Die Gestaltungskraft des Raumes im Trauerspiel „Cardenio und Celinde oder die Unglücklich Verliebten“ von Andreas Gryphius

Barocke Räume ( Heterotopien) - Friedhof


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010

22 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Heterotopische Orte
1.1 Heterotopien in der Gesellschaft der frühen Neuzeit
1.2 Der Kirchhof
1.3 Die Zeichen des Todes in der Gesellschaft des späten 16ten und frühen 17ten Jahrhunderts

2. Als Heterotopien markierte Stellen im Trauerspiel „ Cardenio und Celinde oder die Unglücklich Verliebten“ von Andreas Gryphius und ihre Funktion
2.1 Der Lustgarten und seine Verwandlung
2.2 Kirchhof und seine Entstehung
2.3 Die Funktion der räumlichen Steigerung innerhalb des Textes

Fazit

Literatur

Einleitung

Jede räumliche Beschreibung von Gesellschaft bringt die Doppeleinheit von struktureller Ordnung und prozessualem Handlungsablauf mit sich. In der Entwicklung raumtheoretischer Betrachtungen verschiebt sich die Akzentuierung der Beschreibungen auf die Ebene der raumkonstitutiven Praktiken.[1] Weniger der Ort als lokalisierbare Stelle bildet den spezifischen Raum, als es seine Merkmale hinsichtlich der Bewegungsmuster im Raum und um den Ort zur Genese des Raumes schaffen.

Die Sichtbarkeit des Raumes wird also über die raumkonstituierenden Praktiken konstruiert. Bei der Rezeption literarischer Texte dienen demzufolge die aufgerufenen Orte, an denen Handlungen vollzogen werden, zur Funktionalisierung dramatischer Aspekte. Gleichzeitig werden raumspezifische Praktiken verschoben, so dass Spannung entsteht. Dies setzt eine genaue Vorstellung über den vermeintlichen Ort der Geschichte voraus, welcher als Raum nicht dauerhaft existiert, sondern individualisiert vor dem geistigen Auge des Lesers entsteht. Gegenstand dieser Seminararbeit wird sein mit Hilfe raumtheoretischer Erkenntnisse Michel Foucaults, das frühneuzeitliche Drama (oder Trauerspiel) „ Cardenio und Celinde“[2] von Andreas Gryphius literaturtheoretisch zu untersuchen und so den literarischen Raum Friedhof im Text an ausgewählter Stelle als Heterotopie zu kennzeichnen.

Raum ist die Gesamtheit seiner Objekte welche hinsichtlich ihrer beschreibbaren Merkmale eine Homogenität aufweisen . Der Raum ist somit Träger aller Erscheinungen, Zustände, Funktionen, Figuren und Werte von Variablen e. c. t. Daraus resultiert die Möglichkeit der Modulation eines spezifischen Raumes mit Hilfe von Begrifflichkeiten die nicht räumlicher

Natur sind.[3] Im genannten Trauerspiel wird der Heterotopische Ort zum literarischen Raum, denn es werden im Drama Prozesse, Handlungen, Ereignisse beschrieben, die real nicht existieren, sich jedoch an einem Ort der Wirklichkeit ab zu spielen scheinen, welcher über Regelbrüche zur Heterotopie und nicht zur Utopie wird. Denn im Gegensatz zu Utopien, sind heterotopische Orte keine Orte der Phantasie, Fiktion oder Vision, sondern konkret geographisch auffindbar.[4] Im literarischen Text wird dieser Ort zur funktionalen Fiktion, welche sich räumlich von der Wirklichkeit nicht unterscheidet jedoch erscheinen die vollzogenen Praktiken und Handlungen der im Drama auftretenden Figuren realitätsfern und erzeugen Handlung im Text. Eine vergleichbare Raumkonstruktion wäre beispielsweise „Der Spaziergang in Versailles dem König gewidmet“[5] von Madelaine de Scudéry. Im Unterschied hierzu gestaltet Gryphius einen literarischen Topos mit Hilfe detaillierter Bühnenanweisungen und Hinweise für den Rezipienten zum Handlungsort Friedhof der sich, wie auch der Schlossgarten, nachbilden oder zeichnen ließe. Bei dem Raum Friedhof lassen sich die Merkmale b z w Grundsätze einer Heterotopie nach M. Foucault deutlich kennzeichnen, denn trotz der fiktiven Gestalt des Textes, wird dem Leseprozess die individuelle Erinnerung an den „Kirchhof“[6] zur Seite gestellt und somit ist jeder andere Ort als möglicher semantischer Handlungsträger b z w dramatisch-literarischer Ort, ausgeräumt. Die spezifische Verwendung von den realen Orten „Lust-Garten“[7] und „Kirchhof“[8] als sich verwandelnde Handlungsträger, dient in vorliegendem Text zur Fundierung der damit einhergehenden Brechung mit konventionellen Verhaltensweisen im Umgang mit Macht und Memoria über das weltliche Leben hinaus, im siebzehnten Jahrhundert.

1. Heterotopische Orte

Ausgehend von Foucaults Beschreibungen und Kategorisierung heterotopischer Orte unterscheiden sich Heterotopien von Utopien b z w von imaginär gedachten Räume hinsichtlich ihrer Lokalisierbarkeit. Während Utopien keinem realen Ort auf der Erde zu zuordnen sind, haben heterotopische Orte immer einen Platz in der Welt.

„[sie stehen] mit allen anderen Orten [in Beziehung], aber so, dass sie alle Beziehungen, die durch sie bezeichnet, in ihnen gespiegelt und über sie der Reflexion zugänglich gemacht werden, suspendieren, neutralisieren oder in ihr Gegenteil verkehren“[9]

Eine Heterotopie liegt außerhalb der Gesellschaft ist jedoch ein Teil von ihr indem sie aus ihr heraus entsteht und in Abhängigkeit mit der gesellschaftlichen Kultur sowie Tradition und deren spezifischer Ordnung existiert. Als Zwischenstufe der beiden Orte Heterotopie und Utopie führt Foucault den Spiegel an. „Im Spiegel sehe ich mich dort wo ich nicht bin“[10]. Der Spiegel stellt beide Orte gleichzeitig dar. Als ersten Grundsatz für Heterotopien nennt Foucault das konstante Phänomen des Entstehens von Gegenorten in jeglicher Gesellschaftsform. Dabei können zwei Hauptgruppen[11] heterotopischer Orte klassifiziert werden. Krisenheterotopien entstehen, wenn Mitglieder einer Gesellschaft sich in einem abnormalen Zustand befinden, dieser zeitlich begrenzt ist und prinzipiell zur Gesellschaftsform dazu gehört. Als Beispiel wären die Hochzeitsreise und der Militärdienst zu nennen. Hierbei handelt es sich um Krisen in Bezug auf das Einsetzen der menschlichen Sexualität und die damit verbundenen natürlichen Triebe. Die Hochzeitsreise koppelt das junge Paar von der alltäglichen Gesellschaft ab, so dass die Defloration der Frau im Nirgendwo, meist im fahrenden Zug, der durch seine ständige Bewegung noch weiter entfernt erscheint, statt findet. Der Friedhof stellt hingegen eine Abweichungsheterotopie[12] dar, da es sich erstens nicht um einen zeitlich begrenzten Zustand handelt, denn ein toter Körper ändert seinen Zustand nicht mehr in Bezug auf die Tatsache, dass er tot ist und nur diese Tatsache bringt ihn an den Ort des Friedhofes. Dieses Merkmal verschafft ihm die ewige Existenz an ein und derselben Stelle, seinem Grab. Die Vorraussetzung für die Existenz in dieser Heterotopie hat weder ein absehbares Ende, noch wird durch den Aufenthalt an dem Ort Friedhof die Bedingung für die Existenz an diesem Ort aufgehoben. Der Friedhof ist mit allen Orten der Gesellschaft verbunden, in der er sich befindet und in der diese Orte vorhanden sind oder waren. Durch einst lebende Körper, die nun repräsentativ für ihre frühere Existenz an dem heterotopischen Ort Friedhof ihr Endlager erhalten. Als wichtigstes Merkmal für die Funktionalisierbarkeit von Heterotopien stellt Foucault die Tatsache, dass Heterotopien immer einen Bezug zu Heterochronien haben[13]. Ein Ort wird also erst dann zu einer Heterotopie, wenn „die Menschen einen absoluten Bruch mit der traditionellen Zeit vollzogen haben“[14]. Damit ist der Friedhof als ein hochgradig heterotoper Ort anzusehen, denn der stellt den Verlust des Lebens für den Einzelnen dar und bewahrt damit eine Scheinewigkeit und gleichzeitig ihn selbst auf. Museen sowie Bibliotheken sind ebenfalls Orte an denen die Zeit unablässig gesammelt und aufgestapelt wird. Heterotopische Orte setzen stets ein System der Öffnung und Schließung voraus, das heißt man kann diesen Ort zwar betreten, jedoch erfüllt man dazu bestimmte Vorraussetzungen oder es besteht keine andere Wahl ihn zu betreten oder ausgeschlossen zu werden.[15]

1.1 Heterotopien in der Gesellschaft der frühen Neuzeit

Im späten 16ten und frühen 17ten Jahrhundert entstehen Orte an denen die Vielfalt der Welt gesammelt, aufbewahrt und als Zeichen von Macht sichtbar gemacht und ausgestellt wird. Sie heißen Wunderkammer, Menagerie, Lustgarten oder Wanderzirkus und unterliegen unterschiedlichen Bedingungen hinsichtlich des Betretens und Betrachtens. Während der Lustgarten in dieser Zeit eine Öffnung erfährt, bleiben die Wunderkammern sowie Knochenkammern, welche unterhalb der Kirche liegen, nur einem kleinen Kreis von Besuchern vorbehalten. Die Nähe zum jeweiligen Herrschertum dieser Orte zeigen seine Bedeutung und Stellung in Bezug auf Macht, welche in der Gesellschaft der Frühen Neuzeit über Weltwissen dargestellt wurde, an. Diese Räume akkumulieren Zeit sowie Wissen der Menschheit über die Welt indem dort Exponate aus der Tier- und Pflanzenwelt, Meereslebewesen sowie Steine und Gehölze gesammelt und archiviert wurden. Umso mehr Vertreter von einem Typ, einer Spezi oder Sorte in der jeweiligen Kammer vorhanden waren, desto angesehner war die Wunderkammer. Sie sind die Vorläufer heutiger Museen. Erst mit der Entwicklung der Wunderkammer begann man Dinge, die sich in ihr befanden, systematisch zu ordnen. Es gab in jeder Wunderkammer einen Kämmerer, der für die Aufbewahrung und Anordnung zuständig war. Anfangs befand sich die Ordnung der Gegenstände allein und ausschließlich im Kopf des Kämmerers. Jedoch lies sich eine Katalogisierung mit steigender Anzahl der Exponate nicht umgehen. Umso weiter ein dargestellter Ort im Raum, von seinem natürlichen entfernt war und umso vielfältiger die Sammlung, desto mächtiger seine Bedeutung und Stellung für das jeweilige Herrschertum. Die Menagerie ist der Vorläufer heutiger Zoos. Der Lustgarten diente der Erholung. Zirkusse und weitere Erscheinungsformen zur Darstellung von Existenz in Räumen, die zur Wissensvermittlung über unsere Welt und darüber hinaus b z w zur Archivierung und Konservierung von Historie dienen bildeten sich in der frühen Neuzeit heraus. Durch den heterochronischen Bezug, indem die Dinge für die Ewigkeit festgehalten und aufbewahrt worden sind und durch die Entfernung von ihrem natürlichen Platz werden sie zu heterotopischen Räumen.

[...]


[1] Raumtheorie; Dünne / Günzel (Hg), Suhrkamp, Frankfurt am Main 2006 , Teil IV „Soziale Räume“ S.290

[2] Andreas Gryphius, Cardenio und Celinde Oder Unglückliche Verliebte, Reclam, Stuttgart 1968, Bibliographisch ergänzte Ausgabe,1995; Gesamtherstellung, Reclam, Ditzingen 2006; Rolf Tarot (Hrsg.)

[3] Jurij Lotman „Künstlerischer Raum, Sujet und Figur“ In: Raumtheorie, (Anm1) S.530

[4] Michel Foucault „Von anderen Räumen“ In: Raumtheorie (Anm. 1), S. 320

[5] Madeleine de Scudéry: Der Spaziergang in Versailles dem König gewidmet. In: „Wie beschreibt man Architektur? Das Fräulein Scudéry spaziert durch Versailles.“ Freiburg/Breisgau 2002, S. 8-71 (Rombach-Wissenschaften. Reihe Quellen zur Kunst. Bd. 189)

[6] Cardenio und Celinde Oder Unglückliche Verliebte, (Anm2) S. 65

[7] Ebd. S. 64

[8] Siehe Anm. 6

[9] Siehe Anm1, S.320

[10] Anm4 S. 321

[11] Ebenda S. 321

[12] Erster Grundsatz der Heterotopien; In Raumtheorie (Anm1), S.322

[13] Vierter Grundsatz der Heterotopien; ebenda, S.324

[14] Anm4, S. 324

[15] Fünfter Grundsatz der Heterotopien; ebenda, S. 325

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Die Gestaltungskraft des Raumes im Trauerspiel „Cardenio und Celinde oder die Unglücklich Verliebten“ von Andreas Gryphius
Untertitel
Barocke Räume ( Heterotopien) - Friedhof
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald  (Deutsche Philologie)
Autor
Jahr
2010
Seiten
22
Katalognummer
V175743
ISBN (eBook)
9783640968541
ISBN (Buch)
9783640969067
Dateigröße
602 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
In vorliegendem Trauerspiel "Cardenio und Celinde oder die unglücklich Verliebten" wird der Heterotopische Ort zum literarischen Raum, denn es werden im Drama Prozesse, Handlungen, Ereignisse beschrieben, die real nicht existieren, sich jedoch an einem Ort der Wirklichkeit ab zu spielen scheinen, welcher über Regelbrüche zur Heterotopie und nicht zur Utopie wird.
Schlagworte
Andreas Gryphius, Michel Foucault, Raumtheorie, Heterotopien
Arbeit zitieren
Nicole Matzke (Autor), 2010, Die Gestaltungskraft des Raumes im Trauerspiel „Cardenio und Celinde oder die Unglücklich Verliebten“ von Andreas Gryphius, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/175743

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