Das Vereinigte Königreich kennt heute das älteste noch fortbestehende Staats- und Regierungssystem der Welt. Freilich hat sich dessen Struktur seit der Eroberung Englands durch Wilhelm I. den Eroberer im Jahr 1066 gewandelt, doch in den knapp eintausend Jahren seines Bestehens gab es nie eine Zäsur im Regierungssystem,
seit dem 13. Jahrhundert ist die Souveränität allen politischen Handelns im Parlament vereinigt (vgl. Burch/Holliday 1996, S. 1, 9). Die Franzosen sprechen heute von ihrer fünften Republik; die Deutschen haben seit 1871 einen Nationalstaat, mit nunmehr fünf verschiedenen Systemen unter vier Verfassungen, über 40 Jahre waren sie gar wieder getrennt. Aber abgesehen vom sechsjährigen
republikanischen Intermezzo durch Oliver Cromwell und seinen Sohn Richard Mitte des 17. Jahrhunderts erfuhr die britische Regierungsordnung keine Umwälzung, lediglich einige Umstrukturierungen hin zur heute bekannten demokratischen
Regierung des Landes – und selbst nach der Restauration der Monarchie
fand man zum alten System zurück (vgl. Burch/Holliday 1996, S. 9). Begünstigt durch das Common Law als Gewohnheitsrecht und des darauf aufbauenden Fallrechts konnten die gerade Regierenden das System fortschreiben und an die Begebenheit der Zeit anpassen, ohne sich in große verfassungsrechtliche Diskussionen stürzen zu müssen.
So entwickelte sich auch das Cabinet Office aus den Erfahrungen im Ersten Weltkrieg heraus, für eine bessere Organisation und Koordination der Regierungsarbeit der britischen Inseln. Ein kurzes historisches Exzerpt soll darstellen, wie es schließlich zur Gründung dieser neuen Behörde gekommen ist. Die anschließende
Darstellung der Aufgaben und Prozesse im Cabinet Office und ein Überblick über das deutsche Bundeskanzleramt münden schließlich in eine Analyse der Anwendbarkeit der britischen Einrichtung im deutschen System mit dem Versuch eines Vergleichs beider Koordinationsinstitutionen.
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Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Das Cabinet Office
2.1 Historische Notwendigkeit
2.2 Struktur und Arbeitsweise
3. Struktur und Arbeitsweise des Bundeskanzleramts
4. Vergleich des Cabinet Office und des Bundeskanzleramts
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die Koordinierungsfunktionen des britischen Cabinet Office und setzt diese in einen vergleichenden Kontext zum deutschen Bundeskanzleramt, um die Anwendbarkeit der britischen Strukturen auf das deutsche Regierungssystem zu analysieren.
- Historische Entwicklung des Cabinet Office
- Strukturelle Organisation des Cabinet Office
- Arbeitsweise und Funktionen des Bundeskanzleramts
- Vergleichende Analyse der beiden Regierungsbehörden
- Diskussion über die Übertragbarkeit der Koordinationsmodelle
Auszug aus dem Buch
2.2 Struktur und Arbeitsweise
Der britische Politologe Peter Madgwick bringt die Aufgaben des Cabinet Office in einer maritimen Metapher plastisch auf den Punkt: „The Cabinet Office is [...] the engine room of British government; [...] the officials tend the engines. They also provide and service the Chart room, where the course of the ship can be chosen and mapped. [...] It allows that there is a captain on the bridge crying „full steam ahead“ and down bellow the engineers and navigators can only complain about the oil pressure and the icebergs.“ (Madgwick 1991, S. 95). Ich werde nun dieses Bild für eine detailliertere Darstellung sezieren.
Das Cabinet Office soll also der Maschinenraum des Schiffs Vereinigtes Königreich sein. Um dies leisten zu können hat die Behörde einen Minister (Cabinet Secretary) mit Kabinettsrang und fünf ihm unterstehende Abteilungen: ein Zentralsekretariat (etwa eine innere Abteilung), die Beamtenverwaltung und die inhaltlichen Gliederungen zu Übersee- und Verteidigungsbelangen, Wirtschaft und Inneres sowie Europa. Diese werden jeweils von einem stellvertretenden Minister (Deputy Cabinet Secretary) geleitet. Insbesondere die Aufsicht über die Staatsbediensteten und deren Aus- und Weiterbildung verhelfen dem Cabinet Office zu weiterem Gewicht in der britischen Staatsverwaltung (vgl. Peele 2004, S. 149). So kann die Behörde u. a. die Verhaltensregeln für die Beamten festlegen, auch für jene, die in den anderen Ministerien angestellt sind. Neben dem Konflikt mit dem Treasury tritt hier ein weiterer Kritikpunkt an der Struktur und der Aufgabenzuteilung des Cabinet Office auf (vgl. Peele 2004, S. 150 f.).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel gibt einen historischen Abriss über das britische Regierungssystem und leitet die Fragestellung zur Rolle des Cabinet Office und dessen Vergleichbarkeit mit dem deutschen Bundeskanzleramt ein.
2. Das Cabinet Office: Das Kapitel beleuchtet die historische Genese der Behörde sowie deren heutige strukturelle Organisation und die zentrale Rolle der Beamten bei der Unterstützung des Premierministers.
3. Struktur und Arbeitsweise des Bundeskanzleramts: Hier werden die Aufgaben des Bundeskanzleramts, insbesondere die Koordinierung der Ministerien und die Funktion der Spiegelreferate, detailliert dargestellt.
4. Vergleich des Cabinet Office und des Bundeskanzleramts: Das Kapitel arbeitet Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Arbeitsweise, Personalstärke und den faktischen Einflussmöglichkeiten der beiden Institutionen heraus.
5. Fazit: Das Fazit zieht den Schluss, dass aufgrund der unterschiedlichen systemischen Einbettung und der Ressortkultur eine einfache Übertragung des britischen Modells auf Deutschland kaum möglich ist.
Schlüsselwörter
Cabinet Office, Bundeskanzleramt, Regierungsarbeit, Koordination, Großbritannien, Deutschland, Premierminister, Bundeskanzler, Kabinett, Staatsverwaltung, Strukturvergleich, Regierungsführung, Politik, Verwaltung, Ministerien.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der Analyse und dem Vergleich der Koordinierungsfunktionen des britischen Cabinet Office und des deutschen Bundeskanzleramts innerhalb ihrer jeweiligen Regierungssysteme.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Zentrum stehen die historische Entwicklung, die organisatorische Struktur, die tägliche Arbeitsweise sowie die vergleichende Untersuchung der Einflussmöglichkeiten beider Behörden auf die Regierungsarbeit.
Welches primäre Ziel verfolgt die Arbeit?
Das Ziel ist es herauszufinden, ob und inwieweit das Modell des Cabinet Office auf das deutsche System übertragbar ist, um die Koordinierung der Bundesregierung zu optimieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine vergleichende Analyse (komparative Methode), die auf der Auswertung von Fachliteratur, Verwaltungsstrukturen und historischen Hintergründen basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit primär behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die detaillierte Darstellung des britischen Cabinet Office, die Analyse der Funktionen des deutschen Bundeskanzleramts und einen abschließenden direkten Vergleich beider Institutionen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren diese Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Cabinet Office, Bundeskanzleramt, Regierungsführung, Koordination, Kabinettsdisziplin und die jeweiligen verfassungsrechtlichen Rahmenbedingungen in Deutschland und Großbritannien.
Warum gibt es ein so schwieriges Verhältnis zwischen Cabinet Office und Treasury?
Das Verhältnis ist historisch bedingt, da der Premierminister sowohl das Cabinet Office kontrolliert, als auch nominell "First Lord of the Treasury" ist, was zu Kompetenzüberschneidungen und Machtkämpfen zwischen beiden Institutionen führt.
Inwiefern unterscheidet sich die Rolle des Bundeskanzleramts von der des Cabinet Office bei Meinungsverschiedenheiten?
Während das Cabinet Office bei wichtigen politischen Agenden aktiv steuernd eingreift, agiert das Bundeskanzleramt primär moderierend und greift erst dann ein, wenn zwischen den fachlich zuständigen Ministerien kein Konsens erzielt werden kann.
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- Martin Luckert (Author), 2009, Darstellung der Koordinierungsfunktionen des britischen Cabinet Office und Vergleich dieses Modells mit dem deutschen Bundeskanzleramt, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/175803