Aktionen zur Kodifizierung des 'bon usage' im 19. und 20. Jahrhundert: Wörterbücher, Grammatiken


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010
26 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Zur Kodifizierung des bon usage im 19. Jahrhundert
2.1. Historische und sprachliche Ausgangssituation
2.2. Wörterbücher
2.2.1. Le Dictionnaire de l’Acadpmie française,
2.2.2. Emile Littré: Dictionnaire de la langue française
2.2.3. Pierre Larousse: Grand Dictionnaire universel du XIXe siècle
2.3. Grammatiken
2.3.1. Girault-Duvivier : Grammaire des grammaires

3. Zur Kodifizierung des bon usage im 20. Jahrhundert
3.1. Historische und sprachliche Ausgangssituation
3.2. Wörterbücher
3.2.1. Paul Robert: Dictionnaire alphabétique et analogique de la langue française
3.3. Grammatiken
3.3.1. Maurice Grevisse: Le Bon Usage

4. Zusammenfassung

Literatur

1. Einleitung

Frankreich stellt angesichts der Vorstellung einer festen Sprachnorm in- teressante Aspekte bereit. Über Jahrhunderte hinweg soll der bon usage als Bezugsnorm für das Standardfranzösisch gelten und wird dementsprechend von Institutionen, Individuen und der Politik mit Hilfe von Gesetzen, Sprachwettbewerben et cetera aufrechterhalten.1 Dazu trugen im Verlauf des 19. und 20. Jahrhunderts auch Wörterbücher und Grammatiken bei, die zum Teil von Sprachwissenschaftlern und zum anderen auch von Sprach- laien verfasst wurden. Beide Formen beanspruchten große Erfolge, das Publikum benötigte aus den veränderten gesellschaftlichen Umständen auf Grund von Revolutionen und Reformen Instrumente, die ihm eine Referenz boten, wenn es um Sprachfragen ging. Verständlicherweise waren die zum Teil mehrbändigen Werke kaum für den einfachen Bürger erschwinglich, um so mehr bildete das einbändige Wörterbuch von Paul Robert, das erst- mals 1993 verkauft wird, einen Wendepunkt. Die Demokratisierung des Wissens in Verbindung mit der Aufrechterhaltung des bon usage in den letzten zwei Jahrhunderten stellt aber immer noch den Kernpunkt der veröf- fentlichten Wörterbücher und Grammatiken dar. In dieser Arbeit werden diejenigen Werke näher analysiert, die in ihrer Zeit als die eben schon be- schriebenen Referenzinstrumente dienten und zur weiteren Kodifizierung des bon usage beitrugen. Als solches werden für das 19. Jahrhundert die Wörterbücher von Emile Littré und Pierre Larousse sowie die Grammatik von Charles-Pierre Girault-Duvivier betrachtet. Für das 20. Jahrhundert wichtig sind die Wörterbücher von Paul Robert und die Grammatik des Belgiers Maurice Grevisse. Prinzipiell ist eine methodische Vererbung vom 19. zum 20. Jahrhundert zu beobachten, die vor allem durch umfassende Korpora-Erarbeitungen gekennzeichnet ist, mit denen zusätzlich das Be- wusstsein um die französische Sprachnorm beim Publikum geschärft wird. Nach der Bearbeitung der einzelnen Werke erfolgt eine zusammenfassende Gegenüberstellung.

2. Zur Kodifizierung des bon usage im 19. Jahr- hundert

2.1. Historische und sprachliche Ausgangssituation

Frankreich erlebt am Anfang des 19. Jahrhunderts die Auswirkungen, die sich mit der veränderten politisch-gesellschaftlichen Lage durch die Fran- zösische Revolution von 1789 ergaben. Die Revolutionäre beeinflussten nicht nur die Politik und das französische Staatssystem nachhaltig, sondern beteiligten sich ebenso stark an der Diskussion um die französische Spra- che. Das Französische soll zur einzigen Nationalsprache erhoben werden, soll das Merkmal der Universalität nun für sich beanspruchen können. Die Revolutionäre sprechen von da an von der Älangue une et indivisible“. Die unternommenen Aktionen sind nicht Thema dieser Arbeit und sollen im Weiteren auch nicht tiefergehend Erwähnung finden. Was jedoch wichtig für die Kodifizierung des bon usage ist, der nach wie vor in den Werken der Autoren und des Hofes des 17. Jahrhunderts wurzelt, ist der gesell- schaftliche Wandel mit und nach der Großen Revolution. Das Bürgertum ist nun die herrschende Klasse der Gesellschaft und es soll gegen Ende des 19. Jahrhunderts alle Bereiche des menschlichen Zusammenlebens domi- nieren. Der gute Sprachgebrauch des 17. Jahrhunderts wird schließlich mit den Reformen im 19. Jahrhundert zum Zeichen des bürgerlichen Auf- stiegs: 1881/1882 wird mit dem Loi Ferry der kostenlose Schulunterricht eingeführt, Lehrbücher stabilisieren das Französische im Unterricht.2 Wäh- rend die Schulbildung große Teile der Bevölkerung alphabetisiert, werden die Minderheitensprachen unterdrückt, um den bon usage durchzusetzen.3 Weitere Faktoren bilden die Industrielle Revolution und die sich rasant entwickelnden Wissenschaften ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die Geistes-, Sozial- und Naturwissenschaften bauen sich aus, mit diesem Ausbau erfolgt die massive Ausweitung des Wortschatzes. Allein die neu entwickelte Terminologielehre für die Chemie von Lavoisier kreiert un- zählige Wortschöpfungen, die in die französische Lexik Eingang finden. Es kommt zu einer Explosion des Wortschatzes, die sich sowohl intern als auch extern vollzieht. Zu den internen Prozessen zählen die Wortbildung, die Wortneubedeutung und die Phrasembildung. Beispiele finden sich bei dem Wort Ägrève“, das 1805 noch als Äcessation de travail“ verstanden wurde und ab 1821 ausgeweitet wird auf Ägréviste“, Ägrève générale“ et cetera. Zu den externen Prozessen gehören Entlehnungen aus dem Engli- schen, Deutschen, Arabischen, Lateinischen, Griechischen und Italieni- schen wie zum Beispiel Äle boycott“, Äle football“, Äle tennis“, Äle lied“, Äle leitmotiv“, Äle putsch“ und Äun ersatz“.4

WINKELMANN führt in seinem Aufsatz noch als weiteren Faktor die litera- rische Kanonbildung auf, die zur Kodifizierung des bon usage im 19. Jahrhundert beiträgt. Durch einheitliche Buchausgaben und die Schulre- formen erfahren die Schüler so eine gemeinsame literarische Grundausbil- dung.5

2.2. Wörterbücher

Im Laufe des 19. Jahrhunderts werden unzählige Wörterbücher veröf- fentlicht, die versuchen das nun in seinem Umfang immens vergrößerte Vokabular aufzunehmen. Dennoch bleiben viele Äangesichts der zu bewäl- tigenden Materialfülle […] selektiv“6, die Gesamtmasse des Lexikons ist aber auch aufgrund der eingeschränkten Mittel zur Bearbeitung des Kor- pus noch nicht erfassbar.

Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts findet man Wörterbücher, die gewissen- haft und einheitlich erarbeitet wurden und durch diese Methodik zur Kodi- fizierung des bon usage beitragen konnten. Dazu zählen die sechste Aufla- ge des Wörterbuchs der Académie française, und die Wörterbücher von Emile Littré und Pierre Larousse, die im Folgenden näher betrachtet wer- den.

2.2.1. Le Dictionnaire de l’Académie française, 1835

Die sechste Auflage des Akademiewörtebuches erschien 1835, und soll als eigentliche Nachfolgerin der Ausgabe von 1762 gelten, da die Revolu- tionsauflage aus dem Jahre 1798 nicht von der Académie française aner- kannt wird, die selbst von 1793 bis 1803 geschlossen war. Diese sechste Ausgabe ist im Vergleich mit den bisher erschienen Ädie wohl sorgfältigs- te“7, als wichtigste Neuerung wird immer wieder die Änderung der Imper- fekt-Endung von -ois auf -ais genannt, die hier erstmalig von der Akade- mie vorgeschrieben wird. Brunot bezeichnet die vorhergehende Ausgabe von 1762 so auch als ein Wörterbuch Äd’une société morte, d’une langue morte“, dem die Veröffentlichung der sechsten Ausgabe als Äévénement considérable“ gegenübersteht.8

Mit dem Vorwort des Professors Abel-François Villemain (1790 - 1870), der das Verständnis für die geschichtliche Entwicklung der französischen Sprache aufzeigt, demonstriert die Akademie ihre Bereitschaft, sich der Lexikographie zu öffnen und im Bewusstsein zu wirken, dass sich das Französische wandelt. Nachdem er auf verschiedene Einflüsse auf die Sprache eingeht, reißt er das Thema des Sprachwandels im Laufe der Ent- wicklung einer Sprache an:

ÄA ces causes particulières se joindraient les causes générales, qui, chez toutes les nations, ont amené une sensible différence entre la changeante rapidité des époques de formation et de débrouillement, et la durée de l’époque dernière, où une langue, qui semble fixée, se développe encore, sans s’altérer, et acquiert, sans rien perdre.“9

Auf den Wunsch Voltaires werden zu den Worterläuterungen nun auch Autorenzitate gefügt, die den jeweiligen Gebrauch bestätigen.10 Die darauffolgende siebte Ausgabe stellt sich laut SCHMITT Äwie eine bescheidene Arbeit von Dilettanten“ dar und wird vom 1863 veröffentlichten Wörterbuch von Emile Littré verdrängt.11

Zur Veranschaulichung folgt der Eintrag zu Äcroquis“ des Dictionnaire de l’Acadpmie française von 1835:

CROQUIS. s.m. T. de Peinture. Esquisse rapide; premiqre pensée d’un peintre,, indiquée seulement par quelques traits principaux et caractéristiques. On reconnaît dans un simple croquis l’habile homme ou l’ignorant. Faire le croquis d’une figure, d’un groupe. Le croquis d’un dessin. Cahier de croquis.

Il se dit, figurément, dans un sens analogue, en parlant Des ouvrages d’esprit. Il a jeté sur le papier un croquis de son poëme.

Dieser Eintrag zeigt, wie die Académie française auf die Nennung der Autoren, deren Zitate genommen werden, verzichtet. Im Gegensatz zum noch folgenden Auszug des Wörterbuchs von Emile Littré wirkt dieser Artikel auch etwas knapp gehalten.

2.2.2. Emile Littré: Dictionnaire de la langue française

Statt des Wörterbuchs der Académie française soll aber ein anderes zum Referenzwerk des 19. Jahrhunderts werden: das Dictionnaire de la langue française von Emile Littré, das in der Zeit von 1863 bis 1872 in vier Bän- den erscheint.

Emile Littré wurde am 01. Februar 1801 in Paris geboren, er genoss eine gute erzieherische Ausbildung seiner Eltern, durch den Vater als Schüler Voltaires und der Mutter als Protestantin. Als vielversprechendes Kind studiert Littré Medizin und arbeitet anschließend als Arzt. Im Laufe seiner Karriere wird er jedoch immer mehr zum Gelehrten, so liefert er eine kriti- sche Übersetzung von einigen Werken Hippokrates. Als ihm 1840 der Lehrstuhl für Medizingeschichte angeboten wird, lehnt er ab, da er die Ar- beit in der Öffentlichkeit lieber meidet. Ein Jahr später, 1841, gründet er ein Projekt zur Verfassung eines etymologischen Wörterbuchs, welches er bei seinem ehemaligen Klassenkameraden Louis Hachette verlegt. Hachet- te ist bereits zu dieser Zeit ein erfolgreicher und aufgeklärter Verleger, dennoch hat das Projekt keinen großen Erfolg. Littré verfolgt nun ein an- deres Ziel, Äbeeinflusst vom ‚Deutschen Wörterbuch der Brüder Grimm‘“, das 1852 veröffentlicht wird, beabsichtigt er die Publizierung eines franzö- sischen ÄNationalwörterbuchs.“12 Er spricht von dieser Ägrande publication“ der Grimm-Brüder als Äune preuve de plus de ce désir d’histoire qui occupe les esprits.“13

Ein Supplement bestehend aus zwei Bänden folgt 1877 zum eigentlichen Wörterbuch.

Das Dictionnaire selbst umfasst vier Bände, und es enthält laut Littré alle Wörter, die das Dictionnaire de l’Acadpmie française von 1835 auflistet. Zusätzlich erwähnt Littré aber auch Teile des ÄFachvokabular[s], Regionalismen und schichtenspezifisches Französisch.“14

Bedeutend ist der LITTRÉ, wie das Wörterbuch in der Folgezeit knapp be- zeichnet wird, neben dem umfassenden lexikalischen Korpus auch auf- grund der neuen Methodik hinsichtlich der Recherche, die unter starkem Einfluss des im 19. Jahrhundert sich verbreitenden Positivismus steht.15 Auf Littré wirkte diese Erkenntnistheorie dahingehend, dass er entspre- chend historische Recherchen zu den einzelnen Lexemen ausführte. In sei- ner Préface geht Littré außerdem auf Bereiche ein, die jeder lebenden Sprache eigen sind:

Äun usage contemporain qui est le propre de chaque période successive; un archaïsme qui a été lui-mrme autrefois usage contemporain […];

[...]


1 Vgl. MÜLLER (1975), S. 23

2 Vgl. MÜLLER (1975), S. 24

3 KLARE (2006), S. 159

4 Ebd., S. 166 f.

5 Vgl. WINKELMANN (1990), S. 345

6 KLARE (2004), S. 39

7 SCHMITT (1990), S. 361

8 BRUNOT (1948), S. 556

9 VILLEMAIN, (1835), S. VIII

10 BRUNOT (1948), S. 556

11 SCHMITT (1990), S. 362

12 KLARE (2004), S. 40

13 LITTRÉ (1878), S. 8

14 MÜLLER (1985), S. 24

15 Der Begriff des Positivismus geht auf den französischen Soziologen Auguste Comte (1798- 1857) zurück, der darunter die Nichtberücksichtigung von allen metaphysischen Spekulationen fordert um sich nur mit den real gegebenen Erscheinungen zu beschäftigen.

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Details

Titel
Aktionen zur Kodifizierung des 'bon usage' im 19. und 20. Jahrhundert: Wörterbücher, Grammatiken
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  (Institut für Romanistik)
Veranstaltung
Sprachnormierung in Frankreich: von den Anfängen bis heute
Note
2,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
26
Katalognummer
V175722
ISBN (eBook)
9783640967650
ISBN (Buch)
9783640967322
Dateigröße
754 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
aktionen, kodifizierung, jahrhundert, wörterbücher, grammatiken, purismus, sprachlenkung, frankreich, wörterbuch, lexikographie, dictionnaire, grammaire, larousse, petit robert
Arbeit zitieren
Ulrike Hager (Autor), 2010, Aktionen zur Kodifizierung des 'bon usage' im 19. und 20. Jahrhundert: Wörterbücher, Grammatiken, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/175722

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