Das Sozialkapital nach Pierre Bourdieu innerhalb der Familie. Ungleich verteilte Bildungserfolge und -chancen bei Kindern


Hausarbeit, 2011
28 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kapitalsorten nach Pierre Bourdieu
2.1 Definitionen
2.2 Forschungsstand zum Sozialkapital

3. Bildung in Deutschland

4. Einfluss der Kapitalsorten auf die Bildungsbiografie
4.1 Primäre und sekundäre Herkunftseffekte nach Boudon (1974)
4.2 Primäre Effekte
4.3 Sekundäre Effekte
4.4 Die Bedeutung von innerfamiliären sozialen Beziehungen

5. Zusammenfassung und Ausblick

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Anteil der SchülerInnen im achten Schuljahr auf verschiedenen Schulformen in Deutschland 1955 bis

Abbildung 2: 15-Jährige (in Prozent) nach Sozialschichtzugehörigkeit und Bildungsgang

Abbildung 3: Anteil der SchülerInnen auf den Mathematik-Kompetenzstufen in der PISA-Erhebung 2003 nach Schulformen in Deutschland

Abbildung 4: Bildungsbeteiligung von Kindern nach akademischen Abschluss des Vaters in Prozent

Abbildung 5: Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft (ESCS-Index) und Mathematikkompetenzen bei PISA 2003 in Prozent

1. Einleitung

Mit der Veröffentlichung der Ergebnisse internationaler Vergleichsstudien wie PISA sind sozial immer noch ungleich verteilte Bildungserfolge und -chancen zunehmend Gegenstand öffentlicher Diskussion geworden. In Anlehnung an den Beitrag „Soziale Beziehungen und Bildungserwerb“ von Jutta Allmendinger, Christian Ebner und Rita Nikolai (2007) zielt die vorliegende Hausarbeit darauf ab, die Bedeutung der von Bourdieu eingeführten Kapitalsorten, insbesondere aber des Sozialkapitals, in Zusammenhang mit in Deutschland bestehenden sozialen Disparitäten hinsichtlich Bildungschancen und -erfolgen zu bringen.

Dazu wird in Kapitel 2.1 eine kurze, grundlegende Erläuterung der Bourdieu´schen Kapitalsorten (ökonomisches Kapital, kulturelles Kapital sowie soziales Kapital) vorgenommen. Vervollständigt wird dieser knappe Überblick durch eine Übersicht über den Forschungsstand (Kapitel 2.2). Gemäß dem Fokus der Ausarbeitung auf Bildungschancen und -erfolge bemüht sich Kapitel 3 um eine Darstellung der gegenwärtigen Bildungssituation in Deutschland, bevor in Kapitel 4 anhand einiger in der Literatur aufgezeigten Erklärungsansätze Bezug auf die Fragestellung genommen wird. Dabei konzentriert sich die Ausarbeitung auf die innerfamiliären Kapitalien, jedoch werden auch Bezugspunkte zu außerhalb der Familie nutzbaren Kapitalien aufgezeigt. Kritische Anmerkungen hinsichtlich des der Arbeit zugrunde liegenden Kapitalkonzeptes finden sich in Kapitel 5 und schlussendlich wird in Kapitel 6 neben einer bündigen Zusammenfassung ein Ausblick gegeben.

2. Kapitalsorten nach Pierre Bourdieu

2.1 Definitionen

Der Begriff Kapital wurde von Karl Marx in der Ökonomie geprägt. Pierre Bourdieu grenzt sich mit seiner soziologischen Neudefinition des Begriffes jedoch deutlich von Marx´ Verständnis ab: Er differenziert zwischen drei verschiedenen Kapitalsorten (ökonomisches, kulturelles sowie soziales Kapital), die im Folgenden kurz skizziert werden. Bourdieu argumentiert, dass bei ausschließlicher Beachtung der ökonomisch-materiellen Dimension von Kapital alle Austauschbeziehungen, die nicht-materieller Art sind, ignoriert werden und die „Gesamtheit der gesellschaftlichen Austauschverhältnisse auf den bloßen [quantifizierbaren; Anm. d. Verf.] Warenaustausch, der […] vom Eigennutz geleitet ist“ (Bourdieu 1992: 50), reduziert wird. Auf Basis seines Anspruches, das Funktionieren der Gesellschaft möglichst wirklichkeitsnah abzubilden, erweiterte er das Verständnis des Kapitalbegriffes und berücksichtigt so in seiner Theorie „[Kapital] in all seinen Erscheinungsformen“ (Bourdieu 1983: 184).[1] Zudem bemüht er sich darum, auf Gesetze hinzuweisen, nach denen die verschiedenen Kapitalsorten, verstanden als Machtfaktoren in sozialen Beziehungen, gegenseitig ineinander transformiert werden können.

Mit dem Terminus des ökonomischen Kapitals meint Bourdieu das, was im alltäglichen Sprachgebrauch, angelehnt an Marx, lediglich Kapital genannt wird und eine Akkumulation von materiellen Dingen (Geld, Aktien und in Geld eintauschbares Eigentum im Allgemeinen, was durch das Eigentumsrecht institutionalisiert ist (Vgl. ebd.: 185) bezeichnet.

Das kulturelle Kapital lässt sich in drei unterschiedliche Zustandsformen unterscheiden. Im verinnerlichten Zustand liegt das sogenannte Inkorporierte Kulturkapital in Form von „dauerhaften Dispositionen des Organismus“ (Ebd.: 185) vor. Dieses Kapital wurde über eine Zeitinvestition (Unterrichts- und Lernzeit) durch Bildung akkumuliert und ist an die in sich investierende Person gebunden. Dadurch wird das Delegationsprinzip zum Erwerb dieser Kapitalform ausgeschlossen. Das Subjekt verschmilzt also mit dem Objekt zu einer Einheit: das inkorporierte Kapital stellt ein Besitztum dar, welches fester Bestandteil seines Besitzers ist. Jedoch wird dieses Kapital durch soziale Vererbung in entsprechenden, oftmals sich unbewusst vollziehenden Sozialisierungsprozessen weitergegeben (Vgl. ebd.: 186-187). Als objektiviertes Kulturkapital bezeichnet Bourdieu materielle kulturelle Güter, wie beispielsweise Gemälde, deren Erwerb ökonomisches Kapital voraussetzt (juristisches Eigentum als materielle Aneignung). Dabei kann der Eigner den besonderen kunstgeschichtlichen Wert seines Gemäldes nur dann nachvollziehen, wenn er über spezifische kulturelle Fähigkeiten verfügt (symbolische Aneignung mittels inkorporiertem Kulturkapital). Als dritte Form kulturellen Kapitals lässt sich das institutionalisierte Kulturkapital benennen. Schulische Titel und Bildungszertifikate (Abitur, Diplom, Master etc.) dienen zur Demonstration von inkorporiertem kulturellem Wissen (Vgl. Steinfelder o.J.), die ihrem Inhaber einen dauerhaften, juristisch abgesicherten Wert übertragen. Zur Abgrenzung der Titel werden Standards bestimmt, obwohl sich die tatsächliche Akkumulation kulturellen Kapitals der Messbarkeit entzieht. Durch diese Standardisierung wird die Vorstellung einer stufenweisen Ausprägung dieses Kapitals legitimiert, sodass „minimale Leistungsunterschiede [.] maximale Konsequenzen für die schulische Laufbahn nach sich [ziehen]“ (Storch 2006). Die Konvertibilität zwischen kulturellem und ökonomischen Kapital ist direkt ersichtlich: Während für die institutionelle Anerkennung des besessenen Kulturkapitals in Form eines Titels Investitionen ökonomischer Natur getätigt werden müssen (z.B. Studiengebühren), so stellt sich das erworbene Kapital als für den Arbeitsmarkt nützlich heraus (Lohnauszahlung), wobei sich die Höhe der Rentabilität am Seltenheitswert des kulturellen Kapitals orientiert (Vgl. Bourdieu 1983: 190).

Als dritte Kapitalform führt Bourdieu das soziale Kapital an, worunter er sämtliche aktuelle und potentielle (Beziehungs-)Ressourcen, die auf der Zugehörigkeit zu einer Gruppe beruhen, zählt. Dabei sind die netzwerkbildenden Beziehungen zu anderen Individuen mehr oder weniger institutionalisiert.[2] Das Sozialkapitalvolumen des Individuum hängt insofern von der Ausdehnung des Netzes von Beziehungen ab, die er mobilisieren kann, aber auch von dem Umfang und der Art des Kapitals derjenigen, mit denen er in Verbindung steht (Vgl. ebd.: 190). Das Beziehungeflecht sei als Produkt individueller bzw. kollektiver Investitionsstrategien zu verstehen, die bewusst oder unbewusst auf die Schaffung und Fortführung von Sozialbeziehungen ausgelegt sind (wozu eine stete Beziehungsarbeit[3] erforderlich ist), die früher oder später einen direkten Nutzen versprechen (Vgl. ebd.: 192-193). Dabei kann zwischen materiellen und symbolischen Profiten,[4] die aus einer auf Sozialkapital beruhenden Austauschbeziehung gewonnen werden können, unterschieden werden (Vgl. Bourdieu 1992: 65).

Sozialkapital als von Person zu Person divergierende, in Familien und weiteren, außerhalb der Familie bestehenden sozialen Beziehungen[5] enthaltene, dauerhafte Ressource fördert die kognitive und soziale Entwicklung eines Kindes und übt folglich Einfluss auf die Bildungsbiografie aus (Vgl. Allmendinger; Ebner; Nikolai 2007: 488).[6]

2.2 Forschungsstand zum Sozialkapital

Da sich die Autoren einig sind, dass die Bildungschancen von Kindern stark an das „Volumen und der Zusammensetzung der elterlichen Kapitalien“ (Sixt; Fuchs 2008: 5471), die an die soziale Herkunft gekoppelt sind, liegt der Fokus dieser Ausarbeitung insbesondere auf der Bedeutung des Sozialkapitals für die individuelle Bildungskarriere. Rekurrierend auf die Kennzeichen dieser Kapitalart, nämlich 1. die dauerhaften sozialen Beziehungen einer Person, 2. die ökonomischen und kulturellen Ressourcen der Mitglieder des Beziehungsgeflechtes (hier v.a. Familienangehörige und peer groups) und 3. der Art der genutzten Ressourcen (Vgl. Allmendinger; Ebner; Nikolai 2007: 488-489), wird die enge Verflechtung der Kapitalarten bedeutsam. Die Zugehörigkeit zu einer spezifischen Schicht und einer spezifischen Familiensituation bedeutet ein bestimmtes vorhandenes Kapitalvolumen, von dem je nach Ausgestaltung der Eltern-Kind-Beziehung bestimmte Anteile genutzt werden. Im Folgenden wird nur der auf das Sozialkapital bezogene Forschungsstand dargelegt, da er Bezüge zu den anderen beiden betrachteten Kapitalformen einschließt.

Die dauerhaften sozialen Beziehungen werden hauptsächlich über die Familie abgebildet. Zum Teil werden auch Größe und Zusammensetzung von peer groups erhoben; Nachbarschaften und Schuleinzugsgebiete werden in der deutschen empirischen Sozialforschung nur selten direkt erfasst, obschon ihnen nach Coleman eine gleichberechtigte Rolle hinsichtlich der Bildungskarriere eines Kindes eingeräumt wird.[7] Auch die Berücksichtigung der zweiten Komponente des Sozialkapitals, der im Netzwerk vorhandenen ökonomischen und kulturellen Ressourcen, ist kritisch zu betrachten, denn obgleich Einkommen- und Vermögen der Eltern, worüber das ökonomische Kapital abgebildet wird, lückenlos darstellbar ist, bestehen Schwierigkeiten bei der Erfassung desselbigen für die peer groups. Ähnliches gilt für das kulturelle Kapital, das über den im Elternhaus vorhandenen Buchbesitz erfasst wird: Auch hier werden peer groups in der Forschung ausgespart. Der Frage nach den tatsächlich genutzten Ressourcen (drittes Charakterisitikum) wird zwar in einer Reihe von Studien nachgegangen, diese beziehen sich jedoch nur auf das quantitative Element von sozialem Kapital. Dabei wird Sozialkapital mit dem Vorhandensein von sozialen Beziehungen gleichgesetzt, ohne die Qualität der Beziehungen zu analysieren und danach zu fragen, welche Ressourcen eigentlich in den sozialen Beziehungen verfügbar und aktivierbar sind (Vgl. Allmendinger; Ebner; Nikolai 2007: 489-490).

3. Bildung in Deutschland

Als Resultat der Bildungsexpansion in Deutschland zeichnet sich seit den 1960ern in allen sozialen Schichten eine höhere Bildungsbeteiligung an weiterführenden Bildungsgängen ab (Vgl. Maaz; Watermann 2006: 2609 sowie vgl. Stecher 2001: 35-36). Dies wird an der langfristigen Erhöhung der Realschul- und Gymnasialquote sowie dem Anstieg der Studierenden- und Hochschulabsolventenzahlen belegt (Vgl. Sixt; Fuchs 2008: 5467). Wie Abb. 1 illustriert, liegt das formale Bildungsniveau der SchülerInnen im Jahr 2005 deutlich höher als noch 50 Jahre zuvor.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Anteil der SchülerInnen im achten Schuljahr auf verschiedenen Schulformen in Deutschland 1955 bis 2005[8] (Nikolai 2007)

[...]


[1] So ist die ungleiche soziale Verteilung von Bildungschancen nicht nur wirtschaftlichen Unterschieden geschuldet, sondern auch `kulturellen´ Hindernissen, wie im Folgenden ausgeführt wird (Vgl. Bourdieu; Passeron 1971: 28).

[2] Wie Storch (2006) in Anlehnung an Bourdieu (1992): 65 erläutert, zählen die innerfamiliären Verbindungen zu Verwandschaftsbeziehungen, wohingegen sich die soziale Gruppe bewusst durch einem institutionalisierten Prozess konstituiert, dessen Charakteristik die Transformation von zufälligen Beziehungen in andauernde Beziehungsgeflechte ist. Mit der Zeit entsteht, entweder durch subjektive Gefühle oder institutionellen Garantien, ein Gefühl der Verpflichtung.

[3] Die Beziehungsarbeit bedeutet eine enge Verknüpfung von sozialem Kapital mit ökonomischen und kulturellem Kapital, denn sie erfordert verfügbare Zeit und eventuell sogar Geld. Zudem erleichtert ein gewisses kulurelles Kapital den Beziehungsaufbau zu Akteuren mit einem vergleichbaren Kapitalvolumen (Vgl. Steinfelder o.J.).

[4] So hängt das eigene Prestige von dem der Gruppe ab, mit der man in Beziehung steht.

[5] Z.B. peer groups innerhalb und außerhalb der Schule; bestehend aus Freunden, Mitschülern, Schuleinzugsbezirken und Nachbarschaften.

[6] Des Weiteren wird in der Literatur eine weitere Kapitalsorte benannt, das symbolische Kapital. Dies soll an dieser Stelle jedoch nicht weiter vertieft werden, da es sich dabei um eine den drei anderen Kapitalformen übergeordnete Ressource handelt.

[7] Coleman 1988: 109: „Both social capital in the family and social capital in the community play roles in the creation of human capital in the rising generation“.

[8] Anmerkungen: Ab 1995 werden die neuen Bundesländer mit einbezogen. Die integrierten Gesamtschulen umfassen auch Freie Waldorfschulen.

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Das Sozialkapital nach Pierre Bourdieu innerhalb der Familie. Ungleich verteilte Bildungserfolge und -chancen bei Kindern
Hochschule
Leuphana Universität Lüneburg
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
28
Katalognummer
V175691
ISBN (eBook)
9783640969999
ISBN (Buch)
9783640970575
Dateigröße
820 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kapitalsorten, Bordieu, Bildungschancen, Bildung, Bildungsungleichheit, Kapitaltheorie
Arbeit zitieren
Thea Hartig (Autor), 2011, Das Sozialkapital nach Pierre Bourdieu innerhalb der Familie. Ungleich verteilte Bildungserfolge und -chancen bei Kindern, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/175691

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