Der systemische Machtbegriff. Rekonstruktion des Machtbegriffs von Niklas Luhmann aus dem Jahr 1975


Bachelorarbeit, 2011
49 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. EINLEITUNG

2. SYMBOLISCH GENERALISIERTE KOMMUNIKATIONSMEDIEN

3. FUNKTIONEN DES MACHT-CODE

4. PROBLEMSTELLUNGEN DER MACHT IN KOMPLEXER WERDENDEN GESELLSCHAFTEN

5. DIE SYMBIOTISCHE BEZIEHUNG VON MACHT UND PHYSISCHER GEWALT

6. DIE BEDEUTUNG VON LEBENSWELT UND TECHNIK FÜR DEN MACHTBEGRIFF

7. AUTORITÄT, REPUTATION, FÜHRUNG

8. RISIKEN DER MACHT

9. GESELLSCHAFTLICHE RELEVANZ VON MACHT

10. ORGANISIERTE MACHT

LITERATURVERZEICHNIS

1. Einleitung

„Wer über Führung spricht, darf von der Macht nicht schweigen.“1

Es wird viel über Führung gesprochen. Sei es nun in der Politik, Familien oder in Unternehmen. Leiten, Steuern und Bewerten sind in aller Munde. Es wird auch über Führungskompetenz gesprochen. Jedoch in den seltensten Fällen über Macht oder Machtkompetenz, obwohl Macht in den meisten Fällen eng mit Führung ver- zahnt ist.

In meiner Arbeit beschäftige ich mich daher mit dem Thema Macht. Präziser ge- sagt mit Niklas Luhmanns Überlegungen zu diesem Thema aus dem Jahre 1975, die er in seinem Buch „Macht“ veröffentlichte. Dabei konzentriere ich mich aus- schließlich auf das genannte Werk Luhmanns, wobei ich eine kondensierte Re- konstruktion des Machtbegriffs anstrebe. Selbst in heutiger Zeit stellt die Macht- theorie Luhmanns noch einen Grundpfeiler der Mikrophysik dieses Begriffs dar. Auch wenn das Werk schon älteren Datums ist, beweist die Verwendung in neue- rer systemtheoretischer Literatur die Aktualität der Machttheorie Luhmanns. Es müssen jedoch im Rahmen dieser Arbeit Grenzen gesetzt werden. Wie oben ge- nannt werde ich mich ausschließlich auf das Werk „Macht“ von Luhmann aus dem Jahre 1975 beschäftigen, ohne Rücksicht auf die Entwicklungen in der Sys- temtheorie Luhmanns aus den nachfolgenden Jahren und auf deren Bedeutung für die Machttheorie zu nehmen. Dies könnte ein Ansatzpunkt für weitere Qualifika- tionsarbeiten sein, ist in diesem begrenzten Rahmen jedoch nicht zu leisten.

Zunächst erläutere ich die Funktionsweise und Entstehung symbolisch generali- sierter Kommunikationsmedien. Danach gehe ich auf die Funktionen des spezifi- schen Macht-Codes ein, um im weiteren Verlauf die Problemstellungen des sich bildenden Macht-Codes in komplexer werdenden Gesellschaften schrittweise aus- zudifferenzieren. Dem folgt eine Beschreibung des symbiotischen Verhältnisses von Macht und physischer Gewalt. Ebenso bearbeitet wird die Funktionsweise von symbiotischen Mechanismen in Bezug auf ihren Code. Das Kapitel „Der Bezug von Lebenswelt und Technik auf den Machtbegriff“ erläutert den Begriff der Lebenswelt und analysiert, wie Macht die Form von Technik annehmen kann und so einen technischen Charakter gewinnt. Weiter wird erläutert, in welche Di- mensionen Sinn in diesem Kontext konstituiert werden kann und der Begriff des Einflusses erläutert. Ich werde die Risiken der Macht beschreiben, ebenso die Konsequenzen von zu viel und zu wenig Macht. Welche gesellschaftliche Rele- vanz Macht hat, wird im vorletzten Teil meiner Arbeit verdeutlicht, bevor im letz- ten Kapitel darauf eingegangen wird, welche Bedeutung Macht für Organisatio- nen hat und welche Formen von Macht in Organisationen zu finden sind.

2. Symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien

Unter symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien versteht man in der Soziologie eine Zusatzeinrichtung zur Sprache. Eine Zusatzeinrichtung, welche gewährleisten soll, dass eine Übertragung von Selektionsleistungen möglich wird.2 Auf diese Weise soll die Selektionsleistung des einen zur Selektionsleis- tung des anderen Interaktionspartners werden. Im einen Fall nimmt der Interakti- onspartner die Selektionsleistung seines Interaktionspartners an, im anderen Fall lehnt er die Selektion ab, diese beiden impliziten Möglichkeiten sind immer vor- handen. Wird die Selektionsleistung abgelehnt und diese Ablehnung in das vor- handene soziale System, Rückkommuniziert bedeutet dies Konflikt, im gegentei- ligen Fall Konsens.3

Mit erhöhter Komplexität des sozialen Systems, mit der Zunahme der Interaktio- nen und der damit verbundenen Steigerung des Konfliktpotentials wird eine Zu- satzeinrichtung zur Sprache nötig, die diese Konfliktpotentiale, sowie auch die Konsenspotenziale, denn beides ist immer kontigent, miteinander steigert oder geradezu konditioniert.4 Einen besonderen Stellenwert nehmen die symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien in Bereichen ein, in denen das Kommu- nikationspotential über die Interaktion unter Anwesenden hinaus erweitert wird. Diesen evolutionären Schritt stellt im Bereich der sprachlichen Kommunikation die Entwicklung der Schrift dar, ein Schritt der auch die Bildung von symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien mitbedingt. Da mit der Schrift als Zweit- kodierung zur Sprache die Tragweite der Informationen vergrößert wird und sich die Interaktionspartner gegebenenfalls nicht mehr gegenüber stehen und dadurch nicht im direkten Kontext klar ist, ob die intersubjektive Verständlichkeit der In- formationsverarbeitung gegeben ist, bedarf es einen anderen Mediums, das die Übertragung der Selektionsleistung des einen und die Motivation zur Annahme des anderen sicher gestellt, gar konditioniert und somit die Komplexität des Kommunikationsprozesses reduziert.

Symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien übernehmen so auch eine Mo- tivationsfunktion, indem sie die Annahme fremder Selektionsleistung nahelegen und im Normalfall erwartbar machen. Mediengesteuerte Kommunikationsprozes- se verbinden Partner, die beide eigene Selektionsleistungen vollziehen und dies vom jeweils anderen wissen. Luhmann nennt die beiden Partner im Kommunika- tionsprozess Alter und Ego.5

Kommunikationsmedien setzen soziale Situationen mit doppelt kontingenter Se- lektivität voraus, die Funktion besteht darin die Selektivität Alters zu der Selekti- on Egos zu machen, also die Reproduktion der Selektion Alters in Ego. Dies soll unter vereinfachten Bedingungen, also von der Ausgangslage abstrahierenden Bedingungen geschehen. Für die Vereinfachung und Abstraktion bedarf es des Symbols, welches als Marker für den konkreten Anfang der Selektionskette steht und gleichzeitig als Orientierungshilfe im Interaktionskontext dient und eine sehr komplex gebaute Interaktionslage vereinfacht und dadurch als Einheit erlebbar macht.6

Die Theorie der Kommunikationsmedien begreift das Phänomen der Macht auf Grund seiner Differenz von Code und Kommunikationsprozess. Dieses Phänomen kann einem Partner im Interaktionsprozess nicht als Eigenschaft oder Fähigkeit zugeschrieben werden. Die Zurechnung der Macht auf den Machthaber erfolgt im Code.7 Macht, so Luhmann unterscheidet sich von anderen Kommunikationsme- dien dadurch, dass ihr Code auf beiden Seiten der Kommunikationsbeziehung Partner voraussetzt, die Komplexität durch Handeln reduzieren und nicht etwa nur durch Erleben.8 Diese Handlungen oder Handlungsselektionen müssen ihnen auch als Handlungsselektionen zugerechnet werden können, das heißt es muss auch eine Alternative zum jetzt bevorzugten Handeln kontingent sein. Im Falle Egos wäre dies die Negation der Selektionsofferte Alters. Macht kombiniert also die im konkreten Fall gewählten Handlungsmöglichkeiten Alters wie Egos und zeigt zeitgleich die abgelehnten sowie ausgeschiedenen Handlungsmöglichkeiten in einem parallel laufenden Prozess mit auf.9

Die Grundstruktur des Kommunikationsmediums Macht ist lt. Luhmann die „in- vers konditionalisierte Kombination von relativ negativ bewerteten und relativ positiv bewerteten Alternativkombinationen.“10 Man könnte sagen, dass Ego lie- ber die als relativ positiv bewertete Selektionsmöglichkeit Alters akzeptiert (Chance), als die als relativ negativ bewertete über sich ergehen zu lassen (Sank- tion). Die Spezialisierung des Mediums Macht liegt demnach darin, die Übertra- gung von Handlungsselektionen auf Handlungsselektionen zu ermöglichen, indem die Chancen zur Annahme gewährt werden und die Möglichkeiten zur Sanktion bei Negation aufgezeigt werden.11

3. Funktionen des Macht-Code

Die Theorie der Kommunikationsmedien bildet einen Machtbegriff, der die Stei- gerbarkeit der Übertragung reduzierter Komplexität unter veränderlichen gesell- schaftlichen Bedingungen ins Auge fasst. Wenn die intersubjektiv konstituierte Welt komplexer ausfällt, fällt auch die Übertragung schwerer. Die Bedingungen, unter denen eine Steigerung möglich ist, werden im Code festgelegt und sie knüp- fen an die Generalisierung von Symbolen an. Generalisierung meint eine Verall- gemeinerung von Sinnorientierungen, so Luhmann. Im Falle einer Organisation oder eines Betriebes, der ein Produkt herstellt, kann der Betriebsleiter so davon ausgehen, dass auch am nächsten Tag die Mitarbeiter zur Arbeit erscheinen und weiterhin das Produkt herstellen, welches sie auch herstellen sollen und nicht ein vollkommen anderes. Dies ist nur eine Situation, auf die sich die Verallgemeine- rung beziehen kann, die Verallgemeinerung an sich ist jedoch relativ situations- frei, also auch in anderen Situationen abrufbar. Damit wird für eine Seite der In- teraktion, die Seite des Machthabers, Unsicherheit absorbiert. Ermöglicht wird dadurch die Bildung von sich ergänzenden Erwartungen und von Verhalten auf Grund von Erwartungen. Der Machthaber befiehlt, der Machtunterworfene nimmt an und führt aus. Dieses Verhalten ist zwar in Abhängigkeit von der Erwartung des Machthabers richtig, böte sich jedoch in dem Moment die Gelegenheit für den Machtunterworfenen selbst an die Macht zu kommen, ist das Verhalten völlig falsch.12 „Unter Symbolisierung (Symbolen, symbolischen Codes) ist zu verste- hen, daß eine sehr komplex gebaute Interaktionslage vereinfacht ausgedrückt und dadurch als Einheit erlebbar wird“.13 Diese Symbole ermöglichen es den Macht- haber als solchen zu identifizieren.14 In Organisationen kann dies schon durch Wortsymbole symbolisiert sein, die sich auf Türen oder auf Namensschildern wieder finden. In älteren Gesellschaften und auch zum Teil heute noch kann der Machthaber durch seine Insignien identifiziert werden, der Papst trägt als Insigni- en seiner religiösen Macht auch heute noch die Ferula und den Fischerring, sowie weitere Symbole.

Die Sprache hält als Requisit für die Machtbildung Dispositionsbegriffe bereit. Diese Ausdrücke wie z.B. „Kraft“ verdecken das Macht eine schaffende Voraus- setzung kommunikativer Prozesse ist. Durch den Ausdruck der Möglichkeit einer Eigenschaft wird durch Dispositionsbegriffe eine Zurechnung der auf den Macht- haber erreicht. „Sie sind in dieser Funktion Bestandteil des Macht-Codes selbst“.15 Dabei bilden Dispositionsbegriffe nicht ab was ermöglicht wird. Sie setzen statt dessen, Zeit und mit der Zeit kommende Gelegenheiten voraus, in denen sie ihre Potentiale einsetzen können.16 Auf dieser Grundlage lässt sich ein Code entwi- ckeln. Luhmann versteht unter Code „eine Struktur, die in der Lage ist, für jedes beliebige Item in ihrem Relevanzbereich ein komplementäres anderes zu suchen und zuzuordnen“.17 Dieser Code ist in der Lage relativ unabhängig von Verteilun- gen in der Umwelt des Systems jedem Item sein genau entgegengesetztes zuzu- ordnen. Im Machtkontext wären diese Komplemente „Wollen“ und „Nichtwol- len“. In einer entsprechenden Situation (Gelegenheit) werden dadurch systemei- gene Kopplungen hergestellt, die als Voraussetzung für weitere Operationen die- nen. Macht dupliziert zunächst die, Optionen die für den Machtunterworfenen zur Verfügung stehen indem eine Vermeidungsalternative hinzugefügt wird, welche zugleich ein „Nichtwollen“ des Machtunterworfenen dem „Wollen“ des Machtha- bers zuordnet. Durch diese Kombination ist die Möglichkeit für Komplementarität geschaffen und die Verlaufsrichtung der Kommunikation in zwei Wege geöffnet. Entweder im Sinne des Machthabers oder komplementär betrachtet seinem Sinn entgegnet. Diese Entscheidung für eine der beiden Verlaufsrichtungen kann dann weiter codiert werden, in erlaubte oder nichterlaubte Kombinationen zur Erst- Codierung. Der binäre Schematismus, der dem zugrunde liegt besteht, aus Recht und Unrecht. Dies sind die Zweit-Codierungen, die ein Element in der Steigerung von Übertragungsleistungen darstellen, aber nur eins von mehreren Elementen ist.18

4. Problemstellungen der Macht in komplexer werdenden Gesellschaf- ten

Die Steigerung von Macht hängt darüber hinaus von weiteren Symbolen ab, die mit dem Macht-Code assoziiert werden können. Veränderungen des Machtni- veaus stoßen in komplexer werdenden Gesellschaften auf eine Vielzahl von an- dersartigen Problemen, deren Lösung im Macht-Code mitinstitutionalisiert wer- den muss. Dabei ist nicht jede Form der Problemlösung mit der anderen kompati- bel, der dabei entstehende Gesamteffekt der Problemlösung bestimmt das Funkti- onsniveau der gesellschaftlich ausdifferenzierten Macht.19 Luhmann legt in seiner

Theorie die folgenden Problemstellungen vor, betont jedoch, dass man der vollen Abhängigkeit der Probleme untereinander nicht gänzlich gerecht werden kann:

I. Durch die symbolische Generalisierung wird die Übertragung von reduzierter Komplexität zum Teil aus der Ebene der expliziten Kommunikation auf die Ebene der komplementären Erwartung ge- leistet. Der Machtunterworfene kennt dann nicht nur die Reaktion des Machthabers bei Nichtbefolgen eines Befehls, sondern auch dessen Wünsche. Daher kann er Befehle ausführen ohne diese be- reits vorher gehört zu haben, dadurch kann die Initiative zum Be- fehl auf den Machtunterworfenen übertragen werden. Er fragt nach, wenn er etwas nicht weiß. In diesem Fall der Machtsteige- rung geht Macht an den Machtunterworfenen über. Er kann nun die Vermeidungsalternative eröffnen, bestimmen, wann er den Macht- haber zum Befehlen aufruft.20

II. Die doppelschichtige Vorwegnahme von Macht und Machtthemen erfordert eine Trennung dieser beiden Ebenen (explizite Kommunikation und komplementäre Erwartung), die eine Sicherung der Erwartungsmöglichkeiten auf beiden Seiten mit sich bringt. Der Code des Mediums Macht muss daher von seinen Symbolen getrennt die Themen übermitteln, getrennt werden. Dies kann zum Beispiel über Ämter geschehen.21

Dem Amt des Richters wohnt beispielsweise eine Macht inne, die- se Macht ist jedoch relativ frei von Machtthemen. Dadurch wird die Machtbildung aus dem zeitlichen Kontext genommen und kann zum Einsatz gebracht werden wenn nötig. Die Selektionen des Machthabers gehören also nicht zum Macht-Code, sondern nur seine Machtquellen und die symbolhaften Verweise darauf. Ein weiterer Schritt zur Differenzierung der Ebenen ist die Entpersona- lisierung des Mediums. Wenn die Entpersonalisierung gelingt hängt, die Übertragungsleistung nur noch von den Code- Bedingungen ab. Die Macht kann so zum Beispiel einer Stelle in einer Organisation zugeschrieben werden und ist unabhängig da- von, wer diese Stelle ausfüllt. Mit der Trennung der symbolischen Ebene tritt ein Sekundärproblem auf, die Frage danach, ob durch Kommunikationsschwierigkeiten Code-Probleme herauftransfor- miert werden. Dies kann beispielsweise durch die Vermeidung von Sichtbarkeit oder die Verharmlosung von Konflikten passieren. In diesem Fall kann eine Kommunikation über Macht notwendig werden oder die Machtfrage ausgelöst werden. Die Bedingung für ein gelingendes Durchstufen der symbolischen Ebenendifferenzie- rung ist Organisation.22

III. Als weitere Frage stellt sich, ob und wie der Code den Themen- wechsel steuern kann. Der Code kann nicht völlig indifferent gegen die Abgrenzung von Themen sein. Jeder Code definiert daher die Bedingungen der Möglichkeiten von Themen, die unter ihm be- handelt werden können, selbst. Diese Bedingungen der Möglich- keiten können gut in Organisationen beobachtet werden. Die Tren- nung von Amt und Person kann dort schon in den Macht-Code eingebaut werden und weitere Entscheidungsbedingungen auf per- sonaler, aufgabenmäßiger oder organisatorischer Ebene werden austauschbar unter Orientierung an den jeweils nicht veränderten Strukturen Für den Machthaber oder den, der es sein will bedeutet, dies eine gewisse Notwendigkeit im Themenwechsel flexibel zu sein. Luhmann nennt dazu das Beispiel der Politik, in der politi- sche Macht nur erreichbar ist, wenn der Machthaber auch zum Wechsel politischer Themen bereit ist.23

IV. Das nächste Problem bezieht sich auf die Bildung von Handlungs- ketten. Unter einer Handlungskette ist eine Ordnung von Macht- prozessen zu verstehen, die mehr als zwei Partner miteinander ver- bindet. Macht dient dabei als Katalysator für den Aufbau von Handlungsketten. Wenn Macht an verschiedenen Stellen in der Or- ganisation auftaucht, zum Beispiel in einer Altenpflegeeinrichtung, in der es durch neue Gesetze dazu kommt, dass auf den Wohnbe- reichen neue Formulare auszufüllen sind, wird die Versuchung groß Handlungsketten zu bilden. Dies könnte so aussehen: Das neue Gesetz bzw. der Auftrag zur Umsetzung wird durch die Pfle- gedienstleitung an die Wohnbereichsleitung getragen, also die Se- lektion von A auf B übertragen, B wird dies wiederum zur völligen Vollendung an C, die Pflegefachkraft herantragen die, im Feld tätig ist. Von Ketten wird jedoch nur gesprochen, wenn ein Partner in der Kette über die Macht des anderen disponieren kann und durch die Kette hindurch greifen kann.24 Im Beispiel wäre dies die Selek- tionsübertragung der Pflegedienstleitung direkt auf die Pflegefach- kraft. Das prägnanteste Merkmal des Machtprozesses ist selbst thematisieren zu können, damit entsteht die Möglichkeit seiner Anwendung auf sich selbst. Diese Anwendung auf sich selbst er- fordert ein hohes Maß an Rollentrennung und findet sich daher nur in Systemen, die ausreichende Grenzen besitzen und deren Prozes- se funktional spezifiziert sind. Dies verhindert jedoch nicht die Entstehung einer gegenläufigen Kette vom „Ende“ der Kette her.

Luhmann vermutet, dass dies zu den strukturellen Eigenschaften kettenförmig verlängerter Macht gehört, da die Macht des Systems die kontingente Selektionskapazität eines einzelnen Machthabers übersteigt. Der Macht-Code muss daher nach formal / informal ge- trennt werden. Eine wichtige Funktion der Kettenbildung ist es, mehr Macht verfügbar zu machen als ein Machthaber ausüben kann, dies sieht man gut am Beispiel der politischen Wahlen, zwar kann dort keiner direkt an der „Basis“ die Macht ausüben, jedoch obliegt ihnen die Entscheidung, wer die Macht auszuüben ver- mag.25

V. Die Unterscheidung von formaler und informaler Macht ist von er- heblicher Bedeutung. Das Problem, welches sich durch den Ver- gleich mit anderen Kommunikationsmedien zeigt, kann als Neben- Code bezeichnet werden, welcher mit entgegengesetzten Eigen- schaften in etwa die gleiche Funktion erfüllen kann. Diese Neben- Codes bilden sich mit zunehmender Komplexität der Gesellschaft. An die Kommunikationsmedien werden nun steigende Ansprüche zur Übertragung von Selektionsleistungen gestellt. Als Beispiel nennt Luhmann intime Beziehungen, die sich nicht nur am Code der Liebe orientieren, sondern auch über die gemeinsam verfloch- tenen Biographien miteinander gekoppelt sind.26 Die zuvor ge- nannten Neben-Codes haben drei miteinander verknüpfte Eigen- schaften: größere Konkretheit und Kontextabhängigkeit, geringere gesellschaftliche Legitimationsfähigkeit, Angewiesenheit auf ein systeminternes Funktionieren unter besonderen Voraussetzungen z.B. Milieukenntnis und Vertrauen. Diese Punkte gelten für forma- le und informale Macht. Das Problem, das sich dabei stellt ist, dass informale Macht im Extremfall mehr Funktionen übernehmen kann als formale Macht, so dass formale Macht nur noch als Legitimati- on zur Umwelt dient27.

VI. Um erfolgreich zu sein, müssen Kommunikationsmedien binäre Schemata einsetzen. Durch diese Zweiwertigkeit kann Universali- smus und Spezifikation kombiniert werden und jedem relevanten Item ein bestimmtes Anderes zugeordnet werden.28 Im Falle einer Krankenhausaufnahme wären die beiden Bestandteile des Codes „krank“ und „nicht krank“. Im Falle von „krank“ würde einem der Zugang bzw. die Aufnahme gewährt werden und damit der Zugang zu Leistungen offen stehen. Da Macht nicht so offensichtlich zuge- ordnet ist wie eine Krankheit, sondern eher diffus und fluktuierend verteilt ist, muss mit der Unterscheidung von rechtmäßiger oder rechtswidriger Macht die Zuordnung für ein Entweder / Oder ge- troffen werden. Binäre Schemata verbinden das Entgegengesetze und erleichtern den Situationsübergang durch eine einfache Nega- tion. Am Beispiel von Wahrheit und Unwahrheit lässt sich dies noch recht einfach erläutern. Schwieriger ist es, wenn verschiedene Medien-Codes miteinander kombiniert werden sollen. Dann ist ei- ne einfache Negation nicht möglich und es muss viel konkreter und situationsabhängiger kommuniziert werden. Zweier-Paradigmen dienen der Ausdifferenzierung von gesellschaftlichen Teilsyste- men. Diese Paradigmen oder Schemata haben etwas Künstliches und müssen dem Code als solche aufgezwungen werden, unabhän- gig davon, auf wen sie am Ende verteilt oder angewandt werden. Ein Aufheben oder Protest kann nur ideologisch geschehen, wenn nicht ein Äquivalent für das Medium oder die binäre Schematisie- rung entwickelt wird. Macht muss normativ in die beiden Kom- plementäre der rechtmäßigen und unrechtmäßigen Macht schema- tisiert werden, da es sich bei der Macht um ein Medium, handelt in dem ein zurechenbares Handeln permanent stattfindet. Dabei ist unrechtmäßige Macht auch Macht, die vom Machthaber ständig vorweggenommen wird, da nicht immer ein konkreter „Machtfall“ vorliegt.29 Da Machtverteilungen tendenziell die Rechtsordnung gefährden, muss die Rechtsordnung an die jeweilige Machtvertei- lung angepasst werden. Die in den verschiedenen Medien gebilde- ten binären Schematisierungen passen nur bedingt zueinander, wenn eines eine Steigerung erfährt, kann das Andere diffus mitbe- einflusst werden. Als letzten Punkt im Bereich der binären Sche- mata benennt Luhmann die „rules of evasion“ also Regeln der Zugang bzw. die Aufnahme gewährt werden und damit der Zugang zu Leistungen offen stehen.

[...]


1 Baecker, D. (2009), S. 25.

2 S. Luhmann, N. (1975), S.6.

3 S. Luhmann, N. (1975), S.5.

4 S. Luhmann, N. (1975), S.5.

5 S. Luhmann, N. (1975), S.6-7.

6 S. Luhmann, N. (1975), S.8&32.

7 S. Luhmann, N. (1975), S.15.

8 S. Luhmann, N. (1975), S.19.

9 S. Luhmann, N. (1975), S.19-22.

10 Luhmann, N. (1975), S.24.

11 S. Luhmann, N. (1975), S.24.

12 S. Luhmann, N. (1975), S.31.

13 Luhmann, N. (1975), S.32.

14 S. Luhmann, N. (1975), S.32.

15 S. Luhmann, N. (1975), S.32.

16 S. Luhmann, N. (1975), S.32.

17 S. Luhmann, N. (1975), S.33.

18 S. Luhmann, N. (1975), S33-35.

19 S. Luhmann, N. (1975), S.35.

20 S. Luhmann, N. (1975), S.36.

21 S. Luhmann, N. (1975), S.36-37.

22 S. Luhmann, N. (1975), S.37-38.

23 S. Luhmann, N. (1975), S.38-39.

24 S. Luhmann, N. (1975), S.39-40.

25 S. Luhmann, N. (1975), S.40-41.

26 S. Luhmann, N. (1975), S.42.

27 S. Luhmann, N. (1975), S.42.

28 S. Luhmann, N. (1975), S.42.

29 S. Luhmann, N. (1975), S.43-44.

Ende der Leseprobe aus 49 Seiten

Details

Titel
Der systemische Machtbegriff. Rekonstruktion des Machtbegriffs von Niklas Luhmann aus dem Jahr 1975
Hochschule
Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen  (Pflegewissenschaften)
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
49
Katalognummer
V175849
ISBN (eBook)
9783640970063
ISBN (Buch)
9783640970438
Dateigröße
501 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
machtbegriff, rekonstruktion, machtbegriffs, niklas, luhmann, jahr
Arbeit zitieren
Sebastian Riebandt (Autor), 2011, Der systemische Machtbegriff. Rekonstruktion des Machtbegriffs von Niklas Luhmann aus dem Jahr 1975, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/175849

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Der systemische Machtbegriff. Rekonstruktion des Machtbegriffs von Niklas Luhmann aus dem Jahr 1975


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden