Zu Hartmann von Aues "Der arme Heinrich". Veränderungen und Wandlungen der Romanfigur


Hausarbeit (Hauptseminar), 2002
44 Seiten, Note: 1,4

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Einleitung

2. Die Sündenlehre in der Frühscholastik

3. Heinrich und sein `Schicksal´
3.1 Das Weltleben Heinrichs und sein `Sturz´
3.2 Heinrichs `hôchmuot´ und Krankheit
3.2.1 Krankheit als Strafe Gottes
3.2.2 Krankheit als göttliche Prüfung

4. Das Mädchen und
4.1 ihre Darstellung im Werk
4.2 das Problem ihrer Liebe zu Heinrich

5. Exkurs: Schönheitsauffassung im Mittelalter

6. Heinrichs Wandlung
6.1 Heinrichs Wiederherstellung der Gottesbeziehung
6.2 Heinrichs Genesung

7. Meinung der Verfasserin

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die folgende Arbeit hat zum Ziel, jene Ursachen und Bedingungen aufzuzeigen, die zu der Veränderung und zu der Wandlung der Hauptfigur Heinrichs führen und welche das hier zum Untersuchungsgegenstand gewählte Werk Hartmanns von Aue vom „Armen Heinrich“ aufzuweisen hat.

Dabei lenken vor allem drei Fragen die Untersuchung: Was bedeutet der Begriff Sünde? Wo geschieht schuldhaftes Handeln? Inwieweit ist Heinrich schuld an seinem Schicksal?

Dazu soll das Verhalten beider Hauptfiguren, Heinrichs und der `maget´, untersucht werden.

In der Untersuchung des Hartmannschen Textes interessiert zunächst die Frage, wie in der Wissenschaft der Frühscholastik der Begriff Sünde verstanden wurde. Diese Definition soll der nun folgenden Interpretation vorangestellt werden.

Einen ersten Diskussionspunkt bietet das Schicksal des Heinrich.

Zuerst wird in einem Gang durch den Text dem Verlauf der Erzählung bis zur Erkrankung der Hauptfigur gefolgt. Das Weltleben der Hauptfigur soll kurz skizziert werden. Dann wird die durch die auftretende Krankheit eintretende Veränderung in seinem Leben geschildert. Dabei müssen stets die Fragen im Auge behalten werden, wo schuldhaftes Handeln geschieht und in wieweit die Hauptfigur daran schuldhaft beteiligt ist.

Speziell soll untersucht werden, inwieweit Heinrichs `hôchmuot´ mit seiner Krankheit in Verbindung steht und eventuell zwischen beiden ein Zusammenhang besteht.

Diesem Zweck dient es auch, der Funktion der Krankheit auf den Grund zu gehen. Auch hier werden zwei Fragen angesetzt: Ist der Aussatz als eine Strafe Gottes zu sehen oder eher als göttliche Prüfung? Durch diese Untersuchung soll das schuldhafte bzw. das nicht-schuldhafte Verhalten Heinrichs an seiner Erkrankung zu Tage treten.

Den zweiten Diskussionspunkt dieser Arbeit liefert uns die andere Hauptfigur der Erzählung, das Mädchen.

Zunächst steht die Untersuchung an, wie das Mädchen im Text dargestellt wird und welche Absicht des Autors zu erkennen ist. Hier soll die zu Heinrich gänzlich differierende Wesensart deutlich werden.

Im Anschluss daran ist das Problem der magetlichen Liebe zu Heinrich zu diskutieren. Dabei soll das Verhältnis des Mädchens zu Heinrich und auch seines zu ihr genauer untersucht werden. Die Außergewöhnliche im Verhalten des Mädchens soll an dieser Stelle der Arbeit herausgearbeitet werden. Auf diese Weise soll die Andersartigkeit ihrer Liebe im Vergleich zur irdischen Liebe zum Ausdruck gebracht werden.

Bevor nun in einem weiteren Gang durch den Text Heinrichs Wandlung zur Diskussion steht, soll in einem Exkurs die Schönheitsauffassung im Mittelalter behandelt werden. Dies ist nötig, um die Wandlung Heinrichs verstehen zu können.

Denn um ihren Ursachen auf den Grund zu kommen, ist ein Rückgriff auf diesen Exkurs von Vorteil.

Zunächst geht es um die Frage, warum Heinrich seine Beziehung zu Gott wiederherstellt. Diese Beweggründe sollen hier erläutert werden. Dazu wird im Speziellen die Opferszene in Salerno zur Betrachtung herangezogen.

Als weiteren Punkt ist die Genesung Heinrichs von Interesse.

An dieser Stelle der Arbeit gilt es herauszufinden, warum die Erzählung mit der Genesung Heinrichs endet. Im Weiteren ist es auch interessant zu untersuchen, was Hartmann von Aue mit einem derartigen Schluss beabsichtigt und was dies für die Schuld bzw. die Nicht-Schuld Heinrichs bedeutet.

Den Schlussteil dieser Arbeit bildet die Meinung der Verfasserin.

Hier wird eine pointierte Zusammenfassung der in den Einzeluntersuchungen gewonnenen Ergebnisse angestrebt. Dies soll dadurch geschehen, dass die Verfasserin sich zu den diskutierten Punkten äußert und letztere noch einmal kurz zusammenfasst.

2. Die Sündenlehre in der Frühscholastik

Zu Beginn dieser Arbeit soll der Begriff der „Sünde“ bestimmt werden, um in der nachfolgenden Werkinterpretation störende Definitionen zu vermeiden und dem Leser vorab Grundkenntnisse dieser Lehre vermitteln zu können.

Dazu wird die Frühscholastik, eine Wissenschaft, die vor allem im Bereich der Theologie und der antiken Philosophie Spekulationen äußert, zur näheren Untersuchung herangezogen.1

Als Ursache der Sünde und Kriterium der Schuld wird der Wille des Menschen angesehen. Die Sünde ist ein äußerer und innerer Akt, der im Willen begründet liegt. Die Sünde beinhaltet folgende drei Stadien: suggestio – delectatio – consensus.2 Der Wunsch zur Sünde, der durch den Teufel erweckt wird, entspricht der suggestio. Das Stadium der delectatio kann wiederum in die zwei Termini propassio – passio unterteilt werden.3 Das Erfreutsein (delectatio) wird durch eine Erregung von außen hervorgerufen (propassio). Das Böse wir von dem Menschen begehrt (passio). Wenn Wille und sündhaftes Tun übereinstimmen, d.h. wenn man etwas wissentlich tut, ist das dritte Stadium des consensus erreicht.

Die Sünde ist bei Cormeau als personale Schuld vor Gott definiert. Als Triebfedern der Sünde wirken Stolz, Habsucht und Gaumenlust.4 Dabei wird die unterschiedliche Schwere einzelner Sünden ethisch begründet, nämlich aus der personalen Verantwortung des Menschen heraus: „nach dem Willen zu schaden, nach der Freude am Bösen, der Beeinträchtigung des Nächsten und dem Maß der Mißachtung Gottes.“5

Nach Cormeau könnte man folgende Gegensätze herausarbeiten: Eine objektive, unwissentlich und unwillentliche Sünde steht einer subjektiven, wissentlichen, willentlichen und persönlichen Schuld gegenüber.

Weiter gilt: Die Kraft der Buße ist die Reue (contritio). Diese erfolgt durch eine innere Umkehr im Sündenschmerz zu Gott. Die sündenlösende Kraft erfährt die contritio durch die Gnade (caritas). „Widerstandskräfte gegen die Sünde, vor allem die caritas, kommen von Gott, sie können allerdings aus verschiedenen Gründen – z.B. Ermüdung der Tugenden, Unwissenheit, Schwäche des Fleisches – versagen.“6

In jedem Fall ist es nur Gott, der die Schuld messen kann.

Dabei kann keine Sünde so groß sein, dass sie nicht von Gott durch Buße vergeben werden kann. Diese Behauptung sieht man bei Cormeau in folgendem Zitat bestätigt:

„Die Entscheidungsmacht des freien Willens der Erlösten schließt die mögliche Freiheit von der schweren Sünde ein trotz des niederziehenden Hangs zum Bösen aus der Erbsünde.“7

Ein Spezialfall der Sünde ist der der Todsünde (peccata ad mortem). Sie kann dann als solche bezeichnet werden, wenn praesumptio und desperatio vorherrschend sind. Eine Todsünde tritt dann ein, wenn ein Mensch Gefallen an der Sünde findet und auf die Barmherzigkeit Gottes vertraut (praesumptio) oder an der Gnade Gottes verzweifelt (desperatio). „Die desperatio, ebenso wie die praesumptio, das unbegründete Rechnen auf die Vergebung, vom Teufel eingegeben, führt zur Unbußfertigkeit und vermehrtem Sündigen.“8

Zusammenfassend kann man Folgendes feststellen:

Die Sünde allein geht aus der Entscheidungsmacht des freien Willen hervor, quasi aus dem freien Wollen des Menschen. Sie ist als personale Schuld vor Gott definiert, die aus den Stadien der suggestio, der delectatio und des consensus besteht.

Der Vergebende ist stets Gott, der dem reuigen Sünder Gnade schenkt. Das Vertrauen auf Gott auch im Fall einer Sünde wird mit caritas belohnt, egal wie groß die Sünde auch gewesen sein mag. Besteht dieses Urvertauen des Menschen auf Gott jedoch nicht, so ist dies als Ursünde zu bezeichnen.

3. Heinrich und sein `Schicksal´

Aus diesem Sündenverständnis heraus kann nun im Folgenden untersucht werden, in welchen Teilen der Erzählung Heinrich schuldhaft handelt und inwieweit er schuld an seinem Schicksal ist.9

3.1 Das Weltleben Heinrichs und sein `Sturz´

Zu Beginn der Erzählung Hartmanns von Aue entwirft er ein „glänzendes Bild“10 vom Weltleben des Heinrich und seinen Tugenden, die ihn als einen vollkommenen Ritter erscheinen lassen. Dieser Katalog an hervorstechenden Eigenschaften (VV. 47-74) entspricht dem damaligen Ideal der höfischen Lebensführung.

Heinrich führt ein vortreffliches Leben. Er wird von seinem Autor anhand von Vergleichen wie z.B. dem mit Absalom (V. 85) gelobt und gepriesen.

Die höchste Stufe an ritterlichen Idealen erscheint hier wie eine Repräsentation eines vollkommenen Rittertums, „voll tugent, êre, triuwe, zuht, milte, wîsheit usw.“11.

Hier stimmen Ohly und Cormeau überein, dass jede Spur von Kritik in diesem Tugendkatalog fehlt. Letzterer argumentiert mit der Makellosigkeit des Heinrich.12 Und dies, obwohl im Mittelalter das Leben in purer Weltfreude und nur dem Lebensgenuss dienend als sündhaft empfunden wurde. Doch Heinrich gleicht nicht der Figur des Prassers und Verschwenders, er genießt nur sein Leben, das auf Grund seiner Abstammung und seinen Tugenden angenehm zu leben ist.

Wenn jemand Lobpreis anderer Leute empfängt, so zieht dies nicht gleich den Titel des Sünders nach sich. „Das glückliche Leben ist an sich keine Schuld vor Gott, gibt er es doch selbst als Geschenk.“13 Und da die Hauptfigur einige Qualitäten aufzuweisen hat, scheint man ihr das momentane Glück zu gönnen. Heinrich ist „vom Glück verwöhnt, aber durch seine Qualitäten des Glückes wert“14.

Auffällig ist jedoch der einseitige Bezug, der sich nur auf das Irdische beschränkt. Heinrich kann die Anerkennung und den Beifall der Welt gewinnen, da er höfisch gebildet und noch dazu klug war (VV. 72-74).

Hier sieht Siegrun Kollwitz eine Andeutung der Schuld Heinrichs. Das Irdische,..., sei niemals aus sich selbst heraus lebensfähig, sofern ihm die aus Gott genährte Seinsfülle fehle.15 Dies bringt der Autor der Erzählung mit folgenden Worten

(VV. 97-100) deutlich zum Ausdruck:

„Dirre werlte veste,

ir stæte und ir beste

und ir grœste mankraft,

diu stât âne meisterschaft.“

Diesen Satz erklärt der Autor anschließend in einem Kerzengleichnis (VV. 101-104). Sobald sich ein Mensch von Gott löst, ist er verletzbar und angreifbar und sein Leben wird sinnlos. Heinrich habe dieses Wissen, so Siegrun Kollwitz, dass die Welt und sein Dasein erst wahre Lebensfülle, Sinn und Bestand haben, wenn sie in Gott gegründet seien, verloren.16 Dem Leben der Hauptfigur verleiht allein die Welt ihren Sinn.

Doch dies ändert sich sehr rasch. Heinrichs Hochstimmung wird in tiefe Niedergeschlagenheit umgekehrt. Ihn befällt der Aussatz (V. 119).

Während Hartmann von Aue vorher nur den Glückszustand der Hauptfigur aufgezeigt hat, gibt er nun dem Leser Einblick in das innere Erleben Heinrichs und dessen Ringen mit dem Leid seiner plötzlichen Lebensveränderung.

Vor dem Eintritt seiner Krankheit war er den Leuten teuer und wert, nun ist er ihnen zuwider und keiner möchte mehr weiteren Kontakt zu ihm pflegen (VV. 124-125b).

Ein Zustand der Traurigkeit und der Betrübnis befällt den Kranken. Die Erzählung wird an dieser Stelle lebendig und die Hauptfigur rückt durch eine derartige Beschreibung des Gefühlszustandes aus der Distanz näher.

Hartmann von Aue verstärkt durch das Stilmittel der Anapher das innere Erleben des Leidenden. Die Schwere des Schicksals versucht er mit Naturgewalten auszu-drücken (VV. 149-156):

„sîn swebendes herze daz verswanc,

sîn swimmendiu vreude ertranc,

sîn hôchvart muose vallen,

sîn honec wart ze gallen.

ein swinde vinster donnerslac

zebrach im sînen mitten tac,

ein trüebez wolken unde dic

bedahte im sîner sunnen blic.“

Heinrichs Geduld kennt keine Grenzen wie die des Hiob, der sein Schicksal auf sich genommen hat, indem er seine Krankheit und die dadurch hervorgerufene Erniedrigung ertragen hat. Im Gegensatz dazu verflucht und verwünscht der Betroffene den Tag, an dem er zur Welt gekommen ist (VV. 160-162).

Die einzige Zuversicht, die er zunächst noch hat, nämlich die Heilung durch einen kundigen Arzt, wird ihm bald genommen.

Nachdem seine erste Fahrt nach Montpellier für ihn kein zufriedenstellendes Ergebnis liefern konnte, wendet er sich an einen weiteren Arzt in Salerno

(VV. 173-182). Dessen Auskunft war für den Kranken ernüchternd: Er würde immer krank bleiben, es sei denn, Gott selbst wolle der Arzt sein (V. 223f.).Er würde nur dann wieder gesund werden, wenn er eine Jungfrau finden könnte, die sich in heiratsfähigem Alter befindet und ihm zuliebe ihr Leben für ihn opfern würde

(VV. 224ff.).

Von diesem Augenblick an hat Heinrich keine Hoffnung mehr auf Heilung

(VV. 239ff.). Er ist noch betrübter als je zuvor, so dass ihm sogar sein Leben zur Last wird (V. 244 f.). Die Lage erscheint ihm ausweglos. Seine plötzliche Krankheit erscheint ihm „zunächst wie ein blinder Schicksalsschlag“17.

Mögliche Antworten darauf, warum die Hauptfigur von der Krankheit befallen wird, finden sich im nächsten Gliederungspunkt dieser Arbeit.

3.2 Heinrichs `hôchmuot´ und Krankheit

Die Bedeutung des Wortes `hôchmuot´ muss heute differenziert betrachtet werden.

Denn die Sprache im Mittelalter sei, so Siegrun Kollwitz, durch die Unterscheidung der Worte in die sie bezeichnenden res und den dahinter stehenden sensus spiritualis weitaus vielschichtiger und vieldeutiger als heute.18 Eine Zweideutigkeit entstehe dadurch, dass er als Begriff für sich genommen und nach seinem reinen Buchstabensinn befragt, sowohl positiven wie auch negativen Sinn aufweisen könne.19 Übersetzt kann es vieles bedeuten: Die positiven Varianten heißen gehobene edle Gesinnung, Stimmung, Freude und das hohe Selbstgefühl; die negativen hingegen sind Hochmut und Übermut.20

Nach Cormeau darf dieser Begriff nicht als superbia verstanden und mit dem der Sünde gleichgesetzt werden. Nichts gebe uns das Recht, die Breite des Wortinhalts auf die Überhebung hin einzuschränken.21 In Cormeaus Ausgabe erfahren wir, dass Neumann `hôchmuot´ (V. 82) mit „vitaler Hochstimmung“ übersetzt. Auch er sieht gemeinsam mit Cormeau und Ohly keinerlei Andeutungen, die auf einen negativen Sinn schließen lassen.22

Wapnewski hingegen sieht durchaus einen negativen Sinn in diesem Wort. Nach ihm ist die Selbstgerechtigkeit des Herrn Heinrich „eine mildere Spielart der Ursünde superbia“23. Der gleichen Meinung ist auch Seigfried. Er sieht Heinrichs `altez gemüete´ und seinen `alten muot´ indirekt als Sünde dessen an.

Doch Cormeau steht der Deutung des Wortes `hôchmuot´ mit Sünde sehr kritisch gegenüber, da der Begriff verschiedene Bedeutungsaspekte besitzt, die von der positiven Wertung als Ideal des höfischen Daseins bis hin ins Negative als Überheblichkeit oder gar „superbia“ reichen. Er sieht den Begriff in diesem Zusammenhang lediglich als eine Zusammenfassung der vorab beschriebenen positiven Werte und nicht als Zeichen für Heinrichs Überheblichkeit.24 Cormeau ist der Meinung, Heinrich ist aus dem Glück in die Krankheit gestürzt und sucht nun nach schuldhaftem Versagen, das die Krankheit rechtfertigt. Heinrich ist zwar fern von Gott, kann aber deswegen nicht als schwerer Sünder, der eine schwere Schuld auf sich geladen hat, bezeichnet werden.25

Während Cormeau, Neumann und Ohly den Tatbestand der superbia nicht gegeben sehen, sind Wapnewski und Seigfried der Meinung, dass allein durch den Begriff `hôchmuot´ (V. 82) die Hauptfigur mit Schuld beladen ist und ihr gerechterweise die Krankheit widerfährt.

In verschiedenen Biographien wird der Begriff des `hôchmuots´ uneinheitlich betrachtet und interpretiert. Da unsere Sprache heute viel klarer ist als die damalige, tun wir uns erheblich schwerer in der Beantwortung der Frage nach dem „Warum“ des Schicksals. Trotzdem wollen wir uns mit der Frage beschäftigen, weshalb die Krankheit Heinrich befällt.

Hartmann beschreibt diesen Umbruch des Glücks mit einem Zitat aus der Bibel: „Mêdia vitâ in morte sûmus.“ (V. 92f.). Der Mensch ist dem Tod dann am nächsten, wenn er glaubt mitten im Leben zu stehen.

Indem der Autor eine Reihe von Antithesen (VV. 101-109) aufführt, verstärkt er diesen Grundwiderspruch:

„des muge wir an der kerzen sehen

ein wârez bilde geschehen,

daz sî zeiner aschen wirt,

iemitten daz sî lieht birt.

wir sîn von brœden sachen.

nû sehet, wie unser lachen

mit weinenne erlischet.

unser süeze ist gemischet

mit bitterer gallen.“

Das strahlende Licht der Kerze verfällt von einem Moment zum nächsten zu Asche – die Menschen werden generell als gebrechliche Wesen bezeichnet, deren Lachen von Tränen erstickt wird und deren süßes, d.h. angenehmes, Leben stets von bitterer Galle durchsetzt ist.

Hartmann verdeutlicht, dass die offensichtliche Stabilität der Welt nicht in der Hand des Menschen liegt. Selbst ein Mensch wie die Hauptfigur Heinrich, der größtes Ansehen und Würde auf Erden besitzt, hat keine Macht über sein Schicksal.

Von Anfang an lässt der Autor keinen Zweifel daran bestehen, dass Heinrichs Krankheit allein durch die Hand Gottes herbeigerufen wird: „er viel von sînem gebote“ (V. 116) und „swæren gotes zuht“ (V. 120). Worin aber der tatsächliche Grund für die „schwere Züchtigung Gottes“ liegt, verrät Hartmann nicht.

Auch hier gibt es wieder verschiedene Deutungen für das unerwartete Auftreten der Leprakrankheit. Im Folgenden werden die zwei am meisten verbreiteten Interpretationsansätze behandelt. Es soll untersucht werden, ob die Krankheit eher als Strafe Gottes zu verstehen ist oder als göttliche Prüfung aufgefasst werden muss.

3.2.1 Krankheit als Strafe Gottes

Für die Menschen im 20. Jahrhundert ist sicherlich kein Verbrechen Heinrichs zu erkennen, das eine Strafe von solchem Ausmaß rechtfertigen würde. Betrachtet man aber die Erzählung Hartmanns im Kontext des Mittelalters, so wird verständlich, worin das Vergehen Heinrichs bestehen könnte.

Schon in den ersten Versen des Werkes (VV. 36-74) wird die Hauptfigur mit einem ausschweifenden Tugendkatalog beschrieben, der kaum eine positive Eigenschaft vermissen lässt. Er steht vor der Gesellschaft als vollkommener Mensch da; man könnte sagen, er hat durch seine Makellosigkeit eine Art Vorbildfunktion inne.

Verse wie „er was der nôthaften vluht“ (V. 64) oder „er was des râtes brücke“ (V. 70) machen klar, dass sein Handeln zudem von christlicher Ethik geprägt ist.

Doch die direkte Beteiligung Gottes an dem Glück des Protagonisten wird nirgends erwähnt. Schmidt-Krayer schließt daraus, dass Heinrich nicht die nötige Gottesfürchtigkeit und die daraus resultierende Demut vor Gott besitzt, obgleich letztere als christliche Haupttugend angesehen wurde.26 Alle positiven Eigenschaften verschwinden mit dem Eintritt der Krankheit und nur Negatives bleibt. Schmidt-Krayer erklärt dies folgendermaßen: „Die falschen Tugenden aber sind die, die ihre Wurzeln in der Eitelkeit haben, die echten kommen aus der Selbstlosigkeit.“27

Heinrich interessiert es nicht, wem er all seine geistigen und materiellen Reichtümer zu verdanken hat. Sein Leben ist nur auf die Erfüllung innerhalb der weltlichen Grenzen gerichtet, wobei er die notwendige Beziehung zu Gott vernachlässigt.28

Die folgenden Verse (VV. 112-115) veranschaulichen, dass das Idealbild des vollkommenen Menschen der mittelalterlichen Gesellschaft, dem Heinrich ohne Zweifel entspricht, keineswegs mit den Vorstellungen Gottes übereinstimmt:

[...]


1In der Frühscholastik (9.-12. Jh.) wurden kirchliche Glaubenslehren durch Vernunftbeweise gefestigt. In dieser Zeit wurde auch ein einheitliches Gedankengebäude errichtet. Hauptvertreter waren u.a. Abälard, Anselm von Canterbury, Albertus Magnus und Thomas von Aquino (Vgl. Hartmut Bastian: Ullstein Handlexikon. Mit 50000 Stichwörtern, 3500 Abbildungen, 32 Farbtafeln und 16 Landkarten. Berlin u.a.: Verlag Ullstein GmbH 1964, S. 806f.).

2Vgl. Christoph Cormeau: Hartmanns von Aue „Armer Heinrich“ und „Gregorius“. Studien zur Interpretation mit dem Blick auf die Theologie zur Zeit Hartmanns. München: C.H. Beck´sche Verlagsbuchhandlung 1966, S. 84 (Münchener Texte und Untersuchungen zur deutschen Literatur des Mittelalters; Bd. 15).

3Vgl. ebd., S. 85.

4Vgl. Angermann, Norbert: Lexikon des Mittelalters VIII. Stadt (Byzantinisches Reich) bis Werl. München/Zürich: LexMA Verlag GmbH 1997, S. 316.

5Ebd., S. 86.

6Corinna Dahlgrün: Hoc fac, et vives – vor allen dingen minne got. Theologische Reflexionen eines Laien im „Gregorius“ und in „Der arme Heinrich“ Hartmanns von Aue. Frankfurt am Main: Peter Lang Verlag 1991 (Hamburger Beiträge zur Germanistik; Bd. 14), S. 55.

7C. Cormeau: Hartmanns von Aue „Armer Heinrich” und „Gregorius” (Anm. 2), S. 94.

8C. Dahlgrün: Hoc fac, et vives – vor allen dingen minne got (Anm. 6), S. 55.

9Alle Belege, die sich auf den Primärtext Hartmanns beziehen, sind als Versangaben im Text in Klammern angegeben.

10Siegrun Kollwitz: Hartmanns von Aue „Armer Heinrich“. Die Rezeption der mittelalterlichen Dichtung durch Gerhart Hauptmann. Eine Untersuchung zu den sprach- und gestaltverändernden Faktoren, ihre Ursachen und Bedingungen in der modernen Fassung im Vergleich zur mittelalterlichen Quelle. Berlin 1976, S. 45.

11Walter Ohly: Die heilsgeschichtliche Struktur der Epen Hartmanns von Aue. Berlin 1958, S. 42.

12C. Cormeau: Hartmanns von Aue „Armer Heinrich“ und „Gregorius“ (Anm. 2), S. 6.

13C. Cormeau: Hartmanns von Aue „Armer Heinrich“ und „Gregorius“ (Anm. 2), S. 7.

14Heinrich de Boor: Die höfische Literatur. Vorbereitung, Blüte, Ausklang. München: C.H. Beck`sche Verlagsbuchhandlung 1953 (Geschichte der deutschen Literatur. Von den Anfängen bis zur Gegenwart; Bd. 2), S. 78.

15Vgl. ebd., S. 45.

16Vgl. S. Kollwitz: Hartmanns von Aue „Armer Heinrich“ (Anm. 10), S. 46.

17S. Kollwitz: Hartmanns von Aue „Armer Heinrich“ (Anm. 10), S. 46.

18Vgl. ebd., S. 49.

19Vgl. ebd., S. 46.

20Vgl. Matthias Lexer: Mittelhochdeutsches Taschenwörterbuch. Mit Nachträgen von Ulrich Pretzel. Stuttgart: S. Hirzel Verlag 199238, S. 91.

21C. Cormeau: Hartmanns von Aue „Armer Heinrich“ und „Gregorius“ (Anm. 2), S. 8.

22Vgl. ebd., S. 8.

23Peter Wapnewski: Hartmann von Aue. Stuttgart: J. B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung und Carl Ernst Poeschel Verlag GmbH 19625 (Realien zur Literatur; Bd. 17), S. 100.

24Vgl. Christoph Cormeau und Wilhelm Störmer: Hartmann von Aue. Epoche – Werk – Wirkung. München: C. H. Beck´sche Verlagsbuchhandlung 19932, S. 151.

25Vgl. C. Cormeau: Hartmanns von Aue „Armer Heinrich” und „Gregorius” (Anm. 2), S. 10f..

26Vgl. Barbara Schmidt-Krayer: Kontinuum der Reflexion: Der Arme Heinrich. Mittelalterliches Epos Hartmanns von Aue und modernes Drama Gerhart Hauptmanns. Göppingen: Kümmerle Verlag 1994 (Göppinger Arbeiten zur Germanistik; Nr. 598), S. 53f.

27Ebd., S. 54.

28Vgl. Frank J. Tobin: „Gregorius“ und „Der Arme Heinrich“. Hartmann`s Dualistic and Gradualistic Views of Reality. Bern und Frankfurt am Main: Verlag Herbert Lang 1973 (Stanford German Studies; Vol. 3), S. 83.

Ende der Leseprobe aus 44 Seiten

Details

Titel
Zu Hartmann von Aues "Der arme Heinrich". Veränderungen und Wandlungen der Romanfigur
Hochschule
Universität Augsburg  (Lehrstuhl für deutsche Sprache und Literatur des Mittelalters)
Note
1,4
Autor
Jahr
2002
Seiten
44
Katalognummer
V17576
ISBN (eBook)
9783638221221
ISBN (Buch)
9783638736893
Dateigröße
614 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hartmann, Aues, Heinrich, Veränderungen, Wandlungen, Romanfigur
Arbeit zitieren
Monika Reichert (Autor), 2002, Zu Hartmann von Aues "Der arme Heinrich". Veränderungen und Wandlungen der Romanfigur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/17576

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