Was hat er, was ich nicht habe? Der Aufstieg semi-peripherer Staaten durch Rohstoffpolitik


Bachelorarbeit, 2011

46 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

I. Einleitung

II. Das moderne Weltsystem - eine kapitalistische world-economy
II.1 Der Staat im modernen Weltsystem
II.2 Wettbewerb zwischen den Staaten: Das Zentrum-Peripherie-Kontinuum
II.3 Semi-Peripherie
II.3.a Charakteristika
II.3.b Stellung im System
II.4 Dynamik im modernen Weltsystem

III. Rohstoffe als Machtfaktor
III.1 Rohstoffkontrolle = Macht?
III.2 Rohstoffpolitische Optionen „mächtiger“ Staaten
III.3 Bedeutung für Staaten der Semi-Peripherie

IV. Fallbeispiel: China und die Seltenen Erden
IV.1 Seltene Erden
IV.1.a Wirtschaftliche Bedeutung in einer leading-industry
IV.1.b Vorkommen, Abbau und Nachfrageentwicklung
IV.2 Chinesische Ressourcenpolitik
IV.2.a Exportmonopolist China
IV.2.b Chinesisches Engagement im australischen Bergbau

V. Fazit und Implikationen

VI. Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Idealtypische Gegenüberstellung von Zentrum und Peripherie

Abb. 2: Verwendung von Seltenen Erden

Abb. 3: Preisentwicklung ausgewählter Seltenerdmetalle von 2001 bis 2010

Abb. 4: Exportentwicklung von Seltenen Erden aus der VR China

I. Einleitung

Medien und Politikwissenschaft widmen sich regelmäßig und mit großem Enthusiasmus dem vielbe- schworenen „Aufstieg Chinas“. Während dieser vermeintliche Aufstieg sich für die westliche Welt zunächst dadurch bemerkbar macht, dass Konsumgüter in China günstig produziert und mithin billig von den Konsumenten in den Industrieländern abgenommen werden, stellt sich die Frage nach der Natur dieses Aufstiegs. Ein „Aufstieg“ kann nur durch das Anlegen von Vergleichspunkten mit ande- ren Vergleichsobjekten festgestellt werden. Er kann nicht allein für sich stehen, sondern muss durch eine Veränderung in der Relation des Untersuchungsobjektes zu anderen Objekten ausgedrückt wer- den. Der Aufstiegsbegriff beinhaltet gleichzeitig einen Verweis auf eine hierarchische Ordnung. In- nerhalb dieser müsste sich das aufsteigende Untersuchungsobjekt nach oben bewegen, denn unter Gleichen kann kein Aufstieg eines Einzelnen möglich sein. Der Aufstieg Chinas meint also eine positi- ve Veränderung seiner Stellung innerhalb einer als hierarchisch wahrgenommenen internationalen Ordnung.

Für die Analyse eines solchen staatlichen Aufstiegs bietet sich mit Immanuel Wallersteins Weltsys- temtheorie ein Hilfsmittel an, welches eine hierarchische Weltordnung als Ausfluss eines unter- schiedlichen Verhältnisses von Produktionsweisen in unterschiedlichen Staaten annimmt. Dieses zwischenstaatliche System ist Bestandteil eines Weltsystems, welches sich primär über seine wirt- schaftlichen Verflechtungen definiert. Sie sind die entscheidenden Determinanten für das Handeln eines Staates in seinen internationalen Beziehungen. Innerhalb eines Kontinuums von Zentrum, Se- mi-Peripherie und Peripherie, bemühen sich die Staaten kontinuierlich darum, ihre Position zu ver- bessern - i.e. in der internationalen Ordnung aufzusteigen. Die Weltsystemtheorie nimmt eine hoch- dynamische Welt an, in der Statusveränderungen möglich und üblich sind. Von dieser Dynamik sind insb. semi-periphere Staaten betroffen. Aufgrund ihrer spezifischen Stellung im Weltsystem zeigen sie hohe politische Aktivität, um wirtschaftliche Kapazitäten aus- und mithin ihre Machtausstattung in den internationalen Beziehungen aufzubauen. Ein ökonomisches Handlungsfeld, welches eine besondere Vielzahl staatlicher Interventionen aufweist und auf welchem gleichzeitig hohe Außenwir- kung erzielt werden kann, zeigt sich mit den internationalen Rohstoffmärkten. Dies wird zum Anlass genommen, zu fragen: Wie kann ein semi-peripherer Staat durch seine Rohstoffpolitik dem eigenen Aufstieg dienen und mithin an Macht gewinnen?

Die Arbeit wird von der Hypothese geleitet, dass ein Staat die Dynamik des Weltsystems nur dann zu seinen Gunsten nutzen kann, wenn er über knappe essentielle Ressourcen für leading-industries verfügt. Zudem muss er ausdrücklich bereit dazu sein, diese in politisches Kapital umzuwandeln und somit aus einem Wettbewerbsvorteil innerhalb zwischenstaatlicher Konkurrenz ein Argument für den Zuwachs an Verhandlungsmacht abzuleiten.

Zur Beantwortung der Frage wird zunächst das theoretische Gerüst der Weltsystemtheorie vorge- stellt und der Charakter des modernen Weltsystems erläutert (II). Dargelegt werden die Rolle des einzelnen Staates und dessen konkurrierendes Verhältnis zu anderen Staaten, in einem Kontinuum zwischen den Polen Zentrum und Peripherie. Ausführlich wird dabei die spezielle Mittlerrolle der Semi-Peripherie aufgezeigt, aus welcher sich deren besondere Ergriffenheit von der Auf- und Ab- stiegsdynamik im modernen Weltsystem herleiten lässt. Im Folgenden wird argumentiert, dass Roh- stoffreichtum allein keine hinreichende Bedingung für einen Aufstieg im Weltsystem ist (III). Vielmehr muss es sich um qualifizierte Ressourcen handeln, die essentiell für gegenwärtige leading-industries sind. Um diese als politischen Machtfaktor gebrauchen zu können, muss der entsprechende Staat den Willen mitbringen, sie politisch nutzbar zu machen, indem er durch Interventionen auf dem Roh- stoffmarkt seine Machtansprüche vertritt. Im Folgenden wird ein Arsenal rohstoffpolitischer Maß- nahmen vorgestellt, mit welchem dies zu erreichen sein kann. Ersichtlich wird, dass Staaten der Se- mi-Peripherie aufgrund ihrer Stellung im Weltsystem die Bereitschaft zum Einsatz rohstoffpolitischer Instrumente in hohem Maß vorweisen, da sie von dem Ziel angetrieben werden, auf Kosten der Zent- rumstaaten näher an den Kreis der Zentrumsmächte zu rücken. Auf die theoretischen Überlegungen folgt mit der chinesischen Politik bzgl. Seltenen Erden ein Fallbeispiel für einen semi-peripheren Staat, der über seine Rohstoffpolitik die etablierten Industriestaaten unter Druck setzt (IV). Auf deren Kosten gelingt es China, seine Monopolstellung im Export dieser unverzichtbaren Ressourcen für Zukunftstechnologien in einen Zuwachs an Verhandlungsmacht umzusetzen und so das Zentrum von sich abhängig zu machen. In einem abschließenden Fazit wird das Ergebnis der Arbeit diskutiert und auf Implikationen für die Anwendbarkeit der Weltsystemtheorie hingewiesen (V). Methodisch greift die Arbeit auf eine qualitative Inhaltsanalyse zurück und orientiert sich hierfür an der Darstellung von Blatter und Janning.1 Zur Handhabung der Weltsystemtheorie als Theorie der Internationalen Beziehungen, wurde Primärliteratur auf entsprechende Aussagen zu Aufbau und Dynamik des modernen Weltsystems hin untersucht. Für die Herstellung eines analytischen Zusam- menhangs von Rohstoffreichtum und Macht eines Staates konnte auf den Begriff der Essentialität eines Rohstoffs für die Produktion aufmerksam gemacht und argumentiert werden, dass dieses öko- nomische Merkmal auch für die politikwissenschaftliche Analyse Bedeutung entfalten kann. Neben der Aufführung offensichtlicher handelspolitischer Mittel die einem Staat zur Verfügung stehen, wurden Wirtschafts- und Börsennachrichten auf subtilere oder mehrschichtige Maßnahmen hin un- tersucht. Die Ergebnisse fanden als Instrumente der Rohstoffpolitik eines Staates Eingang in diese Arbeit. Das Fallbeispiel „China und die Seltenen Erden“ verlangte zunächst einen Blick auf die öko- nomische Bedeutung von Seltenen Erden. Hierfür wurden aus Marktanalysen und Rohstoffstudien Informationen gefiltert, die die Wichtigkeit dieser Metalle für moderne High-Tech-Industrien erken- nen lassen. Die chinesische Politik wiederum konnte durch eine Auswahl von Studien und Nachrich- ten des Rohstoffmarktes beschrieben werden. Diese wurden vor der Weltsystemtheorie und den gewonnen theoretischen Erkenntnissen interpretiert.

Die Ausführungen zur Weltsystemtheorie stützen sich ganz überwiegend auf die Arbeiten Wallerst- eins.2 Seinem wissenschaftlichen Beitrag kann mit Recht zugeschrieben werden, eine aktive Autoren- schaft inspiriert zu haben, was in einigen Fragen den Rückgriff auf andere Autoren möglich machte.3 Die ökonomische Bedeutung der Essentialiät eines Rohstoffs folgt den Ausführungen Heinz Welschs zur Ressourcenökonomik.4 Die Bestimmung der rohstoffpolitischen Instrumente eines Staates erfolg- te durch Aufzeigen allgemeiner Mittel der Außenhandelspolitik und die Analyse von Nachrichten des Rohstoffmarktes.5 Mit den rohstoffkonfliktbezogenen Studien von Stormy-Annika Mildner et al. wur- den wertvolle Hinweise auf die zunehmende zwischenstaatliche Bedeutung von Rohstoffmärkten geliefert. Sie enthielten zudem etliche theoretische Anregungen für die Umsetzung von Rohstoffho- heit in politische Macht.6 Die Marktanalysen der Bundesagentur für Geowissenschaften und Rohstof- fe stellten den Hauptteil der wiedergegebenen Bedeutung Seltener Erden.7 Für die Inhalte der chine- sischen Politik wurden die Studien von Mildner et al. sowie eine Vielzahl von Nachrichten des Roh- stoffmarktes bemüht.

II. Das moderne Weltsystem - eine kapitalistische world-economy

Wallersteins Weltsystemtheorie bietet eine ungewöhnliche Perspektive auf die internationalen Be- ziehungen. Nach Nölke, rücke sie tiefer liegende, weniger offensichtliche Entwicklungen in den Vor- dergrund und hebe sich auf diese Art von „medial präsenteren“ Analysemustern des Neo-Realismus oder der Interdependenzanalyse ab.8 Im Unterschied zu diesen, beschränke sich die Weltsystemtheo- rie nicht auf die Betrachtung aktueller Interaktionsprozesse und Austauschbeziehungen, sondern ermögliche vielmehr einen Blick auf geographisch breitere und zeitlich längerfristige Entwicklungen.9

Unter Weltsystemen werden verstanden:

„ [ … ] bestimmte geographisch definierbare Räume, die von einer einheitlichen Logik „ regiert “ wer- den. “ 10

Die Definition solcher Systeme fußt auf zwei Kernelementen. Nicht nur seien a) seine einzelnen Ele- mente in einer dynamischen Beziehung verbunden, auch sei es b) selbstgenügsam (i.e. von der Au- ßenwelt unabhängig). Erscheint das zweite Element zunächst widersprüchlich, muss begrifflich da- hingehend konkretisiert werden, dass ein Welt system nicht notwendigerweise die ganze Welt um- fasst. Der Begriff „Welt“ soll indes die Selbstgenügsamkeit des Systems hervorheben - ein System, welches eine Welt sein kann.11 Das zentrale Argument der Wallerstein’schen Theorie „ [ … ] lautet, dass die heutige Welt nur im Kontext des globalen Kapitalismus verstanden werden kann. “ 12

Diese „heutige Welt“ sei geformt durch ein Weltsystem, welches seinen Ursprung im 16. Jahrhundert habe und durch seine andauernde Expansion heute - als historisch erstes - den gesamten Globus umspanne. Es definiere sich durch seine „ capitalist world-economy “.13 Unter einer world-economy versteht Wallerstein

„ [ … ] a large geographic zone within which there is a division of labor and hence significant internal exchange of basic or essential goods as well as flows of capital and labor. A defining feature of a world-economy is that it is not bounded by a unitary political structure. Rather, there are many politi- cal units inside the world-economy, loosely tied together in our modern world-system in an interstate system. ” 14

Das Fehlen eines gemeinsamen politischen Überbaus der world-economy erlaube indes eine umfassende Heterogenität ihrer Akteure.15 Die sich ergebende - in Kultur, Sprache, Religion und politischer Verfasstheit diversifizierte - Struktur würde durch eben jenes System der internationalen Arbeitsteilung zusammengehalten, welches sie selbst konstituierten.16

Das definierende Attribut dieser gegenwärtigen world-economy sei ihr kapitalistisches Wesen. Kapi- talismus bedeute hierbei nicht das bloße Vorhandensein von Lohnarbeit und Produzenten (Individuen als auch Firmen), welche durch ihr jeweiliges Angebot einen Gewinn erzielen wollten.17 Der kapitalistische Charakter ergebe sich vielmehr nur dadurch, dass

„ [ … ] the system gives priority to the endless accumulation of capital. [This] means that people and firms are accumulating capital in order to accumulate still more capital, a process that is continual and endless. ” 18

Die Verbindung von world-economy einerseits und Kapitalismus andererseits kann hierbei als symbiotisch und wechselseitig verstärkend beschrieben werden.

„ A world-economy and a capitalist system go together. Since world-economies lack the unifying cement of an overall political structure or a homogenous culture, what holds them together is the efficacy of the division of labor. [ … ] Conversely, a capitalist system cannot exist within any framework except that of a world-economy. ” 19

Wie vorangegangene Weltsysteme vor diesem, habe auch das moderne Weltsystem (i.e. die globale kapitalistische world-economy) ihm eigene Institutionen und Allokationsmechanismen hervorgebracht. Der für ein kapitalistisches System hervorstechende Mechanismus sei unzweifelhaft der Markt.20 Dieser sei nicht nur

„ [ … ] a concrete local structure in which individuals or firms sell and buy goods [but also] a virtual institution across space where the same kind of exchange occurs. [ … ] In principle, in a capitalist worldeconomy the virtual market exists in the world-economy as a whole. ” 21

Die Hauptakteure innerhalb dieses (Welt-)Marktes seien Unternehmen, welche zur Profitmaximie- rung a priori eine Monopolstellung anstrebten.22 Da eine perfekte Monopolkonstruktion einem volkswirtschaftlichen Idealtyp entspricht, schränkt auch Wallerstein dahingehend ein, dass die unter- nehmerischen Anstrengungen auf das Erreichen einer bestenfalls quasi-monopolistischen Stellung abzielten.23 In jedem Fall darf aber angenommen werden, dass es im Interesse eines Unternehmens liegt, eine möglichst große (Welt-)Marktmacht zu erlangen.24 Zu deren Maximierung wiederum, misst die Weltsystemtheorie den Staaten überragende Bedeutung bei.

II.1 Der Staat im modernen Weltsystem

Der moderne Präzedenzfall eines Weltsystems, welches als kapitalistische world-economy die ganze Welt umspannt, ist der Ausgangspunkt für die Anwendbarkeit der Weltsystemtheorie in den Internationalen Beziehungen.

„ A world-economy is an intersocietal division of labor that is politically organized as an interstate system - a mulitcentric system of unequal and competing states (like the modern international sys- tem). ” 25

Diese ungleichen und miteinander im Wettbewerb stehenden Staaten seien grundsätzlich souve- rän.26 Vom Standpunkt des direkten Unternehmensinteresses zeige sich diese staatliche Souveränität in folgenden Punkten:

„ (1) States set the rules on whether and under what conditions commodities, capital, and labor may cross their borders. (2) They create the rules concerning property rights within their states. (3) They set rules concerning employment and the compensation of employees. (4) They decide which costs firms must internalize. (5) They decide what kinds of economic processes may be monopolized, and to what degree. (6) They tax. (7) Finally, when firms based within their boundaries may be affected, they can use their power externally to affect the decisions of other states. ” 27

Erst durch ihr Eingreifen erzeugten sie Märkte, in welchen Unternehmen vor der gewinnausschlie- ßenden Eigenschaft eines (idealtypisch) freien Marktes geschützt seien.28 Für Wallerstein stellt das staatliche Eingreifen in die Ökonomie mithin einen wesentlichen Erfolgsfaktor für Unternehmen dar. Diese seien vor allem anderen auf die Unterstützung eines starken Staates angewiesen, um in der internationalen Wettbewerbssituation bestehen zu können.29 Die Unterstützung könne hierbei auf vielerlei Art erfolgen. Zu denken sei an die Vergabe von Patenten, welche Unternehmen zeitweise das Monopol auf eine bestimmte Technologie zugestehen. Handelsbeschränkungen für Im- und Ex- port, Subventionen und Besteuerung ergänzten das staatliche Arsenal.30 Durch diese staatlichen

Maßnahmen spielten die Staaten nicht nur eine wesentliche Rolle auf dem internationalen Markt, sondern trügen überdies maßgeblich zur Reproduktion des modernen Weltsystems bei:

„ The modalities by which states interfere with the virtual market are so extensive that they constitute

a fundamental factor in determining prices and profits. Without such interferences, the capitalist system could not thrive and therefore could not survive. ” 31

Die symbiotische Verzahnung von staatlichem Handeln und Ökonomie markiert den Ansatzpunkt für eine Analyse internationaler Politik. Das Verhältnis der Staaten zueinander ist hierbei abhängig von ihrer Stellung im System zwischenstaatlicher Arbeitsteilung. In Abgrenzung zu einem starren Verständnis von Politik und Wirtschaft als voneinander entkoppelten Sphären, formulieren Hopkins und Wallerstein mithin zusammenfassend:

„ International relations and the interstate system overall [ … ] express [ … ] the world-scale accumulation/production processes. In short, the relational networks forming the interstate system are integral to, not outside of, the networks constitutive of [ … ] the modern world-system. ” 32

II.2 Wettbewerb zwischen den Staaten: Das Zentrum-Peripherie-Kontinuum

Ausgehend von diesem allgemeinen Zusammenhang zwischen internationalem Staatensystem und Weltwirtschaft, entwickelt Wallerstein ein Kontinuum, welches die einzelnen Staaten nach ihrer spe- zifischen Rolle in der world-economy ordnet.33 Es spannt sich zwischen den Polen Zentrum („ core “) und Peripherie.

„ The axial division of labor divides production into core-like products and peripheral products. [ … ] What we mean by core-periphery is the degree of profitability of the production processes. “ 34

Die Profitabilität der jeweils vorherrschenden Produktionsprozesse konstituiere den Unterschied zwischen den Staaten. Da diese Profitabilität in direkter Relation zur Marktmacht der ansässigen Unternehmen stehe, seien Produktionsprozesse des Zentrums solche, die quasi-monopolistischen Charakter hätten. Demgegenüber stehen periphere Produktionsprozesse, die sich durch ihren wettbewerblichen Charakter auszeichneten. Kommt es zwischen diesen beiden zum Austausch, würden sich Letztere in einer schwachen, Erstere hingegen in einer starken Position befinden.35

„ As a result, there is a constant flow of surplus-value from the producers of peripheral products to the producers of core-like products. ” 36

Bezieht sich dieses Konzept zunächst auf rein ökonomische Prozesse, muss eine Verbindung zur Rolle des Staates hergestellt werden.

„ The modern world-system is primarily integrated through economic exchanges. [ … ] Although Wal- lerstein is frequently accused of economic determinism, political processes are crucial to his theory. The political fragmentation of the world-economy over competing states is [ … ] an essential characte- ristic of the present capitalist world-system. States are one of the most important building blocks of the world-system. ” 37

Da Quasi-Monopole in hohem Maße von staatlicher Patronage abhängig seien, konzentrierten sie sich physisch und juristisch in Staaten, welche durch ihr Eingreifen erst eine solche Stellung ermöglichten.38 Die Folge erscheine klar: während sich zentrumspezifische Produktionsprozesse in wenigen Ländern konzentrierten und für den Löwenanteil der Produktion aufkämen, würde sich die periphere Aktivität auf eine Vielzahl von Staaten ausdehnen.39 Vergegenwärtigt man sich, dass die Begriffe Zentrum und Peripherie letztlich eine Relation von Produktionsprozessen darstellen, so ist es zulässig, von Zentrumstaaten und Peripheriestaaten zu sprechen. Die Verortung im Kontinuum erfolge dann anhand der vorherrschenden Produktionsprozesse.40 In welchem Verhältnis stehen die jeweiligen Staaten zueinander und wie findet dieses seinen Ausdruck?

Während sich in den sozial befriedeten Zentrumstaaten technisch anspruchsvolle, kapitalintensive aber profitable Hochtechnologieindustrien ansiedelten und hohe Löhne in einer diversifizierten Wirtschaftslandschaft die Regel wären, sei die Peripherie durch niedrige Löhne, marginale Gewinne, technologisch schwache Basisindustrien und eine überdurchschnittliche Rohstoffexportabhängigkeit gekennzeichnet (Vgl.: Abb. 1).41

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Idealtypische Gegenüberstellung von Zentrum und Peripherie. Quelle: Terlouw, 1992, S. 144.

Zwischen den Staaten würde folglich eine Wettbewerbssituation herrschen, in welcher die Zentrumstaaten ihre Quasi-Monopole politisch verteidigten und die Peripheriestaaten

„ [ … ] are usually unable to do very much to affect the axial division of labor, and in effect are largely forced to accept the lot that has been given them. ” 42

Wallerstein leitet aus dieser Situation ab:

„ It follows logically that there will be a constant struggle over this allocation of surplus-value. [ … ] And it is quite clear that in this ongoing [ … ] struggle [ … ] the state is a central actor in shifting the allocation in one direction or the other. ” 43

Versuchen also Peripheriestaaten durch ihre Politik den Mehrwertabfluss in das Zentrum zu begrenzen, von diesem mithin selbst zu profitieren und schließlich innerhalb der kapitalistischen worldeconomy durch Kapitalakkumulation aufzusteigen, richten sich die Anstrengungen des Zentrums auf die Erhaltung ihrer Position. Die Stellung der Staaten korreliere direkt mit ihrer Stärke. Diese zeige sich wiederum intern als auch extern:

„ But what does it mean to be a strong state internally? [ … ] Strength of states is most usefully defined as the ability to get legal decisions carried out. [ … ] One simple measure that one might use is the percentage of taxes levied that are actually collected and reach the taxing authority. ” 44

Wird intern also auf die Durchsetzungsfähigkeit staatlicher Verwaltung abgestellt, manifestiere sich die Stärke eines Staates in den Außenbeziehungen durch das Maß an Verhandlungsmacht, welches dieser gegenüber anderen Staaten mitbringt.

„ The strong state decides which relations with other states will be established. ” 45

Die Stärke eines Staates in diesem zwischenstaatlichen System (i.e. ihre Verortung im Kontinuum) hängt direkt davon ab, wie sie sich in der Wettbewerbssituation des modernen Weltsystems behaupten können.

„ All states are theoretically sovereign, but strong states find it far easier to „ interfere “ in the internal affairs of weaker states than vice versa [ … ]. ” 46

Starke Staaten drängten schwächere dahingehend,47

- ihre Grenzen für Produktionsfaktoren zu öffnen, welche profitabel für Firmen des Zentrums sind. Diese Bemühungen seien regelmäßig einseitig, da Forderungen der Peripherie nach Ge- genseitigkeit abgewiesen würden.
- dass in der Peripherie Machtpositionen von solchen Personen besetzt werden, die ihm gefäl- lig seien und seine Politik unterstützten.
- kulturelle Praktiken des Zentrums zu übernehmen (z.B. Sprache, Medienlandschaft, Bildung), um eine langfristige Bindung zu gewährleisten.
- ihrer politischen Führung in internationalen Arenen zu folgen (z.B. Dominanz in Verträgen und internationalen Organisationen).

Kann auf diese Weise das Verhältnis von Zentrum- zu Peripheriestaaten als hierarchisch charakteri- siert werden, ist das Verhältnis der starken Staaten untereinander von einem Widerspruch geprägt. Zwar seien sie - aufgrund der Verantwortung für „ihre“ konkurrierenden Unternehmen - Rivalen im Weltmarkt, doch eine sie das Interesse an einer Aufrechterhaltung des für sie profitablen modernen Weltsystems.48 Folglich sind sie bemüht, dessen Kohärenz nicht durch ausufernden zentrumsinternen Wettstreit aufs Spiel zu setzen. Global konzentriere sich außerdem militärische Kapazität im Zentrum, welche von diesem genutzt werde, um die dominante Position aufrechtzuerhalten.

„ Dabei geht es nicht nur um den Zugang zu essenziellen Rohstoffen und Absatzmärkten, sondern auch darum, Staaten zu disziplinieren, die die Stabilität dieses ö konomischen Systems zu unterminieren drohen. “ 49

[...]


1 Vgl.: Blatter, Joachim K./Janning, Frank (2007): Qualitative Politikanalyse. Eine Einführung in Forschungsansätze und Methoden, Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 74ff.

2 Hier insbesondere: Wallerstein, Immanuel (2004): World-Systems Analysis. An Introduction., Durham & London: Duke University Press.

3 Z.B.: Chase-Dunn, Christopher/Hall, Thomas D. (1997): Rise and Demise. Comparing World Systems., Boulder & Oxford: Westview Press.

4 Welsch, Heinz (1984): Wohlfahrtstheorie und Wirtschaftspolitik natürlicher Ressourcen: ökonomische Grundlagen zukunftsorientierter Ressourcenpolitik., Frankfurt a.M.: Verlag Peter Lang.

5 Z.B.: Leisinger, Christian (2006): China will eine Rohstoffreserve anlegen., faz.net vom 10.05.2006, Frankfurter Allgemeine Zeitung, verfügbar unter: http://www.faz.net/artikel/C31721/rohstoffe-china-will-eine-rohstoffrese rve-anlegen-30009099.html, Zugriff am 01.06.2011.

6 Mildner, Stormy-Annika et al. (2011): Einleitung: Konkurrenz + Knappheit = Konflikt?, in: Mildner, Stormy- Annika (Hrsg.) (2011): Konfliktrisiko Rohstoffe? Herausforderungen und Chancen im Umgang mit knappen Res- sourcen., SWP-Studie S5, Februar 2011, S. 9 - 20, Stiftung Wissenschaft und Politik, verfügbar unter: http://www.swp-berlin.org/fileadmin/contents/products/studien/2011_S05_mdn_ks.pdf, Zugriff am 30.05.2011.

7 Elsner, Harald/Liedtke, Maren (2009): Seltene Erden., Commodity Top News, Nr. 31, Bundesanstalt für Geo- wissenschaften und Rohstoffe, verfügbar unter: http://www.bgr.bund.de/DE/Gemeinsames/Produkte/Downlo ads/Commodity_Top_News/Rohstoffwirtschaft/31_erden.pdf?__blob=publicationFile&v=2, Zugriff am 01.06.2011.

8 N ö lke, Andreas (2006): Weltsystemtheorie., in: Schieder, Siegfried/Spindler, Manuela (2006): Theorien der Internationalen Beziehungen., Opladen & Farmington Hills: Barbara Budrich, S. 325 - 352, S. 325.

9 Nölke, 2006, S. 325.

10 Ebd., S. 329.

11 Dieses - für das Theorieverständnis unerlässliche - semantische Detail wird in englischer Sprache mit dem bewussten Einfügen eines Bindestrichs veranschaulicht: world-system. Vgl.: Wallerstein, 2004, S. 98f.

12 Nölke, 2006, S. 325.

13 Wallerstein, 2004, S. 23.

14 Ebd.

15 Hierdurch unterscheide sich die world-economy von dem anderen denkbaren Typ eines Weltsystems: des Welt reichs. In einem solchen würde die Ressourcenallokation nicht durch einen transnationalen Marktmechanismus vorgenommen, sondern vielmehr auf den Entscheidungen eines zentralen politischen Systems beruhen. Vgl.: Nölke, 2006, S. 329.

16 Vgl.: Ebd.

17 Beides sei schon lange vor Entstehung des heutigen Weltsystems zu finden gewesen. Vgl.: Wallerstein, 2004, S. 23f.

18 Ebd., S. 24.

19 Ebd.

20 Ebd., S. 25.

21 Ebd.

22 Ebd., S. 26f.

23 Vgl.: Ebd., S. 26.

24 Unter Marktmacht wird hier verstanden, die - aus Unternehmenssicht - zu maximierende Differenz zwischen dem Verkaufspreis eines Gutes und den Grenzkosten seiner Produktion.

25 Chase-Dunn/Hall, 1997, S. 27f.

26 Wallerstein, 2004, S. 42 - 59.

27 Ebd., S. 46.

28 Vgl.: Ebd., S. 25.

29 Ebd., S. 26.

30 Ebd.

31 Wallerstein, 2004, S. 26.

32 Hopkins, Terence K./ Wallerstein, Immanuel (1981): Structural Transformations of the World-Economy., in: Hopkins, Terence K./Wallerstein, Immanuel (1982): World-Systems Analysis. Theory and Methodology., Explorations in the World-Economy, Bd. 1, London: SAGE Publications, S. 121 - 142, S. 131.

33 Hierin ist ein Abgrenzungsmerkmal zum Staatsverständnis des Neo-Realismus zu sehen, welches Staaten grundsätzlich als funktionell äquivalent annimmt. Vgl.: Nölke, 2006, S. 334.

34 Wallerstein, 2004, S. 28.

35 Ebd.

36 Ebd.

37 Terlouw, Cornelis Peter (1992): The regional geography of the world-system. External arena, periphery, semiperiphery, core., Utrecht: Koninklijk Nederlands Aardrijkskundig Genootschap, S. 108.

38 Vgl.: Wallerstein, 2004, S. 28.

39 Ebd.

40 Vgl.: Ebd., S. 28f.

41 Wallerstein, Immanuel (1976): Semi-Peripheral Countries and the Contemporary World Crisis., in: Theory and Society, Vol. 4, Nr. 3, S. 461 - 483, verfügbar unter: http://www.jstor.org/stable/656810, Zugriff am 24.05.2011 S. 462.

42 Wallerstein, 2004, S. 29.

43 Ebd., S. 50f.

44 Ebd., S. 52f.

45 Terlouw, 1992, S. 150.

46 Wallerstein, 2004, S. 55.

47 Vgl.: Ebd.

48 Wallerstein, Immanuel (1979): The Capitalist World-Economy., Cambridge: Cambridge University Press, S. 22.

49 Nölke, 2006, S. 334f.

Ende der Leseprobe aus 46 Seiten

Details

Titel
Was hat er, was ich nicht habe? Der Aufstieg semi-peripherer Staaten durch Rohstoffpolitik
Hochschule
Universität Passau  (Lehrprofessur für Internationale Politik)
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
46
Katalognummer
V175821
ISBN (eBook)
9783640969784
ISBN (Buch)
9783640969524
Dateigröße
1241 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
wallerstein, weltsystem, zentrum, semiperipherie, semi, peripherie, semi-peripherie, rohstoff, rohstoffe, seltene erden, rare earth, rare earth metals, metalle, rohstoffpolitik, außenpolitik, rohstoffmarkt, rohstoffmärkte, seltenerdmetalle, rare earths, embargo, china, monopol, world-system, world-systems, world-system analysis, immanuel wallerstein, außenhandel
Arbeit zitieren
Daniel Helwig (Autor), 2011, Was hat er, was ich nicht habe? Der Aufstieg semi-peripherer Staaten durch Rohstoffpolitik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/175821

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