Die Frage nach dem Ursprung und Charakter der kausalen Verknüpfungen ist
eine der zentralsten Fragen der klassischen islamischen Theologie. Sie ist deswegen so
zentral, weil sie ausschlaggebend für Vorstellungen von einem allmächtigen Gott und
von Reichweite und Grenzen seiner Allmacht ist. Die 'aš'aritischen Theologen haben in
Auseinandersetzung mit den Lehren der Muʿtazila ein Denksystem entwickelt, das als
islamischer Okkasionalismus bekannt geworden ist. Diesem Okkasionalismus zufolge
wird alles, was in der Zeit erschaffen worden ist, von Gott zu jedem Augenblick neu
erschaffen. Was als kausale Ursache von etwas anderem erscheint, ist in der Tat nur
eine Folge von der Gewohnheit Gottes in seiner Erschaffung.1
Die islamischen Philosophen, die sich der aristotelischen Philosophie
verschrieben hatten, sahen in der Welt eine gesetzmässige innere Ordnung, die nicht
mehr veränderbar ist. Die Dinge in der Welt besitzen eine eigene Natur, von der aus sie
mit Notwenigkeit auf andere Dinge einwirken und auf sie reagieren. Gott ist die erste
Ursache der Welt und die gesamte Existenz geht aus Seinem Wissen mit Notwendigkeit
hervor. Die kausalen Verknüpfungen sind die sekundären Ursachen; sie sind notwendig
und entziehen sich der Kontrolle Gottes. Die Verpflichtung zu dieser Philosophie hatte
zor Folge, dass sie die im Koran erwähnten Prophetenwunder, die nicht mit uns
bekannten Naturgesetzen erklärbar waren, entweder verleugneten oder sie allegorisch
interpretierten.
Das siebzehnte Kapitel von Ġazālī stellt eine Stellungnahme eines Gelehrten,
der neben seiner Hauptschulung in ʾašʿarītischer Richtung auch tiefgründige Kenntnisse
in anderen Disziplinen vorwies, zu der Frage nach den kausalen Verknüpfungen. Ġazālī
verleugnet hier den notwendigen Charakter der kausalen Verknüpfung in der Natur –
oder zumindest jene Version der islamischen Philososphen, die er im Visier hat - mit
der Begründung, dass eine solche Notwendigkeit in der Natur die göttliche Allmacht mit
Einschränkungen versieht. Dies geschieht v.a. dann, wenn die Wunder, die im Koran
erwähnt werden, durch Philosophen entweder dem gewöhnlichen Verlauf der
Naturgesetze entsprechend umgedeutet oder wenn dies nicht machbar ist, allegorisch
interpretiert werden.
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1 vgl. Fakhry, Majid: „Islamich Occasionalism and its Critique by Averroes and Aquinas“. London, 1958. S.22-55.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die 17. Diskussion von „tahāfut al-falāsifa“
2.1. Erste Position
2.2. Zweite Position
2.2.1. Erster Weg
2.2.2. Zweiter Weg
2.3. Weitere Überlegungen
3. Die 17. Diskussion in der neueren Forschung
4. Schlusswort
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das siebzehnte Kapitel des Werkes „tahāfut al-falāsifa“ von al-Ġazālī, um dessen komplexe Argumentation zur Kausalitätsfrage und zur göttlichen Allmacht zu rekonstruieren und die unterschiedlichen Interpretationsansätze in der modernen Forschung zusammenzufassen.
- Kausale Verknüpfungen in der klassischen islamischen Theologie
- Gottes Allmacht versus die Vorstellung einer autonomen Natur
- Rekonstruktion der von al-Ġazālī diskutierten Positionen im 17. Kapitel
- Analyse der Prophetenwunder im Kontext der Naturgesetzlichkeit
- Kontroverse Einschätzungen zur persönlichen Kausalitätsauffassung al-Ġazālīs
Auszug aus dem Buch
2.1. Erste Position:
Zuerst legt Ġazālī die Position seiner Gegner dar, die er anfechten möchte. Am Beispiel der Verbrennung der Baumwolle beim Kontakt mit dem Feuer behaupten die Philosophen, dass das Feuer die Verbrennung in der Baumwolle seiner Natur wegen und nicht durch freie Wahl verursacht und dass dies die einzige Ursache der Verbrennung ist. Ġazālī lehnt diese Notwendigkeit im Handeln des Feuers ab und sagt, dass der Gott der einzige Agens all dieser Veränderungen in der Baumwolle (Veränderung ihrer Farbe, Form, usw.) ist. Da das Feuer für ihn leblos ist, hat es kein Potenzial zur Hervorrufung irgendeiner Veränderung in der Baumwolle. Es ist vielmehr der Gott, der diese Veränderungen entweder mit oder ohne Vermittlung der Engel zustandebringt.
Ġazālī bemerkt, dass die Gegner keinen anderen Beweis für die Annahme einer notwendigen Verknüpfung haben als die Beobachtung. Was man jedoch beobachten könne, sei lediglich das Eintreten zweier Vorgänge nacheinander – in diesem Falle das Verbrennen der Baumwolle beim Kontakt mit dem Feuer – und die Beobachtung liefert keinen Beweis, dass das Feuer die wahre Ursache der Verbrennung ist. Ġazālī bekräftigt seine Unterscheidung mit einigen geschickten Beispielen, wo er bemerkt, dass die Philosophen mit ihm gleicher Meinung sind in Bezug auf die eigentlichen Ursachen, wie z.B., dass der Vater nicht der eigentliche Verursacher des Lebens eines Kindes ist, sondern dass das Leben durch den Vater zustandekommt. Es ist vielmehr der Erste (Gott), der das Leben entweder mit oder ohne Vermittlung zustandebringt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel führt in die Thematik der kausalen Verknüpfungen innerhalb der islamischen Theologie ein und umreißt die kritische Auseinandersetzung al-Ġazālīs mit den aristotelischen Philosophen im siebzehnten Kapitel.
2. Die 17. Diskussion von „tahāfut al-falāsifa“: Hier wird der Kern der Argumentation al-Ġazālīs dargelegt, wobei er verschiedene Stufen der Kausalitätsdiskussion unterscheidet, um die göttliche Allmacht gegenüber philosophischen Notwendigkeitskonzepten zu verteidigen.
2.1. Erste Position: In diesem Teil erläutert der Autor die Sichtweise der Philosophen, die eine notwendige Kausalität in der Natur sehen, und setzt dieser die Vorstellung eines allein handelnden göttlichen Agens entgegen.
2.2. Zweite Position: Dieser Abschnitt behandelt die modifizierte Auffassung der Philosophen, die trotz der Anerkennung höherer Prinzipien eine innere Disposition der Dinge annehmen, welche al-Ġazālī durch zwei Wege zu entkräften sucht.
2.2.1. Erster Weg: Hier wird al-Ġazālīs Argumentation zur Bewahrung der Allmacht Gottes dargestellt, die davon ausgeht, dass Gott die Ordnung der Welt auch ohne notwendige Gesetze aufrechterhält.
2.2.2. Zweiter Weg: Dieses Kapitel befasst sich mit der Möglichkeit, Wundertaten mit dem Konzept der in den Dingen liegenden, aber uns verborgenen Dispositionen zu erklären, ohne Gott die Freiheit zu entziehen.
2.3. Weitere Überlegungen: Dieser Teil setzt sich mit den Grenzen der göttlichen Allmacht und dem logischen Widerspruchsbegriff auseinander, um auf die Einwände der Philosophen gegen seine Position zu reagieren.
3. Die 17. Diskussion in der neueren Forschung: Eine Zusammenfassung der wissenschaftlichen Debatte, die diskutiert, ob al-Ġazālī tatsächlich eine eigene, modifizierte Theorie vertrat oder nur dialektisch argumentierte.
4. Schlusswort: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und betont, dass al-Ġazālī vermutlich keine endgültige philosophische Lehre verkünden wollte, sondern eine Vereinbarkeit von Kontingenz und Naturgesetzlichkeit suchte.
Schlüsselwörter
al-Ġazālī, tahāfut al-falāsifa, Kausalität, Okkasionalismus, Allmacht Gottes, Philosophie, islamische Theologie, Naturgesetze, Prophetenwunder, Notwendigkeit, Kontingenz, Aristotelismus, Avicenna, Ašariya, Dispositionslehre
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert das siebzehnte Kapitel aus al-Ġazālīs Werk „tahāfut al-falāsifa“, in dem der Autor die Kausalitätslehre der Philosophen kritisiert und die göttliche Allmacht verteidigt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen sind das Verhältnis von Kausalität und göttlicher Allmacht, die Natur der Dinge, die Möglichkeit von Prophetenwundern sowie die Interpretation von al-Ġazālīs Aussagen in der modernen Forschung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist die Rekonstruktion der von al-Ġazālī im 17. Kapitel verfolgten Argumentation sowie die Synthese der kontroversen Interpretationen in der westlichen Forschung zu seiner persönlichen Kausalitätsauffassung.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Es handelt sich um eine philologisch-theologische Textanalyse, die den Originaltext anhand der einschlägigen Fachliteratur und der Forschungsgeschichte auslegt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die detaillierte Darstellung der Argumentationsschritte al-Ġazālīs (erste Position, zweite Position mit ihren zwei Wegen und weitere Überlegungen) sowie eine anschließende wissenschaftliche Diskussion dieser Positionen.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Schlüsselbegriffe sind Kausalität, Okkasionalismus, göttliche Allmacht, Kontingenz und das Verständnis der Naturordnung.
Warum ist das 17. Kapitel für die Forschung so umstritten?
Weil Ġazālī darin verschiedene Positionen einnimmt, die je nach Auslegung entweder als radikaler Okkasionalismus oder als ein Versuch der Verknüpfung von Theologie und aristotelischer Philosophie verstanden werden können.
Welche Rolle spielen die Prophetenwunder in der Argumentation?
Die Wunder dienen Ġazālī als Beweis dafür, dass die Kausalität in der Welt nicht aus einer unveränderlichen Naturnotwendigkeit resultiert, sondern Gottes freiem Willen unterliegt.
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- Enur Imeri (Autor), 2011, Ghazali über die Kausalität, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/175719