B. Rohlfs, Pietsch und Maltzan. Letzterer hat sich nicht nur mit vorherigen westlichen Reiseberichten begnügt, sondern erforschte auch arabische Quellen.[29] Rohlfs, der als Hauptvertreter der Marokko-Apodemik gilt, hat seine Reiseberichte mit wissenschaftlichen Angaben versehen, um dadurch zu zeigen, dass er alles gründlich, detailliert, intensiv und sorgfältig nach einem genauen Plan erforscht hatte. Seine Kenntnisse dehnen sich auch auf den religiösen und linguistischen Bereich aus, wodurch seine Leistungen besondere Anerkennung erlangen. Hingegen schilderten Reisende wie Prinz Wilhelm zu Löwenstein 1845 nur oberflächlich, unsystematisch und gar nicht mit wissenschaftlichen Augen ihre Reisen nach Marokko.

Ende des 19. Jahrhunderts erschienen Reiseberichte über die Politik des Landes, seine Wirtschaft, Ethnographie, Geographie und andere Sachgebiete. Zu erwähnen sind das Werk von Diercks: „Marokko Materialien zur Kenntnis des Scherifenreichs.“ (1894) und das Werk von Fischer: „Wissenschaftliche Ergebnisse einer Reise im Atlasvorlande von Marokko“ (1900), in dem er sich mehr der Geographie zuwendet.

Wichtig ist darauf hinzuweisen, dass die Reisenden auf Schwierigkeiten gestoßen sind, die zwischen den natürlichen und menschlichen Hindernissen zu unterscheiden sind. Die ersten bestanden in geographischen Hemmnissen wie Schleichwegen, Sumpfgebieten, Flussüberquerungen usw., weitere in Problemen der Einwohner. Hier ist die Rede von Fremdenhass, Verbrechern, Räubern, Betrügern… Viele Reisende wurden aber sowohl von marokkanischen Institutionen als auch von Privatpersonen unterstützt. Diese Unterstützung kann in zwei Kategorien unterteilt werden: entweder direkt durch Begleiter, Wächter, Diener und Dolmetscher oder indirekt in Form von Empfehlungsschreiben.[30] Diese zwei Kategorien der Hilfe haben viel dazu beigetragen, die Arbeit der Reisenden zu erleichtern, und in vielen Fällen konnte die Arbeit ohne diese Hilfe gar nicht erledigt werden.

Vor allem waren die Arbeiten von Pietsch, Maltzan, Conring, Zabel, Lenz und Rohlfs von grundlegender Bedeutung. Der Einfluss von Rohlfs Schriften dauerte z.B. bis zum ersten Weltkrieg. „L’intérêt qu’éveilla Rohlfs dura jusqu’au début de la première guerre mondiale étant donné le climat d’exaltation colonialiste qui régnait alors en Europe.“[31] Die meisten ihrer Reiseberichte waren thematisch und formell nicht einheitlich, d.h. sie verfolgten keine bestimmte Perspektive oder Methodik. Sie sind so wichtig, weil sie dem Leser ein buntes Bild von Marokko und den Marokkanern vermitteln. Diese Reiseberichte waren auch von großer Relevanz, weil sie alle Seiten des marokkanischen Lebens in Betracht gezogen und das verschlossene Buch, über welches Maltzan gesprochen hat, geöffnet haben. „Marokko ist für uns Europäer noch ein verschlossenes Buch, in dem so gut wie keiner gelesen hat.“[32]

2. Zum Marokkobild im deutschsprachigen Raum

Es gibt ganz wenige literarische Studien über das Marokkobild im deutschsprachigen Raum. Wenn wir die Untersuchungen über das Marokkobild der Deutschen wie der Untersuchung von Hanspeter Mattes (Das Bild Marokkos in der deutschsprachigen Reiseliteratur der Zwischenkriegszeit 1918-1939 und des zweiten Weltkrieg)[33], des Buches von Herbert Popp (Die Sicht des Anderen. Das Marokkobild der Deutschen, Das Deutschlandbild der Marokkaner. Referate des deutsch-marokkanischen Symposiums in Rabat)[34], der Dissertation von Salwa Idrissi Moujib (Das Marokkobild in der deutschsprachigen Literatur)[35] und des Aufsatzes von Khalid Lazaare (Das/Ein Bild Marokkos in deutschen Reiseberichten des 19. Jahrhunderts)[36] ausschließen, sind wir bis zum Abschluss dieser Arbeit nicht über weiteste Publikationen Marokko betreffend informiert worden.

Ein literarisches Bild von Marokko in Europa haben seit dem 17. Jahrhundert vor allem Diplomaten und reisende Schriftsteller gezeichnet.[37] Beeinträchtigt von der Seeräuberei an der marokkanischen Küste und den gekaperten christlichen Sklaven war dieses Bild voller Missverständnisse. Lange Zeit bestimmten die europäischen Reisebeschreibungen, die aus dem direkten Treffen mit Einheimischen, geschrieben wurden, dieses Bild. Hier sind besonders die Begegnungen durch die Seeräuberei, Freikäufe und später die diplomatischen Beziehungen von großer Bedeutung.

Im deutschsprachigen Raum gab es bis zum 19. Jahrhundert kein präzises Marokkobild. Vielmehr wurde (und wird bis zu einem gewissen Grad heute noch) dieses Bild als Teil des Araberbildes bzw. der Bewohner von Nordafrika angesehen.[38]

2.1. Orientalismus und Araberbild

Bevor wir auf den Orientalismus und das Araberbild eingehen, ist es relevant, den Begriff „Orient“ in der europäischen Vorstellung zu erläutern.

Nach Wirth steht der Orient im deutschsprachigen Raum für die islamisch-arabischen Länder. Er beinhaltet Nordafrika und Vorderasien. „Der Orient umfasst also den durch den Islam geprägten westlichen und mittleren Teil des großen altweltlichen Trockengürtels. Es seien ihm folgende Staaten zurechnet: Marokko, Algerien, Tunesien, Libanon, Syrien, Irak, Türkei, Iran und Afghanistan.“[39] Natascha Ueckmann stimmte Wirth zu, indem sie dieselbe Meinung vertritt. Für sie ist der Orient der Maghreb, Arabien und Vorderasien.[40] Die Vorstellung des Orients umfasst aber mehr als diese geographischen Bestimmungen. Der Orient ist vielmehr „wirklich und imaginär zugleich“[41] im europäischen Verständnis. Wirklich, weil er Reiseziel der kolonialistischen Politik der Europäer war. Er ist imaginär, weil er mit der phantastischen, märchenhaften Welt von Tausendundeiner Nacht, und der ‚mystischen Geographie‘ verbunden war.[42] Dieser märchenhafte Charakter des Orients führte aber dazu, dass er in einer Hinsicht auch als gefährlich und bedrohlich wahrgenommen wurde. Er ist die Widerspieglung der europäischen Ängste. Somit ist der Orient mit seiner arabischen Bevölkerung nach Edward w. Said ein Werkzeug der westlichen Kontrolle über das „Andere“.[43]

Als das Buch „Orientalism“ von Edward Said 1978 publiziert wurde, war es bemerkenswert, dass der Verfasser keine Kritik an dem deutschsprachigen Orientalismus übte.[44] Hier ist natürlich nicht vom Orientalismus als akademischen Untersuchungen und Studien die Rede, sondern vom Orientalismus als westlicher Denkart zum Orient. Edward Said kommt dazu, dass der Orientalismus im deutschsprachigen Raum sich grundsätzlich von dem in Großbritannien und Frankreich unterscheidet.[45] Während der britische und französische Orientalismus aus imperialistischen und kolonialistischen Ideen resultierte, basierte der deutschsprachige Orientalismus auf wissenschaftlichen und akademischen Zwecken. Für seine Begründung dieser Idee führte Said ein, dass die islamischen Staaten im 19. Jahrhundert fast nur von Briten und Französen kolonisiert wurden und nicht von Deutschen.[46]

[...]


[1] Vgl. Ayache, Germain: Les écrits d’avant l’indépendance, Casablanca 1990, S. 13 f.

[2] Vgl. Fischer, Michael u.a. (Hrsg.): Reichsgründung 1871: Ereignis- Beschreibung- Inszenierung, Münster 2010. Vgl. dazu auch: Holborn, Hajo: Deutsche Geschichte in der Neuzeit, 1871-1945, Band 3, München 1971, S. 35.

[3] Vgl. Miège, Jean Louis: Le Maroc et l’Europe (1830-1894), Tom IV, vers la crise, Rabat 1989, S. 22 f.

[4] Vgl. Gründer, Horst: Geschichte der deutschen Kolonien, 5. Auflage, Paderborn 2004, S. 101.

[5] Vgl. Mattes, Hanspeter: Das Bild Marokkos in der deutschsprachigen Reiseliteratur der Zwischenkriegszeit 1918-1939 und des zweiten Weltkrieg. In: Wuqûf 4-5/1989-1990, Hamburg 1991, S. 343-358. (Hier S. 343.)

[6] Ouasti, Boussif: Profils du Maroc, Voyage, images et paysages, Publications de la Faculté des Lettres et des Sciences Humaines de Tétouan, Tanger 2001, S. 16 f.

[7] Schuster, Jörg In: Burdorf, Dieter (u.a.) 2007. Zitiert nach Kruppke, Juliane: Indienberichte deutschsprachiger Autoren des 20. und 21. Jahrhunderts, Zur Entwicklung des Reiseberichts, Leipzig 2008, S. 5.

[8] Schweikle, Günther; Schweikle, Irmgard 1990 (Stichwort Reiseroman S. 384). Zitiert nach: Kruppke, Juliane: a.a.O., S. 5.

[9] Schuster, Jörg In: Burdorf, Dieter (u.a.) 2007. Zitiert nach: Kruppke, Juliane: a.a.O., S. 5.

[10] Wilpert, Gero von 2001 (S. 675). Zitiert nach: Kruppke, Juliane: a.a.O., S. 5 f.

[11] Wülfing, Wulf in: Der Reisebericht, hrsg. von Peter J. Brenner, S. 336. Zitiert nach: Bürklin, Elvira: Fürst Pücklers literarische Stellungnahme zu den historisch-politischen und sozialen Zuständen seiner Zeit, thesis submitted in partial fulfillment of the requirements for the degree of doctor of philosophy, the university of British Columbia, Aulinger 1993, S. 14.

[12] Vgl. Ohann, Heinrich Voss: Homers Odyssee, Tübingen 1806.

[13] Vgl. Luber, Susanne und Griep, Wolfgang: Reiseliteratur und Geographica in der Eutiner Landesbibliothek, Heide 1990. S. 533.

[14] Sun, Lixin: Das Chinabild der deutschen protestantischen Missionare des 19. Jahrhunderts, Stadtbergen 2001, S. 53ff.

[15] Vgl. Bode, Christoph: Reiseliteratur als Paradigma. In: Beyond/Around/Into One's Own Poetica: Zeitschrift für Sprach- und Literaturwissenschaft 26, no. 1-2, Bremen 1994, S. 70-87. (Hier S. 76.)

[16] Ebd., S. 77.

[17] Griep, Wolfgang: Reiseliteratur im 18. Jahrhundert, Reisebeschreibungen des 16. bis 19. Jahrhundert - Bestand einer Ausstellung der UB (Bremen) v. 3.10. 79 – 15. 11. 79 (Bremen: 1979), S. 25. Zitiert nach: Bürklin, Elvira: a.a.O., S. 14.

[18] Vgl. ebd., S. 16.

[19] Vgl. Bürklin, Elvira: a.a.O., S. 14.

[20] Zitiert nach: Bayraktar, Gülay: Heinrich Heine: „Briefe aus Berlin“, Interpretation des ersten Briefes, Norderstedt 2007, S. 9.

[21] Vgl. Brenner, J. Peter: Der Reisebericht in der deutschen Literatur, Ein Forschungsüberblick als Vorstudie zu einer Gattungsgeschichte, Tübingen 1990, S. 447 ff.

[22] Maurer, Michael: Skizzen aus dem sozialen und politischen Leben der Briten. Deutsche Englandreiseberichte des 19. Jahrhunderts, Der Reisebericht, hergs. v. Peter J. Brenner, Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M. 1989, S. 417. Zitiert nach: Bürklin, Elvira: a.a.O., S. 24f.

* Timbuktu hatte einen Ruf als ,,goldene” Stadt, in der viele Reichtümer schlummern. Leo Africanus besuchte Timbuktu Mitte des 16. Jahrhundert. Laut seines Berichts waren die Einwohner der Stadt so reich, dass sie sogar ihre Alltagsgegenstände aus Gold fertigen ließen. René Caillié galt als ersterer, der Berichte darüber geschrieben hat, dass vom früheren Ruhm und Glanz der Stadt nicht mehr viel übrig sei.

[23] Vgl. Deck, Yvone: Heinrich Barth in Afrika, Der Umgang mit dem Fremden, Eine Analyse seines großen Reisewerks, Magisterarbeit, Konstanz-Universität 2006, S. 2.

[24] Hassert, Kurt: Die Erforschung Afrikas. 1949, S. 9. Zitiert nach: Khalid Lazaare: Marokko in deutschen Reiseberichten des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts, Fes/Marokko 2005, S. 19.

[25] Rhein, Karin: Deutsche Orientmalerei in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, Entwicklung und Charakteristika, Berlin 2003, S.21.

[26] Vgl. Nachit, Rachida: Literarische Bilder von Marokko, Darstellungsformen in deutschen Übersetzungen marokkanischer Autoren und in deutschsprachiger Literatur, Münster u.a.1997, S. 23.

[27] Lazaare, Khalid: Marokko in deutschen Reiseberichten des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts, Fes/Marokko 2005, S. 19.

[28] Vgl. Idrissi Moujib, Selwa: Les voyageurs allemands/germanophones au Maroc de 1830 à 1930 entre aventure, impérialisme et exotisme. In: Al Rihla entre L’orient et l’occident, publications de la faculté des lettres et des sciences humaines- Rabat, édit. 1, Série: colloques et séminaires N° 110, Rabat 2003, S.133-147. (Hier S. 143.)

[29] Vgl. Lazaare, Khalid: a.a.O., S. 22.

[30] Vgl. Lazaare, Khalid: le Maroc dans les récits de voyages allemands du XIXème siècle. In: Al Rihla entre L’orient et l’occident, publications de la faculté des lettres et des sciences humaines- Rabat, édit. 1, Série: colloques et séminaires N° 110. Rabat 2003, S. 113-131. (Hier S. 115.)

[31] Mattes, Hanspeter: L’image du Maroc a travers la tradition littéraire allemande du récit de voyage pendant les années 1914-1945. In: Le Maroc et l’Allemagne, Actes de la première rencontre universitaire. Publication de la Faculté des Lettres et des Sciences Humaines, Rabat 1991, S. 15-27. (Hier S. 15.)

[32] Malzan, Freiherr Heinrich von: Drei Jahre im Nordwesten von Afrika, Reisen in Algerien und Marokko, IV. Bde. Leipzig 1863, S. 16.

[33] Erschien in: Wuqûf 4-5/1989-1990, Hamburg 1991, S. 343-358.

[34] Erschien im Jahre 1994 in Passau.

[35] Erschien im Jahre 1999 in Grenoble.

[36] Erschien in: Valentin, Jean-Marie (Hrsg.): Akten des XL. Internationalen Germanistenkongresses Paris 2005, Germanistik im Konflikt der Kulturen, Bern 2007, S. 323-330.

[37] Vgl. Lebel, Roland: Les voyageurs français du Maroc, Paris 1939.

[38] Vgl. Nachit, Rachida: a.a.O., S. 136.

[39] Wirth 1970, 259 f. Zitiert n. Nissel, Heinz: Vom Kulturerdteil Orient zur Islamischen Welt, Eine geographische Spurensuche. In: Ilja Steffelbauer/Khaled Hakami (Hrsg.): Vom Alten Orient zum Nahen Osten, Essen 2006, S. 11-27. (Hier S. 12.)

[40] Vgl. Natascha Ueckmann: Frauen und Orientalismus, Reisetexte französischer Autorinnen des 19. Und 20. Jahrhunderts, Stuttgart, 2001, S. 67. Zitiert nach: Soukah, Zouheir: Das Orientbild in G. Rohlfs erster Marokko-Reise, Norderstedt 2009, S. 17.

[41] Stefan Koppelkamm: Der imaginäre Orient, Exotische Bauten des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts in Europa, Berlin 1987, S. 25. Zitiert nach: Bilgic, Leman u.a.: Dresdner Orientalismus. In: Rudolf Lindner und Johannes Moser (Hrsg.): Dresden, Ethnografische Erkundungen einer Residenzstadt, Leipziger Universitätsverlag, Leipzig 2006, S. 207-236. (Hier S.209.)

[42] Vgl. Soukah, Zouheir: a.a.O., S. 17.

[43] Vgl. ebd.

[44] Said, Edward: Orientalism, London 2003, S. 17.

[45] Ebd.

[46] Ebd.

Ende der Leseprobe aus 78 Seiten

Details

Titel
Darstellung der marokkanischen Stadt Fes in ausgewählten deutschen Reiseberichten 1870 - 1911
Hochschule
Université Sidi Mohamed Ben Abdellah  (Philosophische Fakultät)
Autor
Jahr
2011
Seiten
78
Katalognummer
V175591
ISBN (eBook)
9783640967421
ISBN (Buch)
9783640967698
Dateigröße
921 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
darstellung, stadt, reiseberichten
Arbeit zitieren
Mohammed Rkaibi (Autor), 2011, Darstellung der marokkanischen Stadt Fes in ausgewählten deutschen Reiseberichten 1870 - 1911, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/175591

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Darstellung der marokkanischen Stadt Fes in ausgewählten deutschen Reiseberichten 1870 - 1911


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden