Walter Benjamin als Kritiker der linksintellektuellen Autoren


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009

21 Seiten, Note: 2,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Kontext Benjamins

3. Der Begriff des bürgerlichen Linksintellektuellen

4. Der Autor als Produzent

5. Benjamins Kritik an der Neuen Sachlichkeit
5.1. Benjamins Kritik an der Neuen Sachlichkeit
5.2. Benjamins Kritik an Erich Kästner

6. Fazit

7. Literatur

1. Einleitung

Bereits seit Horaz wird immer wieder die Frage nach der Verantwortung der Kunst gestellt. Muss sie eine belehrende Funktion übernehmen oder reicht es, wenn sie unterhält? Welche Aufgabe hat Kunst und muss sie eine Wirkung auf die Gesellschaft intendieren? Diese Fragestellung war vor allem in Zeiten der gesellschaftlichen oder politischen Hürden immer wieder Thema in den Gelehrtenkreisen.

In den letzten Jahre der Weimarer Republik entstand eine hitzige Diskussion um die Qualifikation von Literatur. Auch hier stand die Frage nach der Verantwortung von Literatur im Mittelpunkt der Diskussion. Ausgelöst durch einen Disput zwischen Gottfried Benn und unter anderem Johannes R. Becher, welcher die konservativen Arbeiten Benns stark kritisierte, wurde die Frage nach der besseren Art literarischer Arbeiten gestellt. Dabei standen sich die Fraktion der Intellektuellen, welche ein gesellschaftliches Engagement der Autoren forderten und die Vertreter der Meinung, Autoren müssten vor allem auf die literarische Qualität Acht geben, gegenüber.

In der Tradition dieser Diskussion um die Einbettung bzw. Einwirkung eines Werkes auf die Produktionsverhältnisse der Zeit steht auch eine Vielzahl der Betrachtungen Walter Benjamins. Neben seinen zahlreichen Arbeiten zu philosophischen Themen, verfasste er mehrere gesellschaftskritische und literaturtheoretische Texte. Seine Rezensionen und Aufsätze wurden in zahlreichen bedeutenden Literaturzeitschriften der Zeit publiziert, stießen aber auch auf Kritik durch andere Literaten. Benjamin sah sich dabei nicht in der Tradition der zahlreichen anderen Kritiker in Deutschland, vielmehr war er unzufrieden, was einen Großteil der deutschen Literaturproduktion und auch der deutschen Literaturkritik anging. Er bemängelte dabei vor allem die Unreflektiertheit der Autoren welche den Produktionsapparat lediglich belieferten und ihn nicht durch eine bewusstere Wahl verbesserten.

In der vorliegenden Arbeit sollen vor allem folgende Fragen im Mittelpunkt der Betrachtungen stehen: Was kritisiert Benjamin an einen großen Teil des linksintellektuellen Schriftstellerkreises und im speziellen an den Vertretern der Neuen Sachlichkeit? Welche Ansprüche stellt Benjamin an die Autoren der Zeit und wie musste die neue Literaturkritik seiner Meinung nach aussehen? Zur Beantwortung dieser Frage sollen exemplarisch Benjamins Rezension zu Kästners Gedichtband „Ein Mann gibt Auskunft“ und der Text „Der Autor als Produzent“ betrachtet werden.

Zunächst soll dazu Walter Benjamins geistiger Kontext, welcher für die Ausbildung seiner Ansichten entscheidend war, knapp dargestellt werden. Anschließend muss zur weiteren Betrachtung der Begriff der bürgerlichen Intellektuellen genauer definiert werden, befasste sich Benjamin doch nicht nur in den behandelten Texten, sondern auch in einem Großteil der im Exil entstandenen Aufsätzen und Rezensionen mit der gesellschaftlichen Rolle des Intellektuellen[1]. Im vierten Kapitel wird der Text „Der Autor als Produzent“[2] betrachtet. In diesem Aufsatz fasst Benjamin seine Kritik an den linksintellektuellen Autoren seiner Zeit und seine Hauptforderungen an diese zusammen. Anschließend wird Benjamins Kritik an der Neuen Sachlichkeit und einem Vertreter dieser, Erich Kästner, untersucht. Dazu wird vor allem die Rezension „Linke Melancholie“[3] betrachtet. Benjamins Kritiken und Rezensionen sind mehr als bloße Urteile über die literarischen Werke, stellt Literatur für ihn doch ein gesellschaftliches Phänomenen dar. Benjamin analysiert die Dichtung Kästners deshalb auch auf ihrer literatursoziologischen Ebene. Bei dieser Untersuchung kommt er zu interessanten Erkenntnissen bezüglich der linken Intelligenz in Deutschland, und speziell zu der Neuen Sachlichkeit und Kästner. Abschließend soll ein Fazit gezogen, sowie auf offene Fragestellungen hingewiesen werden.

2. Der Kontext Benjamins

Die Kritik Benjamins an den linksintellektuellen Autoren seiner Zeit muss im Kontext der Denkzusammenhänge seines geistigen Umfeldes betrachtet werden. Walter Benjamin stand in enger Verbindung zum Frankfurter Institut für Sozialforschung. Während seiner Jahre im Exil hatte ihm die Zusammenarbeit mit der „Zeitschrift für Sozialforschung“ eine stetige finanzielle Sicherheit gegeben. Auch kannte er einige Mitglieder, u.a. Max Horkheimer und Theodor W. Adorno bereits seit den frühen 1920ern. In der Zusammenarbeit mit dem angesehenen Institut musste Benjamin die Erfahrung der zunehmenden Uniformität der Linksintellektuellen und die damit einhergehende kulturelle Gleichschaltung miterleben. Zahlreiche seiner, für die Zeitschrift verfassten, Arbeiten wurden in ihrem Wortlaut geändert.[4]

Benjamins Einschätzung des Intellektuellen wandelte sich im Laufe seines Lebens deutlich. War er zunächst noch davon überzeugt, daß der Intellektuelle auch unabhängig vom gesellschaftlichen Geschehen erkennen kann und dabei Aktualität produziert, veränderte sich seine Ansicht diesbezüglich nach seiner Bekanntschaft mit Berhold Brecht 1929[5] und der daraus resultierenden engen Freundschaft radikal. Auch die Einflüsse des Personenkreises um Brecht, namentlich Bernard und Margot Brentano, Elisabeth Hauptmann, Emil Hesse-Burri, Carola Neher, Helene Weigel u.a. werden von Brodersen betont.[6] Benjamin äußert nun, wie im vierten Kapitel noch herausgestellt werden wird, dass der Intellektuelle die Aufgabe hat den Ist-Zustand nicht nur zu beschreiben, sondern auch positiv auf ihn einzuwirken.

Auch nach eigener Aussage stützt sich Benjamin bei seinen Forderungen auf die Thesen Berthold Brechts. Dieser habe „als erster an den Intellektuellen die weitragende Forderung erhob[en:] den Produktionsapparat nicht zu beliefern, ohne ihn zugleich, nach Maßgabe der Möglichen, im Sinne des Sozialismus zu verändern.“[7] In einem Brief aus dem Jahr 1934 betont er das „Einverständnis mit der Produktion von Brecht [würde] einen der wichtigsten, und bewährtesten, Punkte seiner gesamten Produktion dar[stellen]“[8]. So wurde 1930 Berthold Brechts Schuloper "Der Jasager" uraufgeführt. Hierbei handelt es sich um ein Lehrstück, in welchem Brecht seine Zuschauer mit der Frage konfrontiert, ob dem Kollektiv grundsätzlich der Vorrang vor dem Individuum zu geben ist.[9] Brecht folgt hier somit der Prämisse Benjamins bezüglich der Aufgabe des Intellektuellen: er wirkt bewußtseinsbildend auf das Publikum und unterhält es nicht nur.[10]

Einen wichtigen Kontext des Textes „Der Autor als Produzent“ stellt zudem die Intellektuellendebatte in Frankreich zu Beginn der 1930er dar, welche Benjamin vom Exil aus verfolgte.[11]

3. Der Begriff des bürgerlichen Linksintellektuellen

Obwohl Begrifflichkeiten wie linksintellektuell ohne Zögern genutzt werden, „bleiben die Vorstellungen über ihren präzisen Bedeutungsgehalt eher undeutlich.“[12] Für ein Verständnis der Kritik Benjamins an den Linksintellektuellen ist eine Klärung des Begriffes aber essentiell. Im folgenden soll versucht werden, den Begriff des bürgerlichen Linksintellektuellen zu umreissen.

[...]


[1] Kambas, Chryssoula: Positionierung des Linksintellektuellen im Exil, in: Lindner, Borkhardt (Hrsg.): Benjamin-Handbuch. Leben. Werk. Wirkung, Stuttgart 2006, S. 420-436.

[2] Benjamin, Walter: Der Autor als Produzent, in: Tiedemann, Rolf/ Schweppenhäuser, Hermann (Hrsg.): Walter Benjamin. Gesammelte Schriften Band II.2. Aufsätze, Essays, Vorträge, Frankfurt am Main 1991, S. 683-701.

[3] Benjamin, Walter: Linke Melancholie. Zu Erich Kästners neuem Gedichtband, in: Tiedemann, Rolf/ Schweppenhäuser, Hermann (Hrsg.): Walter Benjamin. Gesammelte Schriften Band III. Kritiken und Rezensionen, Frankfurt am Main 1991, S. 279-283.

[4] Brodersen, Momme: Spinne im eigenen Netz. Walter Benjamin. Leben und Werk, Bühl-Moos 1990, S. 231.

[5] Vgl. Wiggershaus, Rolf: Die Frankfurter Schule. Geschichte. Theoretische Entwicklung. Politische Bedeutung, München 1997, S. 218.

[6] Vgl. Ebenda.

[7] Benjamin: Der Autor als Produzent, S. 691.

[8] Brodersen, S. 231.

[9] Krabiel, Klaus-Dieter: Brechts Lehrstücke. Entstehung und Entwicklung eines Spieltyps, Stuttgart 1993, S. 133ff.

[10] Das Brecht das Denken Benjamins beeinflusste wird auch in der Lektüre des Dreigroschenprozesses deutluch. Im Zuge der Auseinandersetzung bezüglich der Mitwirkungsrechte Brechts am Filmprojekt zur „Dreigroschenoper“ hatte die Filmgesellschaft Nero-Film AG gegen Brecht den Vorwurf erhoben, dem Film eine ausgesprochen politische Tendenz geben zu wollen, was man als politisch neutrale Firma nicht zulassen könne. Im Dreigroschenprozess verarbeitet Brecht diese Vorkommnisse. Er betont das Kunstwerk müsse stets Ausdruck der Persönlichkeit des Autorens sein und somit auch dessen poltische Tendenz wiederspielen. Brecht lehnte es ab, aus Profitgründen seine politischen Aussagen aus dem Werk zu entfernen. Eine politische Zensur sei aus künstlerischen Gründen abzulehnen. Das Kunstwerk dürfe nicht zur reinen Ware, ohne Aussage, verkommen. Vgl. Unseld, Siegfried (Hrsg.): Berthold Brechts Dreigroschenbuch. Texte. Materialien, Dokumente, Frankfurt am Main 1960, S. 81ff.

[11] Kambas, S. 421.

[12] Bachmann, Jörg J.: Zwischen Paris und Moskau. Deutsche bürgerliche Linksintellektuelle und die stalinistische Sowjetunion 1933-1939, Mannheim 1995, S. 23.

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Details

Titel
Walter Benjamin als Kritiker der linksintellektuellen Autoren
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald  (Institut für deutsche Philologie)
Veranstaltung
Schrift und Bild bei Walter Benjamin
Note
2,7
Autor
Jahr
2009
Seiten
21
Katalognummer
V175741
ISBN (eBook)
9783640968527
ISBN (Buch)
9783640968367
Dateigröße
469 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Walter Benjamin, Linksintellektuelle
Arbeit zitieren
Gitte Amtsberg (Autor), 2009, Walter Benjamin als Kritiker der linksintellektuellen Autoren, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/175741

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