Polaritätstheorie der Geschlechter- ein längst überflüssiges Phänomen?


Hausarbeit, 2011

13 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung in das moderne Geschlechterverständnis

2. Geschlecht im geisteswissenschaftlichen Diskurs der Moderne
2.1 Theorie der Geschlechterpolarität
2.2 Moderne Geschlechtertheorien
2.3 Wissenschaft und Geschlecht

3. Fazit: Geschlechterpolarität- ein längst überflüssiges Phänomen?

4. Literaturverzeichnis

1. Einführung in das moderne Geschlechterverständnis

Was ist von diesem Engel mit geblieben?

Ein starker Geist in einem zartem Leib,

Ein Zwitter zwischen Mann und Weib,

Gleich ungeschickt zum Herrschen und zum Lieben.

Ein Kind mit eines Riesen Waffen,

Ein Mittelding von Weisen und von Affen!..

F. Schiller „Die berühmte Frau“ (1788)

Das Zitat bietet ein hervorragendes Beispiel für das moderne Geschlechterverständnis, welches sich im 18. Jahrhundert herausbildete und dessen Wirkung auch noch heute zu spüren ist. Nachdem durch die Ammenkultur in gehobenen Schichten (sowie durch die Tradition des Salonièrens und den Einfluss der s.g. „gelehrten Damen“) immer mehr Säuglinge von ihren Mütter in die Fremdbetreuung und Erziehung übergeben wurden, was zu einer sehr hohen Säuglingssterblichkeit führte, kam es allmählich dazu, dass der Schutz der Familie und Wahrung der Mutterpflicht für eine wichtige Staatsangelegenheit erklärt wurden. Es verbreitete sich die Auffassung, dass sich die Aufgabe der Frau im Staat auf die Fortpflanzungsfunktion beschränkt und ihr Wesen komplett ausmacht. Es wurde ein Ideal der Mutterschaft und Häuslichkeit den Frauen nahe gelegt, welches mancherorts sogar mit gesetzlichen Maßnahmen einher ging. So wurde z. B in Preußen gesetzlich vorgeschrieben, dass eine gesunde Mutter ihr Kind selbst zu stillen hat. Außerdem entstand in der Zeit das moderne Verständnis von Ehe als einem Bund zweier Liebender d.h. es ging um eine Liebesbeziehung und Sympathie, kein finanzielles oder politisches Nutzenkalkül.

Die fortschreitende Domestizierung der Frau hatte ein soziales Ziel- die gesellschaftliche Ordnung aufrecht zu erhalten, die angeblich durch wachsende kulturelle Bedeutung der Frauen (Salons etc.) unterzugehen drohte.

Mit der Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft gingen einige wichtige Veränderungen einher. Die Trennung zwischen Arbeits- und Wohnstätte und somit die Herausbildung der Familie im eigentlichen Sinne, die ansetzende Industrialisierung und der aufkeimende Kapitalismus sowie die fortschreitende Säkularisierung brachten enorme soziale und kulturelle Umwälzungen mit sich, aber auch einen enormen Sicherheitsverlust und Desorientierung der Menschen. Die bis dahin vorherrschende religiöse Verortung des Menschen im sozialen Raum wurde durch das Naturrecht ersetzt. Die Polarisierung der Geschlechter und die Kategorisierung der Geschlechtercharaktere wurde auf eine natürliche Basis zurückgeführt und durch Wissenschaft kontinuierlich unterstützt und bestätigt. Aus der polaren Unterscheidung zwischen Männlichkeit und Weiblichkeit entwickelten sich fest definierte und kaum veränderbare Rollen. Eine Frau war in erster Linie eine Mutter, eine Gattin und eine Haushälterin. Die Männer gehörten im Gegenteil in die für Frauen gefährliche und zu harte Öffentlichkeit, wodurch sie beinahe heldenhaft da standen und in ihren Frauen quasi Sicherheit und Erholung suchten.

Die Herausbildung der Geschlechtercharaktere und der damit verbundenen geschlechtsspezifischen Rollen entsprach durchaus dem Zeitgeist. Sie sorgte für eine Ausdifferenzierung der Sphären von Öffentlichkeit und Privatheit, wobei den Männer aufgrund einer Biologisierung der Geschlechterunterschiede der öffentliche, den Frauen dagegen der private Raum zugewiesen wurde. Mit der Ausdifferenzierung der Sphären ging eine Hierarchisierung einher- der öffentliche Bereich wurde gegenüber dem privaten höher bewertet und als übergeordnet verstanden. Somit wurden der Frau emotional- reproduktive und dem Mann rational- produktive Wesenszüge zugeschrieben. Die Männer wurden also als öffentliche Akteure aufgefasst, die sich auf dem Feld des Berufslebens, des Staatsgeschehens und politischem Engagement bewegten, während die Frauen sich ausschließlich um die Kindererziehung sowie Ehe- und Familienleben zu kümmern hatten. Diese Polarisierung wurde (um es noch ein Mal zu betonen) auf biologische Ursachen zurückgeführt und in dem wissenschaftlichen Diskurs immer aufs neue bestätigt. Bis ins 19. Jahrhundert hinein blieb der Mann gleich dem Mensch das Maß aller Dinge. Die Frau dagegen wurde zu einem Geschlechtswesen erklärt, das sich an einen biologisch vorgeprägten durch Gebärfunktion gekennzeichneten Lebensentwurf zu halten hatte.

In dieser Arbeit soll untersucht werden, ob die im 18. Jahrhundert hervorgebrachte Auffassung einer Polarität der Geschlechter auch heutzutage noch ihre Früchte trägt. Oder handelt es sich längst um ein „totes“ Phänomen? Ausgehend von dem bereits vorgestellten kurzen Abriss der geschichtlichen Entwicklung soll nun im folgenden die Polaritätstheorie genauer erklärt, die modernen geschlechtsbezogenen Debatten mit einem wissenschaftlichem Bezug präsentiert und schließlich die Frage beantwortet werden: Geschlechterpolarität- ein längst überflüssiges Phänomen?

2. Geschlecht im geisteswissenschaftlichen Diskurs der Moderne

In diesem Abschnitt sollen ausgehend von der im 18. Jahrhundert entwickelten Theorie der Geschlechterpolarität die modernen relevanten Geschlechtertheorien mit darauf aufbauendem Anschluss an die Wissenschaft thematisiert werden.

2.1 Theorie der Geschlechterpolarität

Die Theorie der Geschlechterpolarität entstand am Anfang des 18. Jahrhunderts und wurde u.a. stark von Rousseaus vertreten. Sie geht von einer dreifachen Komplementarität der Geschlechter aus d.h. Mann und Frau sind einander ergänzende Gegensätze in der geistigen, körperlichen und sozialen Hinsicht. Das Fundament für die Theorie ist biologischer Natur und wird durch die Anatomie und Physiologie des Geschlechterunterschiedes gebildet. Der Mann wird von Natur aus der Frau in allerlei Hinsicht als überlegen angesehen. Er ist z.B. biologisch bedingt stärker und intelligenter. Diese Annahmen lieferten eine Erklärung für seine dominierende soziale Stellung d.h. das Geschlecht wird nicht ausschließlich mit Genitalien verbunden, sondern bestimmt den ganzen menschlichen Körper, einschließlich Denken, Wesen und geeigneter Lebensweise. Daraus wurden wie bereits erläutert die Geschlechtercharaktere entwickelt, welche die jeweils für das eine Geschlecht typischen Züge beinhalten sollten. Die Frau gilt demnach als weicher, emotionaler, wogegen der Mann als kühn und vernünftig „geboren“ wurde. Die Frau ist also in erster Linie in der Privatsphäre zu gebrauchen, als Hausfrau und Mutter, wie das schon in der vorhergehenden Einführung in das moderne Geschlechterverständnis thematisiert wurde. Der Mann gehörte offensichtlich in die Öffentlichkeit und suchte in dem von der Frau umsorgten Zuhause ein Ruhehafen in den Stürmen der Zeit und eine Entspannung von seinen produktiven Tätigkeiten. Das zu der Zeit aufkeimende Ideal der bürgerlichen Liebe unterstützte die Theorie gewaltig: die Ehe galt demnach als eine harmonischer Verbindung natürlicher Gegensätze. Eine beinahe nicht zu umgehende und als logisch erscheinende Verbindung der verschiedenen, sich ergänzenden Lebenssphären.

[...]

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Polaritätstheorie der Geschlechter- ein längst überflüssiges Phänomen?
Hochschule
Technische Universität Berlin
Autor
Jahr
2011
Seiten
13
Katalognummer
V175737
ISBN (eBook)
9783640968503
ISBN (Buch)
9783640968350
Dateigröße
504 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gender Studies, Polaritätstheorie, Geschlechterdifferenz, modernes Geschlechterverständnis, Wissenschaft und Geschlecht, sex- gender- Konzept, rhetorische Modernisierung, Geschlecht, Geschlechtertheorien
Arbeit zitieren
Natalja Kvast (Autor:in), 2011, Polaritätstheorie der Geschlechter- ein längst überflüssiges Phänomen?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/175737

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