1.1 Religionsbegriff bei Kant
Zentral in Kants Religionsschrift "Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft" ist der Begriff der Moral. Der Mensch als vernünftiges beziehungsweise als grundsätzlich vernunftfähiges Wesen ist durch den Gebrauch der eigenen Vernunft in der Lage, moralisch zu handeln. Hierfür bedarf es nach Kant keiner Religion. Wir haben das moralische Gesetz sozusagen in uns, wir benötigen folglich keine äußere Instanz, die unserem Willen ein Gesetz geben muss.
In der ersten Vorrede zu seiner Religionsschrift betont Kant in diesem Zusammenhang die Autonomie der Vernunft und den Umstand, dass der Mensch eben keiner Religion bedarf, um moralisch zu sein. Das kantische Sittengesetz begründet demzufolge unsere Freiheit, da die Moralität keine andere Triebfeder als eben das selbst auferlegte Gesetz benötigt, welches wir Kraft unseres Gebrauchs von der praktischen Vernunft besitzen. In diesem Kontext verweist Kant darauf, dass die Moral, da sie aus dem autonomen Subjekt selbst heraus wirkt, keine Zwecksetzung braucht und als solche abstrakt ist. Wäre durch Religion ein Zweck a priori gegeben, widerspräche dies dem Sittengesetz nach Kant. Folglich darf Moral keine Zwecksetzung beinhalten. Dennoch muss eine Beziehung zu einem Zweck bestehen, um Moral wirksam werden zu lassen. Nach Kant brauchen wir eine gewisse Zweckvorstellung, weil die Moral sonst zu abstrakt wäre und keinen Bezug zur wahren Welt, also zu realen Phänomenen hätte.
Zu Beginn seiner Abhandlung macht Kant in diesem Sinne sehr deutlich, dass Religion und Religiösität keine Bedingung für moralisches Handeln darstellt, da das Sittengesetz als formale Bedingung für den Gebrauch der individuellen Freiheit keinen materiellen Bestimmungsgrund bedarf. Dennoch führt Moral nach Kant zur Religion, er gesteht demnach notwendige Berührungspunkte zu. Moral erweitert sich in diesem Sinne in der Religion zu einem moralischen Gesetzgeber, sprich zu einer Idee, die außerhalb des Menschen gesetzt ist.
Auf diese Weise betrachtet Kant die „Idee des höchsten Gutes“ als moralischen Endzweck, welcher durch eine Religion im Sinne einer Vernunftreligion erreicht werden kann.
Inhaltsverzeichnis
Frage 1: Vergleich des Religionsbegriffs bei Kant und Hegel
1.1 Religionsbegriff bei Kant
1.2 Vergleich: Religionsbegriff bei Hegel
Frage 2: Transformationen des Begriffs „Liebe“ bei Hegel
2.1 Fragmente über Volksreligion und Christentum
2.2 Vergleich: Entwürfe über Religion und Liebe
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit setzt sich kritisch mit der religionsphilosophischen Entwicklung des jungen Hegel im Vergleich zu Immanuel Kant auseinander. Dabei liegt der Fokus insbesondere auf der Transformation des Liebesbegriffs und dessen Bedeutung für die Etablierung einer subjektiven Volksreligion, die sich vom dogmatischen Christentum abgrenzt.
- Vergleichende Analyse des Religionsbegriffs bei Kant und Hegel
- Die Bedeutung der Sinnlichkeit und des Gefühls für eine lebendige Religion
- Transformation des Liebesbegriffs: Von pathologischen Prinzipien hin zu einer religiösen Einheit
- Abgrenzung der subjektiven Religion gegenüber dogmatischer Theologie und Positivität
- Das Ideal der griechischen Polis als Gegenentwurf zum modernen Entfremdungszustand
Auszug aus dem Buch
2.2 Vergleich: Entwürfe über Religion und Liebe
In seinen Entwürfen über Religion und Liebe entwirft Hegel ein genaueres Konzept zum Begriff Liebe. Die bereits in den Fragmenten über Volksreligion und Christentum angedeutete notwendige Verbindung von Vernunft und Sinnlichkeit zur Begründung einer subjektiven Religion wird hier nun näher bestimmt. Zunächst nimmt Hegel Bezug auf das Göttliche als Ausdrucksform der Liebe. Die Vereinigung von Subjekt und Objekt, beziehungsweise von Freiheit und Natur ist demnach nur in dieser Form der Liebe erreichbar.25
Die untrennbare Verbindung von Subjekt und Objekt stellt nach Hegel das Ideal jeder Religion dar und ist für ich der Inbegriff der Gottheit. Gott aus dieser Perspektive ist sozusagen reine Liebe. Nur in dieser Vollkommenheit kann das Subjekt mit dem Objekt zusammenfallen und in ihm aufgehen, indem die Beziehung von beherrschen und beherrscht werden aufgehoben wird. Liebe ist für Hegel in diesem Sinne erhaben und geht über das in den Fragmenten erläuterte Gefühl der Achtung hinaus. Achtung beschreibt demnach den „getrennten Menschen“, der die Gottheit im Zuge seiner Einbildungskraft konstruiert und ihr Ehrfurcht entgegen bringt. Der „in sich einige Mensch“ hingegen verfügt über Liebe, weil er in der vollkommenen Einheit zu Gott aufgeht.26
Diese Einheit setzt Hegel andererseits mit der für die subjektive Religion geforderte Verbindung von Vernunft und Sinnlichkeit gleich, die den Weg heraus aus der Entfremdung hin zur Lebendigkeit ebnen kann. Auf diesem Wege ist es möglich, dass das Subjekt dem Göttlichen näher kommen kann. Ausgehend vom platonischen Liebesbegriff bestimmt Hegel im weiteren Verlauf seiner Entwürfe über Religion und Liebe den Liebesbegriff als Verhältnis der Gleichen. In diesem Kontext betont er, dass Liebe überhaupt nur in Bezug auf Gleiches, also als „Echo unseres Wesens“27 denkbar ist. Grundzug dieser Liebe ist die aufgehobene Subjekt - Objekt – Struktur. Der Liebende findet in der Vollkommenheit seiner Liebe kein Objekt, das ihm in Relation zu sich selbst gegenübergestellt ist, sondern ist konfrontiert mit dem Gleichen, also sozusagen mit sich selbst. Die Liebenden „finden“ sich auf diese Weise gegenseitig in sich selbst, der andere fungiert dabei nicht als Objekt, sondern als „Spiegel“. Der oder das Geliebte erscheint uns folglich nicht als Entgegengesetztes, sondern ist eins mit unserem eigenen Wesen.
Zusammenfassung der Kapitel
Frage 1: Vergleich des Religionsbegriffs bei Kant und Hegel: Dieses Kapitel stellt Kants moralisch geprägten Vernunftglauben Hegels Auffassung einer lebendigen, subjektiven Religion gegenüber, die stärker auf Empfindungen setzt.
1.1 Religionsbegriff bei Kant: Darstellung der kantischen Religionsauffassung, in der Religion primär als moralische Vernunftreligion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft verstanden wird.
1.2 Vergleich: Religionsbegriff bei Hegel: Analyse der hegelschen Weiterentwicklung, wobei Religion als "Sache des Herzens" und als Mittel gegen gesellschaftliche Entfremdung hervorgehoben wird.
Frage 2: Transformationen des Begriffs „Liebe“ bei Hegel: Untersuchung der Entwicklung des Liebesbegriffs von den frühen Fragmenten hin zu den späteren Entwürfen, wobei die Liebe als religiöses Prinzip im Zentrum steht.
2.1 Fragmente über Volksreligion und Christentum: Untersuchung, wie Hegel in diesen Fragmenten die Notwendigkeit der Verknüpfung von Vernunft und Empfindung zur Etablierung einer subjektiven Religion begründet.
2.2 Vergleich: Entwürfe über Religion und Liebe: Vertiefende Betrachtung des Liebesbegriffs als vollkommene Vereinigung von Subjekt und Objekt sowie als notwendiges Prinzip der Religion.
Schlüsselwörter
Hegel, Kant, Religionsphilosophie, Subjektive Religion, Volksreligion, Liebe, Vernunft, Sinnlichkeit, Moralität, Moralgesetz, Entfremdung, Positivität, Christentum, Idealismus, Subjekt-Objekt-Einheit
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit analysiert die religionsphilosophischen Ansätze des jungen Hegel und setzt diese in einen kritischen Vergleich zu Immanuel Kants Religionsschrift.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die Rolle der Vernunft und Sinnlichkeit, die Kritik am dogmatischen Christentum sowie die Konzepte der subjektiven Religion und der Volksreligion.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es aufzuzeigen, wie sich der Religionsbegriff bei Hegel gegenüber Kant wandelt und insbesondere wie die Transformation der Liebe als zentrales Prinzip einer "lebendigen" Religion fungiert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine vergleichende literaturphilosophische Analyse, die Hegels Frühschriften und Kants Religionsphilosophie einander gegenüberstellt und interpretativ verknüpft.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt den Vergleich der Religionsbegriffe (Kant vs. Hegel) und die spezifische Entwicklung des Liebesbegriffs in Hegels Fragmenten und späteren Entwürfen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Kernbegriffe sind insbesondere Religionsphilosophie, subjektive Religion, Volksreligion, Liebe als Prinzip der Vereinigung und die Überwindung des dogmatischen Christentums.
Wie unterscheidet sich Hegels Liebe von Kants Gefühl der Achtung?
Während Kant die Achtung als ein durch den Intellekt hervorgebrachtes moralisches Gefühl betrachtet, begreift Hegel die Liebe als ein ganzheitliches, holistisches Prinzip, das über den rein abstrakten Verstand hinausgeht.
Warum spielt die griechische Polis in Hegels Argumentation eine wichtige Rolle?
Hegel nutzt die griechische Polis als positives Gegenmodell zur modernen bürgerlichen Gesellschaft und dem Entfremdungszustand des Christentums, da in ihr die Empfindungen wertgeschätzt und religiös integriert waren.
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- Nicole Borchert (Author), 2011, Der junge Hegel, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/175901