Ontologie - Der Begriff des „Seins“ in der Geschichte der Philosophie

Exemplarische Betrachtungen


Hausarbeit, 2010

19 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 „Sein“ als abstrakter Begriff
1.2 Zielsetzung und Herangehensweise

2. Der Seinsbegriff
2.1 Etymologisch
2.2 Philosophiegeschichtlich

3. Seinsverständnisse in der Philosophie
3.1 Die Frage des Seins in der Philosophie
3.2 Exemplarische Betrachtungen: Martin Heidegger
3.3 Exemplarische Betrachtungen: Thomas von Aquin

4. Schlussbemerkungen
4.1Vergleich und Zusammenfassung
4.2 Stellungnahme

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

1.1 „Sein“ als abstrakter Begriff

Mit dem Sein stellt sich zunächst die basale Frage nach dem Verhältnis von allgemeinen Begriffen zum konkreten Leben. Die Beziehung zwischen der Abstraktheit im Denken und den real vorkommenden Dingen in der Welt stellt eines der großen Probleme der Philosophie dar. Die Schwierigkeit besteht zunächst im Bestreben der philosophischen Disziplin, die menschliche Existenz und damit das wirkliche „Sein“ zu erfassen. Um dies zu ermöglichen, müsste sich der Philosoph allerdings gemäß Fichte aus der „Befangenheit des Lebens“ lösen[1]. Die subjektive Befangenheit verhindert eine wirkliche, objektive Erkenntnis. Bezogen auf das Sein bedeutet dies, wir können es nicht erkennen, weil wir selbst sind.

Der Philosoph müsste sich folglich ein Stück weit aus seiner naturgemäßen Befangenheit lösen, um Abstand zum Gegenstand der Erkenntnis, das heißt zum Sein zu gewinnen. Da man sich jedoch niemals völlig distanzierten kann und auch als Philosoph selbst in der eigenen Existenz und im eigenen weltlichen Dasein verhaftet bleibt, scheinen jegliche Bemühungen aussichtslos. Der Bezug zwischen Philosophie und Leben gilt als eines der bedeutendsten Themen philosophischer Diskurse im 19. und 20. Jahrhundert. Im Zuge dessen gewann die subjektive Existenz an Bedeutung und wurde zum Gegenstand der Philosophie. Im Gegensatz zum „Wesen“ der Menschen ging es vermehrt um den praktischen Lebensvollzug als Quelle der Erkenntnis, da sich nur darin seine Existenz äußere. So legte bereits Martin Heidegger den Fokus auf das konkrete „In der Welt-Sein“ der Menschen[2]. Hierbei stellt sich allerdings die Frage, inwiefern das konkrete Einzelne, also das Seiende, Aussagen über das abstrakte Sein zu treffen vermag. Für die meisten philosophischen Ansätze steht außer Frage, ob man vom Seienden auf das Sein schließen kann; Die ontologische Differenz fordert ja gerade die strikte Trennung der Begriffe und betont, dass das Sein zwar Ausgangspunkt für alles Seiende darstellt, sich jedoch nie in seiner Gänze „zeigt“. So betont auch Martin Heidegger, dass sich das Sein nie „erzählend sagen und beschreiben“ lässt.[3]

Das Hauptproblem jeder Philosophie ist die Tatsache, dass Denken grundsätzlich immer abstrakt ist und niemals einen konkreten Gegenstand gänzlich erfassen kann. Da wir es in der sinnlich erfahrbaren Welt mit Seiendem zutun haben, gehört auch das Sein auf diese abstrakte Betrachtungsebene. Die meisten Philosophen sehen im Sein das zugrundeliegende Prinzip der gesamten Existenz und gestehen sich gleichzeitig ein, dass das reine Sein in seiner Bestimmung zwar Ausgangspunkt für das Seiende ist, selbst jedoch wenn überhaupt nur gedanklich erfasst werden kann. So gesehen kann die Philosophie nicht erfassen, worum es ihr eigentlich geht: Die konkrete menschliche Existenz, in diesem Fall das „wahre Sein“.

Die Einzelexistenz kann eben nicht „gedacht“ werden, nur das dieser Existenz Zugrundeliegende kann gedanklich erfasst werden. So betrachtet kann man zwar vom Seienden sprechen, eine allgemeine Vorstellung erhält man jedoch durch den Seinsbegriff.

Die ontologische Hierarchie verdeutlicht, dass eine reine Wissenschaft der Individuen nicht möglich ist („ Individuum est ineffabile“). Die ersten Wesen in der aristotelischen Kategorienlehre als unteilbare Basis des gesamten Seins und Aussagens können wissenschaftlich als solche nicht zum Gegenstand der Betrachtung gemacht werden. Aussagen über das Seiende sind demzufolge nur durch das Mittel der Abstraktion möglich, also durch den abstrakten Begriff des Seins.

1.2 Zielsetzung und Herangehensweise

In der Einleitung wurde bereits das problematische Verhältnis zwischen Philosophie und Leben, beziehungsweise zwischen Begriff und Existenz angedeutet. Nicht nur im Universalienstreit wurde dieses Problem thematisiert, vielmehr findet man diese Schwierigkeit in fast allen Bereichen der theoretischen und auch praktischen Philosophie. Bei jeder Begrifflichkeit in geisteswissenschaftlichen Diskursen stellt sich die Frage nach dem Realitätsbezug, nach der Übertragbarkeit auf die reale Lebenswelt. Diese Aspekte spielen auch bei der Frage nach Bedeutung und Gehalt des Seinsbegriffs eine entscheidende Rolle.

Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, den Begriff des Seins in der Geschichte der Philosophie exemplarisch darzustellen und zu hinterfragen. Im Zuge dessen möchte ich am Beispiel von Thomas von Aquin und Martin Heidegger verschiedene Seinsauffassungen vorstellen, die die Problematik der Relation von Sein und Seiendem aufzeigen sollen.

Zunächst werde ich den Seinsbegriff auf allgemeiner Ebene erläutern, um die etymologische sowie die philosophiegeschichtliche Bedeutung und Verwendungsweise herauszustellen. Anschließend an das eingangs beschriebene Problem des abstrakten Denkens in der Philosophie möchte ich im Anschluss daran am Beispiel von Thomas und Heidegger zeigen, wie dieses Problem im Falle des Seinsbegriffs in der Philosophiegeschichte zu „lösen“ versucht wurde, beziehungsweise welche Konsequenz dies für die Bestimmungen von Sein und Seiendem hat.

Neben den etwas ausführlicheren Darstellungen zu Thomas und Heidegger werde ich im Vorfeld auf allgemeinerer Ebene die verschiedenen in der Philosophie hauptsächlich vertretenden Auffassungen von der Bedeutung und dem Status des „Seins“ und dessen Beziehung zum Begriff des „Seienden“ darstellen.

In diesem Zusammenhang soll die Frage im Mittelpunkt stehen, ob es eine Erkenntnismöglichkeit in Bezug auf das eigentlichen Sein geben kann und falls ja, wie das Sein als Ganzes erfasst werden kann.

Im Zuge dessen werde ich auch die wissenschaftliche Diskussion zum Status von Allgemeinbegriffen (Universalien) einbeziehen, da diese meiner Ansicht nach unmittelbar mit der Frage nach dem Seinsbegriff zusammenhängt und zudem das problematische Verhältnis von Sprache beziehungsweise Begriff und Wirklichkeit verdeutlicht.

Abschließend möchte ich noch einmal die wichtigsten Positionen der Philosophie in Bezug auf das Seinsverständnis zusammenfassen und einige Parallelen herausstellen, um den Konsens philosophischer Positionen zum Begriff des Seins und seiner Bedeutung aufzuzeigen. Am Ende werde ich ein paar persönliche Gedanken zu dieser Thematik formulieren und meinen eigenen Standpunkt zu dieser Diskussion einnehmen.

2. Der Seinsbegriff

2.1 Etymologisch

Der substantivierte Infinitiv „Sein“ wurde erst in neuhochdeutscher Zeit gebräuchlich. Zunächst war der Begriff gleichbedeutend mit „Wesen“, bezeichnete später jedoch vor allem die Tatsache oder Art des Vorhandenseins von Lebewesen und Dingen.[4]

„Sein“ bedeutet demnach ursprünglich nur, dass etwas ist, beziehungsweise wie etwas ist und bezieht sich ausschließlich auf real Existierendes.

Das neuhochdeutsche „Wesen“ leitet sich vom mittelhochdeutschen Verb wesen ab, das so viel bedeutet wie „sein, sich aufhalten, dauern, geschehen“.[5]

„Dasein“ ist der substantivierte Infinitiv der neuhochdeutschen Fügung da sein, das so viel wie „gegenwärtig, vorhanden sein“ bedeutet. Im 17. und 18. Jahrhundert meinte der Begriff „Dasein“ lediglich „Anwesenheit“, wurde aber im 18. Jahrhundert in der philosophischen Fachsprache als Ersatz für den Existenzbegriff gebraucht und später vor allem in der Lyrik als Synonym für Leben verwendet.[6]

Der Seinsbegriff wird umgangssprachlich auf die Wirklichkeit bezogen und beschreibt, dass etwas da ist. In diesem Sinne ist Sein mit Dasein gleichzusetzen und ergibt sich aus der sinnlichen Erfahrung. Hierbei drängt sich die Frage auf, ob nur Dinge dem Sein zugehörig sind, die wir innerhalb unserer Wirklichkeit real wahrnehmen, also ob nicht auch Abwesendes ist, also zum Sein gehört.

In der Metaphysik erhält der Seinsbegriff einen absoluten Charakter, Sein wird im philosophischen Sinne meist als „Grund der Welt“ betrachtet. Das „reine Sein“ gilt es dann zu erfassen, oder aber man erkennt es als etwas „Unbestimmbares“ an.[7]

2.2 Philosophiegeschichtlich

„Sein“ (esse) bedeutet im philosophischen Sinne Dasein, In-der-Welt-sein, aber auch etwas Allgemeines, das über allen Dingen steht und als Wurzel aller Lebewesen und Dinge das Zugrundeliegende darstellt. Vor allem in der christlichen Tradition wird das absolute Sein oftmals mit Gott und der Schöpfung gleichgesetzt, beziehungsweise davon abgeleitet. So begreift zum Beispiel Thomas von Aquin das Sein an sich als Schöpfung und als „erste Wirkung Gottes“. Das geschaffene Sein ist von diesem göttlichen Sein insofern abhängig, dass es ohne die göttliche, schöpferische Wirkung keine anderen Wirkungen geben kann.[8]

[...]


[1] G. Gamm (2009), 22.

[2] G. Gamm (2009), 29ff.

[3] M. Heidegger: Gesamtausgabe, S. 59

[4] Duden (2001), S. 753

[5] Duden (2001), S. 925

[6] Duden (2001), S. 134f.

[7] textlog.de

[8] Meyer (1961), S. 108f.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Ontologie - Der Begriff des „Seins“ in der Geschichte der Philosophie
Untertitel
Exemplarische Betrachtungen
Hochschule
Technische Universität Darmstadt  (Institut für Philosophie)
Veranstaltung
Grundfragen der Ontologie
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
19
Katalognummer
V175903
ISBN (eBook)
9783640971077
ISBN (Buch)
9783640970704
Dateigröße
483 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
ontologie, begriff, geschichte, philosophie, exemplarische, betrachtungen
Arbeit zitieren
Nicole Borchert (Autor), 2010, Ontologie - Der Begriff des „Seins“ in der Geschichte der Philosophie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/175903

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