Das Zeitalter des Hermaphrodit

Androgynität und Falsettgesang in der Popmusik


Seminararbeit, 2010

18 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Was ist Popmusik?

Verstellte Stimmen

Androgynität

Ursachen und Wirkung einer Entwicklung

Schlussbetrachtung und Tendenz

Literaturverzeichnis

Einleitung

Nirgends sonst findet man eine solche Überzahlan glatt rasierten Männern mit langen Haaren, wie auf den Musikbühnen der modernen, westlichen Welt. Egal ob Heavy Metal, Hip-Hop oder sanfter Popgesang– unabhängig vom Sender hört man gleichermaßen Männer und Frauen in höchsten Registern oder mit teils stark verfremdeten Stimmen singen. Bei manchen Künstlern lässt sich das Geschlecht weder äußerlich, noch vom Klang der Stimme eindeutig bestimmen, manche widersprechen den konventionellen Zuschreibungen auf die eine oder andere Art völlig. Wieder andere – oder auch dieselben – Sängerinnen und Sänger betonen ganz gezielt ihr eigenes Geschlecht und sind auf CD-Covers und in Musik-Videos vorwiegend in sexuell konnotierten Posen und Kleidungsstücken zu sehen.

So vielschichtig und vielseitig all diese Phänomene auch geartet sein mögen, festzuhalten bleibt, dass Musik und Geschlecht in der Pop-Welt nicht zu trennen sind.Ebenso wenig kann man die ursprünglich rein musikalische Szene heutzutage noch losgelöst von Vermarktung, Außenbild und medialer Präsenz der Sänger betrachten. Popmusik ist also keine rein akustische Erscheinung.Deshalb lohnt sich über den Blick auf Gesangstechniken und Stimmenverfremdungsmechanismen hinaus auch der Blick auf Aussehen, öffentliches Auftreten und Selbstverständnis der zu Kultfiguren stilisierten Prominenten.

Dabei ist eine Dominanz von androgynen Künstlern und dem Einsatz von Techniken zum Verstellen von Stimme deutlich festzustellen.Doch was für Ursachen und welche Bedeutung hat dieses Phänomen und wie könnte es sich weiter entwickeln? Diesen Fragen nachzugehen, soll Schwerpunkt dieser Auseinandersetzung sein.

Um das Thema dieser Arbeit grundlegend zu konkretisieren,wird im ersten Kapitel der weitreichende Begriff der ‚Popmusik‘ beleuchtet und für die Bedürfnisse dieser Untersuchung neu definiert. Im anschließenden Kapitel geht es konkret um Techniken zum Verstellen von Stimmen, wobei das ‚Falsett‘ aufgrund seiner herausragenden Bedeutung entsprechend umfangreich betrachtet wird. Das dritte Kapitel befasst sich mit dem Begriff der Androgynität und dessen Einfluss auf die Popmusik. Im vorletzten Kapitel geht es darum, einen Zusammenhang zwischen verstellten Stimmen, Androgynität und Popmusik herzustellen und eine gemeinsame Entwicklung aufzuzeigen und zu begründen. Abschließend werden die Ergebnisse der Arbeit zusammengefasst und es wird versucht, einen Ausblick auf den weiteren Verlauf der beschriebenen Entwicklung zu geben.

Was ist Popmusik?

‚Popmusik‘ ist kein eindeutiger Begriff, er unterliegt dem Wandel der Zeit und wurde seit dem letzten Jahrhundert mehrfach kontrovers diskutiert. Entsprechend viele und unterschiedliche Bestimmungen gibt es demnach für ihn, das Brockhaus Riemann Musiklexikon definiert ‚Popmusik‘ beispielsweise als:

„Bezeichnung für eine seit etwa 1960 international verbreitete Variante afro-amerikanischer Musik, die aus Rock and Roll, Beat und Folksong (Volkslied) im Kontext der Ausbildung jugendlicher Subkulturen (z.B. der Hippies) entstand und durch massenmediale Vermittlung sowie elektro-akustische Aufbereitung und Verstärkung gekennzeichnet ist. Wie bei der Kunstform Pop-art […] ist die Ableitung von „pop“ als Abkürzung von „populär“ zur Bedeutungserklärung unzureichend, da der onomatopoetische Eigenwert dieser Silbe mit jenem schillernden Bedeutungsspielraum zwischen Protest, Scherz, Kunstanspruch, extravagantem Konsum usw. dabei verlorengeht.“[1]

Popmusik wird weiterhin in diesem Artikel als „dem Jazz und Blues verwandt“, von diesen Richtungen abgegrenzt.Im weiteren Sinne kann man aber jede durch Massenmedien verbreitete Art von Unterhaltungsmusik wie Schlager, Filmmusik, Operette, Musical, Tanzmusik, sowie populäre Adaptionen aus Klassik, Folklore und Jazz zur Popmusik zählen. Diese Begriffsverwendung im Sinne von ‚populäre Musik‘ ist in der Musikwissenschaft jedoch umstritten.[2] Darüber hinaus betonen viele andere Definitionen zu Recht den Unterhaltungswert und die mediale Verbreitung als wesentliche Kriterien für die Begriffs­bestimmung, nicht selten wird auch auf den kommerziellen Aspekt der Popmusik hinge­wiesen.

Unumstritten hingegen ist die Ableitung von ‚popular‘ (engl. populär, weitverbreitet, beliebt). Letztendlich lässt sich ‚Pop‘ ähnlich wie ‚Literatur‘ als ein gesellschaftskultureller Kanon verstehen, demnach lässt sich der Begriff sehr vielseitig interpretieren und anwenden.

Für die Zwecke dieserArbeit soll unter‚Popmusik‘ generell viel gehörte und weit verbreitete Musik verstanden werden, der seit denSechziger Jahren in den westlichen Kulturkreisen öffentliche Aufmerksamkeit zuteil wurde. Der so gefasste Begriff ist also nicht auf bestimmte Genres festgelegt und schließt im Gegensatz zum oben zitierten auch keines aus.Er erfasst explizit die weite Verbreitung und öffentliche Aufmerksamkeit und implizit die Rolle der modernen Medien als Verbreitungs- und Vermarktungsmittel. Darüber hinaus soll auch durch „viel gehörte“ die (Massen-)Unterhaltungsfunktion der Popmusikherausgestellt werden.

Verstellte Stimmen

Im Zuge dieses Kapitels werden mehrere unterschiedliche Techniken zum Verstellen von Stimmen beleuchtet. Eine herausragende Rolle nimmt dabei das Falsett, was nicht nur sehr weit verbreitet und für das Thema dieser Arbeit besonders relevant ist, sondern darüber hinaus auch eine historische Konstante in der Musikgeschichte darstellt.

Interessant ist, dass das Falsett weltweit in fast allen Kulturkreisen verbreitet war und ist. So ist die Technik beispielsweise in der arabischen Musik vermutlich seit dem achten Jahrhundert bekannt gewesen. Fundamentalisten hattendamals mit einer strengen Auslegungdes Korans versucht, Musik zu verbieten oder einzuschränken, da diese das andere Geschlecht erregen könnte. Vermutlich um das Verbot zu umgehen, entstand der Falsettgesang in dieser Kultur zu dieser Zeit als ein Gesang mit ‚geschlechtsloser‘ Stimme. Um 822 brachte dann ein berühmter Sänger aus Bagdad die Technik mit an einen Hof im spanischen Cordoba. Von dort aus hatte er dann vermutlich Einfluss auf die Musik Andalusiens, die ihrerseits die süd­französischen Troubadoure inspirierten. So verbreitete sich die Gesangsform im mittel­alterlichen Europa und erlebte seinen Höhepunkt, als spanische Falsettisten zu Palestrinas Zeit die hohen Stimmen in der päpstlichen Kapelle in Rom sangen. Eine Ursache dafür war, dass Frauen in dieser Zeit in der Kirche schweigen mussten. Die Falsettisten wurden ab 1600 dann von den Kastraten abgelöst.[3] Mit dem Beginn der Klassik kehrten die Frauen nach und nach auf die Musikbühnen zurück und das Weltbild wurde immer ‚prüder‘. In dieser Zeitgilt das Falsett, welches seinen Namen vom italienischen ‚falso‘ – falsch, künstlich, imitiert – bekommt, zunehmend als verpönt.Nach der geschlechterspezifischen Aufteilung der Register empfand man es letztendlich als „schlüpfrig, schwul, schlicht ‚unnatürlich‘“[4].

Über alpenländische Jodler und afrikanische Sklaven gelangte der Falsettgesang schließlich in die USA, wo er stets akzeptiert war und immer stärkeren Einzug in die Populärmusik hielt. In den verschiedenen Genres erfährt er weitere unterschiedliche Veränderungen.So wird Falsett beispielsweise Ende der Sechziger/Anfang der Siebziger im Soul zur Mode; als sich der Funk in der weiteren Entwicklung ‚gegen‘ den Soul durchsetzt, bleibt es fester Bestandteil und wird in der Folgezeit zu dem was heute als ‚Disco-Falsett‘ bekannt ist und erreichthöchste Popularität im sogenannten Discozeitalter. Als dessen bekannteste Vertreter gelten unter anderem die BeeGees.

Nach dem groben historischen Umriss soll nun kurz der technische Aspekt des Falsetts erläutert werden: Beim Falsett bringt der Sänger die Stimmbändernicht vollständig sondern nur an den Rändern zum schwingen. Dadurch gelingt es Männern eine Oktave höher, also in den typischen ‚Frauenregistern‘ zu singen.[5]

Eine weitere bekannte und häufig verwendete Technik zum Verändern des Klanges der Gesangsstimme ist das sogenannte ‚Belting‘. Der Begriff kommt aus dem Englischen und bedeutet so viel wie „schmettern“. Bei dieserGesangstechnik wird durch eine gegenüber dem klassischen Gesang veränderte Vokalbildung und Registermischung einschmetternder und durchdringender Klang erreicht. Ursprünglich war das Belting als eine Bühnengesangstechnik undnicht für die Mikrofon-Verstärkung gedacht, wird aber heutzutage auch und vor allem mit dem Einsatz von Mikrofonen verwendet.Ein gutes Beispiel für diese Technik gibt Freddie Mercury im Lied „The show must go on“, allerdings greifen auch zahlreiche andere Künstler auf sie zurück: Aretha Franklin, Whitney Houston und Sarah Connor, um nur einige zu nennen.[6]

Ein anderer Gesangsstil, dessen moderne Auslegung untrennbar mit Frank Sinatra verbunden ist, ist das ‚Crooning‘. Bei dieser, dem klassischen ‚Belcanto‘ ähnlichen Technik, steht der Wohl­klang der Stimme und eine unaufdringliche, gefühlvolle Vortragsweise im Vordergrund, weshalb sie sich vorwiegend für Balladeneignet. Das Crooning hat seinen Ursprung, ganz im Gegensatz zum Belting, erst mit der Erfindung des elektrischen Mikrofons genommen, da die akustische Verstärkung der Stimme für diese Technik eine Grundvoraussetzung ist. Seit den Zwanziger Jahren ist das Crooning in verschiedenen Stilen immer beliebt gewesen, Bing Crosby, Nat King Cole und Louis Armstrong haben sich unter anderen seiner bedient, ein zeitgenössischer Vertreter ist beispielsweise Michael Bublé.[7]

Das höchste menschliche Register ist dasPfeifregister. Bisher ist das noch nicht sehr gut erforscht, man nimmt aber an, dass die Töne bei maximal angespannten Stimmlippen ent­stehen, die bis auf eine kleine Restöffnung geschlossensind. Das hat zur Folge, dass dieStimmbänder nicht oder kaum schwingen und dass der Ton wie beim Pfeifen durchdie Luft­verwirbelung hinter einer Restöffnung hervorgerufen wird.Mariah Carey und Christina Aguilera sind prominente Beispiele, die diese Technik nutzen. Adam Lopez, der den Welt­rekord für den höchsten von einem Mann gesungenen Ton hält, bedient sich auch dieser Technik.[8]

[...]


[1] N.N. Brockhaus Riemann Musiklexikon (BRM): „Popmusik“.

[2] Vgl. Peter Wi>

[3] Vgl. Hubert Ortkemper: „Eine Laune der Natur. Androgyne Stimmen.“ In: Neue Zeitschrift für Musik, 1/99. 14-17. S. 15f.

[4] Bernays, Ueli: „Die simulierte Euphorie“. In: Neue Zürcher Zeitung, 8. Jan. 2010. <http://www.nzz.ch/nachrichten/kultur/pop_und_jazz/die_simulierte_euphorie_1.4463833.html> (02.09.2010)

[5] Vgl. N.N. BRM: „Falsett“.

[6] N.N. Wikipedia: „Belting“.

[7] N.N. Wikipedia: „Crooner“.

[8] Vgl. Juliane Feustel: Stimmregister und Stimmqualität. Magisterarbeit, vorgelegt an der Friedrich-Wilhelms-Universität, Bonn 2000. S. 16ff.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Das Zeitalter des Hermaphrodit
Untertitel
Androgynität und Falsettgesang in der Popmusik
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  (Musikwissenschaftliches Institut)
Veranstaltung
Seminar: Stimmen der Welt - Welt der Stimme
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
18
Katalognummer
V175767
ISBN (eBook)
9783640968930
ISBN (Buch)
9783640969302
Dateigröße
502 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Kommentar des Dozenten: "Die Arbeit überzeugt Aufbau und nachvollziehbare Argumentationswege. Besonders schlagend erscheint mir die Verknüpfung von Androgynität, Vermarktung und genuin musikalischen wie sozial-politischen Aspekten. Das sprachliche Niveau ist erfreulich hoch."
Schlagworte
Androgynität, Popmusik, Falsett;, Michael Jackson, BeeGees, Frank Sinatra, Mariah Carey, Adam Lopez, Bülent Ersoy, Tokio Hotel, Heavy Metal, Coldplay, Beach Boys, Homosexualität, Elvis, David Bowie, Sex, Elton John, ABBA, Madonna
Arbeit zitieren
Raúl Gaston Krüger (Autor), 2010, Das Zeitalter des Hermaphrodit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/175767

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Das Zeitalter des Hermaphrodit



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden